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FILE NAME: Eternit (ETER) DATE: 1985 DOC#: ETER027 DOCUMENT DESCRIPTION: Book Excerpt Werner Catrina_____ Der Eternit-Report Stephan Schmidheinys schweres Erbe P re ll Fssli Inhalt / 1. Vorwort DIE ERFINDUNG H 2. Asbest, das Mineral des zwanzigsten Jahrhunderts 13 3. Der sterreicher Ludwig Hatschek erfindet im Jahr 1900 Asbestzement und lanciert damit einen Welterfolg 17 DIE NUTZUNG 21 4. Nitederumeh wird Standort der Schweizer Eternit 23 5. Die Schmidheiny-Saga: Ursprnge einer Industriellen-Dynastie 27 a) Jakob Schmidheiny, der Grndervater 27 b) Die Shne Ernst und Jakob: Ziegel und Zement 30 c) Expansion ins Ausland 32 d) Einstieg bei der Eternit 33 6. D ie Eternit Niederumen in den ersten Jahrzehnten 35 7. Erste Schritte ins Ausland 39 8. Max Schmidheiny: die groe internationale Expansion 43 a) Sprungbrett Berlin 43 b) Die richtigen Leute rvH^ f - t \ 48 c) Kein Konzern 54 DIE RISIKEN 57 9. Wunderfaser mit Gesundheitsrisiken 59 a) Die Asbestose 59 b) Asbest verursacht Krebs - Irving Selikoff macht es weltweit publik 62 c) Viele Krebserkrankungen durch Spritzasbest 65 d) Prozeflut gegen die amerikanische Asbestindustrie 69 e) Selikoffs bitteres Fazit 73 l / DAS VERDRNGEN 77 10. Die Eternit-Industrie fhlt sich von der Asbest-Diskussion nicht betroffen 79 a) Schweizer Eternit: Sowieso nicht gefhrlich 79 b) Selbstsichere belgische Eternit 84 DER WANDEL - C i ' J? 89 11. Stephan Schmidheiny: Krise als Chance 91 12. Pltzlicher Wandel in Deutschland 102 a) Die deutsche Eternit, ein selbstbewutes Unternehmen 102 ` 5 /r'er r~' ,Y b) Ein Bericht und seine Folgen'' 0 ^ 105 c) Freiwilliges Abkommerrnut der Regierung 112 13. Hintergrnde des Substitutionsprogramms 115 14 Das internationale Innovationsprogramm der Schweizer Eternit-Gruppe 118 ab)) DDears lNetTz-tPe rAosgbraemst-mEiinnkdaeurf SinchCwoestiaz_R_icaY- A" ' r r .'/'?<? 112178 c) Sonderfall Brasilien 135 d) Umbruch in Sdafrika ., 143 e) Neue Technologie, ein Thema mit Variationen v ( * 155 15. Wie die Franzosen die Anti-Asbest-Wogen g l t t e t e n - r 157 16. Kein Substitutionsprogramm fr die Asbestminen j 162 a) Die Minenstadt Asbestos am Randp des Ruins; " 162 b) Weltweit schrumpfende Nachfrage 168 c) Asbest wiederauf den guten^Weg bringen 171 17. Die Magie der groen Zahlen 174 18. Triebkrfte des Wandels und Trittbrettfahrer 177 a) Die Gewerkschaften 177 b) Asbest und Politik 184 19. Der Laie und die Wissenschaft 192 a) Zum Beispiel der Asbest-Kongre in Montreal 192 b) Den Faserzhlem ber die Schultern geschaut 193 20. Internationale Regelungen 196 a) ILO: Kontrolle statt Verbot 196 b) Keine einheitliche Situation in der EG 200 21. Gefhrdet Eternit die Gesundheit der Bevlkerung? 203 a) Abwittern 203 b) Abbruch und Beseitigung 205 c) Das Damoklesschwert der Produktehaftung 208 22. Stephan Schmidheiny: Global denken, lokal handeln 211 a) Die Schweiz als Ursprung und Modell 211 b) Fderalistische Elemente in der Struktur und Fhrung komplexer Unternehmensgruppen 213 c) Zurckhaltende Nutzung der Eigentumsrechte 216 d) Dynastie mit festgelegten Erbschafts-Gesetzen 217 23. Scharf beobachteter Stephan Schmidheiny: Das Echo auf die Neue Technologie 222 24. Fazit 226 ANHANG 237 Die Schweizer Eternit-Gruppe und ihre internationalen Beteiligungen (bersicht) 238 Anmerkungen 240 Literaturverzeichnis 243 6 1. Vorwort Asbestzement ist einer der erfolgreichsten Baustoffe der Geschieh Im Jahr 1900 vom .sterreicher Ludwig Haischek erfunden und mit d genialen Namen Eternit ausgestattet, trat das Material seinen Siegesz rund um den Globus an. Der. dauerhafte und preisgnstige Baustoff b steht im wesentlichen aus Zement, welcher durch die Mineralfaser vt strkt wird. Die Erfindung erwies sich als so durchschlagend, da inn< kurzer Zeit 75-80% des auf der Welt gefrderten Asbests zur Produkte von Asbestzement verbraucht wurden! Die gesundheitlichen Risiken d Wunderfaser kennt man schon lange, schenkte ihnen jedoch whrei Jahrzehnten kaum Beachtung. In den sechziger Jahren begann in dt USA, ausgelst durch die Untersuchungen des Mediziners Irving Selikc an erkrankten Arbeitern, eine heftige ffentliche Kontroverse gegen d asbestverarbeitende Industrie. Die Schweizer Industriellenfamilie Schmidheiny gehrt seit Jab zehnten zu den bedeutendsten Eternit-Produzenten der Welt. Die ai dem sanktgallischen Heerbrugg stammenden Unternehmer sind an Ete nitfabriken in_32 Lndern beteiligt; in 16 Lndern mit dem grten A tienpaket und in weiteren 16 Lndern mit einem Anteil von ungefhr 201 Als der junge Erbe Stephan Schmidheiny 1975 die Leitung der Etern Schweiz und schrittweise der gesamten Firmengruppe bernahm, begar die Asbest-Debatte auch auf Europa berzugreifen. Der Eternit-Repo schildert den dramatischen Wandel in der von ihm kontrollierten Etemi Gruppe. Er zeigt den Weg von Asbestzement zum Faserzement ohne d Verwendung der umstrittenen Mineralfaser. Der Bericht leuchtet di Spannungsfeld aus, in dem sich diese Innovation abspielt, eine technisch Revolution, welche ein seit Generationen unangefochtenes Markenpn dukt aus den Angeln hob. Das Buch schildert zudem die Geschichte d< Familie Schmidheiny, soweit sie im Zusammenhang mit dem Thema vo Bedeutung ist. Der Report veranschaulicht die Management-Philosoph! die Antriebskrfte, die Wertmastbe, die Ethik dieser auergewhnl chen Industriellenfamilie. Im Verlauf der Recherchen habe ich mit wichtigen Protagonisten der Welt-Asbestszene gesprochen; Irving Selikoff gewhrte mir ein Interview; Vertreter der internationalen Organisationen in Genf, Gewerkschafter, Reprsentanten politischer Parteien, Unternehmensberater und Versiche rungsexperten erluterten ihre Standpunkte. Arbeiter in den Asbestmi nen, Mnner an den Platten-Pressen in den Eternit-Fabriken, rzte und Asbest-Patienten standen mir Rede und Antwort. Betroffene, vom Archi tekten bis zu Managern von Asbestminen, erluterten ihre Ansichten zum umstrittenen Mineral und zum Wandel in der Schweizer Eternit-Gruppe. Ich vertiefte mich in die Protokolle der groen Asbest-Kongresse und ar beitete wichtige Werke der unabsehbar gewordenen Asbest-Literatur durch. Ohne das Vertrauen Stephan Schmidheinys htte ich dieses Buch je doch nicht realisieren knnen. In ausgedehnten und mit groer Offenheit gefhrten Gesprchen stellte er den Ablauf des Wandels aus seiner Sicht, der Sicht des Hauptverantwortlichen, dar. Der Groindustrielle ffnete mir die Tren in seiner von Europa ber Lateinamerika und den Mittle ren Osten bis Sdafrika reichenden internationalen Eternit-Gruppe, was fast einem Wunder gleichkommt: Die Familie Schmidheiny war bis jetzt bekannt fr ihre Zugeknpftheit in Sachen Publizitt. Ich konnte in der Schweiz, aber auch in den von Schmidheiny kontrollierten Werken in Costa Rica, Brasilien, Sdafrika und in Deutschland mit Managern, Technikern und Arbeitern sprechen. Diese Lnder whlte ich fr diesen Bericht aus, weil sie extrem unterschiedliche lokale Gegebenheiten auf weisen. An allen Schaupltzen der Recherche setzte ich mich mit den Ge genspielern des Industriellen in Verbindung, mit Gewerkschaftern, Expo nenten der Umweltbewegung usw. Fr die erstaunliche Offenheit und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit danke ich Stephan Schmidheiny und seinen Mitarbeitern. Zu danken habe ich jedoch auch allen andern Infor manten, ohne deren Bereitschaft zum Gesprch dieser Bericht nicht htte realisiert werden knnen. Die Trgerschaft Industrie im Wandel brachte die Mittel auf, die es mir ermglichten, whrend knapp eines Jahres das Thema zu bearbei ten. Niemand hat versucht, Konzept, Darstellung und Fazit dieser Repor tage zu verndern oder zu beeinflussen. Wo nach der Durchsicht des Ma nuskriptes durch einzelne der Hauptinformanten nderungen ntig wa ren, betrafen sie sachliche Fehler, Daten und Fakten, nie jedoch Gewich tungen und Aussagen des Autors. Stephan Schmidheiny hat - dies hier Asbestzement wird in ungezhlten > 8 Variationen produziert. festzustellen ist mir wichtig - keinen einzigen Franken ans Budget dieses Projektes beigesteuert. Im Verlauf der Recherchen zum Eternit-Report fragte man mich immer wieder: Fr wen schreiben Sie? Das Thema ist (oder war) derart polarisiert, da die meisten direkt Involvierten und viele Auenstehende offenbar voraussetzen, da man im Auftrag der Indu strie, der Linken oder der Grnen arbeite. An die Mglichkeit, die kontroverse Thematik Asbest/Eternit unvoreingenommen zu recher chieren und darzustellen, hatten manche meiner Gesprchspartner nicht gedacht.. An der Polarisierung, am Klima des Mitrauens und am Glaubwr digkeitsverlust ist die Industrie nicht unschuldig. Sie hat die Produktion, die Umstze und die Gewinne beim Vertrieb des Allerwelts-Baustoffes allzulange selbstherrlich zu ihrer Privatsache erklrt, hat die Krankheits frage heruntergespielt, ja die Asbest-Debatte ignoriert. Doch damit sind wir schon mitten im Thema. 10 D E ERFINDUNG 2. Asbest, das Mineral des zwanzigsten Jahrhunderts Asbest zu verbieten ist, als ob man den Sonnenschein verbieten wrde, denn Asbest kommt in der freien Natur berall vor. Fritz Bachmayer, Technischer Direktor der sterreichischen Etemitwerke Asbest ist, nach Blei und Quecksilber, unter den die Umwelt bela stenden, weltweit verbreiteten Schadstoffen an dritter Stelle zu nennen. Club o f Rome in seiner historischen Studie Die Grenzen des Wachstums aus dem Jahre 1973 Asbest ist ein Sammelbegriff fr zwei Gruppen natrlich vorkom mender, faserfrmig kristallisierter Silikatmineralien (1), die an vielen Stellen rund um den Globus in der Erdkruste eingebettet sind. Zur Ser pentingruppe gehrt Chrysotil, auch Weiasbest genannt, jene Faser, die technisch weitaus die breiteste Anwendung findet. Zur sogenannten Am phibolgruppe zhlen Krokydolith (Blauasbest), Amosit (brauner Asbest), Anthophylit und Aktinolith. Eine Reminiszenz an die Vorkommen in der Schweiz bildet der Name Tremolit, eine Mineralfaser, die im Tessin zu finden ist. Von der Amphibolgruppe sind lediglich der blaue und der braune Asbest in greren Mengen verbraucht worden. Offensichtlich ist es gar nicht so einfach, Asbest chemisch in einer Formel zu definieren, denn in den verschiedenen wissenschaftlichen Wer ken zum Thema Asbest finden sich unterschiedliche Formell!. Irving Selikoff, der amerikanische Wissenschafter, der das gesundheitsgefhrdende Potential der Faser in den sechziger Jahren publik machte, schreibt in sei nem Buch Asbestos and Disease: D ie generelle Formel fr Chrysotil knnte man folgendermaen beschreiben: Mg3 Si2 Os (OH)4, im Gegen satz dazu ist die chemische Formel der Amphibol-Typen extrem komplex (2). Wie die Fasern entstanden sind, ist noch nicht vollstndig erklrt, sie mssen vor Jahrmillionen unter ganz bestimmten Druck- und Spannungs verhltnissen im Gestein gebildet worden sein. Asbestfasern liegen in kleineren oder greren Mengen in vielen Serpentin-Lagersttten in den meisten groen Gebirgszgen der Erde vom Gotthardmassiv ber den 13 Ural bis hin zur Sierra Nevada in Kalifornien. Wo das gesteinsbildende Serpentin ist, so lt sich zusammenfassen, da ist auch Asbest, oft nur in geringen Spuren, eingepackt ins Muttergestein, manchmal jedoch auch in groen, abbauwrdigen Adern. In solchen Gebieten kommt der Sonnen schein quasi im Brennglas gebndelt vor, um im Bild des sterreichi schen Eternit-Managers zu bleiben. Die bedeutendsten Chrysotil-Vor kommen liegen im kanadischen Quebec und im Ural-Gebirge in der So wjetunion ; Ruland und Kanada sind die beiden wichtigsten Asbest-Pro duzenten der Erde. Groe Vorkommen, vor allem an blauem und brau nem Asbest, liegen in Sdafrika und Zimbabwe. Zu den Lndern, in de nen das Mineral abgebaut wird, gehren unter anderem auch die USA, China, Brasilien, Jugoslawien und Italien. Asbest kann wahrhaftig das Mineral des zwanzigsten Jahrhunderts genannt werden, schreibt Irving Selikoff im Jahre 1965, sein Verbrauch hat sich innerhalb von sechzig Jahren vertausendfacht (3). Eine einma lige Kombination technologischer Qualitten zeichnet Asbest aus, so be sticht die Wunderfaser durch ihre mechanische Festigkeit (die freilich von Fasertyp zu Fasertyp variiert), Asbest ist hitze- und surebestndig, isoliert hervorragend und kann sogar verwoben werden. Die Qualitten des Minerals sind nicht erst in unserem Jahrhundert entdeckt worden: Die Ureinwohner Finnlands formten bereits vor 4500 Jahren Gefe, de nen sie Asbest beimischten, um sie bruchsicher und feuerfest zu machen, wie man heute annimmt. Die Mykener, welche im 2. Jahrtausend v. Chr. Griechenland besiedelten, betteten ihre noblen Toten in Asbesttextilien ins Grab. Tempellampen flackerten schon damals mit Hilfe eines AsbestDochtes, der das l aufsog, jedoch nicht verbrannte. Plinius der Jngere soll bereits im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt bei Sklaven, die mit Asbest arbeiteten, Krankheiten festgestellt haben. Selikoff, der bedeu tendste Antipode der Asbestindustrie des 20. Jahrhunderts kommentiert: Plinius verfgte eben ber ein feineres Gewissen als blich zu jener Zeit. Aber es gibt keine Anzeichen, da seine Worte irgendwelche Beachtung fanden (4). Tatschlich dauerte es fast 1900 Jahre, bis Plinius' erste War nungen Breitenwirkung erreichten, es brauchte einen Welt-Jahresver brauch von mehreren Millionen Tonnen und einen reichlich sorglosen Umgang mit dem Material, bis die Gefahren ins Bewutsein der ffent lichkeit drangen. Bis es soweit war, ist Asbest ber die Jahrhunderte hin weg, von Epoche zu Epoche mit primitiven Mitteln aus dem Gestein ge schlagen und ohne jede Vorsichtsmanahme verarbeitet worden. Der mit telalterliche Kaiser Karl der Groe warf, um seine Gste zu verblffen, 14 A shestfnsprn in rn OOfachpr Vrrvrnprutur t> Tischtcher aus Asbest ins offene Feuer und zog sie anschlieend gerei nigt und unversehrt wieder heraus. Der venezianische Weltenbummler Marco Polo schildert fasziniert das Verbrennen eines Kleides, ohne da es verbrannte; die wertvolle Textilie bestand aus Asbestfasern. Die Bewunderung, welche frhere europische Hochkulturen den rtselhaften Mineralien entgegenbrachten, spiegeln die Namen, die sie ih nen gaben. Asbest kommt aus dem Griechischen und bedeutet unaus lschlich. Chrysotil ist abgeleitet vom griechischen chrysos, was Gold heit, und dem Wort tilos (Faser). Krokydolith basiert auf den griechi schen Worten krokys (Wollflocke) und lithos (Stein). Hauptursache der hervorragenden Eigenschaften ist die Faserstruk tur, die von einer Asbestart zur andern allerdings bedeutend variiert. Chrysotilfasern beispielsweise knnen bis zu 10 Zentimeter Lnge errei chen, meist messen sie jedoch zwischen einem und zwei Zentimetern. Die Eigenschaft der Fasern, sich in mikroskopisch kleine, von bloem Auge nicht mehr sichtbare Fibrillen aufzuspalten, macht sie anderseits so ge fhrlich fr den Menschen: durch die Atemwege geraten sie in die Lunge, wo sie Krankheiten auslsen knnen (detaillierte Informationen zu den Gesundheitsrisiken des Asbests im Kapitel 9). Wohl kein natrliches Material verzeichnete in den letzten Jahren ei nen derart radikalen Imagewechsel wie Asbest. Ich erinnere mich an eine Bild-Reportage im Jugendbuch Helveticus aus den fnfziger Jahren. Feuerwehrleute in weien Asbestanzgen kmpfen mitten in den Flam men stehend gegen ein loderndes Inferno; ein Symbolbild, das sich mir einprgte: Asbest unbezwingbar, natrlich, hilfreich! Als diese Reportage - und viele andere enthusiastische Berichte - erschien, waren einige der krankmachenden Aspekte des Minerals bei Fachleuten lngst bekannt. Offensichtlich wog man damals Risiko und Nutzen des Asbests anders ab als heute. 16 3. Der sterreicher Ludwig Hatschek erfindet im Jahr 1900 Asbestzement und lanciert damit einen Welterfolg Gemtlichkeit und Wohnqualitt unter einem bewhrten und wirt schaftlichen Dach verspricht der Prospekt der Eternitwerke Ludwig Hat schek, Vcklabruck, sterreich. Die Vierfarbenfotos zeigen die mit Eter nit eingedeckte Wiener Volksoper, ein barockes Palais unter dem scht zenden Dach aus Asbestzement, ein Jagdhaus im tirolischen Heimatstil, Bungalows . . . Eternit ist in sterreich ein nationales Produkt, Asbestze ment auch 1985 noch ein ehrenwertes Baumaterial. Das hat historische Grnde. Fritz Hatschek, der Enkel des Firmengrnders, empfngt uns im so genannten Herrenhaus, dem Wohnsitz des Fabrikanten, das mitten im Werkareal steht. Vor dem Salonfenster suggeriert zwar ein gepflegter Ra sen einen Hauch von Schlo Schnbrunn; das gedmpfte Drhnen und Rollen der Maschinen verrt jedoch die Nhe der Fabrikhallen. Ich fhle mich hier wie der Kapitn auf seinem Schiff, witzelt der joviale Mitbesitzer dieses nationalen Traditionsbetriebes, nur wenn ich die Mo toren hre, bin ich ruhig. Fritz Hatscheks Grovater Ludwig hat der Welt den Asbestzement geschenkt. Seine Erfindung, eine der erfolgreich sten im Bauwesen berhaupt, gelang um die Jahrhundertwende und ist am 30. Mrz 1900 zum Patent angemeldet^worden. Enkel Fritz kredenzt uns, ganz perfekter Gastgeber, einen uralten Cognac zum Kaffee, steckt sich eine monumentale Davidoff-Zigarre an, lehnt sich in seinen Sessel zurck und erzhlt: Angefangen hat alles damit, da der Sohn eines Bierbrauers sich ein eigenes Geschft aufbauen wollte. Seine Frau Rosa stie in der Zeitung auf ein Inserat, in dem jemand die Maschinen einer Asbest-Spinnerei zum Kauf anbot. Mein Grovater erstand die Maschi nen und bersiedelte mit seiner Familie hieher nach Vcklabruck, wo er die alte Papiermhle kaufte. Erste oesterr. Ungar. Asbestwarenfabrik Ludwig Hatschek steht auf einem Gemlde, welches das Werk zeigt, ein lbild, das in keiner sterreichischen Eternit-Firmengeschichte fehlen darf. Ich fhre ja oft Besucher durch die Anlagen, meint Fritz Hat schek, der mehr einem Opernimpresario als einem Industriellen hnelt, da erklre ich, wie mein Grovater das Eternit erfunden hat. Was war denn eigentlich neu an dieser Erfindung? Asbest war bekannt, der Ze- 17 *1$ ment war bekannt, ja selbst die Mischung der beiden Substanzen. Auch die Pappmaschine, auf der Ludwig Hatschek die ersten Eternit-Platten produzierte, war lngst erfunden. Die grotechnische Lsung des Pro blems, das war das Neue! triumphiert der quirlige Enkel. Wie wir erfah ren, begann der alte Hatschek mit Asbestschnren, mit Dichtungen und feuerfesten Geflechten; was der Baumarkt aber dringend ntig hatte, wa ren preisgnstige, stabile Dachplatten. Er ging aus von Asbestpappe, die er in Teer trnkte* mischte Asbest mit Asphaltpulver, Magnesit, Kalk . . . und vermengte schlielich Portlandzement mit der Armierungsfaser, er lutert der Industriekapitn, die Zementfachleute haben gesagt: wenn Sie Zement auf einer Plattenmaschine mit soviel Wasser verarbeiten, da mit er sich verarbeiten lt, dann ersuft der Zement, bindet nicht mehr ab, wird nicht mehr hart. Die Papierfachleute haben gesagt: wenn Sie auf einer Pappmaschine Zement verwenden, versteinert das die Maschine. Mein Grovater hat dem Zement soviel Wasser zugegeben, da man ihn auf der Papiermaschine verarbeiten konnte, dann hat er ihm durch den Asbest das Wasser wieder entnommen. Mit Glck, natrlich! Es filtrierte sich fast von selber, so da die Platte dann doch nur das Wasser in sich hatte, das zum Abbinden notwendig ist, Fritz Hatschek nimmt genlich einen Schluck aus dem Cognac-Schwenker, und das, das ist die Gre der Erfindung! Als groer Wurf erwies sich auch der Name, den Ludwig Hatschek seinem patentierten Baustoff gab. Eternit vom lateinischen aeternus (ewig) abgeleitet, ist als Markenname im Laufe der Jahrzehnte zu einem Label wie Coca Cola oder der Mercedes-Stern geworden. Lud wig Hatschek gelang eine Erfindung, auf die der Markt - nicht nur in sterreich - offensichtlich gewartet hatte.^Hatscheks Glck: der Patent schutz funktionierte in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg: Patente wur den in aller Regel gekauft und von der Konkurrenz respektiert, fllige Tantiemen bezahlte man. Bereits im Jahre 1903 kaufte eine franzsische Gruppe, ein Jahr spter erwarb sich eine Interessentengruppe aus dem Schweizer Dorf Niederurnen das Patent. Mit groem Erfolg setzte der sterreichische Erfinder sein Patent von Land zu Land ab und baute im damaligen sterreichisch-ungarischen Kaiserreich mehrere Etemitfabriken, ein Werk zog er in Nyerges Uifalu (heute Ungarn) hoch, zwei weitere in Bhmen und Mhren (heute Tschechoslowakei). Fast feierlich rezitiert Fritz Hatschek die lange Reihe von Lndern, in denen die Lizenznehmer Werke bauten. Allein bis 1910 zhlt er zehn Staaten auf, darunter Ruland und die Vereinigten Staaten von Amerika. Der Kaiser ehrte den Ambassador sterreichischen Erfindergeistes mit dem Titel Kaiserlicher Rat, die Stadt Linz machte ihn zum Ehrenbrger, und die sterreichische Regie- Der sterreicher Ludwig Hatschek erfand im Jahr 1900 Asbestzement, einen Baustoffaus Zement. 19 rung wollte ihn gar in den Freiherrenstand erheben, was Ludwig Ht schele indessen bescheiden ablehnte. Der Enkel des Erfinders lt Erfolge und Katastrophen, die dem Un ternehmer widerfuhren, in lockerem Plauderton Revue passieren: Er hat das Patent nicht berall gegen Geld verkauft, in Belgien zum Beispiel nahm er Aktien, was ihm natrlich im Ersten Weltkrieg nicht gut bekam: Belgien war Feindesland, und die Anteile konnten wir ins Kamin schrei ben. Unsere Werke in Ungarn und der Tschechoslowakei verloren wir im Zweiten Weltkrieg. Aus jener Zeit gibt der Mann, dessen ganzer Stolz seine vom Vater ererbten Antiquitten sind, eine Anekdote zum besten: Kurz nach dem Krieg beherbergten wir zeitweise ber hundert amerika nische Soldaten, die ihre Uniformen an Seilen aufhngten, welche sie im Salon von Kronleuchter zu Kronleuchter spannten. Als die Amis einmal das Mobiliar des Hauses inventarisieren muten, qualifizierten sie es mit <armselig>. Klar, alles war ja ber 200 Jahre alt und darum in ihren Augen dringend erneuerungsbedrftig! Nicht ohne Stolz vermerkt unser Gastgeber, da heute auf der gan zen Welt rund 200 Rohrmaschinen aus Asbest und Zement Rohre produ zierten und da gar ber 600 Plattenmaschinen weltweit ihren Dienst ver shen. Hier in Vcklabruck nennen wir sie <Plattenmaschinen>, in den auslndischen Werken werden sie meist <Hatscheks> genannt, was fr uns eine groe Ehre ist. Der Erfinder des Asbestzements erkrankte im Som mer 1910 schwer und starb vier Jahre spter. Zwei Weltkriege konnten dem Erfolg des Eternits nichts anhaben, ja, jeder Krieg steigerte die Nachfrage nach dem dauerhaften und preisgnstigen Baumaterial gewal tig. Die Reputation des Unternehmens in sterreich hat bis heute um kein Jota gelitten; dem Glanz der Unternehmerdynastie schadete die in ternationale Asbestkontroverse bis dato nicht. Eternit gehrt nach wie vor zur Creme der sterreichischen Wirtschaft. Junge Burschen hrten bei der Berufswahl immer wieder den einen Satz, schon fast ein geflgeltes Wort: Sieh zu, da du bei Hatschek unterkommst! Und das hat sich bis heute nicht gendert. 20 DIE NUTZUNG I 4. Niederurnen wird Standort der Schweizer Eternit Im glarnerischen Matt steht ein stattliches Bauernhaus, ein Urbild ei nes Zufluchtsortes. Wer das Haus vor ungefhr dreihundert Jahren erbaut hat, ist nicht berliefert; es mu ein kunstsinniger Mann gewesen sein, ein Freund des guten Handwerks. Eine Bauaufnahme der Glarner Denk malpflege offenbarte viele wertvolle Details wie Tren mit Intarsien, ge schmiedete Beschlge und Trklopfer. Einer der letzten Besitzer des be hbigen Anwesens ging als Hoschetbordschng in die Dorfchronik ein, er lie das Haus verlottern, modernisierte und renovierte darum aber auch nichts daran. So blieb das Bauwerk praktisch im ursprnglichen Zu stand erhalten. Der neue Besitzer lie es in enger Zusammenarbeit mit der kantonalen Denkmalpflege renovieren. Auf das Dach kamen nicht die frher blichen Schindeln oder Naturschiefer, sondern Eternit, ein in dustrieller Baustoff, der im Glarnerland schon fast als traditionell gilt. Wie kam es, da ein Material aus Zement und Fasern aus kanadischen, rhodesischen oder russischen Asbestminen praktisch eine Symbiose eingehen konnte mit sonnenverbrannten Balken und uralten Natursteinmau ern? In der Tat gehrt Eternit heute zum Glarnerland wie der allgegen wrtige Fhn. Das Ganze begann 1903, als eine Handvoll unternehmerisch denken der Mnner unter der Fhrung von Major Paravicini aus Glarus das Pa tent von Hatschek erwarben und in den leerstehenden Gebulichkeiten der alten Baumwolldruckerei Tschudy einen Produktionsbetrieb fr As bestzement einrichteten. Um die Jahrhundertwende brach der Export ih rer einst international sehr gefragten bunt bedruckten Baumwolltcher zusammen. Neue Industrien waren also ein Gebot der Stunde, denn Ar beitslosigkeit und Not begannen sich auszubreiten. Niederurnen, Doppel gemeinde mit dem benachbarten Ziegelbrcke, liegt auf einem Schuttke gel, den der Niederurnerbach am Eingang zum Glarnerland aufgeschttet hat. Wo jetzt die Pressen der Eternitwerke arbeiten, breitete sich einst ein Sumpf aus, eine Auenlandschaft von mehreren Quadratkilometern Gre. Was heute als kostbares Biotop hchsten Schutz genieen wrde, galt damals als wertloses Brachland, als Brutsttte fr bse Krankheiten. Conrad Escher, der 1811 die unberechenbare Linth und ihre Nebenbche 23 in einen Kanal zwang und in den Walensee leitete, gilt bis zum heutigen Tag als einer der groen Wohltter der Region. Bei den Arbeiten zum Linthkanal stie man auf ein Bronzeschwert aus keltischer Zeit, Beweis dafr, da hier schon in vorrmischer Zeit ge lebt und gekmpft worden war. Die Ortsbezeichnung Niederurnen geht zurck auf das lateinische Wort ora, was Rand, Saum oder Bergsaum heit. Wer in den Chroniken des Dorfes blttert, stt immer wieder auf die Gefahren, die vom Berge kommen: Rufen und Wildwasser bedrohten die Siedlung und erforderten Schutzbauten, die freilich immer wieder den Naturgewalten zum Opfer fielen. Jakob Eimer (1) beschreibt in seiner Dorfchronik mehrere solcher Katastrophen; die letzte ereignete sich 1886, als whrend eines schrecklichen Wolkenbruchs eine in mehreren Jah ren Arbeit erstellte Verbauung des Dorfbaches barst. Folge: Tausende von Kubikmetern Gestein und Gerll ergossen sich durch die Niederur ner Gassen. Mit Hilfe von Bund und Kanton konnte das Gewsser end gltig gebndigt werden. 1891 war die mit einer Aufforstung verbundene Korrektion fertiggestellt. Niederurnen war eine den Naturgewalten ausgesetzte Gemeinde, die lange von der Landwirtschaft und vom Kleingewerbe lebte, ein Dorf, das im letzten Jahrhundert vom Glarner Textil-Boom profitierte, nach dem Zusammenbruch der Exporte aber um so hrter getroffen wurde. Eine Gemeinde auch, die nie alle ihre Mitbrger ernhren konnte, wo das Aus wandern, der Dienst in fremden Heeren, als normal, oft als unausweichli ches Schicksal erfahren wurde. Vor diesem Hintergrund wird verstnd lich, da die Gemeinde die neuen Arbeitspltze in der bankrotten Stoff druckerei mit Freude und Erleichterung begrte. In den ersten Jahren betreiben nur wenige Mann die bescheidene Anlage, ein Obermeister, sechs Maschinenfhrer und einige Hilfskfte. Ein Pchter betreut die Pferde der Eternit und fhrt tglich Asbestzement zum Bahnhof Ziegel brcke. Die ersten Produktionslinien umfassen vor allem groformatige Dachschiefer, die im brandgefhrdeten Fhntal rasch Anklang finden, ei nige kleinere Schiefersorten fr Fassaden sowie Eternit-Platten fr Dekken- und Wandverkleidungen bilden das weitere Angebot der ersten Jahre. Die Eternitwerke in Niederurnen hatten fr die Eindeckung der Lusthuser des Knigs von Siam vier Waggonladungen = 120 000 Stck Eternitplatten nach Bangkok gesandt, doch ging das Schiff mit der La dung unter. Der Schaden war durch die Versicherung gedeckt. Darauf wurde die ganze Bestellung nochmals ausgefhrt, entnehmen wir der Glarner Geschichte in Daten. Was heute gnzlich unmglich wre, po lierte damals die Bilanzen des Unternehmens prchtig auf: der Export 24 von Asbestzement aus dem Binnenland Schweiz in so weit entfernte Kon tinente wie Sdamerika, Afrika und Asien! Zwischen 1910 und 1914 flat terten Bestellungen in der Grenordnung von 50 000 bis 500 000 Stck Dachschiefer aus allen Weltregionen auf das Pult der Direktion (2). Man verpackte die Ware in Kisten und fhrte sie mit dem Zweispnner zum Bahnhof. Diese Kontakte zu Geschftspartnern in fremden Lndern bil deten den Ausgangspunkt fr die sptere Expansion der Schweizer Eter nitgruppe. Als es aus Konkurrenzgrnden nicht mehr mglich war, den Stoff selbst auszufhren, exportierte man Know-how und Kapital. Eternit begann rasch die Schweizer Architektur zu beeinflussen. Das Eternit-Haus. Das schweizerische Kleinhaus der Zukunft, ber schreibt K. Kern einen Artikel in seinem Bericht Wohnungsverhltnisse und Wohnungsfrsorge aus dem Jahr 1914. Kern erlutert, da das bil lige Holzhaus wegen der Brandgefahr kaum mehr gebaut werden knne, das Steinhaus fr den Arbeiter jedoch unerschwinglich sei. Der Autor fol gert: Nun kommt aber ein Rettungsmittel in allerneuester Zeit, und zwar eines, das meines Erachtens als gutes erkannt werden darf: das Eternit haus. Eternit war hochmodern, galt als funktional und schick zugleich. Grau war das Baumaterial von Haus aus, bald bot man es auch in Dun kelblau und Rot sowie - auf Wunsch des Heimatschutzes - auch in Kup ferbraun an. Aufgrund des fulminanten Startes der neuen Niederurner In dustrie wundert es nicht, da es an der Schweizerischen Landesausstel lung 1914 in Bern zu einer wahren Eternit-Orgie kam: 15 000 Quadratme ter Bedachungsflchen bestanden aus dem neuen, kupferbraunen Asbest zement! Die Ausstellungskirche und eine^ganze Reihe weiterer Bauten waren mit Eternit-Flachplatten ausgekleidet. Um die strahlende Erfolgs bilanz noch voll zu machen, erhielten die Eternit-Werke gleich drei der begehrten Landesausstellungs-Goldmedaillen! Erstmals legte sich die Firma damals mit den Architekten an und ver brannte sich bs die Finger: Mit der neu gegrndeten Firma Eternit-Bau trat sie als Konkurrenz der Architekturbros auf und erntete wtende Proteste. Das Unternehmen lernte seine Lektion rasch, blies das Experi ment ab und bemhte sich frderhin in auergewhnlicher Form um Ar chitekten und Baufhrer. Kein Unternehmen der Baumaterialienbranche versorgt seine Kunden mit derart perfekten Dokumentationen und Bau anleitungen; Unterlagen, welche die Wahl des Produktes leicht machen und die Konkurrenz immer wieder ausstechen. 25 Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges brach die einheimische Baukonjunktur zusammen, der Export lief noch bis 1916 berraschend gut. Inzwischen schrumpften jedoch die Asbestvorrte zusammen. Auf Nachschub konnte man nicht hoffen, weil der Rohstoff von den kriegfh renden Mchten zum Blockadegut erklrt worden war. Jetzt beginnt die Firma mit der Asbestsuche in den Alpen und wird zuerst beim Walliser Dorf Zeneggen fndig, wo die Mineure 560 Tonnen des begehrten Mate rials abbauen; bei Sils Maria im Engadin schlgt man 18 Tonnen aus dem Gestein und an einem knappen Dutzend weiterer Stellen, verstreut ber den Schweizer Alpenbogen, zwischen einer und sechs Tonnen. Alle diese Asbeste erweisen sich jedoch als vertalgt und fr die Eternitproduktion als ungeeignet. Monatelang ruht der Betrieb in der Fabrik. Um die Beleg schaft beschftigen zu knnen, setzte man auf Diversifikation: Die Direk tion lt eine Holzsge installieren, und in einer behelfsmig eingebau ten Ziegelhtte beginnt man mit der Ziegelproduktion. Der Geleisean schlu, den die Eternit 1912 zusammen mit mehreren Hallen fr das Schieferlager erstellt hatte, blieb whrend der harten Kriegsjahre prak tisch unbenutzt. Die Eternit kmpfte mit einer existenzbedrohenden Krise. Hilfe kam zuerst einmal vom Himmel: Schneestrme mit extremen Windgeschwindigkeiten richteten 1919 in der Nordostschweiz riesige Schden an. Allein im Kanton Appenzell konnte die Eternit 80 700 Qua dratmeter Dachschiefer zur Reparatur ldierter Dcher absetzen! Die darniederliegende Firma begann sich zu erholen, zumal Rettung in der Gestalt des legendren Heerbrugger Industriellen Ernst Schmidheiny nahte. 26 5. Die Schmidheiny-Saga: Ursprnge einer Industriellen-Dynastie Meine Vorfahren haben einfach etwas mehr aus ihrem Boden ge macht als andere. Sie pflanzten auf dem Heerbrugger Lehmboden nicht Kartoffeln, sondern stachen Ziegel daraus. Stephan Schmidheiny ber seinen Urgrovater Jakob Schmidheiny a) Jakob Schmidheiny, der Grndervater Ein Fabrikant will ich werden, soll Jakob, der Grnder der St.Galler Industriellen-Dynastie, bereits als Kind gesagt haben. So jedenfalls be schreibt es sein Biograph Jakob Boesch (1) im Buch Drei Schmidheiny. 1838 als Sohn des Dorfschneiders von Heerbrugg geboren, verfgte Jakob freilich nicht gerade ber ideale Startbedingungen zur Realisation seines Jugendtraums. In jungen Jahren erkrankte er an Pocken, und kmpfte wochenlang mit dem Tod. Von frher Jugend an habe ich hart arbeiten mssen, erinnert er sich spter, dadurch wurden meine Krfte gesthlt; aber ich hatte zu Zeiten viel zu schmal gegessen. Jakob erlernte nach der Schule in Teufen das Handwerk des Webers. Stephan Schmidheinys Ur grovater glnzte bereits mit der Tugend der Sparsamkeit, die sich in der Familie bis zur heutigen Generation erhalten sollte; Mit seinem ersten Lohn von einem Franken im Tag ging der^junge Stoffweber so haushlte risch um, da er den berraschten Eltern nach anderthalb Jahren 200 Franken auf den Tisch legen konnte. Weil der Armeleutesohn so rasch wie mglich Geld verdienen mute, konnte er die Realschule nicht besu chen. Um das Manko auszugleichen, drckte er als 24jhriger zusammen mit halb so alten Realschlern nochmals die Schulbank; den Stoff bewl tigte er in der halben Zeit. Auch das ist offenbar charakteristisch fr diese Familie; Beharrungsvermgen, die Fhigkeit zu lernen und keinen groen Wert auf Status zu legen. Der Erfolg lie nicht auf sich warten; Jakob Schmidheinys frherer Arbeitgeber machte ihn zum Direktor einer neuen mechanischen Seidenweberei in Sorntal, wo er im Bro und im Verkauf wie bei der Reparatur der Maschinen im Einsatz stand. Ein Fuleiden, Folge der Pockenerkrankung, warf ihn jedoch bald fr Monate aus dem Arbeitsproze, auf den ersten Blick ein Rckschlag fr seine berufliche Karriere, in Wirklichkeit aber eine Chance, ber sein Leben und seine Zu- 27 kunft nachzudenken. Als Ergebnis dieser Reflexionen machte sich Jakob Schmidheiny selbstndig. Er kaufte eine leerstehende Hafnerei zwischen Balgach und Rebstein und richtete darin seinen ersten eigenen Betrieb ein, eine Weberei. Der Kleinbetrieb litt jedoch an strukturellen Proble men: zu wenig Betriebskapital und zu geringe Kapazitt. Um so mehr berrascht, da sich der Armeleutebub, wie er sich selbst ab und zu nannte, als Interessent meldete, als das Schlo Heerbrugg, ein ehemaliges Internat fr englische Herrenshne, zum Verkauf stand. Sein Besitzer, Professor Karl Vlker, verkaufte das Herrschaftshaus mitsamt Garten und Weinberg fr 135 000 Franken an Jakob Schmidheiny, der eine An zahlung von 10 000 Franken leistete. Schmidheiny bernahm auch die Sei denraupenzucht des Professors samt den Futterpflanzen der Seidenspin ner, den Maulbeerbumen, die auf dem Gut wuchsen. Der Mann, der es geschafft hatte, vom Schneiderbuben zum Fabrikanten und Schlobesit zer aufzusteigen, heiratete erst spt die aus Wattwil stammende Elise Kaufmann, eine heiter gestimmte Toggenburgerin, wie der Biograph schreibt, die es verstand, ihren Haushalt den vorhandenen Mitteln anzu passen und die mit starker Hand die Erziehung der beiden Shne Ernst und Jakob leitete. Schmidheiny und Professor Vlker kamen auf die Idee , die Tonb den in der Gegend von Heerbrugg zu nutzen, um aus dem Rohstoff Ziegel zu brennen und Rhren fr die Entwsserung der Smpfe auf dem Gebiet der Gemeinde zu fabrizieren. Schmidheiny, gelernter Weber und Textil fachmann, arbeitete sich in das neue Metier von Grund auf mit einem an Besessenheit grenzenden Engagement ein. Rohmaterialien fr das neue Unternehmen gab es in den Rheinebenen in Hlle und Flle. Die Schmidheiny-Saga beginnt mit dieser Heerbrugger Ziegelei, einem Unter nehmen, das der Grnder des Wirtschaftsimperiums stetig modernisiert und durch Neuerwerbungen in der Region ergnzt. Hier spielt sich im Miniatur-Format ab, was spter Shne, Enkel und Urenkel im globalen Rahmen unternehmen werden. Jakob Bsch hat in seiner Biographie ei nige verbrgte Zitate des Grndervaters zusammengetragen. Zum Bei spiel: Es ist etwas vom allerwichtigsten, wenn die Arbeiter wissen, da man ihr Tun genau kontrolliert. Daher tue ich das, wenn immer mglich, tagtglich. Der Fleiige schtzt es, und dem Faulen kommt man auf diese Weise auf die Spur. Die tglichen Kontrollgnge bringen es allerdings mit sich, da meine Zeit stets ausverkauft ist. Aber auf andere Weise wre ich wohl nie auf einen grnen Zweig gekommen! Qualitt war eines seiner Hauptanliegen: Schne Ware ist ber die Maen wichtig! OQ Das Unternehmen blhte; der Unternehmer bezahlte dafr jedoch einen drckenden Preis; Jahrzehntelang peinigten ihn nervse Kopf schmerzen. Zudem machten ihm seine Nachbarn zu schaffen: die Heerbrugger Bauern sperrten ihm den Lehmbezug, weil sie die Lcher im Bo den mit den ausgedehnten Wasserlachen als Ursache der schlechten Weinernten bezeichneten. Umweltproblematik im letzten Jahrhundert! Schmidheiny wich den Schwierigkeiten aus, indem er auf dem Gebiet der Gemeinde Marbach groe Lehmlager erwarb und so seine Rohstoffbasis sicherte. Erstaunlich die Leistungsfhigkeit dieses Mannes, der die Ma schinen seines Betriebes selber technisch weiterentwickelte und beispiels weise ein Gert baute, das in einem Arbeitsgang zwei statt nur einen Zie gel produzieren konnte! Die Firma Bhler in Uzwil baute einen soge nannten Kollergang nach Schmidheinys Entwrfen, ein bahnbrechendes Gert zum Zerkleinern von Lehm und Mergel, den Rohmaterialien der Ziegelfabrikation. Diese mehrstckige Rohstoffmhle machte den Erfin der in Fachkreisen berhmt; die Maschinenfabrik in Uzwil konnte gr ere Serien des Gerts absetzen. Auffallend der Blick dieses Mannes fr zukunftsweisende Entwicklungen: Auch das Potential der Elektrizitt er kannte er frh und nutzte es eher als andere in seinen Betrieben. Er setzte sich vehement fr den Bau einer elektrischen Straenbahn von Altsttten nach Berneck ein. Seinem Sohn Ernst sandte er im Jahre 1904 einen Brief aus Flims, in dem er schreibt: D ie Betrachtung der im freien Lauf von den Gletschern - diese Schatzkammern unermelicher Wasserkrfte herabrauschenden Bche mu einem Hydrotechniker das Herz im Leibe lachen machen, wenn er bedenkt, wie ungeheuer viel Arbeitskraft noch zu gewinnen ist. Innovativ, in die Zukunft gerichtet, hart arbeitend, sparta nisch, von sich und den andern viel fordernd, so zeigt sich das Psycho gramm eines Mannes, der zu kmpfen wei. Arbeitspltze zu schaffen, die technische Entwicklung zu beschleunigen, die Ressourcen der Natur zu nutzen, galt diesem Pionier der Schweizer Wirtschaft als fraglos gut. Damit war er einer der Exponenten einer Aufbruchsepoche, die aus dem Agrarland Schweiz eine Industrie- und Dienstleistungsnation machte. kologie- und Umweltfragen kmmerten die Gesellschaft einer Zeit, wo man euphorisch eine Bahn auf das Jungfraujoch baute, hchstens dort, wo handfeste Interessen tangiert waren. Ein Beispiel dafr ist der Auf stand der Bauern gegen die Ausbeutung des Lehms in Heerbrugg. Die Erfolgsgeschichte des Jakob Schmidheiny, der zum weitherum bekannten Industriellen aufstieg, wre nicht komplett ohne den Hinweis auf Krisen und Probleme. Der Industrielle hatte sich finanziell bernom men, zuerst mit dem Kauf des Herrenhauses, dann mit der unrentablen 29 Seidenraupenzucht und schlielich durch die bedeutenden Investitionen in seinen Ziegeleien. Zwei Grobrnde und Absatzkrisen setzten dem Un ternehmen bedrohlich zu. Wichtig war fr Jakob Schmidheiny der Dienst an der Gemeinschaft; er wirkte als Gemeinderat, als Grorat im St.Galler Kantonsparlament, als Mitglied der evangelischen Synode und spendete immer wieder Mittel fr soziale Zwecke. Im Umri erscheint beim Grn der der Unternehmerdynastie ein Persnlichkeitsprofil, das sich - mit an dern Schwergewichten und Schattierungen - bei den meisten seiner Nachkommen bis auf den heutigen Tag zeigt. Seinen Shnen Ernst und Jakob hinterlie er die Basis fr den Aufbau eines sich immer weiter ver stelnden Wirtschafts-Imperiums von ganz spezifischem Zuschnitt. Ich bin berzeugt davon, da wir alle neben Erziehung und Umwelt auch durch unsere Erbanlagen stark geprgt werden, sagte Stephan Schmidheiny in einem der Gesprche, die wir miteinander fhrten, der Genotypus spielt also sicher auch bei mir eine groe Rolle. Die Veranla gung zum Unternehmer gab Jakob Schmidheiny den Nachkommen wei ter, die das Geschft nach seinem Tod im Jahre 1905 in Jakob Schmidheinys Shne umbenannten. Religiositt ist in diesem Clan nie zur Schau gestellt worden; ein wichtiger Bestandteil der Philosophie, der Ethik der Familie ist sie den noch. Die Lehre Calvins von der Prdestination, der Vorbestimmung, hat dem Wirken der Grndergeneration Sinn und Grundlage gegeben. Die Schmucklosigkeit der Botschaften Zwinglis und Calvins, das Arbeitsethos der beiden Reformatoren beeinfluten das Wirken der Schmidheinys. Ar beit, in welcher Position auch immer, gibt dem calvinistisch bestimmten Leben erst seinen Sinn, ist notwendiger Bestandteil der menschlichen Exi stenz. Die Mutter der beiden Shne, Elise Schmidheiny, stand zwar im mer im Hintergrund, doch ihre gradlinige Lebensauffassung, ihr Sinn fr das Haushlterische bestimmten die Haltung der Shne entscheidend mit. b) Die Shne Ernst und Jakob; Ziegel und Zement Ernst wollte nach einem Volontariat bei einer Schweizer Firma in Italien und nach einem kurzen Englandaufenthalt eigentlich Jurist Wer dern, lie sich aber auf Bitten seines gesundheitlich angeschlagenen Va ters davon abhalten und stieg ins elterliche Geschft ein. Jakob, als Inge nieur auf einer Kraftwerkbaustelle in Italien ttig, kehrte 1902 nach Heer brugg zurck. Die Brder teilten die Geschftsbereiche untereinander auf, ohne die Fden allerdings komplett durchzutrennen; damit leiteten 30 r sie eine Familien-Tradition ein, die bis heute hochgehalten wird. Jakob bernahm als Schwerpunkt die Ziegeleien, Ernst wandte sich dem Ze ment zu, damals eine ausgesprochene Zukunftsbranche. Es wrde den Rahmen dieses Reports sprengen, all die wirtschaftlichen Aktivitten der beiden Brder darzustellen, denn sie sind kaum berschaubar. Damals wie heute blieben viele Beteiligungen in der ffentlichkeit unbekannt; Zurschaustellen des Besitzes liegt dieser Industriellen-Familie nicht. Ein paar Stichworte: Die Brder bauten am Rheintaler Binnenkanal mit, ei nem groen Entwsserungsprojekt und bewarben sich um die Konzession zur Ausntzung von dessen Geflle. Dies gab dem Kanton den Ansto, am Kanal Elektrizittswerke zu bauen. Emst Schmidheiny gehrte zu den Grndern mehrerer weiterer Elektrizittswerke und beteiligte sich finan ziell an den Projekten. Aus dieser Zeit datiert das Engagement der Fami lie Schmidheiny im Energiesektor. Ernst Schmidheiny stieg bei der 1923 gegrndeten Motor Columbus ein, die beim Bau von Kraftwerken bald eine Spitzenstellung einnehmen sollte, und sa lange in deren Verwal tungsrat. Den Zement zum Bau der Staumauern lieferten die immer lei stungsfhiger werdenden Unternehmen der St.Galler Familie meist gleich selber! Ein Foto aus dem Jahr 1910 zeigt die heute bescheiden wirkende Ze mentfabrik Rti, das erste von Ernst Schmidheiny kontrollierte Werk, Auftakt zu einer spektakulren Expansion diesseits und jenseits der Schweizer Grenze. Mit dem Zement hatte der Unternehmer auf die rich tige Karte gesetzt, denn kein Baustoff kam im Hoch- und Tiefbau des zwanzigsten Jahrhunderts mehr zur Anwendung als Zement. Sei es als Be standteil von Beton oder Eternit, dessen Entdeckung durch Jakob Schmidheiny nur eine Frage der Zeit sein mute. Zement ist ein Bindemittel, komponiert aus natrlichen Stoffen der Erdkruste: Zermahlener Kalkstein, Ton, Tonmergel mit Beigaben von Kieselsure und ungelschtem Kalk, gemischt nach englischen Rezepten. Stammwerk und Namengeber des von der Familie Schmidheiny kontrol lierten, rasch wachsenden internationalen Holderbank-Zementkonzerns war die Fabrik in Holderbank im Kanton Aargau. Als Preiszerfall und berproduktion die gesamte einheimische Ze mentindustrie zu ruinieren drohte, schmiedete der Stratege und Verhand lungsknstler Ernst Schmidheiny 1910 alle Produzenten zu einer soge nannten Interessengemeinschaft zusammen. Im Klartext gesprochen ein Kartell mit dem Namen EG Portland. Zweckbestimmung des 1910 ge grndeten Zweckverbandes: Beseitigung und Verhtung ungnstiger Konkurrenzverhltnisse in der Schweizer Zementindustrie. Heute ist der 31 von Thomas Schmidheiny gefhrte Holderbankkonzern einer der bedeu tendsten Zementproduzenten der Welt (der Urenkel Jakob Schmidheinys hlt auch das grte Aktienpaket). 1984 betrug der Umsatz 3,16 Milliar den Franken, der konsolidierte Reingewinn 126 Millionen Franken. c) Expansion ins Ausland ber manchen Sttten industriell produktiver Arbeit im Ausland hat Ernst Schmidheiny unsichtbar die Schweizer Fahne gehit. Das be deutete viel mehr als den bloen Einsatz schweizerischen Kapitals auf fremdem Boden, schreibt Rudolf Schmid in seiner Biographie. Die In genieurarbeit, die Sachkenntnis und der Gewerbeflei sind hinzuzurech nen, stammen doch die maschinellen Ausrstungen der neuen Fabriken meist aus den Werksttten Schweizer Firmen und wurden doch die Ka derstellen dieser Fabriken womglich durch Schweizer besetzt. Fabrika tionssttten dieser Art wurden - auch im Dienste der gastgebenden Ln der - zu Zeugen und Trgem schweizerischer Tchtigkeit (1). Bezeich nend, da die rote Flagge mit dem weien Kreuz unsichtbar flatterte; das Schweizer Emblem als Blickfang in fremden Landen hochzuziehen, war so wenig der Stil der Rheintaler Industriellen gewesen, wie den Na men Schmidheiny an Fabrikhallen zu pinseln. Im brigen htte man fr die Produktion der Flaggen schon fast eine Fabrik erstellen ms sen . . . Mit unheimlicher Energie weitete Schmidheiny seine Beteiligun gen im Sektor Zement ins Ausland aus. Um die einheimische Industrie vor der Konkurrenz jenseits der Grenzen zu schtzen, errichtete er mit der Attitde eines Strategen einen Cordon Sanitaire; die HolderbankGruppe beteiligte sich in Baden-Wrttemberg und in Vorarlberg, bald folgte der Sprung nach Frankreich, Belgien, Holland, ja selbst nach dem fernen gypten, wo Ernst Schmidheiny 1933 in Tourah eine Zementfabrik baute. Ehrengast bei der feierlichen Erffnung war Knig Fuad von gypten persnlich! Vom Nilland nach dem Libanon war's ein Katzen sprung; dort erstellte die von Schmidheiny kontrollierte Holderbank eine Zementfabrik; der Industrielle engagierte sich gleich noch bei der bereits bestehenden Socit des Ciments Libanais und erwarb die leitende Po sition. In verhltnismig kurzer Zeit entsteht ein von auen schwer ber schaubares Netzwerk von Beteiligungen. Im Zeitraffer prsentiert sich der rastlose Unternehmer als erfolgreicher Schachspieler, der, scheinbar ungebremst, Feld um Feld einnimmt. Whrend des Ersten Weltkrieges rief der Bundesrat den Mann mit den wertvollen internationalen Verbindungen, der inzwischen auch im 32 Nationalrat sa, nach Bern. Ernst Schmidheiny sollte Kompensationsge schfte mit den kriegfhrenden Mchten einfdeln und abwickeln. Weil die Schweiz versorgungstechnisch auf den Krieg berhaupt nicht vorbe reitet war - der Vorrat fr Brotgetreide reichte fr ganze 14 Tage - muten in langwierigen Verhandlungen Tauschgeschfte in die Wege geleitet wer den. Schmidheiny verhandelte in Berlin, Wien, Bukarest, Budapest und Paris. Bei einem Taggeld von 30 Franken setzte er, nach eigenen Aussa gen, fnf Sechste! seiner Zeit fr den Staat ein. Bedingt durch den ber gang vom handwerklichen zum mechanischen Betrieb in den Ziegeleien entstand Ende des letzten Jahrhunderts auf dem Ziegelmarkt ein riesiges berangebot. Ernst Schmidheiny gelang es auch in diesem Wirtschafts zweig, praktisch alle Schweizer Hersteller in einem Kartell zu vereinigen, das Produktionsmengen und Preise kontrollierte und durch Absprachen regelte! Bruder Jakob engagierte sich inzwischen in andern Bereichen: mit Partnern grndete er die l- und Fettwerke Sais, stieg bei der Zrcher Maschinenbaufirma Escher Wy ein und beteiligte sich an der Schweize rischen Automobilfabrik in Rheineck, der SAFIR. Last but not least: Die beiden Industriellen grndeten (und besaen) auch die Firma Wild in Heerbrugg, die bald Weltruhm fr ihre Przisionserzeugnisse erringen sollte und die der Familie heute noch gehrt. Diese summarische ber sicht ist alles andere als komplett, denn die beiden Brder engagierten sich auch in der Holzindustrie, besaen Immobilien und Lndereien. Wer die Biographie der zweiten Schmidheiny-Generation liest, be kommt den Eindruck, in der Schweizer Wirtschaft vor dem Ersten Welt krieg sei nichts, aber auch gar nichts ohne die Unternehmer aus Heer brugg gelaufen! Das mag eine optische Tuschung sein, das Potential und der Einflu dieser beiden Industriellen war jedoch auerordentlich. d) Einstieg bei der Eternit Wirkliche Unternehmer sind dazu berufen, dazu geboren, das war die tiefe berzeugung dieser Industrie-Pioniere. Mit einer quasi gottgege benen Legitimation engagierten sich die beiden Industriellen zielsicher, legten Ring um Ring um die ursprnglich auf das St. Galler Rheintal be grenzten Produktionssttten. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich die Kreise des Zement-Gewaltigen mit denen der Eternit-Produzenten in Nie derurnen berschnitten. Das geschah ums Jahr 1920, als sich Ernst Schmidheiny mit Jean Baer, dem damaligen Chef der Asbestzement-Fa- 33 brik, anfreundete. Als Baer ankndigte, er wolle selbst ein Zementwerk zur Versorgung der Eternit erstellen, horchte Schmidheiny auf. Das htte den Verlust eines erstklassigen Kunden fr seine Zementindustrie be deutet. Getreu seiner Devise, zukunftstrchtige Erfindungen nicht zu be kmpfen, sondern sie selber zu nutzen, envarb er zusammen mit Jean Baer die Aktienmehrheit der Eternit Niederurnen. 34 f i 6. Die Eternit Niederurnen in den ersten Jahrzehnten Kaum war die Tinte auf dem Vertrag getrocknet, der Schmidheinys Einstieg in Niederurnen besiegelte, grndet der neue Groaktionr und sptere Alleinbesitzer der Eternit Schweiz zusammen mit Jean Baer die Amiantus AG, eine Holdinggesellschaft. Der Name der AG ist von der lateinischen Bezeichnung fr Asbest abgeleitet; Ziel des Unternehmens: Beteiligungen an Asbest-Eternit- und -Bindemittel-Industrien. Fortan gab es also zwei Gesellschaften, die Eternit AG, Niederurnen, und die Amiantus AG. Beide Unternehmungen prsidierte Emst Schmidheiny mit Ernst Baer als Delegiertem des Verwaltungsrates. Einer weiteren, na tionalen und internationalen Entwicklung stand nichts mehr im Wege. Der Arbeitgeber war damals der Patriarch, nach seinen Direktiven hatte der Betrieb zu laufen. Das war nicht nur bei der Eternit AG so. Er bestimmte die Verhaltensregeln in seiner Fabrik weitgehend selbst, denn der gesetzliche Rahmen war verglichen mit heute rudimentr. Das Pro blem Gesundheit m Arbeitsplatz beschrnkte sich auf den Bereich der Unflle; Dmpfe und Staub nahm man als unausweichliche Begleiter scheinungen vieler industrieller Arbeitsprozesse damals gottergeben in Kauf. Die vom Glarner Regierungsrat ratifizierte Fabrik-Ordnung der Eternit Niederurnen, die jeder neu eintret^nde Arbeiter unterschreiben mute, enthlt 17 Paragraphen; in keinem wird Asbest erwhnt (1). Eine aus dem Jahr 1919 erhaltene Fabrik-Ordnung verbietet streng Trunken heit, Schlgerei, Allotriatreiben und untersagt das Rauchen in smtli chen Fabrikrumen. Der Paragraph XII postuliert, da Schutzvorrich tungen bei Rdern, Transmissionen und Maschinen whrend deren Gang nicht entfernt werden drfen. Mehrere andere Paragraphen befassen sich mit dem Unfallproblem; kein einziger nimmt auf Krankheiten Bezug, die durch Arbeitsstoffe verursacht werden und die zwei Generationen spter Schlagzeilen machen sollten. Gearbeitet wird damals tglich wh rend 11 Stunden, an Samstagen 9 Stunden; die Kndigungsfrist betrgt 8 Tage. Das heute frhkapitalistisch anmutende Szenario, wo der Arbeiter whrend sechs Tagen insgesamt 64 Stunden pro Woche in dsteren Fa brikhallen mit gefhrlichen Materialien Gter produziert, entspricht der damaligen Arbeitswelt in Europa. Die noch jungen Gewerkschaften be- 35 gannen erst langsam, fr die Rechte der Arbeiter zu kmpfen, vor allem fr gerechten Lohn und krzere Arbeitszeit. In den Annalen der Eternit AG in Niederurnen finden sich auch Belege fr fortschrittliches und so ziales Denken des Hauptaktionrs: Bereits in den zwanziger Jahren, fr her als andere, grndete das Unternehmen die Stiftung Angestellten und Arbeiterfrsorge, eine Pensionskasse, der jeder Arbeiter nach drei Dienstjahren angehrte. Die Prmien bezahlte die Firma allein. Aus dem Jahr 1929 datiert die Jean-Baer-Stiftung, die Beitrge an die Berufsausbil dung von. Kindern der Eternitarbeiter leistet. Schu wider junge Chnab! Mit diesen Worten empfngt der alte Portier den Jngling Johann Lnd am 14. November 1927. So jedenfalls beschreibt es die Festschrift Eternit 1903-1978. Der Bursche geht durch die Plattenhalle in die Stutzerei, wo die Fertigprodukte zugerichtet wer den, zum Kollergang, dem Gert, in das der Asbest geworfen und zermah len wird, ber eine Eisentreppe nach oben zum sogenannten Hollnder (hier mischt man Zement und Armierungsfasern), an den Kammern vor bei, in denen der Asbest lose aufgeschttet liegt, hinber an seinen zu knftigen Arbeitsplatz in die Formerei. Hier arbeiten bereits zwei Gleich altrige, in einem Fabrikationsbereich, der sich rasch ausweiten sollte. Die Burschen formen mit viel handwerklichem Geschick Elemente fr Sanitr-Installationen: Verzweigungen fr Rohre, Verbindungsstcke nach Ma und Verjngungen. Die Abteilung erweist sich als ein Groerfolg, die Nachfrage an mageschneiderten Eternit-Elementen bersteigt bei weitem die Kapazitt. In Niederurnen und Umgebung spricht es sich herum, da Burschen ab fnfzehn Jahren hier Arbeit finden knnen, Ende Jahr werken bereits acht Burschen in der Formerei, 1928 sind es zwei Dutzend. Eine neue Halle wird gebaut, in der die geschickten jungen Former nun auch Blumenkisten, Pfianzenkbel und sogar Schttsteine herstellen. Als weiteres Erfolgsprodukt etablieren sich die Rohre. Erfun den hat die Rohrfabrikation aus Asbestzement der Italiener Adolfo Mazza, der im Eternitwerk Casale Monferrato bei Alessandria bereits 1913 nahtlose Asbestzement-Rohre fr die Wasserversorgung der Ge meinde Casale produzierte. Die Niederurner produzierten Rohre nach ei nem vom Mitarbeiter Carl Herzog selbst entwickelten Patent, das den Bau von allen Typen von Rohren bis hin zu groformatigen Druckrohren mglich machte. Ein Foto, das 1920 auf dem Areal der Eternit entstand, zeigt eine Gruppe von Dachdeckermeistern in dunklen Anzgen, weien Vatermr dern und respekteinflenden Schlipsen; ber den Gilets glnzen mch- Das Eternitm erk in Niederurnen > 36 im Jahr 19/0 tige Uhrketten. Die Fachleute hatten eben den ersten von der Firma spen dierten Kurs absolviert. Seither pflegt die Eternit die Tradition der (ko stenlosen) Dachdeckerkurse, die auch einen festen Bestandteil der Lehr lingsausbildung darstellen und den Dachdecker-Nachwuchs mit dem Ma terial so vertraut machen wie mit den altbekannten Ziegeln. Gute Bezie hungen zu den einheimischen Abnehmern erwiesen sich als immer wichti ger, denn der Export schrumpfte von Jahr zu Jahr. 1915 ging mehr als die Hlfte der Produktion ins Ausland, 1919 noch ganze 3,5 Prozent. 38 7. Erste Schritte ins Ausland Wir Schweizer haben keine Angst vor dem Ausland, weil wir Spra chen knnen. M ax Schmidheiny Die Angst vor dem Ausland hat die Schmidheiny-Dynastie nie ge plagt. Die Eternit-Branche bot wie die Zementindustrie alle Vorausset zungen fr eine erfolgreiche internationale Ttigkeit. Asbestzement ist dauerhaft und verhltnismig preisgnstig, zwei Qualifikationen, die im kriegsversehrten Europa den Erfolg eines Baumaterials garantierten. Das Unternehmen in Niederumen beteiligte sich als erstes bei der belgischen Eternit, und die eigens fr internationale Beteiligungen gegrndete Amiantus engagierte sich 1924 bei der Cimenteries & Briqueteries Ru nies SA in Antwerpen. Seither sind die belgische und die schweizerische Eternit eng miteinander verbunden; eine Liaison, die Stephan Schmid heiny in den letzten Jahren immer wieder Kopfzerbrechen bereitete, mehr davon spter. Was Schmidheiny schon in den Bereichen Zement und Ziegel gelun gen war, nmlich die Hersteller in Kartellen zusammenzuschweien, nahm er nach dem Krieg auch bei den Asbestzement-Herstellern in An griff. Waren die beiden ersten Kartelle riational begrenzt, so sollte die neue wirtschaftliche Interessengemeinschaft den helvetischen Rahmen sprengen. Einleuchtend, denn in der Schweiz hatte die Eternit als einziges Werk ja das Monopol. Was Hatschek in loser Form durch den Verkauf des Patents und seine Aktien-Beteiligung an auslndischen Eternit-Unter nehmen bereits angelegt hatte, realisierte Emst Schmidheiny 1929: die In ternationale Asbestzement AG, genannt SAIAC. Der Organisation gehr ten Werke in sterreich, England, Spanien, Frankreich, Belgien, Italien und der Schweiz an. Erstes Projekt der Vereinigung: die Grndung der Eternit Berlin. Spter verlegte die SAIAC ihre Aktivitten auf den ge meinsamen Asbesteinkauf, auf den Austausch von Forschungsergebnis sen und Patenten. Die Eternit Schweiz, mit zwei, drei Prozent Anteil an der Weltproduktion damals ein kleiner Fisch, ergriff die Initiative zur Grndung des illustren Clubs, stellte das Sekretariat in Niederurnen und 39 natrlich den Prsidenten in der Person von Ernst Schmidheiny. Mein Vater war Prsident, bekrftigt Sohn Max mit typischem Understate ment, weil er als einziger alle Sprachen konnte. Der dynamische, plan mig in grenzberschreitenden, strategischen Dimensionen handelnde Industrielle sorgte auch dafr, da sich sein Produktionsanteil von mick rigen paar Prozent rasch erhhte. Typisch fr ihn, da er in der Regel aus lndische Industrien nicht kaufte, sondern seinen Einflu lediglich durch bedeutende Beteiligungen geltend machte. Die internationale EternitSzene der zwanziger und dreiiger Jahre glich einem Clan, in dem ein zelne Mitglieder miteinander verheiratet, andere verschwgert oder we gen gemeinsamer Interessen befreundet waren. An den SAIAC-Familientreffen lie man sich nicht ber die Schultern schauen; die Geschfte mit dem Erfolgsmaterial Asbestzement waren sozusagen Privatangelegenheit. Zurckgehend auf die Verbindungen und Verfilzungen der Zwischen kriegszeit wird die Eternit-Branche der westlichen Welt auch heute noch dominiert von wenigen potenten Industriellenfamilien, deren wechselsei tige finanzielle Engagements in der Zerreiprobe der achtziger Jahre im mer grere Hypotheken darstellen. Ernst Schmidheinys verzweigtes, international verschachteltes Indu striekonglomerat, das als Hauptpfeiler Zement-, Ziegel- und Eternitbetei ligungen umfate, geriet in der Wirtschaftskrise der dreiiger Jahre in eine bedrohliche Lage. Die auslndischen Beteiligungen verloren wegen der Abwertung der meisten fremden Whrungen rapide an Wert, die p pig aufgenommenen Bankkredite lauteten jedoch auf Schweizer Franken. Fr eine grere Zahl von Brgschaften, die der Industrielle vertrauens voll an Bittsteller vor allem aus der Region seines Wohnsitzes gewhrt hatte, mute er geradestehen, weil deren Geschfte pleite gingen. Der lange vom Erfolg verwhnte Industrielle mute gar um die Hypothek auf dem Schlo Heerbrugg bangen; in letzter Minute lenkte die Hauptglubi gerin, die Schweizer Volksbank, ein. Seinem Sohn Max schrieb er am 30. November aus dem gyptischen Tourah: La Dir fr Deiner Lebtag als Richtlinie dienen, lieber weniger Geschfte machen oder fr fremde Rechnung und keine Schulden haben. Du hast keine Ahnung, wie sehr mich nach meinem arbeits- und erfolgreichen Leben der Umstand drckt, in so schwieriger Lage zu sein, wie ich es bin. Ich mu alle Energie zu sammennehmen, um nicht zu unterliegen (1). Die Schmidheinys fuhren jetzt mit der Bahn 3. Klasse; der Tycoon logierte in Zweitklahotels, wenn er geschftlich unterwegs war. Die Briefe, die der Mann in jener Zeit schrieb, geben wichtige Einblicke in die Familienphilosophie. Zum 40 ersten setzt er als selbstverstndlich voraus, da seine Shne Ernst (gebo ren 1902) und Max (1908) die Geschfte bernehmen wrden. Was in manchen Industriellenfamilien fast unlsbare Probleme aufwirft, klappte bei den Schmidheinys bis auf den heutigen Tag: Die Kapitne des Wirt schaftsimperiums trugen immer den Namen Schmidheiny. Sohn Max gra tuliert er in einem langen Brief zum 25. Geburtstag und schreibt unter an derem: Geld ist so bald verloren, jedoch wird man stets Leute brauchen, die wirkliche Chefs sind. Mancher htte das Zeug dazu, es gelingt ihm auch, sich durchzusetzen. Bis er aber an einen befriedigenden Platz ange langt ist, ist er alt, oft verbraucht. Es braucht auch ein gewisses Prestige, und das erlangt man nie in kurzer Zeit. Es mu durch lange Frist erwor ben werden. Ihr habt es vom Grovater und Vater her bekommen. Eure Sache ist es, es zu wahren und zu mehren. ( . . . ) Mein weiterer Wunsch geht dahin, da Ihr unter Euch Geschwistern alles vermeidet, was verlet zen knnte, auch Eueren Schwgern gegenber. Es ist so selten, aber um so schner, wenn in einer groen Familie Eintracht und Zusammenhalten nie fehlen (2). gypten, wo die erste groe auereuropische Unternehmung Emst Schmidheinys entstand, sollte sein Schicksalsland werden. Er fhlte sich am Nil so wohl, da er und seine Frau Vera lange mit dem Gedanken spielten, dort Wohnsitz zu nehmen. Am 15. Mrz 1935, auf dem Flug von Jerusalem nach Kairo, strzte eine Maschine der gyptischen Fluglinie Misr Airworks bei El Arisch ab. An Bord der Unglcksmaschine mit eini gen andern Passagieren: Ernst Schmidheiny und sein lterer Sohn. Wh rend der Vater den sofortigen Tod fand, berlebte Ernst junior leicht ver letzt das Unglck. Schmidheinys Konzept, viele Eisen im Feuer zu haben, seine Ge schfte fast immer zusammen mit Partnern zu grnden, verdientes Geld sofort wieder zu investieren, hatte sich bis zur groen Krise glnzend be whrt. Von ihm ist der Ausspruch berliefert, es sei ihm viel zu langwei lig, Coupons (von Obligationen) abzuschneiden. Lieber legte er eigenes und von Banken geliehenes Geld mit viel Risikobereitschaft oft in heruntergewirtschafteten Betrieben an, erwarb die Anteile billig und brachte die Unternehmen mit Hilfe von Managern, denen er vertraute, zum Bl hen. Der Schock des jhen Todes des Patriarchen traf die Familie tief. Die beiden Shne und die Tchter Vera und Marie Louise berlegten lange, ob sie das berschuldete Erbe antreten sollten. Sie nahmen schlielich die 41 Hinterlassenschaft an und zogen Konsequenzen. Einer der wichtigsten Grundstze ist die in Zukunft gesunde Finanzierung, das Anlegen von ge ngend Reserven fr schlechte Zeiten. Ohne diese Maxime htten die schweizerische Eternit und die Amiantus die Krise, die 1975 einsetzte, wohl nicht berstanden. 8. Max Schmidheiny: die groe internationale Expansion Wenn wir irgendwo flssige Mittel erarbeitet hatten, dann haben wir sie immer sofort wieder investiert. M ax Schmidhemy a) Sprungbrett Berlin Auf neun Uhr sind wir verabredet, etwas nervs sitze ich in der gro en Eingangshalle des Schlosses Heerbrugg. Fast beklemmende Stille herrscht; nur das Ticken einer antiken Standuhr ist zu hren. Frau Bauer, die Empfangsdame, hat mich freundlich zu einem leicht abgenutzten Fau teuil geleitet, auf dem soliden Salontischchen liegt ein Bildband mit Schlssern Europas, daneben ein Buch ber das Wasserkraftwerk Emosson, fr dessen Bau Schmidheinys Zementfabriken sicher zigtausend Ton nen Zement geliefert haben. Ein weiterer, schon fast vergilbter Band trgt den Titel 100 Jahre Cement-Fabriken. Tatschlich, Sir Max, wie mein heutiger Gesprchspartner von seiner Umgebung respektvoll-bewundemd, mit einer ganz kleinen Prise Ironie genannt wird, zeigt bereits im Vorzimmer Flagge! Von den Wnden gren imposante Trophen von Jagdsafaris im afrikanischen Busch, ein stattliches, gewundenes Gehrn eines Kudu-Bullen, gewaltige Stozhne von Elefanten, Antilopen kpfe . . . und am Aufgang zur Galerie Hodters berhmter Holzfller; na trlich kein Kunstkreisbild, das Gemlde mit dem stmmigen Waldarbei ter ist echt, wie alles in diesem Haus. Frau Bauer fhrt mich die Treppe hinauf; Max Schmidheiny steht im Trrahmen seines bergroen, aber einfach ausgestatteten Bros. Wie lange haben wir, eine Stunde? ist sein erster Satz. Ich antworte, es knnten leicht auch zwei Stunden wer den, und spreche ihn auf die Jagdtrophen aus Afrika an. Die Growild jagd ist ja heute verpnt, rumt er ein, aber das war ja schon faszinie rend! Jetzt begnge ich mich halt mit meinem Revier im Vorarlbergischen. Im Bro hngen, wie drauen auf der Galerie, Hodlerbilder, eins neben dem andern; alles vom Schnsten und Besten. Der Hodler hat mir schon immer gefallen, sagt Sir Max, ich habe alle gekauft, als sie noch wenig kosteten, ein paar tausend Franken das Stck. Ich erinnere mich, die herrliche Thunersee-Landschaft an der groen Hodler-Austel- 43 lung in der Staatsgalerie in Berlin gesehen zu haben. Stimmt, meint der sehr prsent wirkende 78jhrige Grandseigneur, sieben Stck habe ich nach Berlin ausgeliehen. Berlin ist eine Symbolstadt fr Max Schmidheiny, hier hat er in einer Mischung aus unternehmerischem Mut, Kalkl und Zukunftsglauben zur Verwunderung vieler kurz nach dem Krieg die erste private Million inve stiert. Als sein Vater 1935 im fernen gypten auf dem Hhepunkt der Wirtschaftskrise tdlich verunfallte, zhlte Max 27 Jahre. Der ETH-Maschineningenieur strzte sich, nachdem der Familienrat die Weiterfh rung des krisengeschttelten Imperiums beschlossen hatte (etwas anderes kam wohl fr diese sendungsbewuten Unternehmer auch nicht in Frage), mit voller Kraft in die Arbeit. Die Brder teilten die Geschftsbe reiche teilweise auf. Max engagierte sich in den Bereichen Zement und Eternit. Sofort rckte er in die Position seines Vaters als Delegierter des Verwaltungsrates in der gyptischen Zementfabrik nach und zog etwas spter in der Nhe von Kairo auch ein Eternit-Werk hoch. Es ist faszinie rend, diesem berraschend zierlichen und nicht sehr grogewachsenen Mann zuzuhren, der manchmal wie Napoleon, dann wieder wie ein Phi losoph oder ein aufs Sparen getrimmter mittelstndischer Familienvater spricht. Als Hitler im Mrz 1938 sterreich berrannte, sagte ich: (Jetzt gibt es Krieg in Europa; damit wir einmal nicht wieder von ganz vorne anfangen mssen, setzeri wir einige unserer Mittel in andern geographi schen Regionen ein.> Und so haben wir es denn auch gemacht, erlutert er. Der Bundesrat berief Max Schmidheiny, hnlich wie dessen Vater whrend des Ersten Weltkrieges, ins Gremium fr Vorratshaltung; die in ternationalen Verbindungen der Familie sollten dem Land nutzbar ge macht werden. Bis 1942 machte ich Militr, dann sagte ich mir: Es ist wichtiger, unsere Auslandposten wahrzunehmen, statt in der Armee zu hocken und herumzufaulenzen. Sie entlieen mich dann, und ich war in der zweiten Kriegshlfte oft unterwegs im Ausland, vor allem in gypten. Als der Krieg auch in Nordafrika losging und das deutsche Afrikakorps nher kam, sagten wir: Es ist jetzt nicht interessant, in gypten zu inve stieren, da verschoben wir die ganze Organisation nach Sdafrika. Da spricht und handelt ein Stratege! Eigentlich hatte man in der SAIAC, dem exklusiven Club der Asbestzement-Hersteller, die Welt anno 1929 anders aufgeteilt: Die ehemalige britische Kap-Kolonie gehrte zur Interessen sphre der Englnder, doch aus dem geplanten Eternit-Commonwealth wurde vorerst nichts. Eines schnen Tages, so Max Schmidheiny, kam ein Telegramm von Turner and Newall, dem britischen Asbest-Zement-Gi- 44 ganten, mit dem Inhalt: You can go ahead in South Africa. Die Eng lnder wagten es nicht, in dem zerrissenen Land, in dem sich Buren und englischstmmige Einwanderer bekmpften, zu investieren; so sprang der Unternehmer aus dem neutralen Alpenland ein. Das einzige, was an die ursprnglich britische Domne erinnert, ist der Name Everite, den Tur ner and Newall vorgesehen hatte und den die Schweizer, ohne Einwnde zu machen, bernahmen. Ja, die Tarnbezeichnung konnte ihnen nur recht sein. Die Brder Schmidheiny legten im Krieg in ihren Fabriken riesige Kohlenvorrte an, damit die Werke weiterproduzieren konnten. Obwohl klar war, auf welcher Seite der kriegfhrenden Mchte die Heerbrugger standen, nutzten sie dennoch ihre Vorteile: so kauften sie Kohle von den verhaten Nazis, saubillig, wie sich Sir Max erinnert, und betrieben gar zusammen mit den Deutschen eine Asbestmine in Jugoslawien, um den Nachschub der kostbaren Faser mglichst lange sicherzustellen. Die Be deutung des Eternits wuchs nmlich in der Gruppe zusehends. Von den wenigen Prozent in der SAIAC kletterte der Produktionsanteil der inter national ttigen Schweizer im Laufe der nchsten fnfzehn Jahre auf mehr als einen Drittel! Weil wir eben den Mut hatten und investierten!, kommentiert der Groindustrielle mit blitzenden Augen. Auch die andern Sektoren des Wirtschaftsimperiums produzierten dank der Vorsorge: Weil wir Energie hatten, um unsere Zementfabriken zu betreiben, liefer ten wir den Alliierten den begehrten Zement von Gibraltar bis Mur mansk. Da die Schmidheinys Strategen sind und imstande, ber das Gesichtsfeld ihres Gemeindekirchturms hinaus zu blicken, beweist auch der Entschlu, den die Brder Max und Enqst kurz nach dem Ausbruch des Krieges faten: Ernst zog mit seiner Familie und seinen Mitarbeitern in die Westschweiz, nach Celigny im Kanton Genf, weil die Brder mit ei nem Angriff der Deutschen auf die Schweiz rechneten. Sollte das Land geteilt werden, wie eines der Szenarien der Global-Schachspieler aussah, so konnte Max die Festung in Heerbrugg halten, whrend Ernst die Inter essen der westlichen Hlfte der Schmidheiny-Firmengruppen wahren sollte. Obwohl er sich vom Kriegsverlauf aus als nicht ntig herausstellte, erwies sich der Schritt als auerordentlich weitsichtig. Der welsche Ein flu, das gallische Flair begannen das bis anhin von deutschschweizeri scher Nchternheit gekennzeichnete Wirtschaftsreich mitzuprgen. In gu ter Familientradition hatten die Geschwister zwar die Geschftsbereiche aufgeteilt, es gab jedoch weiterhin berschneidungen und Verbindungen. Berlin, nach dem Krieg in Trmmern, erwies sich als Prfstein der Risikobereitschaft. Das bedeutende Eternitwerk, von allen Mitgliedern 45 der SAIAC gemeinsam gegrndet und betrieben, war am Boden. Zwar hatte die Fabrik nur einige wenige Bombentreffer aus alliierten Flugzeu gen erhalten, die siegreichen Russen demontierten jedoch die Produk tionsmaschinen, um sie in der Sowjetunion wieder aufzustellen. Soweit kam es aber nicht, die notdrftig verpackten Eternit-Pressen erreichten ihr Ziel nie, blieben irgendwo zwischen Berlin und Moskau liegen. Alle andern, die Belgier, die Franzosen, die sterreicher, hatten den Mut nicht mehr, erinnert sich Sir Max, weil das ganze Zeug ja keinen Wert mehr hatte. Ich war der einzige, der etwas gewagt hat, weil ich den Berlinern helfen wollte, ihre Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Die alten Aktien, er lacht, kaufte ich fr einen Pappenstiel. Ich war der erste Auslnder, der in Berlin wieder investiert hat. Auf meine Frage, wie die ffentlichkeit es aufgenommen habe, da er so rasch nach Kriegsende auf den Ruinen des Hitlerreiches investierte, antwortet er mit der gleichen Selbstverstndlichkeit, mit der er das auergewhnliche Management whrend des Krieges schilderte: D ie Amerikaner halfen ja auch, der Marschallplan lief an, es gab fr Investoren die gnstigen European Re covery Credits. Htten die Russen Berlin berrannt, dann htten wir diese Kredite natrlich nicht mehr zurckbezahlt. Hier spricht der Vertreter einer Aufbaugeneration, einer Generation, die zwei Kriege erlebt hat, nicht auf dem Schlachtfeld zwar, aber doch als Betroffene, weil wichtige wirtschaftliche Interessen der Familie teilweise mitten im Kriegsgebiet la gen. Hier spricht auch der Vertreter einer Generation von Machern, die quasi schrankenlos das realisierte, was realiserbar war. Ein Umweltbe wutsein im heutigen Sinn gab es damals noch nicht, die Grenzen des Wachstums rckten erst Jahrzente spter ins^Blickfeld. Die Parole hie Aufbau, ein weithin zerstrter Kontinent bentigte dringend Wohnun gen fr Millionen von Menschen, Schulen, Straen, Flugpltze. 1949, nach dem Ende der Blockade durch die Russen, begann der Aufbau der Berliner Eternit; im gleichen Jahr verlieen die ersten Platten die Pressen im neu erstellten Werk Tnning bei Hamburg: Asbestzement, der unent behrliche Baustoff fr die nicht immer preiswrdige Nachkriegsarchitek tur, konnte wieder geliefert werden; hektar-, quadratkilometerweise. Der Bedarf sprengt alle Vorstellungskraft! Sieben Fabriken, ber ganz Deutschland verstreut, wurden im Laufe der ach so schnen Nachkriegs jahrzehnte aus dem Boden gestampft. Bis zur groen Eruption Ende der siebziger Jahre waren das Goldgruben, welche die Risikobereitschaft Schmidheinys frstlich lohnten. < Mar Srhmidheinv 47 Whrend unseres Gesprchs bricht pltzlich grelles Sonnenlicht durch den typischen Rheintaler Morgennebel. Die Gemlde von Ferdi nand Hodler strahlen in leuchtenden, satten Farben; blaue Firmamente mit weien Schnwetterwlkchen wlben sich ber majesttische Schwei zer Gebirgsmassive, ber weite, grne und unverbaute Landschaften. Sehnsucht eines alten Industriekapitns nach einer unversehrten Welt ohne Beton und Eternit? Max Schmidheiny ist ein Spartaner. Ohne eine Zigarette anzuznden, ohne ein Tchen Kaffee, unterhalten wir uns ei nen ganzen Morgen lang. Die Erfahrung der Krise whrend des BeinaheKollapses der Unternehmen seines Vaters begleitete ihn offenbar ein Le ben lang. Sparsamkeit - nicht Kleinlichkeit - ist eines seiner Markenzei chen. Da konnte es schon einmal Vorkommen, da er eine Zwanziger marke vom Umschlag wieder ablste, weil zuflligerweise jemand da war, der einen Brief an seinen Bestimmungsort mitnehmen konnte. In Niederumen erinnern sich ltere Mitarbeiter heute noch, wie er whrend vieler Jahre im gleichen alten Amerikanerwagen anfuhr und kein leitender Mit arbeiter es wagte, etwas Besseres zu chauffieren. Prunk und Protz sind ihm ein Greuel, sein ererbter Wohnsitz in Heerbrugg wirkt denn auch al les andere als pomps, sondern solide und dauerhaft. b) Die richtigen Leute Das ist berhaupt das wichtigste, die richtigen Leute am richtigen Platz, sagt Max Schmidheiny. Einen dieser richtigen Mnner traf ich im Zrcher Schmidheiny-Hauptquartier. Ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, der 1984 altershalber in Pension ging, obwohl er sich gerne noch einige Jahre fr Eternit aufgeopfert htte. Dr. Max Graf amtete whrend des letzten Krieges als jngster Quartiermeister seiner Divison. Der strebsame, junge Mann aus einfachen Verhltnissen kam in seiner militrischen Funktion oft in Kontakt mit hheren Offizieren und war be eindruckt, wie er berichtet, von den interessanten Persnlichkeiten mit dem vielen Gold am Hut, darunter auch Anton Schrafl, Schwager der Herren Max und Ernst Schmidheiny. Mit seinem Vorgesetzten Schrafl kam Graf allerdings in Konflikt, weil er trotz Grippe von frh bis spt sei nen Mann stellte. Diese Zhigkeit mochte dem Mitglied des Schmidheiny-Clans freilich besonders imponiert haben. Jedenfalls empfahl er den jungen Juristen seinem Schwager Ernst. Graf stand damals bereits mit der Zrich-Versicherung in Kontakt, weil seine Dissertation die AutoHaftpflicht zum Gegenstand hatte. Die Zrich bot ihm damals uerst grozgige 1000 Franken im Monat; dennoch folgte er dem Vorschlag Ernst Schmidheinys, sich zu einem Gesprch im Buffet Erster Klasse im Zrcher Hauptbahnhof zu treffen. Schmidheiny offerierte mir 500 Fran ken im Monat, erinnert sich Dr. Graf und ergnzt: Minus die gesetzli chen Abzge. Er beeindruckte mich einfach sehr durch seine Art, und dann bot er mir noch die Mglichkeit, ins Ausland zu gehen. In seiner Natrlichkeit und <Generositt>, die sich zwar nicht unbedingt in seinem Lohnangebot zeigte, machte er mir den Entschlu leicht, zumal er einen Namen trug, der einen schon damals fast Achtungstellung annehmen lie. Am 1. Dezember 1944 trat Max Graf in die Dienste der St. Galler Industriellenfamile. Zu seiner Verblffung durfte er seine vierzig Jahre whrende Karriere beim gleichen Arbeitgeber mit einem Monat bezahlter Ferien beginnen. Sie haben ihr Abschluexamen bestanden und die Er holungspause redlich verdient, beschied Ernst Schmidheiny, melden Sie sich nach einem Monat bei Direktor Stoffel in Niederurnen. Stoffel, der es auch auf 40 Jahre treue Dienste bei der Eternit brachte, nahm den frisch gebackenen Doktor der Juristerei eines Montagmorgens in Emp fang und sagte: Wenn Sie schon eine Karriere bei der Eternit machen wollen, dann mssen Sie auch wissen, wie Asbestzement hergestellt wird. Graf arbeitete darauf whrend mehrerer Monate in allen Abteilun gen des Werkes, buckelte Zementscke, formte Blumenkisten, verpackte Fertigprodukte und schaufelte Asbest in Rumen, die zeitweise von Staub und Fasern verdunkelt waren. Damit teilte er das Los a lle r leitenden Eter nit-Mitarbeiter; ich jedenfalls habe keinen gesprochen, der nicht seine Bewhrungsprobe an der Basis der Produktion absolvieren mute. Inklu sive Stephan Schmidheiny, der in Brasilien Asbestscke schleppte. Ir gendein Umweltbewutsein existierte damals nicht, erklrt Max Graf, Staub bei diesen Arbeitsprozessen war sozusagen etwas Naturgegebe nes. Als Graf sich 1968 medizinisch untersuchen lie und der Arzt ihn fragte, ob er jemals in einer gesundheitsgefhrdenden Industrie gearbeitet habe, antwortete er spontan mit nein. Aus heutiger Sicht ist dieses N e gieren jeglicher Gesundheitsgefahr zumindest erstaunlich, denn 1968 er regte Asbest als Killer-Faser in den USA bereits die ffentlichkeit. Kurz nach Kriegsende reiste Graf erstmals fr die Gruppe nach Sd amerika; auf einem spanischen Passagierschiff in 34 Tagen von Cadiz nach Santos. In den kommenden vier Jahrzehnten sollten daraus nicht weniger als 202 Reisen ber den Sdatlantik werden, die er praktisch alle im Dienste der Eternit und anderer Schmidheiny-Interessen absolvierte! 202 Reisen fr einen Arbeitgeber, der ihm rasch schier unbegrenztes Ver trauen schenkte. Er war eben einer, der zu uns pate. Wer nicht mit der 49 Chemie dieses in seiner Form beispiellosen Wirtschaftsimperiums har moniert, mu gehen. In aller Regel mit einer kulanten Abfindung, die den trennenden Schnitt weniger schmerzhaft macht. Graf arbeitete, wenn er nicht in Lateinamerika im Einsatz stand, in Celigny im berraschend klein dimensionierten westlichen Hauptquartier. Ernst Schmidheiny engagierte sich als Unternehmer zwar auch in der Eternitgruppe, bettigte sich jedoch vor allem im Holderbank-Konzern, zuerst als Delegierter, spter als Prsident des Verwaltungsrates. Ais begeisterter Privatpilot trat er 1947 dem Verwaltungsrat der Swissair bei; 1958 bis 1966 stand er gar als Prsident an der Spitze unserer nationalen Fluglinie! Ernst Schmidheiny, der im Mrz 1985 verstarb, grndete eine ganze Reihe von Stiftungen. Fr seine Verdienste um die Schweizer Wirtschaft verlieh ihm die Universitt Genf den Ehrendoktor der Wirtschaftswissenschaften. In Sdamerika sollte Graf zuerst bei der eben erst gegrndeten brasi lianischen Eternit seine Sporen abverdienen, wurde dann aber bald nach Chile geschickt, wo ein Betrieb der belgischen Eternit-Gruppe ums ber leben kmpfte. Da die Belgier und die Schweizer durch gegenseitige Be teiligungen bereits in Europa verbunden waren, lag die Hilfeleistung an die vom Krieg arg mitgenommenen Partner auf der Hand. Graf agierte whrend acht Monaten als Assistent des Verkaufsschefs in Chile und sammelte wertvolle Erfahrungen. Nach der Rckkehr in die Schweiz hei ratete er und avancierte rasch zum Privatsekretr Ernst Schmidheinys; er fhrte unter anderem auch whrend Jahren das Sekretariat der SAIAC und kennt darum die internationale Eternit-Szene wie kaum ein zweiter. Damals wute man nicht so genau, welcher der Brder was machte, sie harmonierten aber perfekt und arbeiteten absolut Hand in Hand. Es war ein vollstndig intuitives Management. Alles war miteinander vernetzt; da gab es Holderbank, die rasch wachsenden Eternit-Interessen, Immobi lien . . . In jenen Jahren war Holderbank der groe, an der Brse kotierte Brocken des Schmidheiny-Imperiums, mit gedrucktem Jahresbericht und 15 prominenten Herren im Verwaltungsrat. Eternit blieb im Schatten und wurde auch im Schatten behalten, wie Dr. Graf erklrt. Es war privat, was bis heute so geblieben ist: Sowohl die Eternit Schweiz wie die Amiantus sind nicht an der Brse kotiertes ausschlieliches Eigentum von Stephan Schmidheiny. Der Asbestzement-Bereich entwickelte sich national und internatio nal nach dem Krieg mchtig. Niederurnen produzierte beim Auftakt zur groen Expansion 800 000 Quadratmeter jhrlich, in den Spitzenjahren so sollte die einheimische Produktion aus Niederurnen und dem 1958 erff n te n zweiten Werk in Payerne 25mal grer werden! Lateinamerika er wies sich als ein Zukunftsmarkt mit unbegrenzt scheinendem Potential. Was in Brasilien begann, zog rasch weitere Kreise nach Venezuela und Kolumbien, wo mit Finanzen und Know-how aus der Schweiz EternitWerke hochgezogen wurden. Wie in Brasilien spannte man auch in den andern Lndern mit lokalen Partnern zusammen: Mit von der Partie wa ren auch immer die Belgier, mit denen man in der Regel die Aktienge meinschaft hielt. Wo die Schmidheiny-Beteiligung grer war, stellten die Schweizer das Management und bestimmten die Geschftspolitik, in den andern Unternehmen die belgischen Partner. Heute ist das europische Kapital in den lateinamerikanischen Gesellschaften in der Regel in der Minderheit: nach der Grndung des Andenpaktes in den sechziger Jah ren untersagten die meisten Regierungen auslndische Majoritten. Wie die Expansion in Lateinamerika ungefhr vonstatten ging, er klrt Max Graf anhand eines Beispiels: 1958 reiste ich nach Ecuador, das war ein Land, wo man dachte, da knnte man vielleicht eine Asbest zement-Industrie aufbauen. Ich sah dann, da dort ein Unternehmen exi stierte, das vor dem Bankrott stand. Die Leute flehten mich an, wir sollten ihnen doch Hilfe leisten. Wir haben dann zusammen eine Gesellschaft ge bildet, eine Kapitalerhhung einbezahlt, und das wurde eine sehr schne Geschftsbeziehung. Aus einem kleinen Unternehmen auf 6000 Quadrat metern, wo wir mit 251 650 Dollar eingestiegen sind, wurde nach und nach ein stolzes Unternehmen. Heute betreibt Eternit zwei groe Fabri ken in Ecuador und gehrt zu den bedeutenden Firmen des Landes. Nach Ecuador folgte 1959 der Sprung nach El Salvador; drei Jahre spter reiste Max Graf nach Guatemala und Costa Rica, wo er im Namen seiner Arbeitgeber Gesellschaften zusammen mit den Belgiern und loka len Partnern grndete. Kaum zu glauben, da Dr. Graf lange Zeit auch noch fr die Interessen der Holderbank Financire, des von Schmidheiny kontrollierten internationalen Zement-Konzerns, in Lateinamerika ttig war. Seine Arbeitslast mu immens, sein Einsatz fr seinen Bo total ge wesen sein! Wo ein Holderbank-Zementwerk hochgezogen wurde, da war in der Regel die Baugrube fr eine Eternit-Fabrik nicht fern . . . Anfangs der sechziger Jahre verhandelte der Schmidheiny-Intimus in Nicaragua: Ich sagte mir, dort mssen wir einmal fhig sein, eine kleine Fabrik zu bauen, denn Nicaragua ist ein kleines Land mit einem beschrnkten Markt. Wir ergriffen die Initative und brachten ein Joint Venture mit lo kalen Partnern unter Dach, sehr gute einheimische Leute. Es wurde nichts Groes, aber etwas sehr Befriedigendes und Gesundes, eingepat in die 51 Bedrfnisse des Landes. Wichtigster finanzieller Partner wurde in einer spteren Phase der Diktator Somoza, nach Dr. Grafs Einschtzung ein in telligenter Mensch, der sich whrend der zwei Gesprche, welche die bei den miteinander fhrten, als sehr gut informiert erwies und immer ge nau die richtigen Fragen stellte. Ein paar wichtige Fragen hat sich der Diktator offenbar nicht gestellt, Fragen vor allem, welche die Verteilung der Reichtmer in seinem Land betrafen. Inzwischen sind er und seine Sippe bekanntlich von der sandinistischenn Revolution hinweggefegt worden. Die Kapitalisten aus der Schweiz sahen sich pltzlich mit einem linksgerichteten, kommunistisch orientierten Partner konfrontiert, der Somozas Eternit-Beteiligungen behndigt hatte. Bis dato funktioniert die Geschftsbeziehung noch; man ist politisch neutral und kann, so ein Ver antwortlicher der Amiantus, nicht jedesmal die Zelte abbrechen, wenn die Regierung wechselt. Dennoch: die Zusammenarbeit mit den Sandinisten ist fr die Schweizer ein Grenzfall. Sicher wrde man in einem solchen Land nicht mehr neu mit einem Engagement beginnen. Max Schmidheiny zum Thema: Am Anfang wollten wir jeweils die Aktienmehrheit haben, von dem sind wir schon lange abgekommen, weil es einem einen Kabis ntzt in diesen Lndern. Wenn irgendein Revoluzzer kommt, wie seiner zeit der Nasser in gypten (wo Schmidheiny seine Anteile an den Staat abtreten mute), dann hat der auslndische Investor gar nichts mehr zu sagen. In Nicaragua, da geht es vorderhand noch weiter, aber das geht ge nau im russischen System. Das wird jetzt ausgehhlt, und in ein paar Jah ren ist das futsch, wird es komplett vom Staat bernommen. Amindus taufte man die Management-Organisation fr Latein amerika, auch dieser Begriff ist von Asbest abgeleitet. Im Laufe der Jahr zehnte stieg die Zahl der Lnder, in denen Eternit-Werke mit Schweizer Know-how, Kapital und anfnglich auch schweizerischem Management entstanden, auf elf an! Neben den groen Lndern Brasilien, Mexiko, Ko lumbien und Venezuela, wo berall mehrere bedeutende Werke produzie ren, entwickelten sich auch die kleineren: Ecuador, Bolivien, El Salvador, Guatemala, Honduras, Nicaragua und Costa Rica. Dazu kommen noch die Staaten, wo man an belgischen Eternit-Unternehmen beteiligt ist. Dr. Max Graf, der fast eine Symbiose mit den Schmidheiny-Brdern einging, gehrt zu einer Generation von Machern, die im Bewutsein, et was Ntzliches zu tun, das Wirtschaftsimperium immer weiter ausbauten. Asbestzement war - das galt als unumstliches Axiom - ein phantasti sches Material (Max Schmidheiny). Man war berzeugt, da man ein gutes Produkt hat, da man es richtig macht, sagt Max Graf, gerade in Lateinamerika haben wir viele Arbeitspltze geschaffen und damit zur lo- 52 kalen Entwicklung beigetragen. Eternit ist ein dem Markt angepates Baumaterial, anders ist sein Erfolg doch gar nicht zu erklren! berflssig zu betonen, da Asbest in Lateinamerika whrend dieser strmischen Aufbauphase keinen Diskussionsstoff bot, es sei denn in po sitiver Hinsicht. Die Faser, die zudem in einzelnen lateinamerikanischen Lndern als nationaler Rohstoff abgebaut wird, galt als exzellentes Roh material. Die Amindus erwarb darum zur Sicherung der Rohstoffbasis zu sammen mit den belgischen Geschftsfreunden und einheimischen Part nern mehrere Asbestminen in Brasilien und Kolumbien. Die Eroberung Lateinamerikas durch die Schweizer Eternit-Kon quistadoren wirkt konzentriert auf einigen Buchseiten handstreichartiger, als sie in Wirklichkeit war. Da gab es immer wieder Rckschlge bedingt durch politische und wirtschaftliche Krisen, da brauchte es einen langen Atem, und einzelne Unternehmen berlebten nur durch regelmige Fi nanzspritzen aus der Schweiz. Weil die Nachfrage tendenziell in allen Lndern bis zum Beginn der achtziger Jahre stieg, mute man die Produk tionskapazitten stetig ausbauen, was die Reinvestition eines Groteils der Gewinne erforderte. Max Graf konnte als Leiter der AmindusGruppe verblffend selbstndig arbeiten: Ich war weitgehend auf mich selber angewiesen. Einmal im Jahr hatte ich mit den beiden Herren Schmidheiny gemeinsam ein Meeting, sonst traf ich, wenn es ntig war, mit dem einen oder andern einzeln zusammen und besprach vieles am Te lefon mit ihnen. Sie trieben mich nicht an, sie lieen mich machen, das Vertrauen war da. Wie Dr. Graf weiter ausfhrt, empfand er das Ganze als eine natrli che Entwicklung. Die Schweizer waren in ^ateinamerika gern gesehene Partner, zumal der Bevollmchtigte der beiden Industriellen diese Latei ner absolut sympathisch findet und sich bei seinen manchmal zwei, drei Monate langen Aufenthalten in Sd- und Mittelamerika sehr wohl fhlte. Die gefundenen Geschftspartner seien heute noch oft seine Freunde. Woher aber die Antriebskrfte, von Land zu Land immer weitere Be teiligungen zu suchen, immer neue Industrien aufzubauen? Das ist ein Gemisch von Motiven, sucht der Vertrauen ausstrahlende Mann zu er klren. Wichtig dabei war sicher eine Art Entwicklungsapostolismus. Auf der andern Seite natrlich auch der Einflu, der Status, den man ge wann, wenn man in einer solchen Schlsselindustrie Aufbauarbeit lei stete. Diesen Status geno Dr. Graf freilich im Stil des fr die Gruppe typischen low profile, er war eher eine graue Eminenz und erschien, wie er mit verhaltenem Stolz anmerkt, kein einziges Mal in der sdameri kanischen Presse. 53 Whrend also die Amindus in Lateinamerika ein Netz von Indu strien aufbaute (darunter Unternehmen auerhalb des Bereichs Asbestze ment), expandierte die Schweizer Eternitgruppe auch in andern Erdteilen krftig. Den Sprung nach Sdafrika haben wir erwhnt; auer mit neuen Beteiligungen in Europa (vor allem in Skandinavien und Italien) weitete sie ihr Engagement im arabischen Raum aus. Auch hier lag man mit dem Baustoff Eternit richtig, zumal Saudiarabien und die andern Staaten, wo man mehrere Asbestzementfabriken aufstellte, dank den immer reichli cher flieenden Petrodollars ambitise Bauvorhaben realisieren konnten. Inzwischen ist freilich auf einige dieser Beteiligungen der Rauhreif gefal len: die italienische Eternit mute, nachdem die Schweizer Muttergesell schaft 60 Millionen Franken zugeschossen hatte, ohne eine Wendung zum Besseren herbeizufhren, im Jahre 1984 Nachlastndung beanspru chen. Die Wirtschaftskrise und eine ruinse berkapazitt hatten zum Desaster gefhrt. Die Zukunft der Eternit S.p.A., Genua, steht in den Sternen. Fr STS ist das Unternehmen so oder so ein Problemfall: NT hat es auf dem italienischen Markt sehr schwer, weil die neuen Produkte teu rer sind als der von der Konkurrenz im berflu produzierte Asbestze ment. Aus Arabien wollte man sich nach jahrzehntelanger Geschftsttig keit wieder zurckziehen, nicht zuletzt darum, weil die Fremdenfeindlich keit dort, so Stephan Sclimidheiny, ein unertrgliches Ma angenommen habe. In letzter Minute entschlo sich Schmidheiny jedoch, seine Beteili gung in der Aminatit genannten Eternit-Firma mit Sitz in Damnam aufrecht zu erhalten, ja sogar zu verstrken. c) Kein Konzern Die schweizerische Eternitgruppe kontrolliert mit einem gewichtigen Aktienpaket (wenn auch fast durchweg mit weniger als 50% des Aktien kapitals) Eternitfabriken in 16 Lndern mit insgesamt 23 000 Mitarbeitern und ist in ebensovielen Staaten an Werken beteiligt, die von andern Eter nit-Gruppen, meist den Belgiern, geleitet werden. Das jhrliche Umsatz volumen der Gruppe betrgt rund 2 Milliarden Franken und entspricht damit ungefhr dem der belgischen Eternit. Ein riesiger Eternit-Konzern also, mit einer Befehlszentrale in der Schweiz? Max Schmidheiny widerspricht energisch: Ich habe immer ge sagt, wir haben keinen Eternit-Konzern! Das ist alles so dezentralisiert mit regionalen Entscheidungsfragen!, mit Mehrheiten an lokalen Kapita lien. Auch Sohn Stephan, der Erbe des Konglomerats von Eternit-Betei- 54 ligungen, betont, da die in der Amiantus zusammengefaten internatio nalen Interessen keinen Konzern im herkmmlichen Wortsinn mit domi nierender zentraler Entscheidungsgewalt darstellten. Die groen Linien werden dennoch vom Hauptaktionr festgelegt, denn immerhin hat Ste phan Schmidheiny dem schwer definierbaren Gebilde, das bis anhin zwi schen 10 und 15% der Welt-Asbestfrderung verbrauchte, seinen Fahrplan weg vom Asbest diktiert. Doch davon spter. Zurck ins Bro von Max Schmidheiny, der whrend unseres Ge sprchs zusehends auftaut und weitere Einblicke in seine Antriebskrfte und Motive, in seine Auffassung von Unternehmertum; seine Ethik ge whrt. Auf den einfachsten Nenner gebracht: ein Sendungsbewutsein, als Unternehmer quasi schicksalshaft an seinen Platz gestellt zu sein, mo tivierte ihn: Ich bin berzeugt, der Schweizer Wirtschaft haben wir groe Dienste geleistet. Auch weltweit ist das, was wir geleistet haben, glaube ich, eigentlich alles positiv. Wir haben geholfen, mit dem, was wir produzieren; wir tragen bei zur Verbesserung des Lebensstandards, auch in den Entwicklungslndern. Er lehnt sich zurck und meint mit einem gelsten Lachen: Es hat eben Spa gemacht, das alles aufzubauen, ohne es an die groe Glocke zu hngen. Beim Eternit sind wir etwa in 35 Ln dern dabei, so genau wei ich das nicht, beim Zement in 22 oder 23 Ln dern. Auf meine Bemerkung, die meisten Unternehmer betrieben eine oder vielleicht zwei Fabriken, seine Familie jedoch offensichtlich etwa hundert, korrigiert er: Ein paar Hundert, ich will es aber gar nicht wis sen. Ich habe seinerzeit allen leitenden Mitarbeitern verboten, da eine Zu sammenstellung zu machen. Bedeutende Industriellen-Familien brihgen immer wieder eine Gene ration hervor, die in kurzer Zeit alles Aufgebaute ruiniert oder verpulvert. Nicht so die Heerbrugger Dynastie: Seit vier Generationen wird das Erbe gepflegt und gemehrt. Der Basis-Standort Schweiz und eine gute Portion an glcklichem Geschick sind weitere Ingredienzien zum erstaunlichen unternehmerischen Erfolg. Whrend des Gesprchs mit Max Schmid heiny kommt mir der leicht wehmtige Spruch in den Sinn, der in der Hatschek-Villa in Vcklabruck fiel: Die Schmidheinys sind halt zwei Weltkriege reicher als wir. Die Hodler-Gemlde und zwei, drei kleine Familienfotos bilden den einzigen Schmuck in Max Schmidheinys Bro; Diplome upd die in einem langen, erfolgreichen Leben unvermeidlichen Auszeichnungen fehlen. Kurz vor dem Aufbruch frage ich den Gastgeber nach seinem Doktortitel. Ich habe zwei, ehrenhalber, einen von der Universitt Basel und den an- 55 dem von der Handelshochschule St, Gallen. Den Dr. h.c. der Uni Basel bekam er, weil er die wissenschaftlich-kritische Ausgabe des Gesamtwer kes des bedeutendsten Schweizer Mathematikers Leonhard Euler durch groe finanzielle Beitrge mglich machte. Wir verewigten ihn zwar auf unserer Zehnernote, wundert sich Schmidheiny, doch das Geld, das epochale Werk des groen Baslers herauszugeben, wollte niemand auf bringen. Die Basler chemischen Industrien sind eben knauserig. Ich brachte das Geld zusammen, weil ich Euler als einen der grten Mathe matiker aller Zeiten schon als ETH-Student bewundert habe. Max Schmidheiny schlo am Polytechnikum mit dem besten Diplom ab; in Mathematik erreichte er die Maximalnote. Pltzlich steht er von seinem Stuhl auf und geht zur langen, hell ge strichenen Front von Einbauschrnken an der Rckseite des Bros. Er ffnet eine der Schranktren, an deren Innenseite suberlich gerahmt ne ben andern Dokumenten seine beiden Ehrendoktor-Urkunden hngen. Auch das ist typisches Schmidheiny-Unterstatement: Man protzt nicht mit seinen Meriten, sondern hngt hohe Auszeichnungen versteckt auf! Er nimmt das Zertifikat der St. Galler Hochschule herunter. Fr groe unternehmerische Leistungen, steht darauf. Daneben hngt die Ehren brger Urkunde des Schanfigger Bergdorfes Pagig, das die Familie seit Jahrzehnten und ohne groes ffentliches Aufheben finanziell unter sttzt. Ein weiteres Dokument ist mit dem libanesischen Staatswappen ge schmckt. Schmidheiny ist Trger des Nationalen Zedemordens, der hchsten Auszeichnung, die der Libanon zu vergeben hat. Diese Ehre ist ihm wegen seiner Verdienste um die Industrialisierung des Libanons zu:eil geworden. Noch heute sitzt er im Verwaltungsrat der dortigen Holderjank-Zementfabrik. Jetzt klopft es an der Tr, Sohn Alexander steht etvas ungeduldig drauen und mahnt den Vater, endlich in sein Bro hiniberzukommen. Alexander tritt als Unternehmer nicht so stark in den /ordergrund wie seine Brder Thomas und Stephan, immerhin hat er krzlich die Firma Toko gekauft und besitzt mit Stephan zusammen im talifornischen Nappa Valley Weinberge. Erstaunt registriert der Vater, la aus der geplanten Stunde fast drei geworden sind. Auf der Galerie hrt er mich dennoch zum Stammbaum seiner Familie, eine weitverweigte, in l gemalte Eiche mit Wurzeln in Heerbrugg und Balgach, dem lrgerort der Dynastie. Die Enkel fehlen noch drauf, kommentiert er, :das mssen wir gelegentlich machen lassen . . . Die Jungen, der Stephan ind der Thomas - der ist ja jetzt mein Nachfolger in der Holderbank -, aachen ihre Sache recht gut. Also ich habe das Gefhl, das wird noch so /eitergehen in der nchsten Generation. 6 DIE RISIKEN 9. Wunderfaser mit Gesundheitsrisiken a) Die Asbestose Ich bin in einer groen Familie aufgewachsen und hatte leider die Mglichkeit nicht, etwas zu lernen. 1939 konnte ich bei der Eternit mit ei nem Lohn von 50 Rappen die Stunde beginnen. Ich hatte keine Wahl und war froh fr diese Stelle. Jenny (die Textilfabrik in Niederurnen) bezahlte ja noch weniger, berichtet der heute 65jhrige Jakob Tschudy (Name ge ndert) in der Stube seines kleinen Hauses in Niederumen im typisch sin genden Glarner Dialekt, ich habe dort alles gemacht, Asbestscke in den Kollergang ausgeleert, fertige Waren verladen, die Hallen mit dem Besen gekehrt. . . Es war eine gute Bude, die Eternit, im Kanton Glarus stand sie immer vorne, aber eben schaffen mute man. Ich habe Tag und Nacht geschafft. Wenn ich die Nachtschicht hatte, so mute ich am Tag ins Holz, fr die Feuerung unserer Wohnung im Winter. Jakob Tschudy at met schwer, manchmal pfeifend. Seine Lunge ist geschdigt durch Asbestfasem; er leidet an Asbestose. Man hat doch gar nicht an eine Gefahr gedacht, sagt er, und man kann auch nicht einfach sagen, das ist wegen der Firma. In Gottes Namen, in den Stollen und Bunkern hatten die Ar beiter die Silikose. Einige von uns haben vom Asbeststaub auf der Lunge die Asbestose bekommen. Da kann man nichts mehr machen! Mein Vater hat 45 Jahre in der Eternit gearbeitet, er hat zwei Jahre frher aufgehrt, weil er etwas auf der Lunge hatte, er ist jetzt 86 Jahre alt. Mein Bruder war 40 Jahre bei der Eternit. Mit dem Schnaufen hat er keine Probleme, er hat etwas an den Venen. Zwanzig Jahre lang beanstandeten die rzte an meinem Schirmbild nichts. Regelmig kam der Schirmbild-Wagen aus Zrich und untersuchte alle Arbeiter. Auf einmal sahen sie diese Lun genkrankheit und sagten: <Das tut uns leid, aber dagegen kann man nichts machen), sie haben zwar die modernsten Medikamente auspro biert, aber es hat halt nichts gentzt. Jetzt brauche ich diese Inhalations Maschine, den Spray und die Pillen. Ja, geraucht habe ich schon, aber jetzt schon lange nicht mehr; um Gottes willen! Mit Sechzig bin ich pen sioniert worden. Noch mehrere bekamen diese Lungenkrankheit, zwei, die ich gekannt habe, sind gestorben. Der Mann, an dessen Hnden die Spuren jahrzehntelanger harter Arbeit deutlich sichtbar sind, spricht in 59 einfachen Worten von seinen Leiden: Ich habe manchmal gedacht, jetzt geht es nicht mehr. Mitten in der Nacht mute ich den Doktor holen. Am besten geht es mir auf 1200 Meter ber Meer; wenn ich herunterkomme, geht das alte Lied wieder los. Was er denn fr Gefhle gegenber sei nem Arbeitgeber hege, frage ich den pensionierten Arbeiter. Nein, gegen die Firma habe ich gar nichts, gar nichts! Die haben ja alles komplett ver bessert, sobald man wute, wie schdlich der Staub ist. Er zeigt auf ein gerahmtes Foto auf dem Buffet: Das ist eine Delegation von der Eternit. An meinem Vierzig-Jahr-Jubilum haben sie mich hier besucht, der D i rektor Krttli, der Herr Spie und ein paar andere. Whrend unseres Gesprchs lacht der Mann immer wieder resi gniert. Er strahlt eine abgeklrte Schicksalsergebenheit aus, eine Wrde, die beeindruckt. Der erwartete Ha auf die Firma ist nicht zu spren; er nimmt sein Schicksal an, das ihm die SUVA-Rente zumindest materiell erleichtert: Die einen erwischt es, die andern nicht! Auf die geliebte Jagd, ja selbst auf das Schieen im Schtzenstand mu er verzichten: Fr mich ist das abgeschlossen, das mu ich aus dem Kopf tun. Am Schlu unseres Gesprchs, das er bereitwillig, ohne Mitrauen gewhrt hat, fhrt er mich ins Schlafzimmer. Auf seinem Nachttisch liegt die Bi?el, daneben ein weier Lappen und ein Flschchen Kirsch: Kirschblt e n sind ein altes Hausmittel, die lege ich auf die Brust, wenn es in der ''lacht gar zu arg wird. Der Glarner Eternit-Arbeiter ist einer von rund 200 Asbestosekrancen, welche die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (SUVA) seit 939 registriert hat. 44 dieser Asbestosen traten bei Eternit-Arbeitern auf, ler Rest in andern asbestverarbeitenden Industrien. Da bei der SUVA iber zwei Drittel aller in der Schweiz ttigen Arbeitnehmer obligatorisch ;egen Berufsunflle und Berufskrankheiten versichert sind, drfte die 'ahl in der Grenordung der Realitt ungefhr entsprechen; sicher gibt s jedoch eine Dunkelziffer. Die Asbestose ist eine durch Asbestfeinstaub hervorgerufene Lunenkrankheit, hnlich der Silikose, welche durch Steinstaub ausgelst drd. Als sogenannt lungengngiger, inhalierbarer Asbest-Feinstaub eiten Fasern, die dnner als 0,003 mm , jedoch ber 0,005 mm bis maxilal 0,1 mm lang sind. Geraten solche Fasern in die Lunge, so wird - wie ei allen Fremdkrpern - ein Abwehrmechanismus ausgelst: die Zellen ersuchen, den Eindringling zu umhllen, aufzulsen oder abzutransporeren. Weil die Asbestfasern der beschriebenen Dimension lnger sind 1s eine Zelle, wird die Zellmembran beim Versuch des Krpers, den naelartigen Fremdkrper zu umhllen, zerstrt, und die Zelle stirbt ab. Die 0 Fasern dringen dann weiter vor und reizen das empfindliche Lungenge webe whrend des Atmens. Folge: In einem nicht restlos geklrten Proze bilden sich Verhrtungen, die sogenannte Fibrose. Der aktive, gesunde, zum Sauerstoffaustausch fhige Teil der Lunge wird kleiner. Der Patient leidet an Kurzatmigkeit, oft an akuter Atemnot. Die meisten Forscher sprechen dem Krokydolith- und dem Amosit- ein greres Gefahrenpo tential zu als dem Chrysotil-Asbest. In der Regel dauert es mindestens zehn Jahre, oft das doppelte oder noch bedeutend lnger, bis eine Asbe stose manifest wird. Die Schdigungen sind irreversibel, eine Heilung ist nicht mglich. Je lnger die Expositionszeit und je hher die Faserkonzentration, desto grer ist das Risiko, an Asbestose zu erkranken (1). Heute betrgt die Faserkonzentration in den Schweizer Eternit-Werken hchstens eine lungengngige Faser pro Kubikzentimeter; in den ersten Jahrzehnten mochten es zwanzigmal, an einzelnen Stellen sogar hundertmal soviel ge wesen sein! Genau wei man das nicht, weil es damals keine Staubmes sungen im heutigen Sinn gab, gar nicht geben konnte: der krankma chende Feinstaub ist nur mit Hilfe moderner Mikroskope sichtbar zu ma chen. Die Erkrankungen von heute sind also das Erbe vergangener Jahr zehnte, in denen kein Staubschutz im heutigen Sinn existierte. Die individuelle Veranlagung spielt eine groe Rolle, noch mehr fal len die Rauchgewohnheiten ins Gewicht: Wie alle einschlgigen Untersu chungen belegen, gehen Raucher ein mehrfach erhhtes Risiko ein, zu er kranken. Bereits 1906, wenige Jahre nach der Erfindung von Asbestze ment also, ist in England erstmals eine asbestbedingte Lungenfibrose durch den Arzt Murray medizinisch beschrieben worden! 1924 beschreibt der ebenfalls englische Mediziner Cook die Asbestose exakter und dia gnostiziert sie als Berufskrankheit. Zunehmend interessiert sich die Fach welt in Grobritannien fr die neue Krankheit, zuml in einer zu Beginn der dreiiger Jahre untersuchten Gruppe von Asbestarbeitem jeder vierte eine asbestbedingte Lungenfibrose aufwies! In den folgenden Jahren ist Asbestose in den meisten europischen Lndern als Berufskrankheit aner kannt worden, in der Schweiz geschah das 1939. Zu jener Zeit erlieen die Behrden in den USA die ersten Empfehlungen zur Begrenzung des As beststaubes. Weil man damals den Einflu der Fasergren noch nicht kannte, schlug man einen Grenzwert von 5 Millionen Partikeln (aller Di mensionen) pro Kubikfu vor, den die Englnder mit 177 Partikeln pro Kubikzentimeter bernahmen. Die Vereinigten Staaaten postulierten so mit als erstes Land (aus heutiger Sicht vllig ungengende) Richtwerte fr Faserkonzentrationen. Und aus den USA kamen dann in den sechziger 61 Jahren die Schockwellen, welche die asbestverarbeitenden Industrien der westlichen Welt erschtterten. Ausgelst hat sie Irving Selikoff, Medizi ner am renommierten Mount-Sinai-Institut in New York. b) Asbest verursacht Krebs Irving Selikoff macht es weltweit publik In dieser Asbestproblematik gibt es rckblickend weniges, das ich bereue oder anders machen wrde. Ich bereue aber, da ich nie zu Seli- <off gegangen bin. Ich habe aktenkundig, da ich im Jahre 1977 oder 78 olante, zu ihm nach New York zu reisen, um ihn kennenzulernen und ihn am Rat zu fragen. Ich bin da von meinen Kollegen in meiner Eternit- 3ruppe und vor allem auch von den belgischen Partnern fast physisch laran gehindert worden, man hat mir dieses Vorhaben mit allen Mitteln lusgeredet; man sagte, jetzt sei ich total verrckt. Stephan Schmidheiny Selikoff, Welt-Autoritt des Fachgebietes <Berufliche Krebserkran<ungen> heute, hier! steht auf einem Plakat im Vorzimmer des Bros /on Irving Selikoff, eine groe Affiche mit einer zur Hlfte weien Fl:he, auf welcher der jeweilige Veranstalter Datum und Ort des SelikoffVbrtrages eintragen kann. Die freundliche schwarze Vorzimmerdame des 3urus der Anti-Asbest-Bewegung bringt mir in einem Plastikbecher Kafee aus dem Automaten. Ich spreche sie auf das Thema Asbest an. Sie l chelt: Ja, das ist Dr. Selikoffs Baby! Man she es in diesem Vorzimmer, auch wenn man's nicht wte. Die Wnde sind beklebt mit Zeitungsarticeln aus der New York Times, Newsweek, der Washington Post and anderen Weltblttern. In keiner Reportage fehlt das Portrait des Vlanries, der die amerikanische Asbestindustrie in den Grundfesten e r sch tterte. Auf zehn Uhr sind wir verabredet; es ist jetzt fnf vor. Um neine Nervositt etwas zu dmpfen, will ich mir einen Zigarillo anstekcen; ein unbersehbares Schild No smoking! hlt mich davon ab. Ich :rinnere mich: Selikoff hat aufgedeckt, da rauchende Asbestarbeiter ein /ielfach erhhtes Krankheitsrisiko eingehen. Wieviel rauchen Sie? iteht auf einem andern Plakat, Vier Zigaretten? Ein halbes Paket? Oder :wei Pakete? Daneben als abschreckende Illustration das Bild einer vom <rebs zerfressenen Lunge, die einem Blumenkohl gleicht. Sie knnen commen, lchelt die Sekretrin und fhrt mich in das riesige, fensterlose Jro des Mannes, den die Asbestindustrie wie den Antichristen frchtet, n der hintersten, rechten Ecke sitzt Irving Selikoff, ein gemtlich ausse- \7 frv itu r fs hender lterer Herr im weien Kittel, der ganz entfernt an Alfred Hitchcock erinnert. Der Direktor des Environmental Science Laboratory der Mount Sinai School of Medicine der City University o f New York ermun tert den Besucher aus der Eternit-Hochburg Schweiz durch ein freund schaftliches just relax, es sich gemtlich zu machen. Selikoff, das sprt man sofort, ist ein Virtuose im Umgang mit Menschen, ein Magier, der die Medien zu handhaben wei und darum immer gut fr eine Schlag zeile ist. Asbest-Krankheiten gab es, iange bevor er sie in den sechziger Jahren zum Weltthema machte, manche rzte haben sich vor ihm damit befat, Abhandlungen darber geschrieben, Vorlesungen gehalten. Die erste groe Untersuchung des agilen kleingewachsenen Mannes wirkte je doch wie ein Paukenschlag, weil es ihm auf Anhieb gelang, seine Bot schaft ber die Medien publik zu machen. Das riesige Echo wre freilich kaum mglich gewesen, wenn sich im Asbest-Problem nicht die Mythen Grokonzern und Krebs vereinigt htten. Im brigen war die Zeit reif fr ein breite ffentliche Diskussion des Themas Berufskrankheiten. Mein Kollege Dr. Hammond und ich haben die Erfahrungen der gesamten kleinen Gewerkschaft von Isolierarbeitern unter die Lupe ge nommen, welche mit Spritzasbest arbeiteten. Mit 17 800 Mann war es im Jahre 1967 eine der kleinsten in den Vereinigten Staaten, beginnt er seine Ausfhrungen, in den nchsten zehn Jahren starben 2271 der Asbest arbeiter; im normalen Bevlkerungsdurchschitt htten 1659 sterben ms sen. Warum die vielen Toten mehr? Well, einige sind an Asbestose gestor ben, nmlich 168. Aber die meisten starben an Krebs. Statt 320, wie man aufgrund dieser Personengruppe htte annehmen mssen, sind es 995 ge wesen! Statt 106 Tote durch Lungenkrebs waren es 468. Statt keine Toten durch Mesotheliom (ein vorwiegend durch Asbest ausgelster Krebs) wa ren es 175! Anschlieend legt er einen ber 700 Seiten starken Folianten auf den Tisch, der den Titel Biological Effects o f Asbestos trgt; auf dem Deckblatt stehen zuoberst die Namen Selikoff und Churg, dann, ab gerckt, einige Dutzend weitere Autoren. Die Titelseite ist geschmckt mit dem Emblem der renommierten New Yorker Akademie der Wissen schaften und trgt die Jahreszahl 1965. Die New Yorker Konferenz, deren Fazit dieses Buch darstellt, ging also vor zwei Jahrzehnten ber die Bhne. Alles, was international auf dem Gebiet der Asbestkrankheiten Rang und Namen hatte, strmte damals in den ehrwrdigen Rumen des 1817 gegrndeten Instituts zusammen. Selikoff, einer der Vorsitzenden der historischen Konferenz, erregte Aufsehen mit einer epidemiologischen Studie ber 1522 Mnner, die mit Asbestisolationen gearbeitet hatten. Un ter den am meisten Exponierten, die ber zwanzig Jahre lang mit Asbest M gearbeitet hatten, fand er siebenmal hufiger Lungenkrebs als in einer Kontrollgruppe aus der normalen Bevlkerung; auch andere Krebsarten kamen bei den unglcklichen Arbeitern gehuft vor. Diese hatten mit Spritzasbest gearbeitet und waren den gefhrlichen Fasern um ein Vielfa ches strker ausgesetzt als die meisten Eternit-Arbeiter whrend der An fangsjahre der Asbestzement-Fabrikation. Dennoch: auch bei Mitarbei tern der Eternit gibt es asbestbedingte Krebsflle. In der Schweiz bis jetzt, S Aif 1Q1Q in c n A C Q m f t V ik u i o g v o u u i k *' Die Befunde aus dieser Hchstrisiko-Gruppe von Isolierern aus New Jersey haben fortan das Image von Asbest geprgt. Am New Yorker Kongre ist wenig von Asbestzement geredet wor den, einem Material, das in den USA nie in groen Mengen produziert worden ist. Mediziner, Geologen, Biologen, Epidemiologen und andere Fachleute prsentierten an der historischen Tagung ihre Forschungser gebnisse; wenn es um Industrien und ihre Produkte ging, dann sprach man vor allem vom Spritzasbest, dem lange als optimal qualifizierten Iso lationsmaterial, von Asbesttextil- oder -pappe-Fabriken und natrlich auch von den Gesundheitsrisiken der Arbeiter in den Asbestminen. Die Eternit-Gewaltigen in den Alpenlndern sterreich und Schweiz, in Bel gien, Frankreich und England glaubten es sich darum leisten zu knnen, den Kongre und folgende Anlsse hnlichen Kalibers zu ignorieren. Ihr jahrzehntealtes Erfolgsprodukt war ja (noch) kaum im Gerede; sie genos sen eine Schonzeit, die krzer war, als sie ahnten. c) Viele Krebserkrankungen durch Spritzasbest Ich habe whrend 28 Jahren in den Schiffswerften von Providence gearbeitet. Ich isolierte Maschinenrume mit Asbest; wir spritzten die Fa sern mit Hochdruck auf Rohre und Maschinenteile, an Decken und Wnde. Nach dem Krieg habe ich das acht Jahre lang nicht gemacht, doch dann ging ich zurck in diesen Beruf und arbeitete fr die Rhode Is land Covering Company. Ich liebte diese Arbeit, weil sie sich von den Jobs in der Fabrik unterschied. Natrlich ging es immer darum, Isolatio nen anzubringen, aber das war nie langweilig. Eine Woche lang arbeitete man zum Beispiel in einer Brauerei, in der nchsten Woche in einem Su permarkt oder in einer Schule, einmal isolierte ich sogar das Wartezim mer eines Beerdigungsinstituts, erzhlt Jake, einer der Patienten im Mount Sinai Hospital in New York (2). Ich fand die Arbeit bis vor fnf, sechs Jahren nicht gefhrlich. Schon vorher begann ich eine Maske zu tra gen, ganz einfach, weil da zuviel Ru und Staub in diesen Heizrumen 65 war. Du denkst einfach nicht, da etwas wie Asbest so gefhrlich sein kann, du vertraust darauf, nimmst es fr sicher, da dein Job einfach nicht so schlecht ist. Schau die Straenarbeiter und andere, die haben alle auch Staub bei der Arbeit, wieso also solltest gerade du dich beklagen? Aber wenn du in diese alten Schulen gehst, diese alten Heizrume, wo die Kamine durchgerostet sind und dich das alte Zeug, die Asbestisolation, beim Herausreien einnebelt, dann schmerzt es. Darum habe ich mir angewhnt, die Maske .zu tragen. Ich fhlte mich gut bis zum letzten Jahr. Ich, ein Mann von 64 Jahren, kletterte die Leitern rauf und runter. Ich wollte weiter arbeiten, weil ich meine Arbeit wirklich liebte; Ich schaute zu mir, trank kaum Alkohol, plante und baute mein eigenes Haus, pflegte meinen Obstgarten . . . Und dann herauszufinden, da . . . Da kommt der Punkt in deinem Leben, wo du nichts mehr tun kannst. Da schaue ich meiner Frau beim Rasenmhen zu, das tat ich frher selbst und kann es jetzt nicht mehr! Ich frage mich, fr was ich berhaupt noch auf der Welt bin. Ich bekam Atembeschwerden anfangs Juni letzten Jahres, dann kam das Fieber. Ich dachte zuerst, das ist wegen der Hitze im Motorenraum, wo ich gerade arbeitete. Wir rissen Asbest heraus, der vor dreiig Jahren montiert worden war. Und dann hielt ich es einfach nicht mehr aus. Man rntgte mich, und meine Lunge war nicht mehr viel anders als ein weier Schatten. Der Arzt sagte mir, ich htte Pleurisy mit Ausflu. Ich bat ihn, mir das zu erklren. Ich habe also ein Pleura-Mesotheliom, ich habe Krebs . . . Natrlich hast du davon gehrt, da es anderen passiert. Und pltzlich (Jake schlgt auf den Tisch), pltzlich trifft es dich selbst. Es ist einfach nicht fair! Ich wei jetzt, da die Schatten fr mich lnger wer den. Ich zhle meine Tage. Ich wei jeden Tag, wenn ich aufstehe, wie es mir geht. Und ich wei jeden Tag, da es mit mir zu Ende geht. Ich sage meiner Frau, um sie zu trsten: <0 ja, ich fhle mich gut.> Dann verlasse ich das Haus, gehe ber die Strae und sehe den Arbeitern in der Abfll station zu. Jake lebt nicht mehr. Er litt an einem Pleura-Mesotheliom, einem Tu mor des Brustfells, der bei der Allgemeinbevlkerung extrem selten, bei Asbestarbeitern jedoch verhltnismig oft auftritt. Mesotheliome kn nen auch im Bauchfell auftreten, was allerdings viel seltener beobachtet wird, und sind praktisch in jedem Fall tdlich. Wie die Asbestfasern den Krebs auslsen, ist auch heute noch nicht geklrt. Man nimmt an, da sich die feinen Asbestfasern von der Lunge aus durch die Gewebe bis ins Lungen- oder Bauchfell bohren, wo sie den Krebs bewirken. Pleura-Me sotheliome werden praktisch immer erst dann diagnostiziert, wenn es zu spt ist. rzte berichten, da vllig normale Rntgenbilder innert weniger 66 Wochen einen flchendeckenden Tumor zeigen knnen! Die Latenzzeit dieser schrecklichen Krankheit kann zwischen fnf und fnfzig Jahren dauern. In der Regel bricht sie zwanzig bis vierzig Jahre nach der Asbest exposition aus. ber das Mesotheliom besteht bereits eine fr Laien un berschaubare Literatur. Obwohl sich eine ganze Reihe von international bekannten Kapazitten mit dem Tumor beschftigten, scheint manches am Mesotheliom noch geheimnisvoll. So sind die Zusammenhnge zwi schen Asbestexposition und dem Ausbrach des Krebses nicht geklrt. In den Lebenslufen von Opfern dieser tdlichen Krankheit zeigt sich mehr heitlich ein ber Jahre oder Jahrzehnte dauerndes Arbeiten mit Asbest; eine kleinere Gruppe der Patienten war jedoch nur whrend Wochen, manchmal sogar lediglich whrend Tagen hheren Faserkonzentrationen ausgesetzt! Noch bedrckender sind die Krankheitsflle, die bei Fami lienmitgliedern von Asbestarbeitern auftraten. Grund: der Vater kam mit den schmutzigen Arbeitskleidern nach Hause und gefhrdete damit un wissentlich die ganze Familie. Wie bei der Asbestose kann der Ausbruch der Krankheit nicht vorausgesagt werden: Arbeiter, die whrend Jahr zehnten enormen Faserkonzentrationen ausgesetzt waren, blieben gesund, Unbeteiligte, die whrend kurzer Zeit exponiert waren, erkrankten 20, 30 Jahre spter! Bei einem Teil der Mesotheliom-Kranken kann kein Kon takt mit Asbest nachgewiesen werden, es ist aber dennoch mglich, da auch sie fr kurze Zeit, ohne sich dessen bewut gewesen zu sein, mit ho hen Dosen von Feinstaub in Berhrung kamen. Wieweit Asbest auch fr einzelne Krebserkrankungen der Speiserhre und des Verdauungstraktes mitverantwortlich gemacht werden kann, ist nicht geklrt (3). Der Gro teil der Experten vertritt die Ansicht, das Asbestfasern in Flssigkeiten unschdlich sind. Individuelle krperliche Eigenheiten spielen bestimmt eine groe Rolle. Im Mount Sinai Medical Center, einem der renommiertesten Insti tute fr die Erforschung der asbestbedingten Krankheiten, geht man jetzt der Frage nach, ob ein geschwchtes Immunsystem fr die Tumoranfl ligkeit mitverantwortlich gemacht werden kann. Entdeckte man doch, da manche Patienten mit groen Tumoren (nicht nur Mesotheliomen) auffallend geschwchte Immunsysteme haben. Eine andere mit Asbest in Zusammenhang gebrachte Krankheit ist der Bronchialkrebs bei Patienten mit Asbestose. Wer an Asbestose leidet, hat auch ein hheres Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken, ein Risiko, das sich sprunghaft erhht, wenn der Erkrankte raucht oder lange ge raucht hat. 67 Die Erfindung beurteilte man als hervorragend, das Material galt als exzellent: Spritzasbest, ein Sammelbegriff fr eine sehr gute Isolation, die gleichzeitig gegen Feuer schtzte. Der Asbestanteil konnte von wenigen Prozent bis zu hundert Prozent reichen (4). In der Regel mischte man die Mineralfasern mit Bindemitteln, zum Beispiel Gips oder Zellulose, und spritzte sie auf. Erfunden 1932 in England, verbreitete sich die Technik rasch in Europa und vor allem in den USA. In der Schweiz isolierte man das erste Gebude damit im Jahre 1936, alles in allem sollten es gegen 4000 Applikationen werden. Eine vergleichsweise geringe Zahl, wenn man sie mit der extensiven Anwendung von Spritzasbest in den Vereinig ten Staaten vergleicht. Sprayte man na, was viel weniger gefhrlich war, so betrug der Anteil hchstens 30 Prozent Chrysotil-, Amosit- oder manchmal auch Krokydolith-Asbest. Wurde trocken gespritzt, so lagen die Asbestanteile meist sehr hoch; die Isolation lockert sich mit der Zeit und entlt mehr Fasern an die Umwelt als eine na aufgespritzte Schicht. In den USA lieferte der Asbest-Gigant Johns-Manville den Lwen anteil des Rohmaterials. Der in Denver domizilierte Konzern betrieb Dut zende von Asbestwerken in den USA und in andern Lndern, und beutete unter anderem die grte Asbestmine der westlichen Welt, die JeffreyMine in Kanada, aus. Vtas Johns-Manville in immer greren Mengen frderte, in Asbestmhlen vermahlte und in Scke abfllte, verbrauchte whrend des Zweiten Weltkrieges vor allem die US-Navy, um die in den Krieg ziehenden Liberty-Ships gegen Brnde zu schtzen. Zu Hunder ten bauten die Amerikaner diese Schiffe und lieen zeitweise jeden Tag in einer der Werften ein Liberty-Schiff vom Stapel. Und alle waren sie ppig mit Asbest isoliert, dem begehrten Mineral, das alle kriegfhrenden Mchte zum strategisch wichtigen Material erklrt hatten. Hunderttau sende von Arbeitern, Selikoff spricht gar von 1,5 Millionen, sind damals sehr hohen Dosen von Asbest-Feinstaub ausgesetzt worden. Die Priorit ten lagen im Krieg anders als in Friedenszeiten. Zwar hatten ein britischer und ein deutscher Arzt bereits Mitte der dreiiger Jahre Krebsformen be schrieben, bei denen sie Asbest als Auslser vermuteten, auch die Asbe stose kannte man lngst, dennoch stufte man die Gesundheitsrisiken der Faser whrend des Zweiten Weltkrieges nicht hoch ein. Damals galt es, mglichst rasch, mglichst viele sichere Schiffe zu bauen. Asbest trug durch seine hervorragenden Eigenschaften wesentlich zur Sicherheit der Schiffe bei: Brnde blieben eher lokal begrenzt. Nach konservativen Schtzungen sind in den USA bis anfangs der siebziger Jahre, als die Regierung das Sprayen von Asbest verbot, eine halbe Million Tonnen Asbestfasern versprht worden; vermutlich jedoch einiges mehr (5). Nach dem Ende des Krieges ging die ppige Anwen dung der Spritztechnik im zivilen Bereich weiter: Man umhllte die eiser nen Trgerkonstruktionen von Wolkenkratzern ebenso wie HeiwasserLeitungen oder Strnge von Elektrokabeln. Spritzasbest galt als funktio nale und zugleich modische Abdeckung fr Decken und Wnde in allen denkbaren Gebuden bis hin zu Spitlern. Die Anwendungen schienen unbegrenzt, nicht nur in den Vereinigten Staaten. In der Schweiz hat man damit ausgedehnte Bereiche des Terminals A des Zrcher Flughafens ebenso isoliert wie Schulzimmer, Sporthallen und Fernsehstudios. Wenn die Asbestisolation nicht beschdigt wird, sind die Benutzer dieser Bau ten kaum gefhrdet; die Faserkonzentrationen sind in der Regel nicht h her als anderswo. Beschdigte Schichten knnen die Raumluft jedoch mit Feinstaub verseuchen, was dort am untolerierbarsten ist, wo sich Kinder aufhalten. Ungleich mehr gefhrdet als die Allgemeinbevlkerung sind die Ar beiter, die mit Spritzasbest umgehen, wenn sie sich nicht durch besondere Ausrstungen schtzen. Das war whrend der groen Zeit dieser Tech nik nicht der Fall. In den sechziger Jahren, zwei Jahrzehnte nach dem Boom in den Schiffswerften, begannen sich darum die Asbestose- und Krebserkrankungen unter den betroffenen Arbeitern zu hufen. In den USA, wo die Technik die breiteste Anwendung fand, forderte Spritzasbest die grte Zahl an Opfern. Auch in der Schweiz sind jedoch verhltnis mig viele Arbeiter erkrankt. Der SUVA-Mediziner Rudolf Schtz er klrt, da der Groteil der 263 bis 1984 in^unserm Land registrierten As besterkrankungen auf Spritzasbest zurckzufhren ist. d) Prozeflut gegen die amerikanische Asbestindustrie Das Unternehmen Johns-Manville hat durch sein Verhalten der Glaubwrdigkeit der gesamten asbestverarbeitenden Industrie nachhaltig geschadet. Irving Selikoff 1972 setzte eine Prozewelle von bis anhin unvorstellbaren Ausma en gegen die amerikanische Asbestindustrie ein, vor allem gegen JohnsManville (heute heit das Unternehmen Manville Corporation), den Hecht im Karpfenteich dieser Wachstumsbranche, die knapp dreihundert Zulieferfirmen umfate. Manville hatte zwar das Material lediglich gelie- 69 eit, verbraucht hat es whrend des Krieges vor allem die staatliche Navy, ;pter ungezhlte Firmen im Baugewerbe. Einer Eigenheit der amerikani schen Gesetzgebung gem, kann in den USA der Arbeitgeber vom Ar beitnehmer wegen Gesundheitsrisiken am Arbeitsplatz nicht angeklagt verden, es sei denn, eine Firma habe ihre Angestellten wider besseres Wissen oder grob fahrlssig gefhrdet. Arbeiter, die Gefahrenzuschlge ikzeptierten, haben berhaupt kein Recht, gegen den Arbeitgeber gerichtich vorzugehen. Leichter angekiagt werden kann der Lieferant eines gehrlichen Materials, wenn er es unterlassen hat, ber die Risiken ausrei chend zu informieren. Johns-Manville war sich offenbar dieser Unterlas sung bewut und legte vorsorglich einige Millionen bereit. Das Unternehnen rechnete mit ein- bis zweihundert Klagen. Es sollten Zehntausende verden! Ausgelst durch Selikoffs Untersuchungen und seine stetige Meiienprsenz, entflammte sich eine heftige Kontroverse um die Schuldrage. So warf die US-Regierung der Firma vor, Asbest wider besseres Wissen ohne Warnungen in rauhen Mengen geliefert und auch die eigeten Mitarbeiter in fahrlssiger Weise exponiert zu haben. Manville sonnte nachgewiesen wdrden, da die Verantwortlichen ihren Mitarbei:ern die medizinische Asbestose-Diagnose verschwiegen, um deren Ar beitskraft mglichst lange nutzen zu knnen und sie nicht vorzeitig in den Ruhestand schicken zu mssen. Das schwer angegriffene Unternehmen ittackierte seinerseits die Regierung, weil diese um die Gefahren lngst gewut und dennoch das Material weiter im groen Stil angewendet nabe. Die US-Navy wute es bereits 1939, erklrte Curtis Linke, der da malige Vizeprsident von Johns-Manville, aber noch 1946 gab sie eine Studie heraus, mit dem beruhigenden Fazit, Sprayasbest sei nicht gesund heitsschdigend (6). Tatschlich ist diese von der amerikanische Regie rung bei der renommierten Harvard School of Public Health in Auftrag gegebene Untersuchung immer wieder zur Entlastung der Verantwortli chen zitiert worden. Der sogenannte Fleischer-Bericht hatte allerdings einen entscheidenden Fehler: Die rzte untersuchten die Werftarbeiter kurz nach ihren Einstzen in den Rmpfen der Liberty-Schiffe und fanJen darum kaum Anzeichen von Krankheiten. Die tckischen Leiden bra chen erst Jahre und Jahrzehnte spter aus. Das Negieren der Verantwortung, das Herumschieben des Schwar zen Peters lieen die Glaubwrdigkeit und das Ansehen der Asbest-Indu strie auf den Nullpunkt sinken und halfen den Opfern nicht. Das AsbestExempel zeigte zudem brutale Lcken im Arbeiterschutz in den USA auf. Etwas Vergleichbares wie die schweizerische SUVA oder die entsprechen- 70 den Versicherungen in Deutschland oder sterreich, wo die Arbeitneh mer obligatorisch gegen Unflle und Krankheiten am Arbeitsplatz versi chert sind und im Schadenfall eine Rente bekommen, gab und gibt es in den Vereinigten Staaten nicht! Diesen Hintergrund mu man kennen, um die Heftigkeit der Kontroverse verstehen zu knnen. Eine Kontroverse, die einige Jahre spter die europische Asbestzement-Szene erschtterte, obwohl Eternit nicht Sprayasbest ist und obwohl Arbeiter in Europa ein viel komfortableres Netz an sozialer Sicherheit genieen als in Amerika. Firmen und Einzelpersonen in den USA, die sich gegen Schden ver sichert hatten, sahen sich mit den fatalen Auwirkungen der langen La tenzzeit der Asbestkrankheiten konfrontiert. Exponiert in den vierziger und erkrankt in den siebziger Jahren, hatten die meisten Arbeiter, aber auch viele Unternehmen inzwischen ihre Versicherungen gewechselt. Welche Versicherung ist nun zustndig? Diejenige, in welche man wh rend der Expositionszeit einzahlte? Oder mu die whrend des Aus bruchs der Krankheit laufende Assekuranz fr die Kosten geradestehen? Als noch komplizierter erwies sich die Lage erkrankter Angehriger von Asbestarbeitern. Sie mssen beweisen, da ihr Leiden mit der Faser im Zusammenhang steht. Tragdien dieser Art beschftigen die amerikani sche Presse seit 1972 immer wieder und liefern Stoff fr vielbeachtete Fernseh-Reports. So macht auch Andrea Kilroys tragischer und empren der Fall die Runde in den amerikanischen Medien und erscheint unter anderem in einer Reportage des Boston Globe Magazine vom I6.Januar 1983: Die Frau aus der Gegend von Boston leidet an einem Meso theliom, weil ihr Vater von 1930 bis 1973 in den staatseigenen Werften von Boston mit Asbest arbeitete. Er spritzte Isolationen auf oder entfernte alte Asbestschichten bei berholungsarbeiten an den Schiffen. Vater Kilroy blieb gesund, brachte aber den Asbeststaub in den Kleidern mit nach Hause. Folge: seine Tochter bekam mit 29 Jahren den verhngnisvollen Krebs des Brustfelles. Andrea Kilroy mu nun einen Teil der Behandlun gen selber zahlen! Sozial- und Invalidenversicherung bernehmen 80% der Kosten, einen Teil des Restbetrages begleicht das staatliche Medicaid-Programm; doch die jhrlichen ungedeckten Kosten machen einen vierstelligen Dollarbetrag aus. Wie Dr. Karen Antmann, eine Mesothe liom-Spezialistin am Sidney-Farber-Krebsinstitut in Boston, sagt, diagno stizierte sie bis 1978 durchschnittlich zwei Flle dieser Krebsform, jetzt seien es zwanzig Flle pro Jahr, darunter immer mehr Angehrige der As best-Arbeiter. Keine der Versicherungen erklrt sich fr zustndig, und auch der Staat, der Frau Kilroys Vater beschftigte, stiehlt sich aus der Verantwortung! 71 Die rechtlichen Kontroversen sorgen in den USA unablssig fr Ge sprchsstoff. Eine stetige Negativwerbung fr Asbest! Aus den hchstens ein paar hundert Klagen, welche die Manville Corporation erwartet hatte, sind bis zum Sommer 1982 gegen 20 000 geworden, pro Monat kamen 500 neue Klagen dazu! Im August 1982 meldete die Manville Corporation Konkurs an, das heit, sie suchte Schutz unter dem Paragraphen 11 des amerikanischen Konkursrechtes, der das Weiterfhren eines vom Bank rott bedrohten Unt '-men ifsicht des Konkursrichters erlaubt. Erneut wogte die Emprung hoch, denn Manville ist nicht pleite. 1981 setzte die Gesellschaft immerhin 2,2 Milliarden Dollar um und verbuchte Gewinne von 35 Milionen. Vermgenswerten von zwei Milliarden Dollar standen Schulden von einer Milliarde gegenber. Die Forderungen der vielen Tausend Klger sind in dieser Bilanz allerdings nicht enthalten. Den Konkurs meldete die Gesellschaft an, um ein weiteres Ansteigen der Klagen-Flut auf geschtzte 50 000 abzuwenden! Allein im Distrikt Boston sind ber tausend Flle hngig, manche schon seit Jahren. Bis jetzt sind landesweit erst wenige hundert vor Gericht gekommen; die Asbest-Fir men suchen sich mit auergerichtlichen Vergleichen aus der Affre zu zie hen. Kam es nmlich zum Gerichtsfall, so hatten die Firmen im Durch schnitt 600 000 Dollar pro Fall aufzwenden. Bei Vergleichen kamen die Beklagten mit rund 40 000 Dollar davon; gut die Hlfte dieser Summen sind Rechtskosten, die grtenteils der Anwalt einsteckt. Die Asbestkata strophe wurde fr Scharen von amerikanischen Anwlten zum blhenden Gewerbe; anders als bei andern Unglcksfllen ist hier die Zahl der Op fer scheinbar unbegrenzt. Ganze Anwaltskanzleien spezialisierten sich auf derartige Flle und leben gut davon. Von einer Entschdigung in der Hhe von 40 000 Dollar bekommt der Patient in der Regel nur 15 000 bis 18 000 Dollar, der Hauptanteil des Restbetrages geht an die Anwlte. Im Kielwasser der Prozewelle klagten viele, deren Krankheiten nicht dem Asbest angelastet werden knnen. Das ganze Drama wird kompliziert durch die Schwierigkeiten der medizinischen Diagnose. Asbestose zu diagnostizieren ist zum Teil eine Frage der Interpretation eines Rntgen bildes. Noch schwieriger wird es beim asbestbedingten Lungenkrebs, der praktisch immer Raucher trifft. Hier stellt sich immer die Frage, ob der Tumor der Faser zuzschreiben ist oder dem bermigen Zigarettenrau chen. Dr. William Wei, Direktor der Abteilung fr Berufsmedizin am Hahnemann Medical College in Philadelphia, ein Fachmann fr Lungen krankheiten, erklrt: Es geschehen eine Menge Ungerechtigkeiten. Viele Leute die keine (asbestbedingte) Schdigung erlitten haben, bekommen Geld, und auf der andern Seite gehen Leute, die Anspruch auf eine Ent- 72 Schdigung htten, leer aus (6). Neunzig Prozent der Klagen seien ge rechtfertigt, lassen die Anwlte der Klger vernehmen, zehn Prozent seien diskutabel. Genau umgekehrt tnt es von der Gegenseite. Das amerikanische Rechtssystem zeigte sich der Lawine von Klagen nicht gewachsen. Im Philadelphia Court of Common Pleas, wo ungefhi gleich viele Flle hngig sind wie in Boston, versuchte man, eine Probe aufs Exempel zu machen, und beschftigte fnf Richter ausschlielich mit Asbestklagen. In zweieinhalb Monaten schaffte das Gericht 14 Flle; in der Zwischenzeit kamen 83 neue herein. Richter Andrew Klein: Selbst wenn wir keine neuen Flle mehr bekmen, wrden wir in diesem Jahrhundert nicht einmal mit den vorliegenden Klagen fertig werden. Die fr Mitteleuroper schwer zu fassenden Zustnde machen Opfer von Berufskrankheiten und deren Angehrige zum Spielball von Rechts anwlten. Ein weiteres Element in diesem entwrdigenden Schauspiel sind die Versicherungen der Asbestproduzenten, die sich aus mannigfa chen Grnden weigern, Zahlungen zu leisten, was die Firmen - gerecht fertigt oder nicht - in den Konkurs treibt und die Opfer schutzlos lt. Die riesigen Lcken im sozialen Netz der USA haben in den Vereinigten Staaten eine Grundsatzdiskussion in Gang gesetzt. Die Regierung solle sich an der Entschdigung beteiligen, fordern die Asbestgesellschaften, zumal viele Krankheitsflle in staatlichen Betrieben auftraten. Andere schlagen ein von Privatwirtschaft und Staat getragenes Versicherungs und Entschdigungssystem vor, das freilich im gegenwrtigen politischen Klima der USA und angesichts des riesigen Lochs in der Staatskasse kaum Chancen auf Realisation hat. Der jetzige Zustand ist fr Hundert schaften von Rechtsanwlten profitabel; von dieser Seite ist also kaum Druck zu erwarten. Eine gewisse Klrung knnte eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofes bringen, der - so sehen es die kompetenten Beob achter der Szene - in absehbarer Zeit jedoch nicht' zu erwarten ist. So wird Asbest in den USA auch weiterhin im Gesprch bleiben. e) Selikoffs bitteres Fazit D ie technischen Mglichkeiten htten ausgereicht, um in den Fa briken und in den Minen kontrollierte Verhltnisse zu schaffen, sagt Ir ving Selikoff, aber die Industrien zogen es lange Zeit vor, ihre Energie fr die Erhhung des Profits einzusetzen. Sie sahen den Sinn von Kon trollen und rigorosen Schutzmanahmen nicht ein und unterlieen es auch, ihre Kunden mit der Notwendigkeit der Kontrollen zu konfrontie- 73 en, weil das eben ihre Verkufe beeintrchtigt htte. Die Asbest-Indu;trie setzte also fr einen kurzfristigen geschftlichen Erfolg das langfriitige Wohlergehen ihrer Betriebe aufs Spiel. Betrachtet man die Ver>rauchszahlen in den USA, die von einem Spitzenwert von 800 000 Tonen pro Jahr auf heute 200 000 Tonnen absackten, dann wird erkennbar, vie sehr die Katastrophe die Asbestindustrie getroffen hat, wie wenig die /ogel-Strau-Politik den Unternehmen langfristig ntzte. Seiikoff hat immer Zahlen zur Hand: Von den Minen abgesehen, sind in den USA von 1940 bis 1980 ungefhr 27,5 Millionen Arbeiter in deutendem Ausma Asbest ausgesetzt gewesen; in der Bauindustrie, in Schiffswerften, in Chemiefabriken, bei der Produktion von Dachpappe, Jer Herstellung und der Reparatur von Bremsbelgen fr Autos . . . Eine iesige Vielfalt von Arbeitsgngen, bei denen die Kontrolle lange Zeit inxistent war. Wir haben also dieses auerordentliche Erbe der Vergangen heit, Ausdruck des Versagens nicht nur der Asbestindustrie, sondern auch Jer zustndigen staatlichen berwachungsorgane. Es ist auffallend, da Seiikoff nur am Rande von Asbestzement spricht, weil dieses Material in den USA wenig Bedeutung hat. Das Erbe Jer Vergangenheit sieht er nicht nur in den Millionen von Arbeitern, die 'rher hohen Staubkonzentrationen ausgesetzt waren und von denen Tau sende an Tumoren erkrankt sind und noch erkranken werden, sondern luch in der enormen Zahl von Gebuden, die mit Spritzasbest isoliert wurden: Gehen Sie hinaus und sehen Sie sich das selbst an! Wo Repara: :uren ausgefhrt, Unterhaltsarbeiten gemacht oder alte Gebude abgeris sen werden, geschieht das auch heute noch meist ohne jede Vorsichts manahme! Arbeiter reien Asbest-Isolationen heraus oder sprengen gar ganze mit Asbest vollgepackte Bauten in die Luft. Sprayasbest ist seit Jah ren in den USA verboten, dennoch werden wir noch whrend Jahrzehn ten damit konfrontiert sein. Seiikoff wirft der amerikanischen Asbest-JnJustrie nicht nur fahrlssiges Handeln wider besseres Wissen vor, son dern konstatiert auch als Folge dieses Mibrauchs einen totalen Verlust an Glaubwrdigkeit. Weil die Asbest-Industrie heute einen derart schlechten Ruf hat, nimmt man es ihr in der ffentlichkeit auch nicht ab, wenn sie positive Manahmen trifft. Verbittert uert er sich ber die Tatsache, da keiner der Asbest-Gewaltigen oder einer seiner Bevoll mchtigten je den Weg zu ihm ins Mount-Sinai-Institut nach New York gefunden habe, um die Probleme mit ihm und seinen Mitarbeitern zu be sprechen und nach Lsungen zu suchen. Vielmehr habe die mchtige In dustrie ihr Potential an Intelligenz darauf verwendet, die Schuld von sich z,u weisen und die Gefahren herunterzuspielen. Schwarzweimalerei? 74 Tatsache ist, da die Manville Corporation heute in den USA als Negativ beispiel dasteht, als Gegenteil dessen, was die Autoren des Bestsellers ln Search o f Excellence, Thomas Peters und Robert Waterman, als Exem pel fr gute Firmenpolitik darstellen. Parallel dazu ist Asbest in den Ver einigten Staaten zu einem gechteten Material geworden. Entscheidenden Anteil an diesem Negativ-Image hatten auch die zum Teil fast ins Unend liche hochgerechneten Zahlen von Krebstoten, die sich glcklicherweise als unrealistisch erwiesen, aber dennoch in den Kpfen des Publikums, von Medienvertretern, Gewerkschaftern und Politikern haften blieben. Ist Selikoff also fr den totalen Bann des umstrittenen Minerals? In den USA gilt die Praxis, die Anwendung gefhrlicher Substanzen zu kon trollieren und nicht, sie zu bannen. Wir haben selbst den Gebrauch von Plutonium nicht gebannt. . . Ob das logisch oder richtig ist, darber kann man debattieren; ich bin der Ansicht, da unsere Praxis im Prinzip richtig ist. Wichtig ist aber, da man die ntigen Kontrollmechanismen etabliert. Und da mu man leider konstatieren, da es bei uns an allen Ecken und Enden fehlt. In den Fabriken und den Minen habe man die Verhltnisse entscheidend verbessert, zumal der Staat inzwischen scharfe Auflagen machte, rumt er ein, fhrt jedoch fort: Auerhalb der Fabrik, bei der Montage, beim Gebrauch und bei der Beseitigung asbesthaltiger Pro dukte beginnen die Probleme! Selikoffs Aussagen schillern vieldeutig. Der Mann, den die Asbestindustrie lange Zeit verdammte, an dessen Lip pen sie dennoch hing und dessen Untersuchungen ihr Schicksal entschei dend mitbestimmt haben, meint pltzlich vershnlich: Sicher, richtig ge braucht ist Asbest ein ntzliches Material. Asbestzement zum Beispiel ist ein wertvoller Baustoff, vor allem in Entwicklungslndern. Er lehnt sich zurck und fhrt nach einer kurzen Pause fort: Die Welt existierte aller dings sehr lange ohne den Gebrauch von Asbest, und sie knnte es mgli cherweise in Zukunft ohne Asbest schaffen. Es gibt nmlich gengend Er satzstoffe. 75 DAS VERDRNGEN 10. Die Eternit-Industrie fhlt sich von der sbest-Diskussion nicht betroffen a) Schweizer Eternit: Sowieso nicht gefhrlich Und dann kam das, ja eben in den sechziger Jahren . . . Vom Herrn 1/ Selikoff hrte ich zum ersten Mal von der Eternit Berlin her. Da hat man gesagt; das ist ein Spinner, der Forschungen macht, damit er Geld be kommt. Wir haben gesagt, Eternit ist sowieso nicht gefhrlich, weil die Fasern im Zement eingebettet sind. Vollstndig ungefhrlich, was ja auch Stimmt. Max Schmidheiny im Herbst 1984 Die Firmenchronik der Schweizer Eternit schildert die strmische Entwicklung der Nachkriegszeit: 1948 bricht man die alten, teilweise aus der Grnderzeit stammenden Pressen in Niederurnen ab und ersetzt sie durch moderne Plattenmaschinen. Drei Jahre spter mu eine neue La gerhalle erstellt werden, weil sich die Produktion seit Kriegsende verviel facht hat. Vous avez dot le canton de Vaud de sa plus belle usine, lobt der waadtlndische Staatsrat 1958 beim Durchschneiden des Seidenban des anllich der Erffnung des Eternit-Zweigwerkes in Payerne. Kurz darauf bergibt die Direktion das neue Forschungslabor in Niederurnen dem Betrieb. Aufgabe dieses Labors war es freilich nicht, Ersatzfasern fr Asbest aufzuspren, sondern neue Appliaktionen fr die Mineralfaser zu suchen, Produkte und Produktionsablufe zu verbessern. Warum sollte man auch ein derart erfolgreiches Material verndern? Ein Material, des sen Bedarf jhrlich um zweistellige Prozentzahlen anwuchs und das man nicht verkaufte, sondern zuteilte, wie gleich mehrere verantwortliche Ma nager aus jener Zeit stolz berichten. Jahr fr Jahr werden neue Hallen aus dem Boden gestampft, Fertigungsstraen fr Rohre und Platten instal liert. In einer Zeit, wo der Bundesrat brsk auf die Bremse treten mute, um die berhitzte Konjunktur etwas abzukhlen, konnte die Eternit Schweiz trotz der ununterbrochenen Investitionsprogramme zweistellige Millionenbetrge als Reserven anlegen. Ein Fettpolster, das sie spter ge -- brauchen konnte. 1961 baut die Eternit die erste Etappe von Fremdarbei ter-Unterknften gleich hinter der Fabrik, denn lngst kann der ausge trocknete Arbeitsmarkt den steigenden Bedarf an Mitarbeitern selbst im 79 lndlichen Niederurnen nicht mehr decken. In Payerne platzte der Be trieb schon vier Jahre nach der Erffnung aus den Nhten, darum instal lierte man eine weitere Plattenmaschine und nahm eine neue Formerei halle in Betrieb. 1964, im Jahr der hoffnungsvoll in die Zukunft gerichte ten Landesausstellung in Lausanne, nimmt die Eternit eine EDV-Anlage in Betrieb. Zur gleichen Zeit beginnt die Fabrikation von Kanalisations rohren aus Asbestzement bis zu einem Durchmesser von einem Meter. Das Gewsserschutzgesetz und der damit verbundene nesige Bedarf fr Zuleitungen in Klranlagen kurbeln den Verbrauch an: Eternit baut auch unter dem Boden seinen Marktanteil aus. Der enorme Bedarf an Infra struktur in den Bereichen Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Na tionalstraen, strkt die Position des Schmidheiny-Imperiums in der Schweiz, einer Wirtschaftsmacht, die auf Zement, Ziegel und Asbestze ment gegrndet ist. Bis 1973 folgt ein Erweiterungsbau auf den nchsten. In jenem Jahr vermerkt die Eternit-Firmenchronik: Die gesamte Hochund Tiefbauttigkeit in unserm Lande erreicht Rekordhhe. Wir mssen - die Rohrfabrik verlngern und den im Jahre 1964 angeschafften Compu ter durch einen leistungsfhigeren ersetzen. Ein Blick in die Internationale Asbestzement-Revue (AC-Revue) zeigt die enorme Anwendungsbreite fr Eternit (1). Die Publikation er scheint in Deutsch, Franzsisch und Englisch und ist das gepflegte Sprachrohr der Eternit-Industrie, die das Periodikum auch finanziell,zu einem guten Teil trgt. Unaufdringlich, an gut dokumentierten Beispielen werden dem fachkundigen Leser die Vorteile und Mglichkeiten des Baustoffes vor Augen gefhrt. Die Nummer 60 vom Oktober 1970 ist dem landwirtschaftlichen Bauen gewidmet. Auer Bauernhfen in Japan, ei ner Zentralmolkerei in Belgien, Schweinestllen in Irland, dem kono miegebude eines bayrischen Frauenklosters und einem Prfzentrum fr Rinder in England ist da auch ein neuer Bauernhof aus dem Kanton Schaffhausen zu sehen, ein rundum mit Eternit eingedeckter Gebude komplex, wie man ihn zu Abertausenden in die helvetische Landschaft setzte: subventionierter Einheitstyp vom Rafzerfeld bis hinauf ins Unter engadin! Geschickt schmeichelt die AC-Revue der Eitelkeit der Architekten, indem sie ihnen die Mglichkeit gibt, ihre Werke in einer internationalen Fhiblikation vorzustellen. Beliebt ist die Rubrik Huser von Architek ten, in denen Meister ihres Faches, oder solche, die sich dafr halten, ihre eigenen, selbst entworfenen Wohnhuser prsentieren knnen. Selbstverstndlich immer mit mehr oder weniger Eternit. Da stellt der 80 weltberhmte Egon Eiermann sein Haus vor, da zeigt der Zrcher Lorenz Moser, wie er sich Wohnen mit Hilfe von Eternit vorstellt. Die JanuarNummer aus dem Jahr 1962 stellt Kirchenbauten aus allen Erdteilen vor. Nach einer Missionskirche auf Formosa zeigt Justus Dahinden seine ein fachen Sakralbauten fr Zentralafrika. Eindrucksvoll die Kirche im zr cherischen Effretikon, ein damals hei umstrittenes Werk von Ernst Gisel. Das fcherartige Dach des revolutionr konzipierten Gotteshauses ist mit Asbestzement-Wellplatten eingedeckt. Eternit schtzt den Innenraum einer Wallfahrtskapelle in Mittelfrankreich, deckt die Kirche einer BurenGemeinde in Sdafrika, ist der wichtigste Baustoff einer demontierbaren Kirche in Argentinien. Mit soviel hheren Weihen versehen, konnten die Eternithersteller getrost schlafen! Die Schlupointe zu dieser Nummer der AC-Revue bildet eine Reportage ber die Ventilationsanlage im ppstlichen Audienzsaal in Castelgandolfo. Die Maschinerie arbeitet in einem mit Eternit ausgekleideten Raum. Asbestzement steht, das wird einem beim Durchblttern der AC-Re vue bewut, auch fr die Bausnden der Boom-Zeit. Lieblose, in krze ster Zeit hochgezogene Wohnsilos mit oftmals grauen Eternit-Fassaden dokumentieren das genauso wie de Fabrikhallen mit nicht enden wol lenden Fronten aus gewelltem Asbestzement. Eternit wirkte jedoch auch stilbildend, war zeitgem und reprsen tierte den Funktionalismus der Nachkriegsarchitektur. Kein NierentischArrangement aus den fnfziger Jahren war komplett ohne den typischen Asbestzement-Pflanzenkbel; in keiner Flughafenhalle, keinem groen Entree durften die unverwechselbaren grauen Gefe mit der Wespen taille fehlen, in denen meist Gummibume oder Philodendren mit ge schlitzten Blttern grnten. Eines der Wahrzeichen der nationalen Gartenbauaustellung G-59 am Ende der fnfziger Jahrfe in Zrich war der auf einer leichten Anhhe stehende runde Eternit-Turm. Er steht heute noch - leicht verwittert - im Strandbad Tiefenbrunnen am rechten See ufer. In dieses Szenario tnte, von den wenigsten wahrgenommen, das ferne Donnergrollen aus den USA, die Botschaft, die da hie: Asbest macht krank, erregt Krebs. Vom Herrn Selikoff hrte ich dann einmal, zum ersten Mal von der Eternit Berlin her. Das mu in den sechziger Jahren gewesen sein, erin nert sich Max Schmidheiny, da hat man gesagt; das ist ein Spinner, der Forschungen macht, damit er Geld bekommt. Wir haben gesagt, Eternit 81 ist sowieso nicht gefhrlich, weil die Fasern im Zement eingebettet sind. Vollstndig ungefhrlich, was ja auch stimmt. Dies sagt Max Schmidheiny 1984, und es strt ihn auch nicht, da das Ganze auf Tonband auf genommen und spter zitiert wird. Max Schmidheiny, der von 1933 bis 1967 Delegierter des Verwaltungsrates der Eternit war (whrend sein Bru der Ernst als Prsident des Unternehmens wirkte) und von 1967 bis 1975 das Amt des Prsidenten bekleidete, hat seine Meinung ber Asbest bis heute nicht gendert: Also, das ist ja ein phantastisches Material, Asbest hat einfach hervorragende Eigenschaften . . . Festigkeit. . . Absorptions und Filtervermgen! Ein einmaliges Material! Aber ich sehe natrlich auch, da es heute sehr verfemt ist. Begreifen kann er es dennoch nicht, was dem Asbest und damit auch dem Eternit widerfuhr. Und wie stand es um die asbestbedingten Krankheiten? Das einzige Problem, mit dem ich mich zu befassen hatte, waren die Asbestosen, die es hie und da gab, erinnert sich Max Schmidheiny, wir setzten das gleich mit Silikose. Man sagte damals noch, Silikose sei gefhrlicher we gen des Quarzstaubs in den Festungen und in den Steinbrchen. Asbe stose sah man gar nicht also so furchtbar gefhrlich an. Nicht viel an ders uert sich Dr. Blumer in Niederurnen. Durch das Fenster seiner Praxis sieht er Rohre, Blumenkisten und Wellplatten zu hohen Stapeln aufgeschichtet. Da er in der Nachbarschaft der Fabrik krank werden knnte, diese Sorge hat' er sich nie gemacht. Seit 1934 hat er Wohnung und Praxis hier und seither Generationen von Patienten aus Niederurnen und Umgebung behandelt. Auch er spricht von den vielen Silikosefllen, die aus dem Festungsbau whrend des Krieges herrhrten: Staublungen gehrten damals zur Selbstverstndlichkeit, gesundheitsgefhrdende Ar beiten in Stollen wurden damals etwas besser bezahlt, erinnert er sich. Sechzig werden wir so oder so nicht erleben, hie es damals fatalistisch bei jenen besonders gefhrdeten Berufsgruppen, zu denen man freilich die Eternit-Arbeiter nicht zhlte. Asbestosen habe er auch hie und da ge sehen, aber nicht oft, viel mehr htte er es mit verletzten Arbeitern aus der Eternit und der Textilfabrik Jenny zu tun gehabt. Abgerissene Finger, Quetschungen und Schnittwunden gehrten in jenen Jahren fast zur Rou tine in der Praxis des Arztes. Die Maschinen waren damals, auch das ein Zeichen der Zeit, nicht annhernd so gut gegen Unfallgefahren geschtzt wie heute. Dr. Blumer, der achtzigjhrige Landarzt, der einen Steinwurf von der Eternit-Fabrik entfernt wohnt, beschftigte sich zu jener Zeit vor allem mit dem Problem der Unflle. Mit den hufigen Silikosefllen be gann sich das Bewutsein fr Berufskrankheiten langsam zu schrfen. Dr. Blumer: Ein Vertreter der SUVA sagte mir einmal: <So viele Flle kn- Produktion von Asbestzement- > 82 Wellplatten in Niederurnen nen wir nicht bernehmen, wenn in diesen Stollen so viele Arbeiter ka puttgehen, mu etwas unternommen werden!> Die Asbestose war offenbar weder in der Fabrik noch im Dorf ein gravierendes Problem. Vielleicht zum Teil auch darum, weil in der Forme rei Auslnder im Akkord im Einsatz standen, die drei, vier Jahre wie verrckt geschuftet haben, das Ganze dann nicht mehr ertrugen und heimfuhren, wie der Arzt sich erinnert. Asbestose hat eine lange Latenz zeit. Es ist also sehr wohl mglich, da einzelne Erkrankungen erst viei spter in Sizilien oder Kalabrien zum Ausbruch kam en. . . Heute freilich wre solches kaum mehr mglich, weil unter radikal verbesserten gesund heitlichen Bedingungen gearbeitet wird und alle Mitarbeiter auch nach dem Ende des Arbeitsverhltnisses periodisch untersucht werden. Asbestose und Krebs brachte man hierzulande erst in den siebziger Jahren miteinander in Verbindung, zumindest traten diese Zusammen hnge erst dann ins Bewutsein der meisten praktizierenden rzte. Ein Mesotheliom hat Dr. Blumer vor wenigen Jahren erstmals diagnostiziert: Eine grausige Sache, selbst fr einen Arzt, der in fnfzig Jahren Praxisle ben viel gesehen hat. Der alte Industriekapitn, der greise Arzt reprsentieren ein vergan genes Zeitalter. Ein Zeitalter ohne Waldsterben, ohne Bodenvergiftung, ohne Asbestkrebs. Eine Epoche, in der man von Erscheinungen, ber die heute Primarschler im Bild sind, nichts wute oder nichts wissen wollte. Max Schmidheiny ist als mchtiger Industrieller ein Exponent jener ra. Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein. Haben es die Politiker gewut, die Wissenschafter, die Konsumenten, die Lehrer? Und wenn sie es gewut haben, haben sie laut genug gerufen, damit es eine Welt im Taumel des Wachstums ohne Grenzen hren konnte? b) Selbstsichere belgische Eternit Wir kmpfen fr den kontrollierten Gebrauch von Asbest. Etienne van der Rest, Verwaltungsratsprsident der belgischen Eternit Der Jahresbericht 1983 der belgischen Eternit ist von erlesener Quali tt. Die ersten Seiten zeigen in hervorragenden Farbfotos Beispiele von Schuppen in der Natur. Bei Fischen, Tannzapfen, Schlangen. Als Parade beispiel schmcken die irisierenden schuppenartigen Federn auf dem Rcken des Pfaus den Umschlag des Jahresberichtes. Fast unmerklich 8/1 wechseln im Innern des grozgig aufgemachten Heftes die natrlichen Schuppen in knstliche ber: Dach- und Fassadenschiefer aus Asbestze ment, dem Material, das die belgische Eternit und ihre Besitzer gro und wohlhabend gemacht hat. Etienne van der Rest, Verwaltungsratsprsident des Unternehmens, berreicht mir den Jahresbericht vor dem prasselnden Kaminfeuer im Lesezimmer seines alten Landhauses am Rande von Brs sel. Der herrschaftliche Sitz heit H of Ingendaal (was frei bersetzt heit: H of im Tal der Engel) und liegt in einem ausgedehnten Park mit uralten Bumen und lauschigen Fischteichen. Tatschlich lt sich kaum ein Platz vorstellen, der weiter entfernt wre von den erkrankten amerika nischen Spritzasbest-Arbeitern, die, auf verlorenem Posten stehend, um ein paar tausend Dollar kmpfen, als dieser Herrensitz im Tal der Engel. H of Ingendaal liegt Welten entfernt von Selikoffs Forschungslabor im Zentrum von Manhattan; Etienne van der Rest wird den Namen dieses Mannes erst gegen Ende unseres Gesprchs und nur ganz kurz in den Mund nehmen. Mtterlicherseits stammt van der Rest von der alteinge sessenen Industriellenfamilie Emsens ab, den Grndern der belgischen Eternit. Etienne van der Rest ist ein imposanter, fast zwei Meter groer Mann mit grauen Schlfen. Whrend er ein dringendes Telefon aus dem Eternit-Hauptsitz im Brsseler Welthandelszentrum abnimmt und der Butler auf dem Silbertablett fr ihn ein Perrier und fr mich ein Bier bringt, blttere ich im Jahresbericht. Auf der zweiten Seite nach den Schlangen, den Tannzapfen, den Grteltieren und dem Pfau die Namen der Herren im Verwaltungsrat: Auer Etienne van der Rest Figurieren da natrlich die Namen der beiden Emsens-Brder, Claude und Jean-Marie, die Nachkommen des Grnders, dazu Batpn de Cartier de Marchienne, ein weiterer belgischer Mitbesitzer aus der Crme des europischen Adels. Anschlieend Joseph Cuvelier, einer der Groen der franzsischen Eternit, dann der sterreicher Rupert Hatschek, zusammen mit Fritz Hatschek Besitzer der Ur-Eternit in Vcklabruck. Den Reigen der erlauch ten Namen aus der internationalen Eternit-Szene schlieen Max und Ste phan Schmidheiny ab. Alle sind sie also an der belgischen Firma betei ligt! Diese Verflechtung - Filz, sagen die Gegner - ist typisch fr die weltumspannende Industrie und reicht bekanntlich in die Anfnge der Unternehmen zurck. 1905 ist die belgische Eternit gegrndet worden; statt fr das Patent in bar zu zahlen, berlieen die Emsens den Hatscheks ein Bndel Aktien, Ursprung einer Beteiligung, die man spter ausbaute (2). Die belgischen Industriellen erstellten ihr erstes Asbestze ment-Werk in Haren am Kanal von Willebroek, ideal gelegen fr den Ex port des neuen, begehrten Materials. Als der Erste Weltkrieg begann, pro- 85 duzierte die Fabrik bereits 56 000 Quadratmeter Dachschiefer und Well platten pro Woche. 1926 grndete man die zweite Fabrik in Kapelle-opden-Bois, spter kam ein drittes Werk in der Nachbargemeinde Tisselet dazu. Aus dem Jahr 1910 datiert die Zusammenarbeit mit der franzsi schen Grnderfamilie, den Cuveliers. Diese beabsichtigte in Frankreich ein Eternit-Werk zu bauen; Alfons Emsens schlug vor, das Projekt gut nachbarlich zusammen zu verwirklichen. Etwas spter kam die Geschfts freundschaft mit dem Schweizer Ernst Scnmidneiny zustande, dem nach maligen Prsidenten der SAIAC, des Clubs der Asbestzement-Hersteller. Ausgehend von den nationalen Gegebenheiten unterschied sich die Ge schftspolitik der Belgier von derjenigen der Schweizer. Whrend das Werk in Niederurnen nur wenige Jahre lang exportieren konnte, liegt der Anteil des Exports bei der belgischen Gruppe bis heute hoch (1984 sind fast 60% der Produktion ausgefhrt worden). In Belgien mit seinen Was serstraen und dem Meerhafen Antwerpen knnen preisgnstige Massen gter billig transportiert werden, ein Vorteil, der im Binnenland Schweiz entfllt. Dem Export von Eternit aus der Schweiz standen spter auch die im Vergleich zu andern Lndern hohen Lohnstckkosten entgegen. Die Belgier, exportierten jeweils in ein bestimmtes Land solange, bis die Ton nagen eine Grenordnung erreicht hatten, da es sich lohnte, dort eine Fabrik zu bauen. Die Expansionspolitik der Schweizer Gruppe basierte dagegen allein auf den beiden Sulen Kapital und Know-how. Etienne van der Rest lehnt sich in seinen altenglischen Ledersessel zurck und erlutert anhand eines voluminsen Dossiers die Entwicklung seiner Gesellschaft zur global ttigen Firmengruppe. hnlich wie die Schweizer Eternit hatten die Belgier zwei Gesellschaften gegrndet, eine fr die Beteiligungen in Europa, die Compagnie Financire Eternit und die Eteroutremer fr die Engagements in bersee. In Europa ge hren ihnen, auer den Fabriken in Belgien, Werke in Holland und Gro britannien. Beteiligt sind sie an der Eternit Deutschland, wo Schmidheiny als Hauptaktionr firmiert, an der Eternit Frankreich sowie an einer Ge sellschaft in Luxemburg. Der Geschftsbericht der Eteroutremer belegt die weitreichenden internationalen Engagements in drei Dutzend Ln dern auf dem afrikanischen Kontinent sowie in Mittel- und Sdamerika. Afrika bot sich als Expansionsfeld an, weil Belgien dort seit 1885 das rie sige Territorium Belgisch-Kongo als Kolonie okkupiert hatte. Die dor tige Eternit besteht immer noch, heit jetzt aber notgedrungen, seit der schmerzvollen Befreiung des Gebietes, Eternit du Zare. 91,9865% be trgt der belgische Anteil an diesem Unternehmen, wie der Geschftsbe richt minutis vermerkt (3). Auf die vier Stellen hinter dem Komma 86 knnte man verzichten, sie signalisieren dennoch eine Philosophie: Mari zeigt, was man hat, verbirgt seine Beteiligungen nicht. Bei der Eternit in Costa Rica, die Ricalit heit und von Schmidheiny kontrolliert wird macht die belgische Beteiligung 19,9058% aus. Diese Offenlegung steht in scharfem Kontrast zu den whrend Generationen gebten Gepflogenhei ten der Familie Schmidheiny. Die Amiantus, die Holding fr die ausln dischen Eternit-Beteiligungen der Schmidheiny-Gruppe, ist ein in der f fentlichkeit fast vllig unbekanntes Schattengebilde. Bei den Recherchen zu diesem Report mute ich mehrmals nachhaken, um wenigstens die un gefhren Beteiligungen zu bekommen, wie sie im Anhang des Buches auf gelistet sind. Diese Interessen waren bis dato Privatsache des Schmid heiny-Clans. Mit dem Generationenwechsel ist jedoch ein flliger Gesin nungswandel in Gang gekommen: Stephan Schmidheiny hat damit be gnnen, seine nationalen und internationalen Beteiligungen fr die f fentlichkeit transparenter machen. Beweis fr diesen flligen Schritt isl die Anstellung von Erich Heini; dieser zeichnete in den letzten Jahren er folgreich verantwortlich fr die ffentlichkeitsarbeit der Schweizerischer Nationalbank. Die belgische Eternit ist mit Asbestzement gro geworden und steif sich auch heute auf den Standpunkt, da Asbest in Zement eingebunder kein Problem fr die Gesundheit darstelle. Etienne van der Rest doku mentiert das durch ein weiteres Dossier, das er auf den Salontisch legt AIA steht darauf, was Asbestos International Association heit, ein< in den siebziger Jahren gegrndete, weltweite Interessen- und Kampfge meinschaft der Asbestindustrie, die in 35 Lndern fast 600 Mitglied-Orga nisationen vereint: Vertreter der Minen, er Hersteller von Autobremsen von Dichtungen und Filtern, von Feuerschutz-Textilien und natrlich vor Asbestzement. Prsident der Asbest-Lobby: Etienne van der Rest, de: institutionelle Gegenspieler von Selikoff, wie ihn Stephan Schmidheinj einmal genannt hat. Auf die Gefahren von Asbest angesprochen, erklr van der Rest: Leute, die behaupten, Asbest sei nicht gefhrlich, sind ver rckt! Dann fhrt er, die Verblffung des Gesprchspartners voll ausko stend, nach Sekunden erst weiter: Wir sind aber berzeugt davon, daf man Asbest kontrolliert anwenden und nutzen kann, wie viele ander Substanzen auch. Und dafr kmpfen wir in der AIA. Mit Wegleitunger zur rigorosen Staubreduktion in den Produktionsbetrieben, mit Brosch ren ber den sicheren und richtigen Umgang mit Asbest, mit Tagungei und Seminarien will die Asbestos International durch aktive und kon struktive Arbeit den arg ldierten Ruf der Mineralfaser aufpolieren. Un 8 seine vorher geuerte Ansicht von der Gefhrlichkeit des Asbests zu do kumentieren, legt Etienne van der Rest eine rot angestrichene Seite aus der britischen Bauzeitung Building zuoberst auf die AIA-Dokumentation. Grafisch eingngig werden hier die Risiken aufgezeigt, welchen wir Menschen hienieden ausgesetzt sind. Von 10 Millionen Personen in Indu strielndern werden im Durchschnitt gem einer Studie der Royal So ciety rund 5000 pro Jahr an den Folgen des Zigarettenrauchens sterben, 2000 durch Autounfile, tausend durch Unflle in Haus und Garten. Ge m Building, welches sich auf die Studie der Royal Society beruft, wird dagegen - statistisch gesehen - lediglich ein einziger von diesen 10 Millionen Menschen wegen beschdigter Asbestprodukte sein Leben las sen mssen! Diese in den brigen Lebensrisiken vllig untergehende Zahl betrifft nur die Allgemeinbevlkerung; wrde man auch die Asbestarbei ter einrechnen, die heute die Quittung fr Zustnde von gestern zahlen, kme man auf betrchtlich hhere Werte. Widersprchliche Studien zei gen zudem, da man das alles berhaupt nicht so genau wei. Die Aus wahl an wissenschaftlichen Beweismitteln ist so gro, da jeder das ihm Passende auswhlen kann. Etienne van der Rest gehrt der gleichen Aufbau-Generation wie Max Schmidheiny an. Er ist in Doppelfunktion gleichzeitig Mister Asbestos International sowie einer der wichtigsten Mnner in der belgischen Eternit-Gruppe und damit in Europa wie in bersee Partner von Stephan Schmidheiny. Kein einfacher, wie sich herausstellt. 88 DER WANDEL 11. Stephan Schmidheiny: Krise als Chance Wenn Sie die Produktionskurve fr Eternit nach dem Krieg anse hen, ist das eine der berhmten Parabein, exponentiell, verrckt! Ich habe einmal ausgerechnet, wie lange es bei gleichen Zuwachsraten dauern wrde, bis die Schweiz mit Eternit zugedeckt wre. Ich glaube hundert Jahre. Absurd! Stephan Schmidheiny whrend unseres ersten Gesprches am Pfingstmontag 1984 So habe ich mir einen Kapitalisten nicht vorgestellt. In seinem Haus am oberen Zrichsee sitzen wir zusammen und diskutieren. Stephan Schmidheiny, Mitglied von einem Dutzend Verwaltungsrten, darunter so erstklassige Adressen wie Wild Heerbrugg oder Schweizerische Bankge sellschaft, Besitzer der Eternit Schweiz, der Amiantus und der Distral Holding (die vom Genfersee bis zum Bodensee 1100 Kioske betreibt), sitzt hemdrmlig am Tisch. Aus seinem sensiblen Gesicht blitzen berwache Augen; auch whrend er die Glser mit St.Galler Landwein fllt, der aus dem familieneigenen Rebberg in Heerbrugg stammt, bleibt er prsent, lt er den Gesprchsfaden nicht abreien. Seine Frau Ruth, eine ele gante Aroserin, kritisch, distanziert am Anfang, im Verlauf des Abends immer engagierter mitredend, deckt den Tisch selber auf. Da huscht kein Dienstmdchen herum, weil es in diesem Haushalt kein Dienstmdchen gibt. Butler, Kche und Privatchauffeure sollte ich spter whrend meiner Erkundungsfahrten durch Schmidheinys Firmengruppen immer wieder erleben: anllich von privaten Einladungen bei den lokalen Direktoren. In San Jos in Costa Rica trug in der Villa von German Figueroa del Rio, dem Gerente General, eine adrette junge Hausdame die Gerichte auf, in Direktor Arnis Landhaus am Rande von Johannesburg schaltete und waltete ein diskretes schwarzes Diener-Ehepaar. Andere Lnde, andere Sitten! Die Frau des Schweizer Rockefellers trgt Selbstgekochtes auf: eine erlesene Tomatensuppe, eine feine Pt nach raffiniertem, eigenem Rezept, dazu Mostbrckli, Schwarzbrot und einige delikate Zutaten. Der Gast, der ein Dner in der Grenordnung Rehrcken Baden-Baden er wartet hat, ist verblfft ber so viel Normalitt und Einfachheit. Das ist keine Understatement-Schau, das ist Schmidheinys Lebensart in Reinkul- 91 tur. Das Haus: schn gelegen, gerumig, Qualitt, aber nichts bertriebe nes. Als wir dieses Haus ausbauten - die Liegenschaft gehrte der Fami lie schon seit Jahrzehnten - merkte ich erstmals, da ich eine ffentliche Person bin, erklrt er, hundert Jahre alt ist das Gebude, Teil einer ein stigen Badeanstalt; die Gemeindebehrde hat es in die Kernzone einge teilt. Als der Unternehmer die Liegenschaft umgestaltete, geriet er in die Schlagzeilen. Schmidheiny baut im Naturschutzgebiet, lautete der Vor wurf. Eine Aufsichtsbeschwerde landete bei der Schwyzer Kantonsregie rung, der das Ganze peinlich war, denn das Prozedere war von der Ge meinde korrekt abgewickelt worden. Inzwischen hat sich STS, wie er bei der Eternit respektvoll genannt wird, an seine Rolle als ffentliche Person - wenn auch widerwillig - ge whnen mssen. Als Schmidheiny steht man immer wieder im Rampen licht, denn das Wirtschaftspotential dieser Familie ist fr vlliges Inko gnito ein paar Nummern zu gro. Am 29. Oktober 1947 im Sternzeichen des Skorpions geboren, wuchs Stephan zusammen mit drei Brdern und einer Schwester auf dem Fami liensitz in Heerbrugg auf. Er habe keine besonders harmonische Jugend gehabt, erinnert er sich, ich trug viele Probleme mit mir herum, Fragen ber den Sinn des Daseins beschftigten mich. Ich dachte ber die Bedro hung der Umwelt nach, aber auch ber unsern Reichtum. Ich war sicher weniger Kind als meine gleichaltrigen Kameraden. Dieser Junge, der manchmal wie ein kleiner Erwachsener wirkte, konnte rebellisch sein und seine Umgebung durch Jugendstreiche nerven. Er war viel zu gescheit und langweilte sich in der Schule, darum war er manchmal unruhig und trieb Allotria, kommentiert ein ehemaliger Mitschler, heute in leitender Stellung in der Eternit-Gruppe ttig. In Heerbrugg lebte man gut mit diesem Namen, erinnert sich Schmidheiny. Zwar residierte die Familie sozusagen auf dem Schlohgel, das Volk drunten in der Ebene. Vom Hgel herunter kamen jedoch auch Bauernkinder, die in der Umgebung des Herrensitzes lebten, und mit diesen mischten sich die Unterneh mer-Kinder normal und zwanglos. Vater Max war einerseits die unfa bare Unternehmerpersnlichkeit mit undurchschaubaren und unber blickbaren Besitztmern rund um die Welt, auf der andern Seite aber der Mann mit Brgersinn, der sich im Dorf engagierte, als Schulratsprsident amtete, in mehreren sozialen Gremien Einsitz hatte, den Kanton St. Gal len von 1959 bis 1963 im Nationalrat in Bern als Abgeordneter der Freisin nigen vertrat und last but not least als Besitzer der Firma Wild der grte Arbeitgeber von Heerbrugg war. Was das Sackgeld anbelangte, sind die 90 St/*r>hnn S r h m i r l h p i n i r-> Kinder von ihren Eltern immer kurz gehalten worden. Obwohl Stephans Interesse der Technik galt, verdiente er sein erstes eigenes Geld in der Landwirtschaft, mit der Zucht von Kaninchen nmlich, die er auf den Markt von Altsttten brachte und dafr stolze zwanzig Franken lste: Damit kaufte ich mir einen alten Tff, nicht um damit herumzufahren, sondern um zu sehen, wie der Motor funktioniert. Der sensible und in telligente Bursche, der immer wieder mit dem Gedanken spielte, Pfarrer zu werden, htte das Zeug dazu gehabt, nach der Matur ein ETH-Studium in Angriff zu nehmen. Obwohl - oder weil - der dominierende Va ter der berzeugung war, da ein Ingenieurstudium die beste Basis fr ei nen Unternehmer darstelle, entschied sich der eigenwillige Sohn anders, studierte Jura und machte seinen Doktor mit einem Thema ber die Investitions-Risiko-Garantie, die staatliche Versicherung des Risikos privater Investitionen in Entwicklungslndern. Max Schmidheiny hatte damals im Nationalrat ein Postulat eingereicht, das ein derartiges Gesetz forderte. Der Sohn beleuchtete in seiner Dissertation das Thema kritisch. Warum studierte Stephan nicht Ingenieur? Ich wollte nicht eine natrliche tech nische Gabe am Poly berkultivieren; das wre meiner Ansicht nach ein Fehler gewesen. Eine konsequente, nur auf den ersten Blick einfache Persnlichkeit! Ein Mann mit Ausstrahlung und einem messerscharfen Verstand, immer wieder fhig zu Ironie, die durchaus auch Selbstironie sein kann. Einen Zwang, Unternehmer zu werden, habe es in der Familie nie ge geben. Er knne auch andere Lsungen treffen, erklrte der Vater dem Sohn immer wieder: Ich habe gute Mitarbeiter, und fr euch wird nach menschlichem Ermessen gesorgt sein. Stephan wre vielleicht auch Schriftsteller geworden, wenn es mich nicht in eine Industriellen-Familie <preicht> htte. Schicksal, Vorsehung, das sind fr Stephan Schmidheiny keine leeren Floskeln, er glaubt auch nicht an Zufall. Da er das Problem mit dem Eternit erbte, findet er sozusagen folgerichtig, denn als Skorpion sei er dazu prdestiniert, Nsse zu knacken. Zum Thema Asbest/Eternit hat er einige starke Eindrcke aus der Jugendzeit. Erstmals ist mir das in der vierten oder fnften Klasse be wut geworden, da durfte ich die Fabrik in Niederurnen ansehen, und ich erinnere mich, es war wirklich staubig. Ich hre noch, als ob es gestern ge wesen wre, wie der Vater mit Herrn Krummenacher, dem Technischen Direktor, damals eine Koryphe, sprach und sich nach den Staublungen erkundigte und fragte, ob das ein Problem sei. Er bekam eine sehr beruhi gende Anwort. In diesen Zusammenhang pat auch eine ganz wich- 94 tige Erinnerung aus dem Jahre 1965: Es war an einem Sonntagabend. Der Vater liest ein Buch in der Ecke, wo er immer sa, und wirft es pltz lich mit einem Kraftausdruck und einer Geste des extremen Unmuts quer durch die Stube! Ein hchst unblicher Vorfall! Es war das Buch von Ir ving Selikoff aus dem Jahr 1964, in dem er von den Tausenden erkrankten Asbestarbeitern berichtet. Das war damals, so Stephan Schmidheiny, ty pisch die Haltung der Industrie: Der Selikoff war der <Sauhund>, be zahlt von irgendwelchen Interessengruppen, einer der berhmt werden will. In grter Selbstherrlichkeit negierte man damals wichtige, erste Trendmeldungen, wollte man das nicht wahrhaben, was man heute <big signals>, <groe Signale), nennt. Der Vater wollte (oder konnte) die Zei chen an der Wand nicht sehen; der Sohn sollte sich spter damit bis fast zum Nervenzusammenbruch herumzuschlagen haben. Da Stephan die Eternit-Beteiligungen der Familie erben wrde und Bruder Thomas die Zementgruppe, zeichnete sich, scheinbar zufllig, schon frh ab. Thomas absolvierte sein erstes Praktikum in einer Zement fabrik, weil er unbedingt nach Mexico wollte, und dort betrieb die Hol derbankgruppe Produktionsbetriebe. Wenn du schon ein so faules Stu dium und keinen Militrdienst machst (Stephan wurde wegen einer schnellenden Hfte ausgemustert), dann arbeite wenigstens in den Seme sterferien, erklrte der Vater. Ich absolvierte im Jahre 1969 in Brasilien das Ausbildungsprogramm eines Schichtmeisters. Whrend fnf Monaten arbeitete ich in der Fabrik von So Paulo praktisch an jedem Arbeitsplatz fr zwei, drei Wochen. Ich schleppte ganz wacker Asbestscke aus dem Lager, von Asbestproblemen hat dort kein Mensch irgendetwas gesagt, auch ich nicht, kein Mensch! Htte man darin eine Gefahr gesehen, dann htte man wohl den Kronprinzen der Dynastie nicht zuvorderst an der Asbest-Front arbeiten lassen. Wenn man damals ber Staublungen re dete, dann meinte man die Silikose der Stollenarbeiter, von der es hun dertmal mehr Flle gab, und nicht die Asbestose. Von Asbestkrebs war damals bei der Eternit noch nicht die Rede. Als der zuknftige Erbe des weitverzweigen internationalen Eternit-Konglomerates in Brasilien im Einsatz stand, ging in Lyon - von der Eternit-Industrie praktisch ignoriert - ein wissenschaftlicher Asbest-Kongre ber die Bhne, spter begann es in Schweden zu rumoren. Stefan, der sozusagen bereits die Koffer fr einen Entwicklungshilfe-Einsatz in Uganda gepackt hatte, erlebte eine weitere Fgung: Durch einen Staatstreich ergriff Idi Amin die Macht in Uganda, die Grenzen wurden geschlossen, der Einsatz des Heerbruggers mute abgeblasen werden. Statt dessen flog er nach Sdafrika und absolvierte dort 1973 in der 95 Everite-Firmengruppe ein Jahr praktische Management-Ausbildung. In jener Zeit war es pltzlich klar, da Stefan den Eternit bernehmen wrde; geplant hatte das der Familienrat nie. 1974 stieg er als Verkaufslei ter Schweiz bei der Eternit ein. Der 27jhrige Mann konnte sich seiner neuen Position nicht lange erfreuen. Max Schmidheiny schickte, da er sel ber dazu keine Zeit fand, seinen Sohn nach Schweden, um zum Rechten zu sehen. Rckblickend erkennt STS die Eruption in Nordeuropa als ei nes der ersten big signals. Die kommunistische Fraktion im schwedi schen Reichstag forderte 1972 ein Totalverbot fr Asbest, ein Bann, der ausdrcklich auch fr Asbestzement gelten sollte. Ein Novum, denn bis anhin galten solche Forderungen immer dem Sprayasbest, dessen Anwen dung brigens in diesem Jahr in den USA verboten worden war. Schmidheinys Eternit-Holding betrieb in Schweden eine Rohrfabrik, die Eternitrr, welche durch die in der Schweiz als abstrus eingestuften Forderungen der extremen schwedischen Linken ganz direkt in ihrer Existenz betroffen war. Stephan Schmidheiny setzte sich ins Flugzeug nach Stockholm, nicht ahnend, da das, was er in Schweden whrend einer Woche erleben sollte, seine ganze zuknftige Asbestpolitik prgen wrde. Hautnah er lebte er an pausenlosen Sitzungen mit der Unternehmensleitung der Eternitrr, mit Gewerkschaftern und Regierungsvertretern, welche Spreng kraft die Faser haben konnte, auf der sein in Aussicht stehendes Erbe grndete. Effektiv war es ein Machtkampf zwischen der sozialistischen und der kommunistischen Reichstagsfraktion, und die Kommunisten be nutzten Asbest als politisches Druckmittel, urteilt er heute. Aus der Zeit der Studentenunruhen an der Uni Zrich wute er jedoch aus ureigensten Erfahrungen, was der lange Marsch durch die Institutionen fr die Linke wirklich bedeutet und was es heit, zum Gegenstand politischer Macht kmpfe zu werden. Stephan sa im turbulenten Jahr 1968 im Groen Stu dentenrat - dem Parlament der Universitt - als Abgeordneter des poli tisch rechts stehenden Studentenrings. Schwedenschock nennt er sein Schlsselerlebnis, den eigentlichen Auftakt zu seiner Laufbahn als Industrieller. Zurck in der Schweiz, rief er die Verantwortlichen zusammen und postulierte eindringlich: Meine Herren, was dort oben passiert, das kann auch anderswo geschehen! Der Sohn versuchte es dem Vater und seinem in Jahrzehnten zusammen geschweiten Team von Managern klar zu machen, was da im Anzug war. Max Schmidheiny und seine erprobten Weggefhrten, die eine auf vier Kontinente ausgedehnte, erfolgreiche, auf Eternit gegrndete Wirtschafts gruppe aufgebaut hatten, waren auerstande, die Tragweite der Ereig nisse in Schweden zu erfassen. Der junge Manager erntete, wie er sich er- 96 innert, Reaktionen, die von Unglauben ber Kritik bis zu beiendem Hohn und Spott reichten. Die Kassandrarufe aus Nordeuropa trafen die Eternit-Gewaltigen in der Schweiz und auch die belgischen Partner zu ei ner Zeit glnzender Verkaufszahlen; es schien ihnen einfach unmglich, da auf ihr Erfolgsprodukt ein Schatten fallen knnte. Ein Jahr nach Ste phans Schweden-Visite befate sich der Internationale Metallgewerk schaftsbund (IMF) auf seiner Konferenz ber die Arbeitsumwelt in Oslo mit dem Thema Asbest und sensibilisierte die ffentlichkeit in Nord europa weiter fr das Problem. Fazit der Entwicklung: Verbot fr Asbest zementprodukte in Schweden; die Eternitrr machte pleite! Stephan Schmidheiny erinnert sich, wie sein Vater zu ihm sagte: Ich mag nicht mehr, mach du weiter. Wenige Monate nach dem Schweden schock bernahm der Sohn das Steuer der Eternit Schweiz und Schritt fr Schritt auch die Verantwortung fr die Holdinggesellschaft der interna tionalen Eternit-Beteiligungen. Die formelle Teilung des Erbes unter die Shne Max Schmidheinys geschah 1984; seither ist Stephan rechtskrftig Besitzer aller Eternit-Beteiligungen in der Schweiz und im Ausland. Dort, wo er bereits 1975 verantwortlich war, sorgte er fr Remedur. Etwas vom ersten, was er anordnete, war das Verbot des Besens in den Fabrikhallen, und er schaffte fr die Reinigung Staubsauger an, welche die unsichtbaren Fasern wirkungsvoll beseitigten. Das lste fast eine Palastrevolution aus, erinnert er sich, <jetzt ist er von allen guten Gei stern verlassen), raunten sich die Arbeiter zu. Ich konnte ihnen lange sa gen, da man das Zeug in Schweden verboten habe und eine unserer Fa briken deswegen bankrott gegangen war. Zwar hatte man vor einigen Jahren Absaugeinrichtungen an den Maschinen einbauen lassen, aber sauber im heutigen Sinn war das Werk nicht: Eternit Niederurnen und auch die spter erffnete Fabrik in Payerne waren" so sauber wie der Durchschnitt der europischen Asbestzementfabriken, aber offenbar schwebten in den Schweizer Eternitfabriken mehr der gefhrlichen Fa sern herum als zum Beispiel im Werk der Hatscheks in Vcklabruck. So jedenfalls kann man sich die Tatsache zum Teil erklren, da die Schwei zer Eternit fast dreimal mehr auf Asbest zurckzufhrende Krankheiten verzeichnet als das sterreichische Werk. Bis heute verzeichnet man 44 Asbestosen und 9 asbestbedingte Krebsflle. Wie fhlte sich der junge Erbe eines die Schweiz bei weitem spren genden, riesigen Industriegebildes im Jahre 1975? Die Antwort mu fr Dallas- und Denver-erprobte Zeitgenossen, die ihr Wissen ber das 97 Schalten und Walten von Industriellenfamilien aus amerikanischen Fernsehserien beziehen, unglaubwrdig klingen: Es war eine grauenhafte Be lastung! (Er sagt das betont mit Nachdruck.) Der Rucksack war ja einfach schwer, und ich hatte wirklich viele Probleme damit. Auch das Problem, dazu zu stehen, da das mir gehrt. In einer Ehrlichkeit, die fr seine ge schftliche Umwelt damals schockierend gewesen sein mu, gibt er wh rend unseres zweiten langen Gesprches zu Protokoll: Und was ich ererbt hatte, das war, sagen wir es einmal ganz offen, todkrank, im Kern getroffen wegen des Asbestkrebses. Auer dem Asbestproblem lasteten zwei weitere Hypotheken auf der Industriegruppe. Vater Max Schmidheiny hatte im Top-Management eine kleine Schar Getreuer, denen er zum Teil seit ber dreiig Jahren das Ver trauen geschenkt hatte und die wuten, wie der Karren lief. Zwischen Vater und Sohn waren vierzig Jahre Leere, man hatte es versumt, gute Nachwuchsleute heranzuziehen. Weiter war die Eternit-Gruppe, so der Erbe, berhaupt nicht organisiert. Max Schmidheiny hatte, wie sein Sohn sagt, einen Horror vor Organigrammen. Solange er in der Lage war, das Ganze wirklich zu fhren, klappte es hervorragend, er hat einen Kopf wie ein Computer. Aber als es zu gro, zu breit wurde, ging es nicht mehr. Eternit war und ist kein Konzern, sondern ein dezentralisiert aufge bautes Konglomerat. Das hat viele Vorteile, aber auch negative Seiten. Ein groer Nachteil: t)ie Firmengruppe mit ihren dezentral verteilten Verantwortungen zeigte beim Generationenwechsel keine <Trgheit der Masse>, die ein straff organisierter Konzern gehabt htte. Das verstelte Industriegefge, an dem auer Eternit noch andere Bereiche angehngt waren, schien nach dem Abang von Max Schmidheiny ohne Mitte. Der junge Erbe hatte zwar seine Vorstellungen von der Fhrung der Gruppe, konnte das Vakuum am Anfang jedoch nicht ausfllen. Durch einen Grundsatzartikel vom Januar 1975 in der Asbest-Cement-Revue lie er aufhorchen. Das gepflegte Hochglanzblatt der Branche bildet eine vielbe achtete Plattform fr die Architekten, darunter die berhmtesten dieser Erde; alle haben sie mit Asbestzement gearbeitet. Ab und zu ist es auch Forum fr philosophische Exkurse. Nur: Schlafende Hunde hat diese Zeitschrift nie geweckt. Im allerletzten Moment, als die Spatzen es lngst von den Eternitdchern pfiffen, erwhnte die AC-Revue erstmals das ge sundheitsgefhrdende Potential des Asbests. In ihrer Postille mute die alte Garde aus der Feder ihres neuen Bosses lesen: Im Beruf sind wir stolz auf die wirtschaftliche Expansion - zu Hause wird uns die Proble matik des Wachstums bewut. Im Beruf sind wir stolz ber jede neue Fa brik - privat wird uns klar, da jede Expansion Sauerstoff, Wasser, Grn- 98 flche verbraucht. Im Beruf sind wir stolz auf die Errungenschaften der Bauindustrie - privat schtteln wir den Kopf ber die Hlichkeit unse rer Stdte. Da die Unternehmen des Schmidheiny-Clans die wichtigsten Ingredienzen zu dieser Hlichkeit liefern - Zement, Eternit und Ziegel ist Selbskritik in diesen Stzen nicht zu berhren. Im gleichen Artikel, der mit Marketing & Ethik berschrieben ist, schreibt Stephan Schmidheiny: In der westlichen Welt, geprgt von den antiken und christlichen Philosophien des Abendlandes, liegen dem ethisch positiven Handeln vier Kardinaltugenden zugrunde, wie sie von Thomas von Aquin in An lehnung an Plato formuliert wurden: Gerechtigkeit, Tapferkeit, Klugheit und Migung. Es liegt von vornherein im Wesen des sittlich Guten, da der einzelne Mensch sein Glcksstreben nicht auf seine Person allein be schrnkt, sondern auch seine weitere gesellschaftliche Umwelt mit einbe zieht. Eine beeindruckende Standortbestimmung, doch noch hatte der junge Tycoon die Probe aufs Exempel nicht bestanden. Sich gegen die Manager aus der Generation seines Vaters, die mit Asbestzement groge worden war, durchzusetzen, war schwer: Ich mu ehrlich sagen, das Schlimmste berhaupt ist der Kampf in der eigenen Gruppe, vom Vater angefangen bis hin zu den Managern in den Fabriken im Ausland. Der Vater hat mir zwar nie Prgel in den Weg gelegt. Er wollte es nicht glau ben, er war einfach fundamental anderer Ansicht. Er war berzeugt, da das Asbestproblem bertrieben werde wie anderes auch und da es Vor beigehen werde. Keine schlafenden Hunde wecken war jahrelang die De vise der Gegner in meinen eigenen Reihen. Ich sagte immer: <Hrt ihr es nicht bellen, die schlafen schon lange nicht mehr.> Stephan Schmidheiny und seine Fra^ waren tief betroffen ber die asbestbedingten Krebsflle unter den Eternit-Arbeitern. Ruth Schmid heiny: Du fhltest dich verantwortlich, dem Ganzen nachzugehen; wenn da wirklich eine Krebsgefahr war, dann hattest du als Unternehmer die Verantwortung zu tragen. ber diese Frage haben wir Nchte und Nchte diskutiert. Er, in einem Anflug von Verzweiflung: Bis zum Ver rcktwerden! Was den jungen Bo umtrieb, konnte die gestandene Ma nager-Garde nicht richtig nachvollziehen. STS: Sie machten mich l cherlich, und was mich deprimierte, war, da man ein solches Problem in den Wind schlagen konnte! Das Drama, das sich Mitte der siebziger Jahre in der Unternehmerfamilie ereignete, hat vielleicht nicht gerade shakespearsche Dimensionen, es ist aber ein fast archetypischer Genera tionenwechsel mit einem Vater-Sohn-Konflikt. Die Wucht des Wandels signalisiert zudem die Jahreszahl 1975. Die Opec hatte gerade den lpreis vervierfacht und damit die Weltwirtschaft in die grte Rezession seit 99 Kriegsende gestrzt. In den ersten sechs Monaten von Stephans Einstieg in die Fhrung des Unternehmens sackte der Umsatz um dreiig Prozent ab: die konomische Growetterlage hatte sich mit einem Schlag gen dert. Der notwendige Schritt der lscheiche weckte die Industrienationen aus ihrem Traum vom unbegrenzten Wachstum auf. Wie hat STS diese jhe Abkhlung erlebt? Fast wie man einen Platzregen empfngt, wenn es whrend zwei Stunden schwl war. Fr mich war es immer klar, natur gegeben, da dieses Wachstum ein Ende haben mute. Wichtig war es, da man damit fertig wurde, mit dieser Herausforderung umgehen konnte. Stephan Schmidheiny baut sich jetzt konsequent einen Stab von jn geren leitenden Mitarbeitern auf, er nimmt mit der SUVA Kontakt auf; per Zufall ist einer der Spitzenleute, Dr. Schlegel, ein alter Bekannter, der neben dem Schulhaus in Heeerbrugg wohnte und als Firmenarzt die Be legschaft der Wild medizinisch betreute. STS investierte ein paar Millio nen fr verbesserten Staubschutz und bekam dafr von der SUVA ein Schreiben, in dem man ihm attestierte, da er den Betrieb dem aktuellen technischen Stand gem mustergltig fhre. Ein Aufsteller, der mich in meinen Manahmen bestrkte! Gleichzeitig nahm er Kontakt auf mit Prof. Rttner, dem Chef des Institutes fr Pathologie am Universittsspi tal in Zrich, in dessen Institut die an Mesotheliom gestorbenen EternitArbeiter seziert worden waren, und traf sich mit ihm alle sechs Monate.zu Informationsgesprchen. Schlielich lie er eine Tonbildschau ber die Risiken des Asbests produzieren, die sich jeder Arbeiter ansehen mute, ln der internationalen Asbest- und Eternitszene sah man Stephan Schmidheinys Wirken mit gemischten Gefhlen; besonders die belgi schen Partner taten sich schwer mit dem neuen Kapitn der Eternit Schweiz. Seit dem Fhrungswechsel wehte ein anderer Wind in der Gruppe. STS meint jedoch: Ich wrde es mir leicht machen, wenn ich einfach sagte. Der Papa hat's halt nicht gemerkt, und seit ich da bin, ist al les in Ordnung. Das ist ein Generationenwechsel, und wir sind heute in einer andern Welt als in den sechziger Jahren. Als einen Markstein bezeichnet STS ein Unternehmensleiter-Semi nar, das die Eternit-Gruppe 1976 veranstaltete. Der Chef des Forschungs labors in Niederurnen hatte gerade bekannt gegeben, da man nach mo natelangem intensivem Untersuchen von Hunderten von Fasern keinen Ersatz fr Asbest gefunden habe, weil es einen solchen Ersatz gar nicht geben knne. Das erlauchte Gremium redete ber Sprachregelungen, 100 man unterhielt sich darber, da man den grauen Markenartikel ange sichts der dunklen Wolken am Horizont vielleicht doch gescheiter Faser zement nennen sollte, statt wie seit einem dreiviertel Jahrhundert As bestzement. Einzelne Leute bildeten sich ein, man knnte das Problem auf diese Weise elegant und diskret lsen. Prof. Rttner und ein paar an dere Koryphen saen da. Stephan Schmidheiny: Ich hielt das Schlu wort und erinnere mich noch genau, wie ich den Seminarteilnehmern sagte, da ich aufgrund von intensiven Gesprchen mit unsem Fachleu ten zum Schlu gekommen sei, da man Eternit ohne Asbest nicht herstellen knne. Wichtig sei ein mglichst sicherer Umgang mit der Faser. Im weitern sei politisch fr Asbest zu kmpfen, und im brigen mten wir die Firmenaktivitten diversifizieren, damit wir nicht <alle Eier im gleichen Krbchen) htten. Kurz vorher hatte ich ein Interview mit Selikoff in einer amerikanischen Zeitung gelesen, in dem er verkndete <Asbestos ban not needed>, ein Bann von Asbest sei nicht ntig, wenn man mit der Faser richtig umgehe. Ich war in diesem Moment berzeugt da von, Asbest in meinem Einflubereich nicht zu ersetzen. Die gesamte Chef-Korona atmete auf, endlich hatte der junge Bo wieder auf den Pfad der Tugend zurckgefunden: Eternit konnte das bleiben, was es seit 75 Jahren war. Obwohl die Tagung hervorragend verlaufen war, erin nert sich Stephan Schmidheiny, erlebte ich ein himmeltrauriges Wochen ende. Erst eine Woche spter realisierte ich warum: ich hatte mir etwas vorgemacht; doch in meinem Unterbewutsein hatte es fermentiert. Am 17. Dezember 1976, etwa einen Monat nach dem Seminar, habe ich die paar Leute, die mir geeignet erschienen, zusammengerufen, um mit ihnen das Unmgliche trotzdem zu versuchen. Ich habe die Zielsetzung formu liert und das Innovationsprogramm <NT>, <Neue Technologie), genannt. Die Zielsetzung gilt immer noch, man kann sie heute noch Wort fr Wort unterstreichen. Wir begannen mit nichts anderem als dem Glauben, da wir es schaffen konnten. Ende 1978 produzierten wir erstmals eine asbest freie NT-Platte. 101 12. Pltzlicher Wandel in Deutschland Ich bin wie Naturstein an der Fassade. Darum passe ich auch so harmonisch zu allen natrlichen Baustoffen. Ihre asbestfreie Eterna Schindel. Auch das ist neu bei Eternit 85. Aus einem Inserat der deutschen Eternit im Mrz 1985 a) Die deutsche Eternit, ein selbstbewutes Unternehmen Der oben zitierte Anzeigen-Text signalisiert einen Wandel, den sich die Verantwortlichen der deutschen Eternit vor einem Dutzend Jahren wohl nicht einmal im Traum vorstellen konnten. Whrend Stephan Schmidheiny bereits 1976 sein NT-Programm mit dem Ziel weg vom Asbest formulierte, herrschte an der deutschen Asbestfront noch relative Ruhe. Eine trgerische Ruhe vor dem Sturm, wie sich heraussteilen sollte. Die Eternit stand da als ein strahlendes Unternehmen mit Werken in Ber lin, Neu, Neubeckum, Heidelberg und Neuburg, mit Verkaufsbros und Vertriebslagern berall im Lande, mit 5000 Mitarbeitern und einem im Markt bewhrten Angebot. Der jhrliche Asbestverbrauch war in einer Zeit ungebrochener Baukonjunktur auf stolze 70 000 Tonnen geklettert, der Umsatz auf runde 600 Millionen Mark. Nach dem Krieg zeichnete die Schweizer Industriellen-Familie als Mehrheitsaktionr der Firma; heute hat Stephan Schmidheiny mit einem runden Viertel des Kapitals zwar nicht mehr die Majoritt, aber immer noch das grte Aktienpaket. Eine ganze Reihe von Faktoren begrndeten das gute Image der Firma. Beson deres Ansehen verschaffte sich das Unternehmen, als nach dem Bau der Mauer am 13. August 1961 seine Hauptverwaltung nicht aus Berlin abzog. Whrend eine ganze Reihe von Grofirmen das vermeintlich sinkende Schiff verlieen und ihre Hauptquartiere anderswo aufstellten, blieb die Eternit in der geteilten Stadt. Der Eiserne Vorhang ging genau entlang des Werkgelndes in Berlin Rudow nieder. Rdiger Schwarz, Generalbevollmchtigter der deutschen Eternit, erklrt mir auf dem Dach des hoch aufragenden Zementsilos die Lage der Fabrik. Einen Steinwurf entfernt zieht sich die Mauer durch die trostlose Vorstadtlandschaft, quer ber den Kanal, auf dem man einst Ze- 102 ment aus der DDR herangeschifft hatte. Auf den Wachttrmen in Ruf weite mehrere bewaffnete Volkspolizisten, die uns mit Feldstechern und vermutlich auch mit Richtmikrophonen ins Visier nehmen, was Rdiger Schwarz, der selbst in der Zone aufgewachsen ist, nicht hindert, ein pi kantes Detail zu erwhnen: Die Rhre, welche die Mauer krnt, um das berklettern zu erschweren, besteht aus Asbestzement; Ausschuware aus einem DDR-Werk in Magedeburg. Die Mauer hat fr die Eternit Berlin eine neue Epoche eingeleitet. Weil bis zu jenem schwarzen 13. August ein Groteil der Arbeiter aus der Ostzone nach Rudow pendelte, blieben auf einen Schlag viele Werkpltze leer. Trken, Jugoslawen, Griechen und Angehrige anderer Nationen traten in den folgenden Jahren an die Stelle der Ostdeutschen. Dank den Bundessubsidien, die allen in Berlin ttigen Unternehmen gewhrt wer den, hat sich die Eternit am exponierten Standort gehalten und entwikkelt. Die Lage des Unternehmens nach dem Mauerbau entbehrt aller dings nicht absurder Zge: Die gesamten Rohstoffe - Asbest, Zement und andere Zutaten zur Produktion - mssen aus der Bundesrepublik heran gefhrt und das Endprodukt mu zu 95 % wieder zurckverfrachtet wer den! Nur gerade jede zwanzigste Tonne des hier produzierten Eternits wird in Westberlin verbraucht. Kommt dazu, da mehr als die Hlfte der Arbeiter gar keine Berliner sind, sondern aus Anatolien, vom Peloponnes oder aus Dalmatien stammen. Die Eternit-Produktion erfordert verhlt nismig viele angelernte Krfte; Jobs dieser Art sind bei echten Berli nern selbst bei zweistelligen Arbeitslosenraten nicht sehr gefragt. Doch das reichlich aufwendige Dispositiv funktionierte; und es gelang dem Un ternehmen, unter erschwerten Bedingungen zu einem Modell fr Fort schritt und Arbeitsfrieden zu werden. Eternit galt als besonders solide Firma. Frher als andere fhrte das Unternehmen die Mitbestimmung im Betrieb ein; bereits in den fnfziger Jahren machte man sich Gedanken ber die Vermgensbildung der Arbeiter und gab ihnen die Mglichkeit, zu berdurchschnittlichen Konditionen in ihrem Unternehmen zu inve stieren. Als eine der ersten Firmen ermglichte sie den Mitarbeitern, soge nannte Belegschaftsaktien zu erwerben, attraktive Papiere, die hohe Divi denden brachten. Darlehen von Mitarbeitern an das Unternehmen, ein Novum, warfen gute Verzinsung plus Gewinnbeteiligung ab; in den Spit zenzeiten machten Verzinsung und Bonus 20% pro Jahr aus. All das fr derte die Bindung der Belegschaft an ihr Unternehmen. Einheimische wie Gastarbeiter waren stolz, bei der Eternit zu arbeiten, was nicht nur fr Berlin, sondern fr alle Zweigbetriebe in der Bundesrepublik galt. Politi ker beehrten das Unternehmen mit Besuchen: Der regierende Brgermei- 103 ster machte seine Aufwartung, Bundesminister lieen sich vor Ort die Management-Konzepte und die Produktionstechniken erlutern. Die Hauptaktionre traten ffentlich und in der Firma nie gro in Erschei nung, immerhin besetzten sie leitende Stellen zum Teil mit Schweizern. Max Schmidheiny bestimmte durch seine Position im Aufsichtsrat das auf Konsens begrndete Unternehmensklima mit. Schweizer Brgersinn hat einiges zum unternehmerischen Erfolg beigetragen, erklrt einer der aus Deutschland stammenden Spitzenleute der Firma. Wir waren ungeheuer selbstbewut, erinnert sich Rdiger Schwarz, verwhnt bis zur Arroganz und gehrten zu denen, die mein ten, alle Probleme lsen zu knnen. Die Unternehmensleitung vernahm Selikoffs Botschaft wie ein Signal von einem andern Stern. Das geht uns nichts an, lautete der Tenor in den Chefetagen am Ernst-Reuter-Platz, das ist eine komplett andere Anwendung von Asbest. Die Arbeiter, sen sibilisiert durch fortschrittliche Gewerkschafter, brachten das uner wnschte Thema jedoch Ende der sechziger Jahre im Betriebsrat aufs Ta pet und erreichten, da man die modernsten Gerte zum Absaugen des Asbeststaubes installierte. Damit - davon waren Management und Aktio nre berzeugt - war die Angelegenheit vom Tisch und fr alle Zeiten ge lst. Die Gewerkschaften engagierten sich in jenen Jahren praktisch aus schlielich beim Aushndeln von Tarifen, bei der Verkrzung der Ar beitszeit und der Frage der Ferien. Das Thema Berufskrankheiten klet terte erst um 1975 in der Priorittenliste nach oben, als eine breitere f fentlichkeit den Zusammenhang zwischen Asbest und Krebs zu realisie ren begann. Nicht zuletzt darum, weil sich das neue, in einer umweltbe wuten Aufbruchstimmung gegrndete Umweltbundesamt (UBA) des Themas annahm. Dieses Amt, unter gewaltigem rhetorischem Sperrfeuer der Russen 1974 in Berlin installiert, errang sofort einen sehr hohen Be kanntheitsgrad. Die Grenzen des Wachstums, das epochale Werk des Club of Rome, war gerade in deutscher Sprache erschienen, der Erdl strom drohte zu versiegen. Wie nie zuvor begann man ber Umweltfra gen, ber Nutzen und Schaden der Technik zu debattieren. Die Asbest problematik schob sich unversehens in den Vordergrund, die amerikani sche Spritzasbest-Katastrophe drngte sich als Modellfall fr den leicht sinnigen Umgang mit einem schdlichen Material geradezu auf. Stephan Schmidheiny, der zuknftige Aufsichtsrats-Vorsitzende der deutschen Eternit, erlitt zu jener Zeit seinen Schwedenschock. In den Chefbros in Berlin wie in Niederurnen war man damals jedoch berzeugt, das Pro blem im Griff zu haben. Der Wirtschaftsverband Asbestzement, in dem 104 alle deutschen Hersteller vereinigt sind (Eternit als weitaus grtes Unter nehmen der Branche bestreitet zwei Drittel des Umsatzes), nahm die Ent wicklung von langsam laufenden Trennfrsen fr die Baustellen an die Hand. Die schnell rotierenden Sgebltter verursachten beim Frsen von Eternit groe Mengfen an Asbest-Feinstaub, eine Gefahr, die bis anhin kaum jemand gesehen hatte. Die neuen, von den deutschen Berufsgenos senschaften anerkannten Gerte verursachen bis zu hundertmal weniger Feinstaub als die bis anhin gebruchlichen. Die kostspielige Entwicklung der neuen Arbeitswerkzeuge schaffte Goodwill und einen Vertrauensbo nus, den die Asbestzement-Hersteller spter dringend bentigten. Sie be deutete anderseits jedoch auch das Eingestndnis der Eternit-Industrie, da da etwas war, da es Risiken gab, von denen man bis anhin nichts hatte wissen wollen. Dies war auch die Geburtsstunde des Asbest-Insti tuts fr Arbeits- und Umweltschutz in Neu bei Dsseldorf, das heute Institut fr angewandte Faserstaub-Forschung heit. Das Institut geht auf eine Initiative der Firma Eternit zurck und wird von der Industrie fi nanziert. Leiter ist Prof. Klaus Robock, ein Wissenschafter, der sich durch seine engagierten Voten fr einen kontrollierten Umgang mit Asbest im mer wieder exponierte. Professor Robock verkrperte die damaligen In tentionen der Asbestzement-Produzenten lupenrein: Man wollte alles tun, um die einzigartige Faser, auf der die ganze Industrie ruhte, sicher und damit wieder vollstndig salonfhig zu machen. Stephan Schmidheiny hatte zu jener Zeit bereits seinen fast geheim agierenden NT-Guerillatrupp aufgestellt, hatte sich vom Asbest losgesagt, ohne Ersatzstoffe zu kennen. Noch vermochte er sich in den internationa len Bereichen seiner Eternit-Gruppe nicht durchzusetzen. Es brauchte also strkeren Druck von auen, um eine durch die Konjunktur ver whnte, von sich selbst berzeugte Industriegruppe vom bequemen, alten Kurs abzubringen. b) Ein Bericht und seine Folgen Wir bildeten uns ein, wir htten es geschafft, erinnert sich Rdiger Schwarz, unser Institut zhlte mit den modernsten Gerten Asbestfasern und bewies aller Welt, wie niedrig die Konzentrationen jetzt in unsern Fa briken lagen. Meist um einiges tiefer als der gesetzlich vorgeschriebene Wert von maximal einer Faser pro Kubikzentimeter Luft. Wir waren ber zeugt, da dieser Fortschritt zusammen mit den neuen Gerten fr die Baustellen den Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen mute! Die 105 groe Illusion erhielt 1979 Auftrieb durch einen Forschungsbericht des Bundesministeriums fr Forschung und Technologie. In Zusammenarbeit mit der Asbestzement-Industrie hatten staatliche Ingenieure eine breite Palette von Ersatzstoffen von Holzschliff bis Polythylen durchgekmmt und geprft. Fazit: Die vorgelegten Versuchsergebnisse, insbesondere auch die Auswertung der Materialprfdaten, zeigen, da eine Substitu tion von Asbest durch andere Fasern ( ...) zur Zeit nicht mglich ist (1). Nach den Direktiven Stephan Schmidheinys begann zu jener Zeit die Schweizer Zentrale in enger Zusammenarbeit mit der deutschen Eternit mit dem Erarbeiten des sogenannten Safe conduct, einer bis in die kleinsten Details gehenden Anleitung fr alle mit Asbest zusammenhn genden Arbeitsgnge. Das Kompendium, das Safety manual, ist seit ei niger Zeit fertiggestellt und bindend fr alle von Schmidheiny kontrollier ten Eternit-Fabriken. Jeder Arbeiter, ob . in Neu, Payerne oder So Paulo, mu diese Vorschriften befolgen; ein Kontrollsystem sorgt fr das Einhalten der rigorosen Sicherheitsnormen. Das Ministerium fr Arbeit und Sozialordnung erarbeitete inzwischen eine Liste mit 43 krebserzeu genden Arbeitsstoffen, in der Asbest, schon des Alphabetes wegen, an der Spitze figurierte. Sptestens jetzt war Asbest, ob zu Isolationszwecken versprht oder in Zement eingegossen, suspekt. Verschiedene Ausschsse begannen, das zunehmend virulente Thema zu behandeln. Wie in der Bundesrepublik blich, arbeiteten,in diesen Gremien Spezialisten der entsprechenden Fachgebiete sowie Ver treter der Regierung, der Arbeitnehmer und Arbeitgeber zusammen. Weil die asbestverarbeitende Industrie tarifpolitisch der chemischen Industrie angeschlossen ist, gaben Delegierte dieses Wirtschaftszweiges in den Aus schssen den Ton an. Ihnen konnte die chtung der Mineralfaser nur recht sein, konnten sie sich doch dadurch in einem schrumpfenden, erbit tert umkmpften Markt Terrainvorteile ausrechnen. Im Ausschu fr ge fhrliche Arbeitsstoffe nahm schlielich Professor Robock Einsitz, iso lierte sich jedoch mit seiner berzeugung, Asbest knne mit Hilfe techni scher Vorkehren sicher gehandhabt werden, immer mehr: Die psychologi sche Growetterlage begann sich rasch zu verndern. Dennoch glaubte die Asbestzement-Industrie, das Schlimmste sei jetzt berstanden. Die Verordnung ber krebserregende Arbeitsstoffe war unter Dach gebracht; scharfe Auflagen lieen die Verantwortlichen hoffen, Eternit knne das bleiben, was es seit Hatscheks Zeiten war. Der neue, staatlich geforderte Kleber mit der Warnung Achtung asbesthaltig! mit dem Hinweis auf die Gesundheitsgefahren sah zwar auf dem guten alten Eternit befremd- 106 lieh aus. Wenn er, zusammen mit den brigen Manahmen, die Branche in eine gesicherte Zukunft fhren konnte, fiel es nicht allzuschwer, das Verdikt zu akzeptieren. ' Auf dem Umweltbundesamt empfangt mich Wolfgang Lohrer zu ei nem Gesprch, ein sensibler, jngerer Mann in ausgebeulten Manchester hosen. Ein Angehriger der Generation, die 1968 eine friedlichere, bes sere Welt schaffen wollte, mit fast missionarischem Feuer in den Augen. Er reagiert unglubig, als er erfhrt, da der Generalbevollmchtigte der Eternit mich hieher geschickt hat, damit ich ein plastisches Bild der gan zen Problematik erhalte. Unglubig darum, weil er als Mini-Selikoff gilt, als kologiebewuter Kmpfer gegen wirtschaftliche Interessen. Wolf gang Lohrer ist einer der Autoren des Blauen Berichtes, wie das Werk seines Umschlags wegen genannt wird, ein vom UBA im Jahre 1980 her ausgegebener Report ber die Umweltbelastung durch Asbest und andere faserige Feinstube (2). Die elf Verfasser trugen viel Material zusammen, um den aktuellen Wissensstand zu dokumentieren. Heinrich von Lersner, Prsident des Umweltbundesamtes, schreibt im Vorwort, da es aus Grnden der Umweltvorsorge und aus prventivmedizinischer Sicht not wendig sei, das vom Asbest ausgehende Krebsrisiko zu vermindern; in ei nem zweiten Bericht wolle das UBA dem Bundesminister des Innern ge eignete Einzelmanahmen mit entsprechenden Zeitrumen Vorschlgen. Die Firmenleitung der Eternit hatte kurz vor Erscheinen des Kom pendiums Wind ber dessen Inhalt bekommen und schrieb an den Bundes-Arbeitsminister Herbert Ehrenberg einen Brief, weil vom Umwelt bundesamt eine Existenzbedrohung auf uns zukommt (3). Man ahnte oder wute bereits - , da das progressive UBA ein Verbot von Asbest vorschlagen wollte. Die Arbeitnehmervertreter im Firmen-Betriebsrat er klren im gleichen Schreiben: Wir Betriebsrte und alle Kolleginnen und Kollegen haben die groe Sorge, da die Konsequenzen aus einer verffentlichten Verbotsempfehlung nicht nur zu Massenentlassungen fhren, sondern da unsere Gesellschaft zusammenbrechen kann, bevor neue Technologien entwickelt wurden. Allein bei uns wrden innerhalb kurzer Zeit ca. 5000 Arbeitspltze vernichtet. Minister Ehrenberg be schwichtigt in seiner Antwort: Ich gehe aber davon aus, da derartige Aussagen (ber ein Asbestverbot) ohne ausreichende Bercksichtigung unserer Bemhungen zur Verbesserung des Arbeitsschutzes beim Um gang mit krebserzeugenden Arbeitsstoffen gemacht worden sind. ( ...) Ich halte ein ber die genannten Bestimmungen hinausgehendes generelles Verbot nicht fr realisierbar und wegen der damit bewirkten Gefhrdung 107 von Arbeitspltzen auch nicht fr vertretbar. Der Bericht erschien und postulierte ein Asbestverbot mit einer bergangsfrist bis 1990! Diese harte Variante des Blauen Berichts ist zwar nicht in Umlauf gebracht wor den; die Schlufolgerungen sickerten aber dennoch rasch in die Medien durch. Im schlielich unter die Leser gebrachten Bericht steht kein Ver botsdatum mehr; er fordert jedoch die Substitution der kanzerogenen Fa ser in einer ganzen Reihe von Produkten, allen voran Asbestzement. Wr v IfT ra n it u n b u iiu T n V tr a r // A cK acf'y/m ont m v i A a o v 5 u .v u iv in foklt iv n u \. Forderungskatalog. Kurz vor Redaktionsschlu des Berichts schlendere ich einmal mit offe nen Augen durch Berlin und sehe viele Huser mit Ziegeldchern. Warum sollte man also ausgerechnet den grten Asbestkonsumenten von der Substitution ausnehmen, wo es doch offensichtlich lngst Ersatz stoffe auf dem Markt gibt? Durch das kleine Wrtchen <Asbestzement> hat der Bericht erst seine Sprengkraft bekommen, denn da waren mch tige Wirtschaftsinteressen tangiert. Der UBA-Bericht attackiert noch eine zweite heilige Kuh: das Auto. Die Bremsbelge ausnahmslos aller deutschen Automobile jener Zeit enthalten Asbest! Erstaunlicherweise ge riet diese Anwendung nie gro in die Schlagzeilen, obwohl jeder Brems vorgang Asbestpartikel freisetzt. Auf Spritzasbest kann man verzichten, auf Eternit zur Not auch, aber den fahrbaren Untersatz mchte man so wenig missen wie seine Zigarette oder seinen Schnaps, egal welche Risi ken damit verbunden sind. Krebs durch Asbest? Sorge um 1500 Arbeitspltze bei der Eternit in Berlin, titelte die Berliner Morgenpost als Reaktion auf den Bericht des Umweltbundesamtes. Die kurz vorher noch so selbstsichere Firma rea gierte konfus, hysterisch. Doch es sollte noch schlimmer kommen: Am 19. Januar 1981 trat der FDP-Innenminister Baum in Bonn vor die Fern sehkameras und forderte in einer berhmt gewordenen Pressekonferenz von hchster Warte aus ein Verbot von Asbest. Innert weniger Wochen hatten es die gedruckten Medien allein in Deutschland in einer Totalauf lage von 60 Millionen Exemplaren der verschreckten Nation eingehm mert: Asbest macht krebskrank, und im Eternit ist Asbest! Die Verant wortlichen der aus dem Tritt gebrachten deutschen Eternit erinnern sich an jene ersten Monate des Jahres 1981 als an die abgesehen vom Zweiten Weltkrieg grte Katastrophe in der Geschichte unseres Unternehmens. Die Manager bekamen anonyme Morddrohungen; oft klingelte mitten in der Nacht das Telefon. Mit verstellter Stimme rief jemand Mrder und drohte mit Anschlgen. Tagsber liefen die Drhte der Eternit-Vertriebs stellen im ganzen Land hei: Hndler stornierten Bestellungen, Architck- 108 ten revidierten ihre Projekte und whlten andere Materialien. Mieter, die in Hsern mit Eternit-Fassaden wohnten, refsierten die monatlichen Zahlungen an den Hausbesitzer. Jedes Jahr 10000 Tote durch Asbest? fragte bedrohlich der Spiegel im Titel einer groen Reportage, indem er eine Zahl nannte, die der militante Leiter der Abteilung Arbeitsschutz beim Deutschen Gewerkschaftsbund, Reinhold Konstanty, aus dem r mel geschttelt hatte (4). Eine schockierende Mutmaung, die nicht be wiesen werden kann, schon gar nicht durch die Statistiken der gewerbli chen Berufsgenossenschaften, in denen Unflle am Arbeitsplatz und Be rufskrankheiten erfasst werden. 1983 sind in der ganzen Bundesrepublik und in Westberlin 33 Lungenkrebse mit Asbestosen und 74 Mesotheliome neu aufgetreten und erstmals entschdigt worden (5). Damit sind asbest bedingte Krebse zwar an der Spitze der arbeitsbedingten Karzinome; selbst wenn die Dunkelziffer betrchtlich sein sollte, sind die Zahlen je doch um Grenordnungen kleiner als das, was der Leser in breiten Bal kenberschriften erfuhr. Minister Baums Erklrung machte die Politiker in den Bundesln dern und den Gemeinden hellhrig. Manche profilierten sich raschent schlossen durch einschneidende Manahmen: Dutzende von Kommunen verboten in Entscheiden, die an Notgesetzgebung erinnern, die Verwen dung von asbesthaltigen Produkten bei ffentlichen Bauvorhaben. Zum Erschrecken der Hersteller erlieen auch zwei Bundeslnder, Bremen und Hamburg, entsprechende Verbote. Fr die Asbestzement-Industrie, allen voran der Branchenriese Eternit, zeichnete sich rasch eine existenzbedro hende Entwicklung ab. Bei den Tiefbauprodukten (vor allem Rhren) or dern Bund, Lnder und Gemeinden fast hundert Prozent der Produktion, und auch beim Hochbau gehrt die ffentliche Hand zu den wichtigsten Kunden. Die Verantwortlichen des Wirtschaftsverbahdes Asbestzement waren jetzt fast tglich irgendwo unterwegs auf kurzfristig einberufenen Besprechungen in Gemeinden, bei den Lndern oder bei der Bundesre gierung in Bonn. Sie gerieten an ffentlichen Diskussionen, bei denen die Fetzen flogen, ins Kreuzfeuer und nahmen manchmal Zuflucht zum ein zig mglichen Mittel der Geheimdiplomatie, um fr die Industrie folgen schwere Entscheide abzuwenden. Die Konferenz der Umweltminister der Bundeslnder bereitete nmlich ein Verbot asbesthaltiger Materialien fr alle Bauvorhaben der Bundeslnder vor. Nach hektischen Besprechungen hinter den Kulissen verzichteten die Umweltminister jedoch auf diesen drastischen Schritt. Einen betrchtlichen Anteil an der Rettung der Eternit vor dem dro- 109 henden Untergang haben freie Berater. Stephan Schmidheiny arbeitet bei der Rekrutierung von Top-Managern ebenso wie bei der Unternehmens beratung mit freien Spezialisten zusammen, die unabhngiger urteilen als fest angestellte Krfte und den Managern auch immer wieder auf die Fin ger klopfen, wo diese kneifen, Tatbestnde schnen oder verschleiern wollen. Oberstes Ziel mute sein: Glaubwrdigkeit zurckzugewinnen: Die ffentlichkeit war durch den kompletten Imagewechsel des Asbestze ments verunsichert. Weite Kreise waren berzeugt, da die Eternit !anffe mit gezinkten Karten gespielt und ber wichtige Aspekte ihrer Produkte nicht informiert hatte. Was die Industrie sagte, galt jetzt so oder so als Meinungsuerung von interessierter Seite, als Public Relations, der nicht zu trauen ist, ja als verkappte Werbung. Der Sturz eines Markenprodukts, erinnert an die Demontage von Idolen, wie man sie im Show-Busine oder im Sport beobachten kann. Die Menge rast, bis das einstige Vorbild am Boden liegt. Da dies auch angesehenen Firmen und Produkten dro hen kann, dafr ist Asbestzement in Deutschland ein Exempel. Etwas Positives ber Asbest zu sagen, war 1981 in der Bundesrepu blik nicht mehr mglich. Wer es trotzdem tat, galt als suspekt und als Lie bediener der Industrie. Die Arbeiter in der Asbestzement-Produktion, der umstrittenen Faser somit am meisten ausgesetzt, brachten fr den Auf ruhr kein Verstndnis auf. Wolfgang Brggemann, damals und heute noch Verteter der Arbeiter im Betriebsrat der Eternit Berlin: Die Kolle gen, die ich vertrete, haben fr die Pressekampagne absolut kein Ver stndnis gehabt, die haben gesagt, was die schreiben, kann nicht stimmen, die meisten sind seit 25 Jahren hier, da mten wir alle schon dreimal tot sein! Wir kannten alle einzelne Kranke. Jeder Kranke ist einer zuviel; die Zahlen in den Medien waren jedoch so irrsinnig, da hat man das Gefhl gehabt, da man unsere Branche mutwillig kaputt machen will! Die zu nehmende Kampagne, der wachsende Druck, schweite Management und Belegschaft zusammen. Herbert Senger, der Leiter des Werkes Berlin, erklrt, da kein einziger Arbeiter nach dem Losbrechen der Kampagne wegen der Asbestgefahr die Stelle quittiert habe. Vorstandsmitglied Ste phan Mainz weist auf das belastende Identittsproblem hin, das die Mit arbeiter der Firma nach der Trendwende plagte. D ie Arbeiter waren stolz auf ihre Firma und haben das auch in den Kneipen am Stammtisch gezeigt. Und auf einmal kam dann dieser Schock, das war auch ein schwerer moralischer Tiefschlag. <Wie knnt ihr mit einem solchen Mate rial arbeiten und erst noch stolz darauf sein?) fragte man sie immer wie der. Dann kam der wirtschaftliche Schlag mit den Entlassungen, denn auch auf den kommerziellen Erfolg des Unternehmens waren sie stolz. 110 r Wir alle waren sehr weit unten mit unserer Moral! Der Einbruch war in der Tat gro: 1981/82 mu der von Stephan Schmidheiny als Krisenma nager eingesetzte Zrcher Hans Thni von den 5000 Mitarbeitern rund 1200 entlassen. Thni hatte seine Sporen als Unternehmensleiter in der Everite-Gruppe in Sdafrika abverdient. Die beiden Jahresbilanzen zeig ten kumulierte Verluste von knapp 70 Millionen Mark, praktisch die ge samten Nachkriegsreserven waren aufgezehrt. Einleuchtend, da sich die Belegschaft weniger wegen der Asbestproblematik Sorgen machte als we gen des drohenden Verlusts der Arbeitspltze. Im Gegensatz zur direkt betroffenen Basis setzten sich die Gewerkschaften nun fr ein Asbestver bot ein, was die Arbeiter in den Asbestzement-Werken nicht verstehen konnten. Hatte doch die Firma sehr viel investiert, um das Staubproblem zu lsen, und damit erreicht, da die Konzentration nur noch maximal 0,5 Fasern pro Kubikzentimeter betrug, halb soviel, wie die Verordnung fr krebserzeugende Arbeitsstoffe vorschrieb. Dazu kamen all die weite ren Anstrengungen im Bereich Safe conduct. Genosse Trend lief an ders. Asbest war definitiv zum Schwarzen Peter geworden. Pausenlos wurde in den Medien nachgeladen: ein Filmbericht des ZDF ber die Eternit Berlin gipfelte im Fazit: Im Prinzip sind das alles potentielle Mrder! Die Situation fr die belagerte Industrie verschlimmerte sich noch, als die sogenannte Hallen-Affre die Schlagzeilen der bundesdeutschen Presse zu beherrschen begann. Obwohl die Asbestzement-Industrie an diesem Problem nicht beteiligt war, bekam sie die negativen Auswirkun gen voll zu spren. Drei Dutzend Sporthallen muten geschlossen wer den, weil die Spritz-Isolation zum Teil hohe K o n z e n t r a t i o n e n v o n AsbestFeinstaub verursachte. Die Zahl der Stdte, Gemeinden und Kreise, wel che deswegen fr projektierte ffentliche Bauten asbesthaltiges Material verboten, wuchs rasch weiter. Die Strke der Bewegung berraschte alle Beteiligten, auch die Politiker in Bonn. Der Bericht des Umweltbundes amtes und die uerungen von Minister Baum hatten die Grundwelle ausgelst; geschaffen haben sie die losbrechenden Energien jedoch nicht. Diese den Wandel erzwingenden Krfte hatten sich aufgebaut, weil eine mchtige, erfolgsverwhnte Industrie es allzulange besser wissen und die Zeichen an der Wand nicht sehen wollte. Die Rigorositt, ja der Fanatis mus, mit dem man in Deutschland das Asbestproblem anging, hngt wohl auch mit dem Nationalcharakter zusammen. In Frankreich lste man die Frage modererater, in sterrech schttelt man ber den deutschen Amok lauf die Kpfe; mehr davon spter. 111 Wohl um den Befund der Umweltbundesamtes etwas zu korrigieren, gab die Bonner Regierung dem Bundesgesundheitsamt, einer viel lteren, ebenfalls in Berlin ansssigen Behrde, den Auftrag fr eine ergnzende Studie, in der das gesundheitliche Risiko des Asbests fr die Allgemein bevlkerung abgeschtzt werden sollte. berraschendes Fazit dieses Be richtes: Das Risiko fr die Allgemeinbevlkerung durch Asbest in der Umwelt wird verglichen mit dem Genu von maximal zwei Zigaretten im Jahr! Was fr das Umweltamt eine groe potentielle Gefahr fr die Allge meinheit darstellte, war also fr das Gesundheitsamt lediglich ein Minimalrisiko . . . Was stimmte nun? Den Trend nderte diese fr die betrof fene Industrie unerwartete Schtzenhilfe nicht. Die fnf AsbestzementHersteller kmpften ums berleben. c) Freiwilliges Abkommen mit der Regierung In den Tagen und Wochen des hchsten Druckes der ffentlichkeit brten die Verantwortlichen in den Bros des Wirtschaftsverbands As bestzement, das sogenannte Erste freiwillige Branchenabkommen aus, ein Innovationsprogramm, in dem sich die Industrie verpflichtete, in ei nem ersten Schritt den Asbestanteil in ihren Hochbauprodukten bis 1986 stufenweise um dreiig'bis fnfzig Prozent zu verringern. Ein fast revolu tionrer Schritt, denn noch gab es keine von der Regierung diktierten Substitutions-Fahrplne. Die Flucht der Asbestzement-Industrie nach vorn schaffte Glaubwrdigkeit und erzeugte fr die andern asbestverar beitenden Branchen einen Zugzwang. In den Entwicklungsabteilungen von VW, BMW und Mercedes-Benz arbeitete man nun mit Hochdruck an dem, was man noch vor kurzem als unmglich bezeichnet hatte: Sichere Bremsen ohne Asbest. Heute ist ein Teil der deutschen Autos damit aus gerstet; der schwedische Hersteller Saab hatte brigens schon frher be wiesen, da sichere asbestfreie Autobremsen realisierbar sind. Bei der politischen Linken stie das von der Industrie angebotene freiwillige Abkommen auf Skepsis: Dies sei ein Lippenbekenntnis einer Branche, die jeglichen Kredit verspielt habe, hie es. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund mit seinem militanten Leiter der Abteilung Arbeits schutz, Reinhold Konstanty, konnte nur mit Mhe von den ehrlichen Ab sichten berzeugt werden. Um den hundertprozentigen Willen zu doku mentieren, das Programm termingerecht durchzuziehen, whlte die Eter nit Berlin den anerkannten Umweltexperten und frheren Innenstaatse kretr Gnter Hartkopf in den Aufsichtsrat. Er steht dafr gerade, da 112 die im Branchenabkommen gemachten Zusagen eingehalten werden. In der von Mitrauen bestimmten Situation erwies sich die Wahl dieser inte gren Persnlichkeit als vertrauensbildend. Hartkopf kann jederzeit unan gemeldet Werkhallen und Forschungsabteilungen inspizieren und ohne Voranmeldung an Kadersitzungen teilnehmen. Sein Jahreshonorar von 4000 Mark berweist er an Umweltschutzverbnde. Das Branchenabkommen war als erster Schritt gedacht. Im Mrz 1984, noch vor Auslaufen der ersten Vereinbarung, schlo der Verband der Asbestzement-Hersteller das Zweite Branchenabkommen ab, mit dem Ziel, bis sptestens Ende 1990 Asbest in allen Hochbauprodukten voll stndig zu ersetzen. In bereinstimmung mit den fachlich zustndigen Bundesbehrden, dem Gesundheits- und dem Umweltamt, bezog man die unterirdisch verlegten Rohre nicht in die Abkommen ein. Eine Umweltge fhrdung sei durch diese Rhren nicht gegeben, stimmten alle Beteiligten berein, Asbestfasern im Wasser seien fr die Gesundheit unbedenklich, war das Fazit von Studien aus dem In- und Ausland; gesundheitliche Ge fahren drohen vom eingeatmeten Feinstaub. Die deutsche Eternit, noch vor wenigen Jahren gegenber der kriti-' sehen Presse verschlossen wie eine Auster, lernte in der existenzbedrohen den Krise den echten Dialog mit den Medien. Whrend eines guten Jah res besuchten ber hundert Journalisten die Werke und wurden geduldig und offen ber den Stand der Dinge informiert. Die meisten Reportagen und Kommentare wrdigen das Innovationsprogramm und streichen die Pionier-Rolle der Asbestzement-Hersteller heraus. Titel wie Ein heilsa mer Schock (Die Zeit) oder Buhmann wurde zum Saubermann (Abendzeitung, Mnchen) sind typisch fr die Reaktionen der Presse. Das Handelsblatt kommentiert: Obwohl sich die Branche zu der Freiwil ligkeit der Manahmen letztlich erst durch den massiven Druck der f fentlichkeit entschlieen konnte, bleiben die bisher erzielten Leistungen bei der Substitution von Asbest beispielhaft (6). Whrend der dramatischen Zeit trat der Schweizer Hauptaktionr f fentlich in Deutschland nicht hervor. Hinter den Kulissen war er jedoch als Aufsichtsrats-Vorsitzender voll involviert. Stephan Schmidheinys f fentliche Zurckhaltung entspricht seinem Naturell, war aber auch poli tisch klug: zu groe wirtschaftliche Machtballung, die nicht nur die Pro duktion, sondern auch noch die Rohstoffquellen einschliet (damals be sa Schmidheiny einige Beteiligungen an Asbestminen) ist a priori ver dchtig. In der aufgewhlten Situation der beginnenden achtziger Jahre htte eine Personalisierung das Feindbild zweifellos verstrkt. Der junge 113 Groindustrielle erfuhr immerhin die Genugtuung, da sein 1976 gegen enorme interne Widerstnde aus der Taufe gehobenes NT-Programm un vermittelt im wichtigsten europischen Markt hchste Aktualitt gewann. Die in den USA ausgelsten seismischen Wellen, welche in Nordeuropa ihre Fortsetzung gefunden hatten, erschtterten nun die Bundesrepublik und drangen in abgeschwchter Form auch in die Schweiz vor. 13. Hintergrnde d es Substitutions-Programms <NT> bedeutet die grte Herausforderung in der achtzigjhrigen Firmengeschichie, erklrt Joseph Krttli, der Direktor der Eternit Niederumen und einer der engsten Verbndeten Schmidheinys beim Durch setzen der Strategie des Wandels. Das ist wohl nicht bertrieben, obschon die Eternit bereits zweimal gezwungen war, nach Ersatzstoffen zu fahn den, whrend des Ersten und des Zweiten Weltkrieges. In beiden Fllen erwies sich der Zwang zur Substitution als zeitlich begrenzt, denn nach Kriegsschlu rollten die Asbestladungen auf dem Bahnhof von Niederur nen wieder an. Max Schmidheiny erinnert sich, da man whrend des letzten Weltkrieges die Produktion von Druckrohren, Dachschiefern, Well- und Unterdachplatten mit besonders reichen Asbestmischungen ber lngere Zeit einstellen mute. Der Asbestvorrat reichte beim Aus bruch des Krieges fr acht Monate Vollproduktion und konnte durch die Sparmanahmen etwas gestreckt werden. Als 1946 die ersten sehnlichst erwarteten Asbestlieferungen aus Kanada eintrafen, war man hinsichtlich Asbestersatz um einige Erfahrungen reicher. Es war den Firmentechni kern gelungen, mit Zellulose armierte Platten herzustellen, die allerdings zum grten Teil im Innenausbau Verwendung fanden; fr das extreme Schweizer Wetter mit vielen Niederschlgen, kalten Wintern und Hitzepe rioden im Sommer erwiesen sich die gefundenen Mischungen als untaug lich. In den andern Eternit produzierenden Lndern mhte man sich ebenfalls mit Ersatzstoffen ab. Fritz Hatschek, dem die Anstrengungen seines Unternehmens bei der Suche nach Substitutionsmaterialien jetzt noch in den Knochen sitzen, erklrt mit einem Seufzer: D a haben wir ja zweimal unsere Erfahrungen gesammelt. . . Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte mein Grovater ein abenteuerlich groes Asbestlager, grtenteils aus Ruland. Drei Dinge knnen Sie, mssen Sie in Ruland kaufen: Wodka, Kaviar und Asbest, alles andere ist Mist! Den Asbest, der sofort beschlagnahmt wurde, hat man dazu benutzt, um die Schiffe der deutschen Kriegsmarine zu isolieren. Unsere Unternehmen versuchten damals, Zement mit Zellulose zu mischen. Kein Vergleich zu Asbestze ment! Die Kunden waren berglcklich, als wir endlich das alte Produkt wieder anbieten konnten. Im Zweiten Weltkrieg ist dasselbe passiert; am 4. September 1939 telefonierte die Reichsregierung, Adolf Hitler habe un- 115 sern Asbest beschlagnahmt. Dann ging das Theater mit der Zellulose wie der los. Und mit einem erneuten tiefen Seufzer: Ohne Weltkrieg sollen wir uns jetzt also ein drittes Mal wieder um Ersatzfasern kmmern! Bis zum Anlaufen des groen Schweizer Innovationsprogramms ver wendete man alternative Fasern, freilich fast ausschlielich fr Elemente des Innenausbaus. Asbestzement erlangte seinen riesigen Marktanteil von Europa bis ins tropische Afrika und nach Sdamerika aber gerade wegen seiner Resistenz gegen Wind und Wetter. In Skandinavien entwickelten die Firmen, die nach dem Asbest-Verbot nicht wie Schmidheinys Eternitrr pleite gegangen waren, eine vorwiegend auf Holz basierende Zellulo sezement-Technologie unter dem Namen Cellcem, die unter verschiede nen Markennamen in eine ganze Reihe europische Lnder ausgefhrt werden. Unter der Bezeichnung Asbestolux zum Beispiel nach Eng land, wo eine Hufung von Mesotheliom-Fllen in den Werken des Bran chenriesen Turner and Newall anfangs der siebziger Jahre zu einer brei ten ffentlichen Kontroverse gefhrt hatte. Mit der Folge, da die asbestverarbeitende Industrie in Grobritannien nur noch mit scharfen Aufla gen produzieren konnte und sich bereits verhltnismig frh auf die Suche nach Ersatzstoffen machte. Im Gegensatz zu dem von Stephan Schmidheiny eingeleiteten NT-Programm, das konsequent weltweit durchgezogen wird, arbeiten die Briten in ihren auslndischen Werken wie bis anhin mit Asbest; die Substitution gilt also bis jetzt praktisch nur dort, wo sie durch ffentlichen Druck erzwungen wird. Substitutionsdruck auf die internationale Asbestzementindustrie kam jedoch auch von der Rohstofffront. 1950 betrug der globale Verbrauch eine Million Tonnen, 1960 waren es bereits zwei Millionen Tonnen. 1970 hatte sich der Verbrauch auf vier Millionen Tonnen verdoppelt, Asbestze ment war der groe Motor der Zunahme, gingen doch fast drei Viertel dieser enormen Quantitten auf das Konto von AC-Produkten! Robert Dorner, zustndig fr den Asbest-Einkauf der Eternit-Werke im Einflu bereich der Schweizer Gruppe und der befreundeten Eternit-Hersteller in den Nachbarlndern, erklrt in seinem Bro im Amindus-Hauptquartier in Nyon: Zwischen 1962 und 1972 hatten wir einen ausgeglichenen As bestmarkt, das Angebot hielt mit der Nachfrage Schritt, die Preise erhh ten sich in dieser Dekade nur gerade um elf Prozent, blieben also prak tisch stabil. Ein Streik in den kanadischen Minen erzeugte kurzfristig eine Mangelsituation, welche die Russen durch forcierte Anstrengungen jedoch beseitigten. Seither nimmt die Sowjetunion, vor Kanada, den er sten Platz in der weltweiten Asbestfrderung ein. 1973 begannen die As- 116 bestpreise pltzlich zu steigen und verdoppelten sich bis 1975; statt 200 Dollar muten die Abnehmer jetzt 400 Dollar pro Tonne auf die Konten der Minengesellschaften berweisen, Ende 1977 gar 600. Heute kostet eine Tonne Asbest auf dem Weltmarkt offiziell um tausend Dollar, der Konkurrenzkampf unter den Frderlndern fhrt jedoch zu erheblichen Preisnachlssen. Mit dem Versorgungsengpa bekamen die Diskussionen ber abbau wrdige Weli-Asbestvorkommen Nahrung; Fachleute schtzten, da diese nach zwei Generationen ausgebeutet seien, da sich die Industrie also in absehbarer Zeit nach Ersatzfasem Umsehen msse. Die Prognosen haben sich, wie bei andern Rohstoffen, nicht bewahrheitet. Neue bedeu tende Vorkommen sind beispielsweise in Kanada entdeckt worden; La gersttten, die man angesichts der Kontroversen um Asbest in den kom menden Jahren jedoch wohl kaum antasten wird. Die sprunghaft ange stiegenen Rohstoffpreise verteuerten Eternit und minderten seine Kon kurrenzfhigkeit. Stephan Schmidheinys Entscheid fr das NT-Programm ist zweifellos auch von dieser Entwicklung beeinflut worden. . v 117 14. Das internationale Innovationsprogramm der Schweizer Eternit-Gruppe Der Fahrplan fr das NT-Programm gilt fr Costa Rica genau so wie fr Brasilien, Sdafrika, Deutschland oder die Schweiz. Stephan Schmidheiny a) Das NT-Programm in der Schweiz Die grte Herausforderung in der Geschichte der Eternit begann mit dem negativ verlaufenen Suchprogramm nach Ersatzfasern, welche dem in den Nachkriegsjahrzehnten anspruchsvoll gewordenen Markt ge ngen konnten. Den wenig ermutigenden Befund gab Stephan Schmid heiny 1976 seinen leitenden Mitarbeitern bekannt. Wir standen vor dem Nichts, erinnert sich Edy Kieser, der im Faserlabor in Niederurnen ar beitet. Wir untersuchten Glas- und Steinwolle, Hanf, Textilfasern. . . Kein Material zeigte auch nur annhernd die Qualitt von Asbest! Die frisch formierte NT-Tuppe, mehrheitlich bestehend aus jungen Fachleu ten, die der Bo persnlich motiviert hatte, nahm jetzt in einem zweiten Anlauf alle auf dem Weltmarkt erhltlichen Chemiefasern unter die Lupe, doch auch hier zeigte sich kein brauchbares Resultat! Wie Josef Studinka, der wissenschaftliche Leiter des Programmes, anhand einer Ta belle mit einer kleinen Auswahl der untersuchten Alternativ-Fasern erlu tert, zeigen zwar einzelne Typen vergleichbare Eigenschaften wie Asbest im Bereich Zug- und Druckfestigkeit, hafteten jedoch nicht im Zement. Andere Chemiefasern, wie Polyester und Polyamid, sind nicht gengend alkalistabil und werden im Zement rasch chemisch angegriffen (1). Von den knapp tausend Mitarbeitern der Schweizer Eternit arbeite ten nun 80 Personen in Forschung und Entwicklung, ein Mehrfaches von frher. Der Einsatz erwies sich immer mehr als dringend notwendig: In einer sich verschlechternden Konjunktursituation schrumpfte der Markt anteil des teurer gewordenen Asbestzements. Und die Asbest-Kontroverse schwappte aus Deutschland auch in die deutsche Medienprovinz Schweiz ber. Es ging jetzt um die tausend Arbeitspltze der Schweizer Eternit! Stephan Schmidheiny erinnert sich an jene dramatischen Monate: Es war eine verzweifelte Zeit; wenn ich mich aus dem Problem rausgeschli- 118 chen htte, dann wre ich eine gescheiterte Existenz gewesen! Der junge Nachfolger htte es sich bedeutend leichter machen, im schlimmsten Fall die Arbeitspltze in Niederurnen und Payerne opfern, seine Schfchen ins Trockene bringen und seine Moneten in risikolosere Gebiete investie ren knnen. STS: Ich knnte mir das Leben viel leichter machen, das Ganze abstoen oder jemanden anstellen, der alles macht. Ich knnte von den Zinsen leben. Aber das lst doch das Problem nicht! Indem ich mich in der ffentlichkeit mit der Lsung der Asbestfrage identifizierte, habe ich einen Teil meines Lebens mit identifiziert. Die Hoffnung, den Zwillingsbruder des Asbests zu finden, erwies sich als Illusion. Die Verantwortlichen kamen zur Erkenntnis, da man mit der chemischen Industrie Zusammenarbeiten mute, um gemeinsam Fasern zu entwickeln. Langsam wuchs die Einsicht, da man fr jedes einzelne Produkt eine individuelle Fasermischung kreieren mute. Eine neue Philosophie nahm Gestalt an. Standards forward heit das Vorge hen im Englischen, ein Fachterminus, der in die internationale Techniker sprache Eingang gefunden hat. Fr Eternit bedeutet das: Von den exakt umschriebenen Anforderungen an ein Produkt ausgehend, wird das opti male Material geschaffen. Das ist eine radikale Abkehr von der bis jetzt gltigen quality backwards-Strategie, wo man das Material Asbestze ment hatte, das man in seinem Grundkonzept nicht antasten wollte und aus dem man die gesamte Produktepalette gestaltete. Zusammen mit dem japanischen Chemieunternehmen Kuraray ent wickelten die Spezialisten der Eternit das Kuraion und in Kooperation mit dem deutschen Konzern Hoechst eine Faser mit der Bezeichnung Dolanit. Armierungsfasern, die ein Mehrfaches von Asbest kosten und darum das Endprodukt verteuern. Auer den materialtechnischen Eigen schaften der Fasern ist die gesundheitliche Unbedenklichkeit von grter Wichtigkeit. Wie Aufnahmen mit dem Rasterelektronen-Mikroskop zei gen, unterscheidet sich die Struktur der Fasern grundlegend von der des Asbests; die Fasern sind viel grer und haben aufgrund der spezifischen bermolekularen Struktur auch keine Tendenz, sich in die lungengngi gen Fibrillen aufzuspalten. In ihrem physiologischen Verhalten unter scheiden sich die neuen Fasern nicht von den seit lngerer Zeit bekannten textilen Faserstoffen. Kuraion hat die Zulassungsprfung der inzwischen hellhrig gewordenen und heute sehr strengen amerikanischen Food and Drug-Administration erhalten. hnliches gilt fr Dolanit, das eben falls einer textilen Faserfamilie entstammt und den entsprechenden Be stimmungen in der inzwischen hochsensibilisierten BRD entspricht. Ist 119 nun also das Problem fr alle Zukunft gelst? Ohne jegliche Gefahren ist kein Material, keine menschliche Ttigkeit. Auch die NT-Produkte zeich nen sich also nicht durch ein Nullrisko aus. Nach dem heutigen Stand der Forschung weisen die neuen, amtlich zugelassenen Chemiefasern keine herausragenden Risiken auf. Ihre Fasergeometrie unterscheidet sich voll stndig von derjenigen der Asbestfasern. Die Philosophie Standards forward schliet jedoch ein, da man alle Materialien stndig gem dem neuesten Stand der Forschung auch auf Nebenwirkungen berprft und gegebenenfalls modifiziert. Es gibt keine fr alle Zeiten gltigen Produkte mehr; das gilt nicht nur fr die Faserzement-Industrie. Cocktailbtte Nr. 8, K-12, Konsistenz 4% steht auf einer Tafel an einem riesigen Behlter im NT-Trakt in Niederurnen. In einer Masse, die entfernt an Apfelmus erinnert, rotiert ein Rhrwerk. Die Mixtur gehrt bereits der zweiten Generation von Fasermischungen an und enthlt au er Dolanit aus Altpapier gewonnenen Zellstoff und eine weitere, sehr teure Chemiefaser. Cocktail ist ein salopper Ausdruck fr eine Mi schung, die in ungezhlten Versuchen evaluiert worden ist und sich fr die Herstellung von Fassadenschiefer in unsern Breitengraden als optimal erwies. Andere Cocktails stehen in Erprobung; sie werden versuchs weise mit Zement gemischt und anschlieend auf Modell-Maschinen in kleinem Mastab zu Fssaden oder Dachschiefer, zu Unterdach- oder Wellplatten verarbeitet. Oft erweisen sich Mischungen bereits bei der Ver suchsproduktion im Modell-Mastab als untauglich. Die exakten Mi schungen sind Betriebsgeheimnis, werden jedoch in einem heute weit aus gebauten Technologie-Transfer innerhalb der ganzen internationalen Eternit- Gruppe ausgetauscht. Auch die befreundeten Hersteller, vorab die Belgier und die sterreicher, haben Zugang zu den Daten, zumal auch sie sich finanziell an den Forschungen beteiligen. Als erstes bot das schweizerische Unternehmen ab 1981 das GartenProgramm (Pfianzenbehlter und Blumenkisten) an, problemlose Pro dukte, die keinen hohen Belastungen ausgesetzt sind. Dann folgten Fassa denschiefer, Unterdach- und Brandschutzplatten. In den Fabrikhallen sieht man auf Schritt und Tritt, was die Umstellung fr die Belegschaft bedeutet. Es ist nicht leicht, erklrt Schichtmeister Jakob Lattmann, unsere Mitarbeiter - zur Hlfte Gastarbeiter aus der Trkei, aus Jugosla wien, Spanien und Italien - davon zu berzeugen, da es nicht mehr mg lich ist, <im alten Trott> weiterzufahren. Die Belegschaft war auf Asbest zement eingespurt. Die neuen Mischungen erfordern ein Umlernen; Synthesefaser in einer NT-M ischungfr Dachschiefer > 120 in ca. 3500facher Vergrerung. Dief r Asbest Rckschlge sind an der Tagesordnung. Whrend unseres Gesprchs reinigen Arbeiter gerade eine Presse fr Wellplatten und fhren mimutig schubkarrenweise eine Versuchsmischung auf die Deponie: Solche Zwi schenflle gehren zur Umstellung, sie drcken aber auf die Produktivi tt, meint Lattmann, ohne Versuche im Mastab eins zu eins kommen wir jedoch nicht aus. Viele Mitarbeiter konnten lange nicht begreifen, warum man nach der rigorosen Entstaubung und nach der Einfhrung des Safe conduct vom Asbest Abschied nimmt. Inzwischen sehen die meisten jedoch ein, da das innvoationsprogramm fr die Erhaltung der Arbeitspltze unaus weichlich ist und stehen dahinter. Sichtbarer Ausdruck des Wandels: in der Rohstoff-Lagerhalle werden die Stapel der Plastikscke mit dem ro ten a darauf kleiner, whrend in der NT-Abteilung groe Vorrte an Chemiefasern, an Zellulose aus vielfltigen Quellen und andern neuen Armierungsstoffen lagern. Schritt fr Schritt wird Asbest auch in Produk ten, die im Moment ohne die Mineralfasern noch nicht zu machen sind, reduziert: 1978 verbrauchte das Unternehmen noch 18 000 Tonnen Asbest, 1984 waren es (allerdings bei einer um 25% geringeren Produktion) noch 7000 Tonnen. Innovation im Sinne von Standards forward bedeutet eine Modernisierung des Angebots in jeder Beziehung: In den neuen Fas sadenplatten und Fassadenschiefern, um ein Beispiel zu nennen, ist einer seits Asbest durch einen Fasermix ersetzt worden, anderseits sind die Platten so vorkonfektioniert, da auf der Baustelle kaum mehr ein Zu schneiden und Bearbeiten ntig ist. Mu dennoch vor Ort zugeschnitten werden, so sind die neuen Produkte leichter zu verarbeiten als Asbestze ment. Weiterer Fortschritt: das Angebot umfat heute eine groe Aus wahl von Farben, eine Palette, die kontinuierlich erweitert wird. Eternit, so jedenfalls ging die Fama, hlt ewig. Wie steht es nun mit den neuen Faserzement-Produkten? Die Firma gibt darauf die gleichen Garantien wie fr Asbestzement, denn was auf den Markt kommt, ist in langwierigen Tests geprft und fr gut befunden worden. Ein Risiko be steht dennoch, denn jahrzehntelange Erfahrungen, wie man sie mit As bestzement sammeln konnte, lassen sich auch durch noch so ausgekl gelte Testanordnungen nicht ersetzen. Eine dieser Prfeinrichtungen heit Togo-Test, ein Gert, das Sonnenschein und Regengsse in ra scher Folge simuliert. Als ich das NT-Labor in Niederurnen besuchte, wa ren zwanzig Quadratmeter grnen Dachschiefers bereits seit drei Wochen der 24-Stunden-Tortur von Hitze und Nsse ausgesetzt. Nach einem wei teren Monat sollen sie in der Materialprfmaschine getestet werden. Dort wird gerade eine Serie von NT-Dachschiefer, der whrend zwei Jahren 122 auf einem Versuchsdach in den Bndner Bergen lag, mit dem hochmoder nen Gert geprft: ein Knopfdruck, und ein Gewicht drckt von oben auf den Schiefer, der mit einem kaum hrbaren Klick in zwei Teile zer birst. Gespeichert mit allen technischen Daten der Platte, rechnet der an geschlossene Computer die Bruchfestigkeit aus. Andere Prfanordnungen belasten das neue Material nicht schlagartig, sondern ber Wochen und Monate. In Tiefkhlanlagen sind neue Produkte whrend Monaten sibiri schen Temperaturen ausgesetzt; ein Langzeittest, der in einer Wrmekam mer seine Fortsetzung Findet. Die Dachdecker und das NT-Programm Wir setzen einen guten Namen aufs Spiel, gibt Anton Riedener, der Chefdachdecker der Eternit, zu bedenken. Seit 39 Jahren arbeitet er bereits bei der Firma als Kunden-Berater und in der Ausbildung von Dachdeckernachwuchs. Er hat somit alle Phasen der Beurteilung des As bestzements miterlebt. Er nimmt sich viel Zeit, seine Einsichten zum Thema Neue Technologie darzulegen. In diesen fast vier Jahrzehnten ist er zum unbestechlichen Fachmann, zu einer Art Gewissen des Unter nehmens geworden. Ihm klopfen seine Partner und Berufskollegen, die Dachdecker, auf die Finger, wenn er ihnen ein Produkt empfiehlt, das nicht hlt, was die Werbung verspricht. Ich war skeptisch, ob es gelingen wrde, Asbest zu ersetzen, gesteht er, beim Fassadenschiefer ist das durch eine groe Anstrengung im Zeitraum von ungefhr vier Jahren ge lungen; beim Dachschiefer dauerte es zwei Jahre lnger. Ein Baumarkt mit einer Flle von hochentwickelten Produkten akzeptiert keine zweit klassigen Neuheiten; darum minimalisiert die Eternit das Risiko durch ausgedehnte Tests im Labor und unter natrlichen Bedingungen. Riede ner: Wir beobachten gegenwrtig knapp hundert Testobjekte in der gan zen Schweiz, die wir in den Jahren seit 1979 mit einer Vielzahl von Dach schiefern aus unterschiedlichsten Mischungen eingedeckt haben, darun ter sind gute und schlechte Resultate. Dank den Erkenntnissen aus den Prf-Programmen ist es inzwischen gelungen, auch den Dachschiefer vl lig asbestfrei auf den Markt zu bringen. Bereits sind, als Beweis fr die Belastbarkeit unter extremen klimatischen Bedingungen, mehrere SACHtten damit eingedeckt worden, so die Wildhorn- und die Keschhtte. Im Ausbildungszentrum des Schweizerischen Dachdeckerverbandes in Uzwil treffe ich Willy Achermann, Zentralprsident der Berufsorgani sation. Fr welche Seite schreiben Sie? hatte er mich am Telefon mi- 123 trauisch gefragt, als ich um einen Gesprchstermin bat. Da wird soviel Mist geschrieben, entfhrt es ihm, da mu man vorsichtig sein! Als ich ihm das Vorhaben erklre, alle Beteiligten anzuhren und daraus ei nen Report zu verfassen, wird er gesprchiger und gibt freimtig seine Ansichten zum Wandel in der Asbestzement-Industrie zu Protokoll. Von uns ist das sicher nicht ausgegangen, lacht Achermann, der seit 42 Jah ren auf dem Beruf arbeitet und wohl schon mehrere Quadratkilometer Asbestzement verlegt hat. Kein Dachdecker Hebe Staub im Gesicht, meint er, darum arbeite man immer mit dem Wind, Dachdecken sei ein Frei luftjob, und wo Wind sei, da sei der Staub auch rasch weg. Auer den Eternitarbeitern in den Werken arbeitet keine Berufsgruppe auch nur an nhernd so intensiv mit Asbestzement wie die Dachdecker. 650 Betriebe mit 5000 Arbeitern gibt es in der ganzen Schweiz. Der Eternit-Anteil bei Bedachungsarbeiten schwankte in den letzten Jahren zwischen 35 und 40%; in Bergregionen, wo Ziegel weniger dauerhaft sind, war der Anteil von Asbestzement praktisch seit der Erfindung noch viel hher. Die SUVA verzeichnete, seit man asbestbedingte Krankheiten als Berufs krankheiten registriert, bei den Dachdeckern einen einzigen asbestbeding ten Todesfall. Unser grtes Risiko sind die Unflle, meint er, Jahr fr Jahr strzen rund zehn Mnner - neben Angehrigen anderer Berufs gruppen vor allem Dachdecker - von Dchern zu Tode! Als die ersten Meldungen ber Spritzasbestopfer in der Schweizer Fresse auftauchten, fhlten sich die Dachdecker nicht im geringsten betroffen. Das ist ein an derer Asbest, sagte man und ging zur Tagesordnung ber. Als dann Ste phan Schmidheiny das Gesprch mit ihnen suchte und anllich einer Besprechung mit Vertretern des Schweizerischen Dachdecker-Verbandes fragte, wie sie die Gefahr beurteilten, da antworteten die Berufsleute, da das Ganze fr sie berhaupt kein Problem sei. Die Offenheit Schmidheinys beeindruckte und irritierte die wichtigsten Abnehmer des Asbestze ments. <Was soll das berhaupt? fragten wir uns immer wieder, erin nert sich unser Gesprchspartner, der Stephan Schmidheinys Vater sein knnte. Willy Achermann ist auch Prsident des internationationalen Ver bandes der Dachdecker-Unternehmer. Sektionen in England, Schweden und Deutschland htten den Druck von den Gewerkschaften zu spren bekommen, der in der Schweiz praktisch nicht existent war, erklrt er. Wie eine Studie des Instituts fr Arbeits- und Sozialmedizin der JustusLiebig-Universitt Gieen aus dem Jahr 1982 belegt, welche der in Fach kreisen bekannte Professor H.J. Woitowitz mitverfat hatte, fand man bei 58 von 404 Dachdeckern auf den Rntgenbildern Vernderungen in der Lunge. Alle Dachdecker hatten lange mit Asbestzement gearbeitet; die 124 Montane von ashrstfreiem Faxsadenxchiefer D> meisten fhlten sich jedoch durch die Vernderungen in der Lunge in ih rer beruflichen Ttigkeit nicht beeintrchtigt. Drei Dachdecker litten an Lungenkrebs. Kommentar der Verfasser: Unsere Ergebnisse lassen wei tere Vorsorgemanahmen betreffend des Asbestzement-Problems auf Baustellen als angezeigt erscheinen (2). Untersuchungen dieser Art sen sibilisierten die Dachdecker offensichtlich im Ausland mehr als in der Schweiz. An einer Tagung vor ungefhr fnf Jahren, an der alle 32 Sektions prsidenten des Verbandes zusammen mit einem Arzt der SUVA und Ver tretern der Eternit teilnahmen, habe man das Thema dann weiter disku tiert. Richtig motiviert waren wir nicht, erinnert sich Achermann, das Ganze schien uns malos bertrieben, von den Zeitungen hochgespielt, ein Politikum. Erst in einer nchsten Phase wuchs die berzeugung, da da eine Gefahr war, der man zuwenig Beachtung geschenkt hatte. Gleich zeitig kam ein Denkproze in Gang, bei dem man begann, sich mit der Monopolfirma auseinanderzusetzen. Eternit stellte ihren Kunden, den Dachdeckern und den Architekten, immer exzellentes technisches Grund lagenmaterial zur Verfgung. Die stetig aktualisierten, fast schon legend ren, braunen Ordner, in denen alle erdenklichen Anwendungen fr Eter nit im Detail dargestellt sind, erleichtern die Anwendung der Produkte und haben wohl manchen Architekten, manchen Dachdecker immer wie der dazu bewogen, Eternit statt andere Materialien zu whlen. Diese Glevere Beeinflussung hat zweifellos zur extremen Verbreitung von Asbestze ment beigetragen. Viele Dachdecker schwren auf das Material (Weil es halt einfach gut ist!), sie fragten sich jedoch immer wieder, was denn dieses Unternehmen berhaupt verdiene. Da man das bis vor zwei Jah ren nie erfuhr, hat uns gestrt, sagt Willy Achermann. Und da Eternit sehr gutes Geld machte, war den Dachdeckern, wie kaum einer andern Abnehmergruppe, klar. Heute ist die Distanz zum frher als allmchtig empfundenen Unter nehmen geschrumpft. Die Verantwortlichen beider Seiten sitzen zusam men, reden miteinander. Die Krise hat die Eternit bescheidener, zugngli cher gemacht. Den Wandel in der Produktepalette begren die Dach decker jetzt, vor allem darum, weil das Angebot noch besser vorkonfektionierl und damit rationeller zu montieren ist. Die Sensibilisierung ge genber den Materialien, mit denen man arbeitet, ist jetzt bei dieser Be rufsgruppe entschieden geschrft. Nun fragt man sich, ob denn Glasfa sern und Steinwolle, die man zu Isolationszwecken verlegt, nicht auch gesundheitliche Risiken bergen. Vielleicht heit es in zehn Jahren ein- mal, auch die Chemiefasern im neuen Eternit seien schlecht fr die Ge sundheit, mutmat Achermann und beschliet das Gesprch mit einem Sprichwort aus Dackdeckerkreisen: Nur eines ist sicher, da wir nicht berleben. b) Der letzte Asbest-Einkauf in Costa Rica Das ist mein letzter Asbesteinkauf, erklrt German Figueroa und weist auf einen Stapel von Plastik-Scken. German Figueroa del Rio ist der Generaldirektor der Ricalit SA, der einzigen Asbestzement-Firma in Costa Rica. Bald also ist diese rund zwanzigjhrige Epoche vorber (Max Graf grndete d ^ Ricalit 1963), und im kleinen mittelamerikanischen Staat wird delnhadist nur noch Faserzement produziert. Damit steht Co sta Rica im NT-Fahrplan an der Spitze aller von Stephan Schmidheiny kontrollierten Betriebe berhaupt! Verblffend, da in dieser Zukunfts technologie ein Entwicklungsland die Nase vorn hat. Figueroa wirkt atemlos enthusiastisch; den Lagerschuppen will er, wie er augenzwin kernd erzhlt, in ein Asbestmuseum verwandeln. Ob dieses Museum frei lich groen Zulauf htte, ist zu bezweifeln, denn Asbest ist in Costa Rica kein Thema, ber das man sich ereifert, ja nicht einmal ein Thema, das in teressiert. Zwar beginnen Berichte ber Asbest jetzt auch via Satellit aus den USA in die TV-Kabelnetze der Hauptstadt San Jos einzuflieen, doch das Land hat andere Sorgen, als sich um die Mineralfaser zu km mern! Der politisch linksgerichtete nrdliche Nachbar Nicaragua sorgt tglich fr Aufregung in den Medien. Costa Rica kann seinen vergleichs weise guten Lebensstandard nur dank der massiven amerikanischen Fi nanzhilfe - man spricht von einer Million Dollar tglich - halten. Ein be deutender Teil der Wirtschaft wird zudem von den Yankees dominiert; so gehren zum Beispiel die riesigen Bananenplantagen an der Pazifikkste der amerikanischen United Fruit Company. Die Ricalit-Fabrik liegt rund vierzig Kilometer sdstlich der Kapitale San Jos zwischen der Provinz stadt Cartago und dem Dorf Paraso. Umgeben von tropischen Pflanzen steht das Werk in Sichtweite zum 3500 Meter hohen Vulkan Iraz auf 1300 Metern ber Meer in einer meteorologisch turbulenten Region mit Wettern von zwei Ozeanen. Die mittelamerikanische Landbrcke mit hier nur gut hundert Kilometer in der Breite. Regengsse von mehr als zwei Metern pro Jahr strapazieren das Dachmaterial. Blech, meist rostig und wenig ansehnlich, und mit Flechten bewachsener, welliger Asbestze ment deckt die meisten Huser. Hans Fischer zeigt mir auf dem Gelnde 127 der Fabrik ein kleines Modell-Haus, das gut 5000 Dollar kostet und aus schlielich aus asbestfreiem Faserzement besteht (weil die einheimische Whrung unter Schwindsucht leidet, werden grere Betrge meist in USDollar angegeben). Der in Erfenbach am Zrichsee aufgewachsene Inge nieur ist entscheidend an der Entwicklung dieses Schaustckes beteiligt. Er bezeichnet sich als Recycling-Fanatiker, der sich frher als andere In genieure mit der Frage des Asbestersatzes befate und dabei mit lokal an fallenden Abfallprodukten experimentierte. Fischer arbeitete nacheinan der in Eternit-Fabriken in Brasilien, Ecuador und El Salvador, bevor es ihn 1968 nach Costa Rica verschlug. Er erinnert sich an eine Tagung, die 1970 in Niederurnen stattfand und wo er es wagte, seine Ideen vorzubrin gen. Man lachte mich aus, erzhlt er, denn Asbest war damals edel, etwas anderes kam fr Eternit ganz einfach nicht in Frage. Der Inge nieur fhrt mich hinter die Fabrik, wo auf Eisengestellen Faserzement platten montiert sind, die zum Teil schon eine ganze Reihe von Jahren in Wind und Wetter stehen. Einzelne sehen aus wie Knckebrot, andere wir ken fast wie neu, obwohl Jahreszahlen wie 1978,1979 oder 1981 darauf ste hen; daneben jeweils eine Nummer, welche die Faserung bezeichnet, die Fischer in seiner Dokumentation minutis erfat hat. So lt sich im Langzeittest eruieren, was sich bewhrt. Im Jahr 1977, kurz nach Stephan Schmidheinys NT-Entscheid, entschlo man sich auf Drngen des ehrgei zigen und draufgngerischen Ingenieurs zur Groproduktion einer as bestfreien Platte, die fr den Innenbau wie fr Auenwnde taugen sollte, wie man die Kunden informierte. Das Ganze erwies sich als Desaster, weil die Platten teils nach Wochen, teils nach Monaten wie Bcher auf bltterten. Hauptbestandteile dieser zu frh auf den Markt geworfenen NT-Platten waren Zement und Karton von ausgedienten Bananenschach teln. Die Ricalit mute 40 000 der 100 000 verkauften Quadratmeter wie der zurcknehmen, verlor vorbergehend einen Teil ihres guten Images und einige Kunden. Wir lieen alle die Kpfe hngen, erinnert sich Fi scher, <Ticalit>, wie die asbestfreien Platten hieen, war grndlich in die Hosen gegangen! Die Ticalit-Episode illustriert brigens den Spielraum, den die ein zelnen Unternehmen des Schweizer Eternit-Imperiums genieen; es lag im lokalen Ermessen, wann man das Experiment im Markt umsetzen wollte. Ein Vorgehen, das bei einem straff zentral gefhrten Konzern fr etwas so Wichtiges wie ein grundlegend neues Produkt nicht denkbar wre. 1978 reiste Stephan Schmidheiny nach Costa Rica, zwar auch hier, wie in den meisten lateinamerikanischen Unternehmen, Minderheitsak tionr (er hlt 30%, die beigische Gruppe 21% und einheimische Aktio- Zellulose aus HolzabfUen, einer der t> I 0R Rohstoffe fr die Produktion asbestfreien nre 49% der Anteile); dank dem aus der Schweiz stammenden Knowhow kann er jedoch den Kurs bestimmen. Und dieser Kurs ist klar. Er untersttzte uns moralisch, erinnert sich Hans Fischer, der Mann hat im brigen Ideen und ein hervorragendes technisches Verstndnis. Von acht Fasermischungen, die man als Versuchsreihe realisierte, stammte die Hlfte von STS. Ingenieur Fischer klopft auf eine Platte: Reisspreu mit Zement. Die nchste Platte besteht im wesentlichen aus feinen Holzsp nen und Zement, eine andere weist zermahlene Bananenschachteln als Armierungsmittel auf. Die genaue Zusammensetzung des Fasercocktails in diesen leicht wirkenden Platten erfhrt ein Auenstehender begreifli cherweise im Detail nicht, die Mischung ist Betriebsgeheimnis. Der Druck, der zur Substitution des Asbests fhrte, kam in Costa Rica weder von den rzten noch den Gewerkschaftern, sondern allein vom Markt: Asbestzement ist, wegen des kostspieligen importierten Roh stoffes, rund 50% teurer als die neuen NT-Platten. Htte man Asbest nicht durch einheimische Rohstoffe ersetzt, so gbe es die die Firma Ricalit vermutlich gar nicht mehr. Sie wre von der Bildflche verschwunden wie Dutzende von Unternehmen, die nur mit importierten Rohstoffen produzierten, Rohstoffe, welche des teuren Dollars wegen immer uner schwinglicher wurden, was die daraus fabrizierten Produkte aus Konkur renzgrnden aus dem Markt warf. Obwohl die Schweizer das grte Ak tienpaket halten, treten sie gem der Schmidheiny-Geschftsphilosophie ffentlich nicht hervor: Ricalit gilt als nationales Unternehmen; der neue Faserzement wird in der Werbung, vor allem im Fernsehen, als costaricanische Erfindung propagiert. Das schmeichelt dem Nationalstolz und strt die wahren Erfinder nicht; wichtig ist, da die Produkte Abnehmer finden. Bei Ricalit ist die Idee der Einbettung in die lokalen Verhltnisse bis hin zur Nutzung einheimischer Rohstoffe vielleicht am reinsten ver wirklicht, Alle neuen Produkte sind im Land entwickelt worden und auf die Bedrfnisse Costa Ricas exakt zugeschnitten, Das Konzept der dezen tralen Fhrung, Forschung und Entwicklung, das Max Schmidheiny be reits vorzeichnete und Stephan bernahm und weiter entwickelte, erweist sich hier als erfolgreich. Statt Asbest fr tausend Dollar pro Tonne verwendet man St offe , die in Costa Rica unbegrenzt erhltlich sind. Die Gestehungskosten fr eine Tonne der Fasermischungen, bei denen man im Gegensatz zu Europa auf Chemiefasern verzichten kann, liegen bei 130 Dollar. Wie sich im Verlauf der Entwicklungsarbeiten herausstellte, ist Asbesztement fr das tropi- 130 sehe Land berqualifiziert; billigere, auf lokalen Rohstoffen und Ze ment basierende Platten gengen vollauf. Was fr ein Druckrohr unerl lich sein mag, nmlich eine reiche Asbestarmierung, ist fr die Wnde und das Dach eines kleinen Huschens in Costa Rica unntig. Ricalit produziert fr einen vergleichsweise anspruchslosen Markt; was hier marktgerecht ist, wrde fr das zwar in einer tiefen Wirtschaftskrise stekkende. jedoch weiter entwickelte Brasilien nicht ausreichen. Dort liegen die Verhltnisse diametral anders; mehr davon im nchsten Kapitel. Claudio Rodriguez ist seit zwanzig Jahren bei Ricalit ttig; kurz nach der ' Erffnung der Fabrik begann er als Handlanger; inzwischen ist er zum Vorarbeiter und Leiter einer Equipe von zwei Dutzend Arbeitern aufge stiegen. In seinem Wirkungskreis wird klar, was es bedeutet, aus Bauern und Kaffeepflanzern Ricalit-Mitarbeiter zu machen: Ein stetiges Anleiten und berwachen ist ntig, damit die angelernten Krfte eine gleichblei bende Qualitt zustande bringen. Da die Produktivitt nur einen Drittel des schweizerischen Wertes betrgt, spielt keine Rolle; die Arbeiter ver dienen auch weniger als in Europa. Was Markus Thoma, dem Schweizer Betriebsleiter, jedoch zu schaffen macht, ist die Einhaltung der Qualitts standards: Man mu jeden Arbeitsgang nachprfen, immer schauen, im mer kontrollieren. Da sich das Asbestproblem jetzt gelst hat, schafft Erleichterung, denn das Einhalten des in der Schweiz entwickelten stren gen Safe conduct stt im Entwicklungsland auf riesige Probleme: Mitarbeiter, die mit ihrer Familie und den Haustieren unter einem Dach, manchmal im gleichen Raum leben, sollen sich am Arbeitsplatz - nach ih ren Hygienestandards - fast wie Chirurgen verhalten! Bei unserem Rund gang durch die Fabrik entdeckt Hans Fischer das geplatzte Rohr eines Absauggertes; seelenruhig arbeitet daneben ein Einheimischer in einer Staubwolke, in der ein Teil der letzten Asbestfasern schwebt, welche im Betrieb verwertet werden. Fischer interveniert; der Costaricaner schaut uns an wie ein ertapptes Kind: Sicherheitsstandards sind etwas, was man fr das Management einhlt, den Sinn der bung sieht der Arbeiter oft nicht ein. Quasi im luftleeren Raum, ohne echtes Verstndnis der Betrof fenen, mssen die Verantwortlichen die strikten Direktiven aus der Schweiz durchsetzen. Eine Alternative gibt es im letzten Fnftel des zwanzigsten Jahrhundert nicht: Ein multinationales Unternehmen wird heute daran gemessen, ob es in Payerne die gleichen Sicherheitsstandards einhlt wie in Quito, ob Mitarbeiter und Umwelt in West Virginia gleich gut geschtzt sind wie in Bhopal. Wer unterschiedliche Standards zult, riskiert Katastrophen und schadet damit, wie jngste tragische Beispiele zeigen, nicht nur dem Ansehen des eigenen Unternehmens, sondern 131 bringt ganze Branchen ins Zwielicht. Eine weitere unausweichliche Folge sind - auch das bewiesen aktuelle Beispiele - Kursstrze an der Brse und damit handfeste finanzielle Einbuen. Stephan Schmidheiny hat zur Koordination der Forschungsanstren gungen eine eigene Abteilung, die Ametex, geschaffen. Hansueli Spie, der Leiter der fr Lateinamerika zustndigen Abteilung, ist in Heerbrugg aufgewachsen und hat mit ihm die Schulbank gedrckt. Nach seinem Stu dium der Kybernetik und Computerwissenschaft in England arbeitete Spie zuerst whrend drei Jahren bei der Eternit Berlin und wurde dann 1976 von seinem Schulfreund Stephan nach Niederurnen gerufen. Die Ametex ist ein Spiegelbild von Schmidheinys internationaler Eternit-Or ganisation: Das Koordinationszentrum liegt in Niederurnen, regionale Forschungsabteilungen arbeiten autonom, kommunizieren jedoch inten siv mit der Schweiz. Ingenieur Fischer leitet das regionale Forschungszen trum in Costa Rica, das auch zustndig ist fr die Werke in El Salvador, Honduras, Ecuador und Nicaragua, wo ebenfalls - auf die lokalen Be drfnisse ausgerichtet und basierend auf den einheimischen Rohstoffen geforscht und entwickelt wird. Dabei erweist es sich, da die einzelnen Unternehmen zwar im Bereich Innovation voneinander profitieren kn nen, da aber die Voraussetzungen in keinem Land genau gleich sind wie im andern. Hans Fischer berichtet, da im politisch linksgerichteten Nicaragua der vom Bruderland Sowjetunion billig gelieferte Asbest als problem los akzeptiert werde. Dennoch gilt der Innovationsfahrplan auch fr die Eternit-Fabrik in Managua, solange Schmidheiny seine Beteiligung am Unternehmen behlt. Top of Switzerland, die Panorama-Aufnahme der Schweizer Alpen von Emil Schulthe, schmckt Ingenieur Fischers Bro. Daneben leuch ten ein Poster mit einem Zug der Rhtischen Bahn im Schneesturm auf dem Langwieser Viadukt und ein Foto der Patrouille Suisse ber der Axalp. Der Arbeitsraum ist ein Stck Schweiz im tropischen Mittelame rika; der Zrcher wirkt als der Inbegriff eines einsatzfreudigen und zuver lssigen Schweizers, der sich vollstndig fr sein Unternehmen ein setzt. Schweizerisch geprgter Fderalismus macht hier eine angepate Entwicklung mglich, die beeindruckt. Wir whlen einen ganz andern Weg als in Europa, erklrt Fischer, der Erfolg zeichnet sich ab, die wirklichen Bewhrungsproben liegen jedoch noch vor uns. 132 Das Lager der Eternitfabrik in Costa Rica t> In einer Halle des Werks in Costa Rica machen Arbeiter eine La dung, bestehend aus Ricalit-Platten, fr den Transport in die USA bereit. Das asbestfreie Faserzement-Produkt hat die amerikanischen Zulassungs hrden genommen. Pro Monat werden 10 000 Quadratmeter, ein Sechstel der Produktion, nach den Vereinigten Staaten exportiert. Ein groer Er folg fr ein Produkt, das auch in Costa Rica selbst ein Renner ist. Germano Figueroa fhrt mich einen Tag lang kreuz und quer durch San Jos, um begeistert die vielen Anwendungen seiner Platten zu demonstrie ren. Architekt Eduardo Davila beispielsweise hat sein eigenes Haus mit tels Ricalit-Platten aufgestockt und will das System bei seinen Kunden empfehlen. Davila erklrt, da die vergleichsweise leichten Platten ideal seien, weil man damit auch Huser ohne massiven Unterbau aufstocken knne; was wegen der Tragfhigkeit der Fundamente mit schweren Bau materialien unmglich wre. Andere Lnder, andere Baugesetze! An je nem Tag sehe ich noch Dutzende von Anwendungen der asbestfreien Fa serzementplatte: Im Mexico-Hospital, wie eines der grten Kranken huser von San Jos heit, sind die neuen Operationssle mit FibrolitPlatten ausgekleidet! Ein frisch aus dem Boden gestampftes Shopping Center, das eine japanische Gesellschaft betreibt, ist innen vollstndig mit den Faserzement-Platten aus dem Ricalit-Werkt gebaut. Am Stadtrand zeigt mir Figueroa eine ausgedehnte Einfamilienhaus-Siedlung mit Hu sern zu 20 000 Dollar das Stck, eine Summe, die Angehrige des oberen Mittelstandes bezahlen knnen. Auch hier hat Ricalit den Lwenanteil des Baumaterialis geliefert; auer den Dchern, deren Material noch aus einer frheren Epoche stammt, ist alles ohne Asbest produziert. Nach Vil len, Garagen und Werksttten schlielich hinter der Kuppe eines Hgel zuges am Rande eines Slum-Gebietes kleine vorfabrizierte Wohnhuser fr Bedrftige, die 2500 Dollar fr diese Behausungen aufbringen kn nen. Ein konkurrenzlos niedriger Preis, der nur mglich ist, weil smtli che Baumaterialien aus einheimischen Rohstoffen bestehen. Die Anlage kosten fr die Htten der Bidonville, die aus rostigem Abfallblech und morschen Kistenbrettern bestehen, sind zwar bestimmt noch um einiges tiefer; die Behausungen heizen sich jedoch in der Sommerhitze auf und stehen whrend der Gsse der tropischen Regenzeit unter Wasser. Blech mu im brigen importiert werden und wird im feuchtheien Tropen klima schon nach wenigen Jahren ein Opfer der Korrosion. Die Armen von San Jos, die sich vor den wenigen Fernsehgerten in ihrem Quartier in Trauben sammeln, knnen in tglich gesendeten TV-Spots erfahren, da Fibrolit nicht wie Blech rostet und nicht wie Holz von den Kfern gefressen wird. Der Bedarf an preisgnstigen Husern ist in den Ent- 134 wicklungslndern mit ihren rasch wachsenden Bevlkerungen enorm. As bestzement war und ist wegen seiner Dauerhaftigkeit und seiner Resistenz gegen klimatische Unbill ein wichtiger Baustoff. c) Sonderfall Brasilien D Brasilien ist der Prfstein unserer NT-Politik. Hansueli Spie, Verantwortlicherfiir die Neue Technologie in Lateinamerika Der Vizeprsident der brasilianischen Eternit, Sieghart Lerche, bi antwortet im klinisch aufgerumten Bro im Verwaltungsgebude ii Osasco meine Fragen. Der Vorort von So Paulo ist Standort des grte] Werkes der Eternit do Brasil. 1941, whrend der Zweite Weltkrieg tobt und die Brder Schmidheiny ihr afrikanisches Hauptquartier von gyf ten nach Sdafrika verschoben, begann hier die lateinamerikanische E? pansion. Eigentlich war Brasilien in der SAIAC den Belgiern zugedacl worden, diese verzichteten jedoch wegen des Krieges auf diese Optioi Die Schweizer sprangen in die Bresche und stellten wenige Jahre spt mit Dr. Graf einen tatendurstigen Manager an die Spitze der Lateinarm rika-Organisation. Sieghart Lerche kennt diese Grndungszeit nur vor Hrensagen; er stie anfangs der sechziger Jahre zur brasilianischen Ete nit. Auf seinem Pult steht, wie bei den meisten lteren Managern d< Gruppe, das unvermeidliche Stck asbesthaltigen Gesteins. Die Chrys< til-Fasern hngen als Bschel aus dem Muttergestein, einem Brocken at der brasilianischen Cana-Brava-Mine. Diese Mine betreibt die Amianti zusammen mit der franzsischen Saint-Gobain-Gruppe, will sich ab( jetzt im Zusammenhang mit der NT-Politik aus dem Unternehmen zi rckziehen. Aus Lerches Bro schweift der Blick ber eine eindrucksvol Landschaft aus Fabrikhallen und Asbestzementlagern; zusammen m dem Werk in Berlin-Rudow das grte der Schweizer Gruppe, das ich g sehen habe. Im Verwaltungsgebude erscheint alles dennoch um eii Nummer zu gro; ausgedehnte, wenig belebte Korridore fhren zu Bro die teilweise auffallend dnn belegt sind. Das haben wir noch vor d groen Krise geplant, rumt Lerche ein, und jetzt erst erffnet. Die Krise setzte 1980 abrupt ein, als die auf auslndischen Kreditf basierende Konjunktur pltzlich zusammenbrach. Die Wirtschaftsbl auf Pump verwelkte im Sog der Weltrezession rasch und strzte den Ba markt und seine Zulieferbetriebe in eine tiefe Krise. Hermann Straub, d altgediente technische Direktor, kann es immer noch nicht fassen, da d 1 seit dreiig Jahren trotz zeitweiligen Einbrchen stetig aufwrts fhrende Entwicklungskurve definitiv geknickt scheint. Seit 1957 engagiert er sich fr die Eternit do Brasil und konnte im Laufe der Jahrzehnte immer wie der Erweiterungs- und Neubauten projektieren. Die bereits 1949 eingeweihte Fabrik in Rio ist mehrmals modernisiert und vergrert worden. Das dritte Werk in Salvador nahm 1967 den Betrieb auf, dann baute die Eternit kurz nacheinander Fabriken in Goinia und Curitiba. Im Sdosten des Landes, dem wirtschaftlichen Schwerpunkt Brasiliens, arbeiten fnf Fabriken und zwei Dutzend Verkaufs-Filialen. Ende 1980 produ zierten wir in allen unsern brasilianischen Werken 80 Millionen Quadrat meter, sagt Ingenieur Straub stolz. Das sind 80 Quadratkilometer, fast die Flche des Schweizer Nationalparks. Jetzt ist die Produktion auf et was mehr als die Hlfte dieses Rekordwertes abgestrzt, der jhrliche As bestverbrauch betrgt noch 60 000 Tonnen. Ein bitterer Tatbestand fr Hermann Straub; auch er ein typischer Verteter der Aufbau-Generation, der sich whrend Jahrzehnten daran gewhnen konnte, immer neue Werke zu planen und zu realisieren. Grter Wermutstropfen ist jedoch das hochmoderne Eternitwerk in Novodessa, dessen Erffnung geplant war, als die Krise bereits alle schnen Zukunftsplne ber den Haufen ge worfen hatte. Die 15 Millionen US-Dollar kostende Fabrik, ein Monu ment des Wachstumsglaubens, hat nie eine Platte produziert. Sie ist nagel neu eingemottet worden und wartet, versiegelt, auf bessere Zeiten. Das kann noch lange dauern, denn die andern fnf Fabriken sind kaum ?ur Hlfte ausgelastet. Von 4500 sackte die gesamte Belegschaft auf unter 3000 ab. Sieghart Lerche, der den Abbau durchfhren mute, erklrt: Zuerst haben wir das Fett weggeschnitten, das Personal, das man im Hinblick auf eine wei tere Expansion angestellt hatte. Das hat nicht weh getan. 1982/83, als man schon kein Fett mehr hatte und ins Fleisch schneiden mute, war das schlimmste Jahr. Da mute ich viele Leute entlassen, die schon seit zehn oder gar zwanzig Jahren bei uns sind. Die Philosophie und die Kultur un seres Unternehmens waren immer rcksichtsvoll, urteilt Lerche, wenn es uns gut ging, so wurde gesagt, soll es auch den Mitarbeitern etwas bes ser gehen. Jetzt, wo es uns aber schlecht geht, will niemand den Verlust auf seine Kappe nehmen. Die Entlassungen schmerzen, und wer hier ab baut, bin ich. Wir muten einsehen, da wir kein philanthropisches Insti tut sind und da wir unsern Aktionren Resultate zeigen mssen! Hauptaktionr ist Stephan Schmidheinys Eternit-Holding. Mit vergleichs weise guten Sozialplnen hilft man den langgedienten Entlassenen ber die erste Zeit hinweg. Viele werden sich wohl ins Heer der brasilianischen 136 Arbeitslosen einreihen. So zynisch es klingen mag: Am besten ergeht es den drei Eternit-Arbeitern mit Asbestose, die nach der Entlassung bis zum Pensionsalter ihr volles Salr ausbezahlt bekommen. Bei 32 Arbei tern besteht Verdacht auf Asbestose; die Rntgenbilder werden vom In stitut in Neu berprft, endltig entschieden, ob es sich um Asbestose handelt, wird von einem unabhngigen Arzt. Mesotheliome und auch Lungenkrebse mit Asbestose verzeichnete man bis jetzt noch keine, wie Dr. Wagner, der Firmenarzt, erklrt. Obwohl man die Flle erst seit 1978 erfat, berrascht dieser Befund. Mit einer Dunkelziffer, vor allem bei Kontraktarbeitern, die nur relativ kurze Zeit in der Fabrik ttig waren, mu gerechnet werden. Brasiliens tiefe Rezession hat auf dem Eternitmarkt zu einem mrde rischen Konkurrenzkampf gefhrt. Anders als in andern Regionen des Globus hat hier die Aufteilung der Welt durch die europischen EternitProduzenten nicht geklappt. Das Land ist so riesig und schien als Markt derart aufnahmefhig, da die franzsische Saint-Gobain-Gruppe hier ohne gro anzustoen ihre eigenen Werke aufbauen konnte. Nach und nach etablierten sich noch ein Dutzend kleine einheimische Fabriken berall im Lande. Die beiden Groen und die zw lf Kleinen haben je ei nen Drittel des Marktes ergattert. Asbest ist wegen der brasilianischen Minen eine nationale Ressource; das gesundheitsgefhrdende Potential hat bisher noch kaum zu Kontroversen gefhrt. Wo einheimische Roh stoffquellen vorhanden sind, erlaubt die Regierung, um Devisen einzu sparen, keine Importe. In dieses Szenario von berkapazitt, Entlassun gen und Preiszerfall und der Ausrichtung der brasilianischen Wirtschaft auf einheimische Rohstoffe passen die Direktiven aus der Schweiz nicht hinein. Die Botschaft des Hauptaktionrs, Asbest bis zum Ende des Jahr zehnts in allen Hochbauprodukten zu ersetzen, hrt man wohl; allein - so schien mir jedenfalls - es fehlt der Glaube, da man das Programm durchziehen kann. Die Mienen der Verantwortlichen werden leer, die Blicke scheinen ein Objekt in unbestimmter Ferne zu Fixieren, wenn man das Gesprch auf NT bringt. Zu all den andern Sorgen nun auch noch diese 1Welch ein Unterschied zu Costa Rica, wo man das hier unmglich Scheinende praktisch schon geschafft hat. Costa Rica verfgt im Gegen satz zu Brasilien ber keine Asbestminen, der Baumarkt ist weniger an spruchsvoll, die Konkurrenz bei weitem geringer und das Klima geeigne ter fr die ausschlielich mit natrlichen Stoffen armierten Faserzement platten. Was wird aus der so stolzen Eternit do Brasil, wenn man Produkten 13' nien anbietet, die zwar keinen Asbest enthalten, aber wegen kostspieliger Ersatzstoffe fr das billige einheimische Mineral so teuer sind, da sie der Markt nicht akzeptiert? Die franzsische Gruppe wird ebensowenig wie j die kleinen einheimischen Produzenten auf Asbest verzichten, weil der uere Druck hier vllig fehlt. Die in Europa zum Verstrken des Ze ments verwendeten Chemiefasern sind auf dem brasilianischen Markt nicht erhltlich, eine Importgenehmigung zu bekommen, ist aussichtslos. Ein Dilemma ohne Ausweg! Whrend ich mir die Quadratur des Kreises von den ziemlich ratlosen Managern vor Ort erklren lasse, klingt mir Ste phan Schmidheinys Wort im Ohr: Indem ich mich ffentlich zum NTProgramm bekannt habe, habe ich einen Teil meines Lebens mitidentifi ziert. Er habe zwei Standards, einen fr Europa und einen andern fr die Entwicklungslnder, wird man ihm vorwerfen, wenn das Innovations programm fr Brasilien auf der Strecke bleibt. Das wei er, und darum setzt er alles daran, dieses schwierigste Problem zu lsen. Technische Schtzenhilfe aus Europa und modernste Forschungs- und Entwicklungs technologien sollen die Lsung bringen. Der Staat und die ffentlichkeit beschleunigen den Proze in Brasilien nicht im geringsten. Wenn die Ver antwortlichen der Eternit von den berhitzten Debatten aus Schweden oder Deutschland hren, so sind das Probleme aus einer andern Welt (Hermann Straub). In einem Land, das Zustnde wie in der berchtigten Industriestadt Cubato duldet, wird die neue Norm von vier Asbest-Fa sern pro Kubikzentimeter bereits als Fortschritt registriert. Der staatlich festgesetzte Wert ist das Vierfache dessen, was die brasilianische Eternit in ihren Werken toleriert. Cubato liegt unweit von So Paulo und hat als schmutzigste Industriestadt der Erde traurige Berhmtheit erlangt. Im Tal des Todes, wie die Brasilianer die Gegend getauft haben, verpesten Stahl- und Httenwerke, erdlverarbeitende Betriebe und Dngerfabri ken die Luft und verseuchen das Wasser. Wald wchst hier schon lange keiner mehr, und die Menschen, die lngere Zeit in dieser abschrecken den Industrielandschaft wohnen, erkranken an Atembeschwerden und an Hautleiden, um nur das Harmlosere zu nennen. Hoch ist die Zahl der migebildeten Neugeborenen; doch eine Wende zum Besseren ist nicht in Sicht. Auslndische Unternehmen, welche die laschen brasilianischen Umweltgesetze ausnutzen, sind am Skandal von Cubato ebenso beteiligt wie einheimische. Die Manager der brasilianischen Eternit wehrten sich gegen den aus der Schweiz verordneten Warn-Kleber mit dem roten a, der in der gan zen Gruppe auf allen asbesthaltigen Produkten angebracht wird. Das htte ihrer Ansicht nach schlafende Hunde geweckt und die Konkurrenz- Wasserbehlter aus Asbestzement a u f dem Gelnde t> 138 der Eternit-Fabrik bei So Paulo in Brasilien knne, Geld fr Entwicklungsarbeit auszugeben, erklrt Sauerlnder. In Brasilien wchst die Bevlkerung jhrlich um 2,2%; nach billigem, dauer haftem Wohnraum besteht darum ein enormer Bedarf. Der Zusammen bruch der Bauindustrie veranschaulicht, wie sehr die Brasilianer den Gr tel enger und enger schnallen mssen. Sauerlnder: Das ist der groe Konflikt. Es geht um die Frage, ob dieses Eternit in der heutigen Form der grere Schadeif sei und das eventuelle Risiko hher einzustufen ist als die Qualitten des Baustoffes. Aber wenn wir grundstzlich sagen, As best sei gefhrlich; knnen wir uns dann herausnehmen, uns in Brasilien anders zu verhalten als in Europa, weil die brigen Probleme in Brasilien grer sind? Wer gibt uns das Recht, die Verantwortung zu relativieren? Sauerlnder hat Vergleichsmglichkeiten mit andern weltweit ttigen In dustriegruppen, bei welchen er vorher im Einsatz stand. Zu Schmidheinys fr alle Lnder geltendem NT-Entscheid erklrt er: Da kommen wir jetzt zu einem wichtigen Punkt, wo ich der Meinung bin, da bei der Gruppe Stephan Schmidheiny entscheidend mehr geleistet wird, entschei dend mehr in der Gesamtverantwortung vorhanden ist. Wir knnen heute die Lsung fr Brasilien nicht auf den Tisch legen, aber wir machen alles, wirklich alles, um 1990 soweit zu sein. Wenn dann unsere Produkte 30% teurer sind als alle andern, kommt der Moment, wo wir uns entscheiden^ " mssen. Schlieen wir ein paar Fabriken, machen w i r . . . - er denkt nach, sucht nach einer Fortsetzung des Satzes. Ich helfe weiter: . . . zum Beispiel Hhnerfarmen... , worauf er spontan weiterfhrt: Das ist denkbar, du^haus denkbar!, ; Wieder auf dem BodenVon 1985 meint er pltzlich ganz khl: Wer wei, ob die Asbestfrage nicht einmal auch in Lateinamerika aktuell wird. Sehen Sie das einmal, unternehmerisch an - ganz kalt - , diese berlegung gen machen wir ja riebert"den ethischen immer auch. Wir sind Unterneh mer, wir denken planerisch. Wenn Sie vor fnf Jahren in der Schweiz ge sagt htten, die Asbestfrage ^w^rde bei uns so aktuell, wie sie heute ist, dann htte ihnen das kaum jemand abgenommen. Das kann in Brasilien genau so aktuell werden und eine Umwlzung auf dem Markt herbeifh ren. Und dann wollen wir mit einem Produkt auf dem Martk sein, das machbar ist. Dann wollen wir mitmischen! Oder auf gut schweizerdeutsch: Dnn wettemer debii sii! 142 d) Umbruch in in Sdafrika Minen mit Absatzsorgen und eine militante schwarze Gewerkschaft Sdafrika ist ein Eldorado fr die asbestverarbeitende Industrie, lie gen doch Asbestvorkommen, die zu den bedeutendsten der Erde gehren, im sdlichen Teil des schwarzen Kontinents ungefhr zu gleichen Teilen in Sdafrika und im benachbarten Zimbabwe. Jede zehnte auf der Erde verbrauchte Tonne stammt aus dieser Region; 1984 insgesamt 400 000 Tonnen. Als der junge Max Schmidheiny sein afrikanisches Hauptquar tier von gypten nach Sdafrika verschob und dort, am 22. April 1941, die Everite Limited grndete, tat er das auch im Hinblick auf die komfortable Rohstoffsituation. Die Sdspitze Afrikas ist die mit Rohstoffen vermutlich am reichsten gesegnete Region der Erde. Gold, Kupfer, Zink, Diamanten und Asbest, um nur einige zu nennen, schaffen Arbeitspltze fr Hunderttausende. Anfangs des letzten Jahrhunderts entdeckte der deutsche Geologe Lich tenstein im Nordwesten der Kap-Provinz einen blauen, faserigen Stein, den zwei andere Wissenschafter spter Krokydolith (Wollstein) nannten (3). Lange blieb es still um die sdafrikanischen Asbestfunde; erst nach dem Burenkrieg (1899-1902) entwickelte sich die Industrie des Landes langsam; die Asbest-Jahresproduktion stieg 1912 auf 10 000 Tonnen. Die Erfindung Hatscheks kurbelte den Verbrauch weltweit krftig an. Inzwi schen entdeckten Geologen weitere Lagersttten, so 1918 beim Dorf Amos im nordstlichen Transvaal, wo man einen braunen Stein fand, der den Namen Amosit erhielt. Aufgrund der steigenden Nachfrage drangen die Geologen weiter ins Landesinnere vor unct' entdeckten immer neue Vor kommen. Sdafrika ist das einzige Land, in dem alle vier industriell ge nutzten Asbestarten gefrdert werden; nmlich Chrysotil, Krokydolith, Amosit und Antophyllit. Die Zahl der Minen vergrerte sich, Minen, in denen die Weien das technische Know-how besaen und die Schlssel stellen im Management besetzten, whrend die Schwarzen das Mineral abbauten. Darin unterscheiden sie sich nicht von den Gold- oder Dia mantminen. Mit den Asbestlagersttten in Reichweite waren die Startbe dingungen fr das Everite-Unternehmen auerordentlich gut. Max Schmidheiny brachte die Rohstoffbasis fr die Asbestzement-Produktion unter seine Kontrolle, indem er sich an Asbestminen in Sdafrika und Rhodesien, dem heutigen Zimbabwe, beteiligte. Die Everite-Firmenchronik vermerkt fr das Jahr 1963, da die Pangani-Asbestmine in Sdrhode sien die Produktion aufgenommen habe. Die Mine gehrt der Firma As- 143 bestos Investments, an welcher Everite mit 4 7 % beteiligt ist. Prsident der in Sdafrika domizilierten Gesellschaft: Max Schmidheiny, Brger von Balgach und wohnhaft in Heerbrugg. Wie bei den Eternit-Gesellschaften verfuhr der Schweizer Industrielle auch bei den Rohstoffquellen: Kein Alleinbesitz, aber wenn immer mglich die Kontrolle. Nach und nach er wirbt die Asbestos Investments ein halbes Dutzend Minen in Rhodesien und Sdafrika, Basis fr eine stetig grer werdende Produktion im eige nen Land. Die Minen frderten den damals begehrten Rohstoff auch zu nehmend fr den Export. 1980 verkaufte die Schweizer Eternit-Gruppe ihre Beteiligung an der Minengesellschaft Asbestos Investments; eine logische Folge des neuen Kurses. Der weltweit schrumpfende Asbestverbrauch hatte inzwischen auf die Minen im sdlichen Afrika durchgeschlagen. Weil der allein in dieser Weltregion vorkommende blaue Asbest als besonders karzinogen gilt, trifft die Absatzkrise die Krokydolith-Minen am strksten. Der Ent scheid der Everite-Gruppe, sich aus dem Minengeschft zurckzuziehen, signalisiert die Abkehr vom Asbest, erwies sich jedoch angesichts der sin kenden Nachfrage auch als kommerziell klug. Die Minenszene in Sd afrika wird heute mehr noch als frher durch riesige Gesellschaften mit Namen wie Gefco, Gencor und Msauli dominiert, die gegenwrtig in Sdafrika noch etwa 200 000 Tonnen Asbest pro Jahr frdern. 40% davon sind blauer Asbest, der heute vor allem in Entwicklungs- und Schwellen lnder geht, wo der Asbest-Verbrauch aller Typen steigende Tendenz auf weist. Nach Indien zum Beispiel, einem Land mit einer riesigen, von der einheimischen Industriellen-Familie Birla kontrollierten AsbestzementIndustrie. Der in den westlichen Industriestaaten mehr und mehr gech tete Krokydolith wird vor allem fr die Armierung groformatiger Rh ren verwendet, ein Produkt mit starker Nachfrage in Entwicklungsln dern mit rasch wachsenden Stdten und damit zusammenhngenden In frastruktur-Aufgaben. Die Distanzen in die dicht bevlkerten Lnder des Fernen Ostens sind im brigen kleiner als nach Europa und in die USA, was sich auf die Transportkosten gnstig auswirkt. Die Minen in Sd afrika, Zimbabwe und Swaziland arbeiten nur noch mit halber Ausla stung; die Leidtragenden sind vor allem die schwarzen Mineure, die 95% der Belegschaften ausmachen und als Manvriermasse mit Kontrakten, die Jahr fr Jahr erneuert werden mssen, leicht wieder in die Steppe zu rckgeschickt werden knnen. Noch schrfen in Sdafrika rund 10 000 Minenabeiter, oft in vllig unwirtlichen, abgelegenen Gebieten Asbest, der Trend ist sinkend. Drohende Arbeitslosigkeit ist das eine Damokles schwert ber diesen Menschen, die meist direkt von ihren Drfern in die 144 A Minenstdte wandern und in der Regel weder lesen noch schreiben kn nen. An ihrem Job sind sie den Gefahren des Asbests zum Teil in hohem Mae ausgesetzt. Bereits 1960 ergab eine Untersuchung bei den Mineuren der Krokydolith-Mine von Kimberley eine hohe Zahl von Pleura-Mesotheliom-Fllen (4); in vielen wissenschaftlichen Untersuchungen und an llich der Diskussionen am Asbest-Weltsymposium in Montreal wird das krebserregende Potential des blauen Asbests dokumentiert (5). Ob wohl seit einigen Jahren in den meisten Minen eine medizinische Unter suchung der Arbeiter existiert, mu die Dunkelziffer der Erkrankungen gro sein: die Kontraktarbeiter werden nach Quittieren des Dienstver hltnisses medizinisch von den Minengesellschaften nicht mehr betreut. Schwarze Arbeiter, die an Asbestose erkrankt sind, bekommen eine Ab findung von umgerechnet 2200 Franken, Weien wird im gleichen Fall eine Summe von umgerechnet 30 000 Franken plus eine Rente ausgerich tet! Stop asbestos production now! fordert ein groes Transparent im Bro der Black Allied Mining and Construction Workers Union, einer militanten schwarzen Gewerkschaft. 1982 gegrndet, hat die Organisation bereits 20 000 Mitglieder, die zum groen Teil in Gold-, Diamanten-, Kohle- und Asbestminen arbeiten. Wir wollen das Leben unserer Mit glieder nicht fr den Profit der Weien opfern! postuliert Pandelani Nefolovhodwe, der Generalsekretr. Eine auf Umsturz gerichtete Dynamik ist in diesem Bro fast physisch sprbar, in das sich whrend unseres Ge sprchs immer mehr Schwarze mit skeptisch blitzenden Augen drngen. Asbestos killer! hmmert es von Plakaten an den Wnden. Welch ein Kontrast zu den dezenten von Weien bevlkerten Bros der Minenge sellschaften, denen die Aktivitten der schwarzen Gewerkschaften auf den Nerv bohren. Der Generalsekretr brandmarkt die schlechte Bezah lung der Mineure, die Unterbringung in abgeriegelten Arbeitercamps, wo weder Frauen noch Gewerkschaftsverteter Zutritt htten, und die emp renden Abfindungen im Krankheitsfall. Er holt einen Sto Fotos aus sei nem Pult hervor und zeigt Kinder, die auf den ungeschtzten Abraumhal den einer Asbestmine spielen, legt Aufnahmen von den schnen Husern der Weien und den schbigen Quartieren der Schwarzen auf den Tisch, die an die Fremdarbeiterunterknfte whrend des Baues der Staudmme in der Schweiz erinnern. Ist das richtig? fragt er suggestiv. Je lnger un ser Gesprch dauert, desto klarer wird der eminent politische Ansatz die ser Gewerkschaft. Wir wollen eine antirassistische sozialistische Repu blik! ruft Nefolovhodwe aus, whrend sich im engen Bro ein Dutzend Fuste zu ballen scheinen. 145 Diese Botschaft ist Sprengstoff im kapitalistischen, auf dem zweifel haften System der Apartheid basierenden Sdafrika, das die groe schwarze Mehrheit vollstndig von der politischen Macht ausschliet. As best wird als Hebel benutzt, um das verhate System zu attackieren; bei dieser kontroversen Faser lt sich die Ausbeutung der Schwarzen mo dellhaft illustrieren. Auf den Einwand, da die Schlieung der Asbestmi nen vielen Schwarzen den Arbeitsplatz kosten wrde, erklrt der General sekretr: Die neue Regierung hat dann eben fr andere Arbeitspltze zu sorgen. Wenn sie sozialistisch ist, dann ist sie verpflichtet dazu, und dann wird es ihr auch gelingen. Die katastrophalen Erfahrungen, die andere Lnder auf dem Schwarzen Kontinent mit dem Sozialismus machten, rh ren ihn nicht: Wir lernen von ihren Fehlern! Whrend unseres Ge sprchs geht nur ein paar hundert Meter vom Sitz der Gewerkschaft ein Kongre von (weien) Asbestfachleuten aus aller Welt ber die Bhne. Sie diskutieren ber Fasermessungen, ein Thema, welches die Legionen von schwarzen Mineuren unmittelbar betrifft. Nefolovhodwe: Unsere Gewerkschaft, die doch die Mehrheit der Minenarbeiter reprsentiert, hat man nicht einmal darber informiert, geschweige denn eingeladen! Auch wenn die Abgeordneten der Arbeiter das fr Laien unverdauliche Fachchinesisch wohl kaum verstanden htten, wre eine freundliche Ge ste der Organisatoren des Kongresses auf fruchtbaren Boden gefallen. Es war wohl nicht bser Wille; man ist ganz einfach nicht auf die Idee ge kommen . . . Am folgenden Tag sitze ich zusammen mit zwei Dutzend Wissen schaftern des Asbest-Kongresses in einer DC-3; die gemtliche Propeller maschine fliegt vierhundert Kilometer in Richtung Westen nach Pomfret zu einer Asbest-Mine am Rande der Kalahari-Wste. Die Skyline von Johannesburg verschwindet hinter der braunschwarzen Abgasbank, die ber der Schwarzenvorstadt Soweto liegt, Rauch aus Hunderttausenden von Kohleherden, der sich in der dnnen Luft des Hochplateaus - So weto liegt so hoch wie St. Moritz - breit macht. Ausgedrrte Landschaften breiten sich jetzt tief unter uns aus, hie und da ein trockenes Flubett, ab und zu ein verlassenes Dorf mit runden Htten. Pltzlich fliegt die Ma schine in eine dunkle Wolkenfront; ein Rtteln geht durch den Rumpf, Kaffee und Spirituosen wirbeln durch die Luft. Als wir uns vom Schreck etwas erholt haben, werden mit Galgenhumor die Risiken, abzustrzen oder nach dem Besuch der Blau-Asbestmine an Krebs zu erkranken, ge geneinander abgewogen. Wir schaffen die Landung schlielich, einzelne mit dem Papiersack vor dem Gesicht. Wir seien Glcksbringer, ruft uns 146 das herausgeputzte Empfangskomitee entgegen, als wir schwankend di DC-3 verlassen, das sei der erste Regen seit einem Jahr gewesen. Das hiei sei das Gebiet mit den meisten Mesotheliomen berhaupt, erklrt mii Prof. Tony Davis vom Nationalen Zentrum fr Berufskrankheiten in Jo hannesburg im Bus zum Clubhaus der Gefco-Minengesellschaft. Die ar tdlichen Tumoren Erkrankten sind weit weg, als wir in der knstlich be wsserten Oase, dem blhenden Garten des Clubhauses, den Apero ser viert bekommen. Anschlieend erlutert der Verantwortliche fr ffent lichkeitsarbeit anhand von Graphiken und Tabellen die groen Fort schritte der Mine in Sachen Staubbekmpfung und medizinischer Kon trolle der Mitarbeiter. Die Pomfret-Mine kam wegen der Erkrankungei ins Gerede; Fernsehbilder von den asbesthaltigen Abraumhalden sensibi lisierten vor allem die Schwarzen gegenber einer Gefahr, von der sie bi jetzt nichts wuten. Die Mine ist auf gute Publizitt dringend angewiesen zumal sie den besonders gechteten blauen Asbest frdert. 150' Schwarze, 100 Farbige (Inder und Mischlinge) sowie 100 Weie arbeite; hier. Das Management setzt alles daran, da Wissenschafter und Presse Vertreter einen optimalen Eindruck bekommen. Die Asbestmhle, wo di Fasern vom Muttergestein getrennt werden, ist sogar frisch gestriche worden, die Farbe an den Wnden noch feucht, ganze Produktionslinie stehen still. Mit dem Frderkorb fahren wir knapp zweihundert Meter ur ter den Erdboden. Geschtzt durch Overalls, Helme und Gesichtsmaske marschieren wir in kleinen Gruppen durch unheimliche Felsendome. De Asbest zieht sich wie die dunklen Adern im Speck durch das Muttergi stein. Nach langem Marsch durch die gespenstisch leeren Katakombe pltzlich ein infernalischer Lrm! Schwarze Mineure in knallgelben Ove alls lsen im grellen Licht von Scheinwerfern mit Prelufthmmern ds Gestein. Skurril aussehende Vehikel mit berdimensionierten Rdei schleppen die Brocken weg. Surrealismus am Saume der Kalahari-Wst; Schwarze Bauern, angelernt durch eine anonyme Minengesellschaft, f dem hier am Ende der Welt Asbest fr Rhren, welche die Abwsser vc Bombay kanalisieren, fr italienische Autobremsen oder Filter aus kre nischer Produktion. 75 Rand verdienen sie die Woche, das sind gut hu dert Franken, plus Kost und Logis. Im Eiltempo werden die Besucher anschlieend durch die Woh Siedlung der Weien gefahren, dann folgt die freundlich wirkende Sie lung der Farbigen. Fr den Besuch bei den Schwarzen reicht die Z nicht mehr. Ich will jedoch unbedingt hin, obwohl das gecharterte Flu zeug deswegen etwas warten mu. Die Siedlung ist von Bumen und B sehen umgeben, Hhner und Hunde bevlkern die Strae, lachende Ki 1 der umzingeln uns sofort. Alles ist bescheidener als in den Quartieren fr Weie und Farbige, aber wohnlich und lebendig. Trister sieht es in den Wohnbaracken der alleinstehenden Kontraktarbeiter aus, wo wir zwei Mineure treffen. Auf die Frage, ob sie Gewerkschaftsmitglieder seien, er klren sie, da sie von Pandelani Nefolovhodwe und seiner Gewerkschaft gehrt htten, da sie aber nicht dabei seien. Einer Schlieung der As bestminen, wie sie der Generalsekretr fordere, knnten sie nicht zustim men. Machte man die Pomfret-Mine dicht, so wrden sie in einer andern Asbestmine Arbeit suchen. Zum Schlu sprechen wir noch mit einem der Lehrer, einem intelligenten jungen Mann aus der Kapprovinz. Etwas Sorgen um unsere Gesundheit mache ich mir schon, erklrt er, ich bin hierher gekommen, weil die Bezahlung etwas hher liegt als im Landes durchschnitt. Die kleine Minenstadt liegt fernab von greren Zentren und ist auf Gedeih und Verderb von der Asbestmine abhngig. Wen man hier anspricht, der verteidigt die Mine; verstndlich: es gibt keine Alter native. Die Forderungen des Generalsekretrs der kmpferischen Ge werkschaft wirken hier realittsfremd. Anderswo stehen die Zeichen be reits auf Sturm, streiken die Mineure fr bessere Salre, sanierte Arbeits pltze und fr die bedingungslose Anerkennung der Black Allied Mining and Construction Workers Union durch das Management. Der Streik in der Penge-Mine im Transvaal erregte landesweites Aufsehen, zumal die Gewerkschaft Zahlen ber die erkrankten Arbeiter publik machte, welche die Minen-Gesellschaft nicht dementierte. Bei Konzentrationen von 60 Fasern pro Kubikzentimeter noch im Jahre 1977 in der Asbestmhle, berrascht die Zahl von 800 an Asbestose erkrankten Mineuren innerhalb von zehn Jahren nicht. Heute liegt die Konzentration in der Mhle bei vier Fasern (internationaler Standard: eine Faser). Die schwarzen Ge werkschaften haben Asbest zum ffentlich diskutierten Thema gemacht, und das tangiert auch die Everite-Gruppe zentral. Obwohl Asbest hier in hnlichen Quantitten wie in Brasilien verfgbar ist, heit die Zukunft in der sdafrikanischen Eternit-Industrie: Substitution. Everite: NT und Kraftproben mit den Gewerkschaften Die Eternit do Brasil hat ihren jngsten Jahresbericht ohne Fotos auf preisgnstiges Papier gedruckt; der sdafrikanischen Gruppe geht es of fensichtlich noch um einiges besser, was der luxuris aufgemachte Annual Report schon optisch belegt. Er ist zweisprachig verfat, in Eng lisch und Afrikaans, graphisch gut gestaltet und mit vielen Fotos aufge- 148 lockert. Der Umsatz liegt 1983 um 7% hher als im Vorjahr und erreichte 176 Millionen Rand, Cash flow und Dividenden bersteigen ebenfalls den Vorjahreswert. Begonnen hat die Everite-Firmengeschichte 1941 mit einer Kapital einlage von 700 000 Rand, knapp drei Millionen Schweizerfanken aus der Schatulle Max Schmidheinys. Seither ist, wie Direktor Arni erklrt, kein einziger Franken mehr von der Schweiz in das sdafrikanische Unterneh men geflossen; jedoch, wie er vielsagend anmerkt, einiges in die andere Richtung. Everite begann mit einer kleinen Asbestzement-Fabrik in Kliprivier bei Johannesburg. Heute produzieren, auer dem inzwischen be trchtlich gewachsenen Hauptwerk, Fabriken in Kapstadt und East Lon don Eternit-Produkte; ein veraltetes Werk in Port Elizabeth ist 1983 ge schlossen worden. Everite gelang in den letzten Jahrzehnten ein erfolgrei ches Diversifikationsprogramm: die Firmengruppe, an der Stephan Schmidheiny 35% des Aktienkapitals hlt, ist inzwischen auf in Divisio nen aufgefchert, die auer Faserzement auch Beton-, Plastik-, Teer- und Keramikprodukte herstellen. Vier der fnf Divisionen konkurrenzieren sich im Bereich Rhren, wo Everite mit seinem Angebot an Asbestze ment-, Plastik-, Zelluloseteer- und stahlverstrkten Betonrhren eine marktbeherrschende Stellung einnimmt. Konkurrenz belebt offenbar das Geschft; Everite, seit 1962 an der Brse von Johannesburg kotiert, ist in zwischen eines der zwanzig bedeutendsten Unternehmen des Landes. Hans Gttinger, der 1952 als Chefchemiker zu Everite stie, berich tet, da er bereits 1955 mit Zellulosefasern experimentierte. Der Winterthurer Tftler entwickelte fr Innenbauplatten neue Mischungen mit sehr wenig oder gar keinem Asbest. Er wandte dafr das Verfahren des Autoklavierens an. Mit Hilfe von Hochdruck-Dampf werden die FaserzementProdukte in abgeschlossenen Druck-Kammern behandelt, was sie stabiler und weniger bruchanfllig macht. Autoklavieren erfordert viel Energie, die in Sdafrika wegen der einheimischen Kohle billig verfgbar ist. Zu dem sind bei der Anwendung fr die Eternitproduktion Silikate ntig, die Everite bequem auf dem Firmengelnde von Brackenfell abbauen kann. Die Schweizer Eternit-Gruppe verteilt das Know-how via die Dreh scheibe Niederurnen in alle ihre Werke; manches ist jedoch nur fr ein zelne Lnder machbar. So blieb das geniale Verfahren des Autoklavierens bis jetzt praktisch auf Sdafrika beschrnkt, weil nur dort die Vorausset zungen (billige Energie, Silikate) gegeben sind. Mit seinem Vorsprung an Know-how kann Everite verhltnismig ruhig in die NT-Zukunft blikken. Das kerngesunde Unternehmen verfgt auch ber ein gengendes 149 Polster, um aufwendige Forschungen Finanzieren zu knnen. Direktor Arni im Sptherbst 1984: Die beiden groen Fabriken rsten wir jetzt um auf die neue Technologie auf der Basis eines Cocktails mit verschie denen Zellulosen. Wir beginnen mit den Innenbauplatten, dann folgen Fassaden- und Dachschiefer. Die Fasermischungen bestehen unter ande rem aus Eukalyptus, Pinie und Sisal. Wlder haben wir dafr noch keine angepflanzt, aber das wird zweifellos kommen. Wegen der Boykottge fahr, die im zunehmend isolierten Apartheidstaat allgegenwrtig ist, mu Everite seine Rohstoffbasis soweit wie mglich in Sdafrika selbst si chern. Bedeutend mehr Kopfzerbrechen als die Umstellung auf NT macht der Direktion im Johannesburger Firmensitz der rasch wachsende Ein flu der schwarzen Gewerkschaften, ein neues, dramatisches Phnomen, mit dem sich die gesamte Wirtschaft des Landes konfrontiert sieht. Von den 32 Millionen Einwohnern des Landes sind 24 Millionen Schwarze, knapp 3 Millionen Mischlinge und eine Million Inder. Auch wenn sie 1984 Parlamente fr Mischlinge und Inder schufen, halten die Weien die politische Macht praktisch allein in den Hnden. Der schwarzen Mehr heit ist ein Parlament von den weien Machthabern nicht zugestanden worden; sie ist weiterhin von jeder politischen Einflunahme ausge schlossen. Mit der Einfhrung der neuen Verfassung, welche den Aus schlu der Schwarzen zementierte, erhob sich, von Soweto ausgehend, eine landesweite Protestwelle der Schwarzen. Auer an der diskriminie renden Verfassung entzndete sich der Volkszorn am Erziehungssystem, das die Schwarzen benachteiligt. Auf dem Umweg ber gewerkschaftli ches Engagement suchen die Schwarzen Einflu auf die nationale Politik zu nehmen. Zu Hunderttausenden schlossen sich in den letzten paar Jah ren schwarze Arbeiter den legalen und illegalen Gewerkschaften an. Ende 1984 gelang es militanten schwarzen Gewerkschaftern erstmals, das Wirt schaftsleben Sdafrikas durch einen ausgedehnten Streik empfindlich zu stren. Schtzungsweise eine halbe Million Schwarze nahmen an diesem grten Massenprotest der sdafrikanischen Geschichte teil. In vielen Be trieben in der Region Johannesburg streikten bis zu neunzig Prozent der Arbeiter; auch bei Everite blieb mancher Arbeitsplatz whrend zwei Ta gen unbesetzt. Der gemeinsame Aufstand von schwarzen Arbeitern und Schlern lste bei der Regierung in Pretoria und bei den weien Wirt schaftskapitnen tiefe Verunsicherung und Besorgnis aus. Emanuel Arni, der sich in letzter Zeit immer wieder mit den unbequemen schwarzen Ge werkschaften herumzuschlagen hatte, erklrt: Es ist ein dramatischer 150 Wechsel hier! Die neuen schwarzen Gewerkschaften wollen im Prinzip ein politisches Gesprch fhren. Wir haben keine Antwort darauf; diese Aspirationen der Gewerkschaften kann nicht die Wirtschaft, sondern nur die Regierung erfllen. Wir sind jetzt die Zielscheibe. Arni sieht Sd afrika als ein Land in einer unreifen Phase der partnerschaftlichen Indu striebeziehungen. Lange konnte Everite wie die gesamte von Weien ge fhrte Industrie von der Ruhe profitieren, welche das Apartheidsystem gewhrleistete, und gutes Geld verdienen. Ganz wohl war es den Schwei zern allerdings nie dabei, zu diametral unterscheidet sich das politische System Sdafrikas vom schweizerischen. Jetzt ist auch Everite mit der vol len Wucht des sich anbahnenden Wandels konfrontiert und mu sich dem Gesprch mit den neuen Gewerkschaften stellen. In den letzten Monaten verloren wir viel Geld durch rgerliche Zwischenflle mit den Gewerkschaften, klagt Arni; illegale Streiks, de ren eigentliche Ursache wahrscheinlich im contract-labour-System des Landes liegt (Arbeiter werden nur befristet eingestellt und die Vertrge je weils fr ein Jahr erneuert). Eine Kette solcher rgerlicher Zwischen flle erschtterten die Beziehungen zwischen Management und Arbei terschaft in der Everite-Fabrik in Brackenfell; illegale Streiks, wie es die Firmenleitung sieht, angezettelt durch die 1973 gegrndete, gemischtras sige General Workers Union (GWU). Im Bro der Gewerkschaft, im farbigen Stadtteil Athlone (hiei drfen nur Mischlinge wohnen), am Rande von Kapstadt schildern mii die Gewerkschafter den Ablauf der Ereignisse aus ihrer Sicht. Diane Coo per, eine junge weie Frau mit liebenswrdig sanfter Stimme, und zwe leitende schwarze Mitarbeiter der Gewerkschaft, Ray Lazarus und Ed ward Wyck, sind sehr berrascht, da ein Journalist aus der Schweiz siel bei ihnen informieren will. Das Bro wirkt heruntergekommen, berfllt desorganisiert. Aus einem andern Raum dringen Gesprchsfetzen von ei ner Sitzung herber. Aufgeregt, enthusiastisch und berstrzt wird von ei nem Streik geredet, dem faszinierenden, gefhrlichen Spiel mit den Feuer! Diane Cooper drckt ihre Zigarette im berquellenden Aschenbe eher aus; Das Management der Everite in Brackenfell hat alles getan um das Eindringen unserer Gewerkschaft zu verhindern; die Arbeiter wa ren eingeschchtert, hatten Angst. 1983 ereignete sich dann der Damm bruch; gegen Ende des Jahres war die Mehrheit der Arbeiter Mitglied de General Workers Union. Diane Cooper, zustndig fr die Region Kap Stadt, erzhlt das alles emotionslos distanziert; Ray Lazarus fllt ihr in Wort; Und jetzt begannen sich die aufgestauten Konflikte zu entladen 15 es ging um die Asbestosekranken in der Fabrik! Everite hatte in jenen Tagen die Presse informiert, da die Firma den 23 Arbeitern aus allen Eternit-Werken des Unternehmens, bei welchen der Betriebsarzt die Krankheit festgestellt hatte, den Lohn mit Teuerungsausgleich bis zum 65 Altersjahr ausbezahlen und anschlieend eine Pension gewhren werde. Statt sich, wie das Management erwartete, fr die generse Lsung zu be danken, forderten die Gewerkschafter, da alle Rntgenbilder immer auch von einem unabhngigen, vom Arbeiter gewhlten Arzt beurteilt wrden. Eine Selbstverstndlichkeit, die sich aber hier zur Kraftprobe zwischen Firmenleitung und Gewerkschaft ausweitete. Das Interpretieren der Rntgenbilder lt viel Ermessensspielraum zu, was bei Zweifelsfl len zwei Gutachter erfordert. Ich habe im Verlauf meiner Recherchen mit einer ganzen Reihe leitender Mitarbeiter der Schweizer Eternit-Gruppe geredet, die in frheren Jahren hohen Dosen von Asbest-Feinstaub ausge setzt waren. Sie alle lieen sich spter auer vom Firmen-Arzt auch von unabhngigen Spezialisten untersuchen; einzelne scheuten in Sorge um ihre Gesundheit sogar den weiten Weg zu Dr. Selikoff im Mount Sinai Hospital in New York nicht. Die Everite-Gewaltigen lenkten schlielich ein und hndigten auch die Rntgenbilder von 110 entlassenen Arbeiter dem von der Gewerk schaft bestimmten Dr. Jonathan Meyer aus. Der Arzt stimmte bei zehn dieser Rntgenbilder nicht mit dem Befund des Firmenarztes berein. Schlielich erzielten die beiden Parteien eine Einigung. Wenn sich auch die GWU im Bereich Asbest und Gesundheit enga giert, ein Hauptstreitpunkt ist das nicht. Die Verantwortlichen anerken nen die Anstrengungen der Everite zur Sanierung der Arbeitspltze; was sie dem Unternehmen jedoch ankreiden ist die Arroganz gegenber den Gewerkschaften. Dies pat brigens ins Bild: Der Schmidheiny-Clan empfand Gwerkschaften schon seit jeher als eher lstig, wenn immer mglich suchte man sie aus den Betrieben drauen zu halten, was im Eternit-Bereich auch in vielen Lndern, inklusive der Schweiz, gelang (siehe auch Kapitel 18). Ein bedeutender Konfliktstoff ist das Arbeiter camp nahe der Brackenfell-Fabrik, wo die Mehrheit der schwarzen Arbei ter wohnt. Dieses Camp unterscheidet sich wohl nicht von hnlichen Wohnsttten bei Gold- oder Diamantminen und entspricht den staatli chen Vorschriften fr Kontraktarbeiter-Camps. Weil dieses Camp in ei nem weien Wohngebiet liegt, sind die Arbeiter dort besonders isoliert; sie mssen eine halbe Stunde mit dem Bus fahren, um zu den Haupt wohngebieten der Schwarzen gelangen zu knnen. Zu diesen Erschwer- 152 nissen kommt, erklrt Lazarus, da die Kontrollen extrem strikt sind. Besuche von Familienmitgliedern sind zeitlich beschrnkt, auer Ehe frauen haben keine Frauen Zutritt. Bis vor kurzem war es auch Vertretern der Gewerkschaft verboten, in das eingezunte, von Wachtposten kontrol lierte Camp einzutreten! Der aufgebrachte Mann legt mir das Gewerk schaftsbulletin vom April 1984 vor, in dem es unter anderem heit: Die Arbeiter in Brackenfell beklagen sich darber, da sie Tag und Nacht kontrolliert werden, whrend der Arbeit und in der Freizeit. Sie sind nicht Kinder und nicht Strflinge, sie weigern sich, all dies lnger zu dulden. Die Firma kann sich im Recht fhlen, agiert sie doch im Rahmen der (unmenschlichen) staatlichen Gesetze. In einer derart angespannten Situation reichte ein kleiner Funke, um das Pulverfa zur Explosion zu bringen: Vor dem langen Wochenende des sdafrikanischen National feiertages ertappte die Camp-Wache einen Hndler beim Alkoholverkauf. Auch das ist illegal in diesen trostlosen, isolierten Camps, in denen den Insassen in der Freizeit auer dem Radio oder einem Kartenspiel kaum etwas an Unterhaltung bleibt. Das Management rief die Polizei, welche das Camp ohne Vorwarnung strmte und eine ganze Reihe von Arbeitern verhaftete. Die Entlassung von fnf Vorarbeitern - aus umstrittenen, von beiden Seiten verschieden dargestellten Grnden - verursachte dann die Explosion: 700 Arbeiter der Everite-Fabrik in Brackenfell traten im Juli 1984 in den Streik. Die unreifen partnerschaftlichen Industriebeziehun gen haben also ihre Ursache hauptschlich in Bedingungen, welche dem enormen Innendruck wohl nicht mehr lange standhalten werden. Das Everite-Management bekam whrend der Krise detaillierte Di rektiven aus der Schweiz, die dahin lauteten, die schwarzen Gewerkschaf ter als Gesprchspartner zu anerkennen.^Einige Vertreter des Manage ments, allen voran der Personalchef, agierten jedoch unglcklich halsstar rig und zerschlugen damit unntig viel Porzellan. Everite bekommt denn auch von den Spitzenleuten der General Workers Union keine guten No ten. Das zu einem mchtigen, multinationalen Konzern gehrende Un ternehmen hat sich widerspenstiger aufgefhrt als andere Firmen, urteilt Diane Cooper, Everite hat seine Macht voll ausgespielt und unbeque men Kontrakt-Arbeitern die Vertrge einfach nicht mehr erneuert, ob wohl die Zugehrigkeit zu einer Gewerkschaft von Gesetzes wegen nicht als Kndigungsgrund gilt. Der Lernproze ist immerhin im Gange; ei nem spter gemachten Vorschlag der Gewerkschaft, statt Arbeiter zu ent lassen, Kurzarbeit einzufhren, hat das Management rasch zugestimmt. Die soziale Unrast wird anhalten und sich wahrscheinlich verstrken. Fle xibilitt und mehr Menschlichkeit bei der Interpretation der Gesetze sind 15: in der gefhrlichen Situation gefragt. Anderseits bewegen sich fortschritt liche Unternehmen, welche sich ber die Direktiven der Apartheidpolitik hinwegsetzen, in einem rechtsunsicheren Raum. Die sdafrikanische Re gierung ermuntert zwar stndig auslndische Unternehmen, im Land zu investieren, sie schafft aber die politischen Bedingungen nicht, welche ein zukunftsgerechtes Wirtschaften erlauben. Konservative Krfte - offenbar immer noch die Mehrheit unter den weien Whlern - verunmglichen eine Kehrtwendung in der auf eine bedrohliche Konfrontation zutreibenden Rassenpolitik. Wandel liegt in der Luft: Fr Sdafrika und damit auch fr Everite stehen Zerreiproben bevor. Wenn Everite fr die Gewerkschaften auch viele Angriffspunkte bie tet, im Bereich der Staubkontrolle in den Fabriken ist das Unternehmen an der Spitze. Mit dem angelaufenen und bis zum Ende des Jahrzehnts abgeschlossenen NT-Programm (das auch hier fr die groformatigen Rhren nicht gilt) wird sich die Asbestproblematik entschrfen. Der sd afrikanische Staat setzt bis jetzt erstaunlicherweise keine Limiten fr Fa serkonzentrationen. Die EG-Richtlinien schreiben seit 1983 maximal eine Faser pro Kubikzentimeter vor, in den Everite-Betrieben mit man heute jedoch hchstens eine Faser; an manchen Mepunkten noch weniger. Frik Potgieter, der General Manager der Kliprivier-Fabrik, fhrt mich persnlich durch das 'Werk. Mit Argusaugen durchstreift der Bo die rie sigen Produktionshallen, schnauzt da einen Arbeiter an, der die Maske nicht richtig trgt, checkt dort ein Megert oder lt eine Maschine ab stellen, bei der ihm etwas suspekt erscheint. Kontrolle ist nicht nur Potgicters zweite Natur geworden; wie er agieren auch alle Vorarbeiter, die gem den detaillierten Richtlinien des Safe conduct zur strikten ber wachung verpflichtet sind. Die Flucht nach vorn im Bereich Asbestersatz und bei der rigorosen Entstaubung schafft dem Unternehmen eine Atem pause und einen hochwillkommenen Bonus fr weitere Kraftproben mit den Gewerkschaften. Fr die sdafrikanische Eternit ist nicht NT die Hauptherausforderung, sondern das vor dem Zusammenbruch stehende Apartheidsystem. Ein System, dem die von Weien gelenkte Wirtschaft jahrzehntelang einen Teil ihrer Prosperitt verdankt hat, das sich jetzt aber mit eiserner Konsequenz gegen die dominierende weie Minderheit zu richten beginnt. 154 e) Neue Technologie, ein Thema mit Variationen Die Schweiz, Deutschland, Costa Rica, Brasilien und Sdafrika sine fnf aussagekrftige Beispiele fr die individuelle Durchfhrung des NT Innovationsprogrammes. Mageschneiderte Lsungen werden jedocl auch fr die brigen Lnder entwickelt, in denen Fabriken der Schweize Eternit-Gruppe arbeiten. Das Niederurner Forschungszentrum (Ametex betreibt hauptschlich Grundlagenforschung. Auf diesen Grundlagen ba sierend, entwickeln die regionalen Forschungszentren ihre Produkte, di nicht nur qualitativ, sondern auch preislich mit der Konkurrenz mithaltei mssen. NT-Produkte mit Chemiefasern sind in der Regel teurer als enl sprechende aus Asbestzement. Wenn der Markt die hheren Preise nich verkraftet, schrumpfen die Gewinnmargen und damit die Ertragskraft de Unternehmen. Mit der Zeit, so hoffen die Verantwortlichen, werden sic! die Preisstrukturen angleichen. Wo regional Grundlagenforschung betrie ben wird, transferiert man die Daten in die Schweizer Zentrale, was ein optimale Nutzung aller Erkenntnisse fr die ganze Gruppe mglic macht. Das fderalistische System, nach dem die ganze Schweizer Etei nit-Gruppe aufgebaut ist, findet also im Innovationsprogramm seine For Setzung. Nicht nur bei den Grundlagen, sondern auch auf der Stufe der Prc dukte spielt der Austausch. Eine Wellplatte in Deutschland ist anders zi sammengesetzt als das uerlich gleich aussehende Produkt in Italie oder Costa Rica, dennoch werden Forschungsergebnisse aus mehrere Lndern in jedem Wellplatten-Typ mitverwendet. Produktspezifisch Forschungsgruppen tragen alle dezentra^gewonnenen Ergebnisse zusan men, verarbeiten sie und sorgen dafr, da das in der Gruppe erarbeitet Know-how allen zugute kommt. In Deutschland, wo die behrdliche Zulassungsverfahren besonders langwierig und rigoros sind, dauert es ui gleich lnger, bis ein Produkt schlielich auf dem Markt ist, als beispiel: weise in El Salvador, wo solche Prozeduren praktisch fehlen und die g< samte Verantwortung fr ein Produkt beim Hersteller liegt. Das Ergebnis des Innovationsschubs sind vollstndig umgestalteti auf die entsprechenden Mrkte zugeschnittene Produktelinien, die qul tativ dem Asbestzement ebenbrtig oder gar berlegen sein sollen. Ob si das wirklich sind, wird erst die Zeit vollumfnglich beweisen. Der neue Kurs der Schweizer Eternit-Gruppe schlgt sich nun auc in der Bezeichnung der bergeordneten Holdinggesellschaft nieder. Di Name der 1923 in Niederurnen gegrndeten Amiantus AG ist von di 1: lateinischen Bezeichnung fr Asbest abgeleitet. Seit Juni 1985 heit die Holding Anova AG. Mit der Substitution der Mineralfaser in Schmidheinys Eternit-Gruppe drngte sich die Namensnderung auf. Unter dem Schirm der Anova ist eine Vielzahl von Geschftsinteressen gruppiert. Mit einem Umsatz von knapp zwei Milliarden Franken und insgesamt 23 000 Beschftigten ist die Eternit-Gruppe der grte Bereich. Mit einer weiteren Milliarde Franken partizipieren die andern Sektoren am Ge samtumsatz des riesigen Wirtschafts-Konglomerates; darunter sind Indu striebereiche (Gips. Verpackungen) sowie Dienstleistungen (Kiosk-, Bankgeschfte, Immobilien). Schmidheiny hat nicht nur das NT-Programm, durch die Asbestkon troverse ausgelst, in die Wege geleitet, sondern auch betrchtlich in an dere Bereiche diversifiziert, um das Risiko zu verteilen. In allen Teilberei chen seines Imperiums agieren Geschftsfhrer mit weitreichenden Kom petenzen. Stephan Schmidheiny steht als Verwaltungsrats-Prsident an der Spitze der Anova. Selbstverstndlich sieht er seine Rolle als active chairman, der den Kurs in wichtigen Belangen bestimmt. 156 15. Wie die Franzosen die Anti-Asbest-Wogen gltteten Wir haben das Tabu Krebs beim Namen genannt. Marcel Valtal, Berater derfranzsischen Asbestindustrie Marcel Valtat lt in seinem Bro an der Avenue Messine, wenige Taximinuten von der Pariser Oper entfernt, die Choreographie der Ereig nisse auf der franzsischen Asbest-Bhne Revue passieren. Der Berater der einheimischen Asbestindustrie wirkt entspannt, kann er doch eine Er folgsstory erzhlen, sekundiert vom immer wieder zustimmend nickenden Yves Alexandre, einem Spitzenmann der franzsischen Eternit. Valtat zeichnet auf einem Blatt eine langsam ansteigende Kurve, die das An schwellen der Polemik gegen Asbest darstellt. Vor 1970 redete in Frank reich noch kaum jemand ber die Faser, dann begann die Diskussion langsam zuzunehmen, wurde heftiger, aggressiver. Zu einer Zeit, wo die deutschen Eternit-Fabrikanten noch selbstherrlich behaupteten, sie ht ten alles Denkbare vorgekehrt, Asbest im Zement sei kein Diskussions thema, erhitzten sich die Emotionen im westlichen Nachbarland. Die In dustrie verhielt sich zuerst passiv, hoffend, da der Verstand der Lands leute das Problem in absehbarer Zeit wieder in die richtigen Proportionen rcken wrde. Ausgegangen waren die Schockwellen von den Universit ten, wo der Spritzasbest von den Decken der Hrsle, Labors und Men sen rieselte; mit Recht sah man die Gesundheit der franzsischen Jugend in Gefahr. Pltzlich enthllte eine Zeitung, da der franzsische Wein mit Hilfe von Asbestfiltern gereinigt werde! Ein Sturm brach los, denn dieses nationale Heiligtum wollte man nicht mit der krebserregenden Faser in Verbindung sehen. Da half es nichts, da Fachleute beschwichtigten, eventuelle Fasern in Flssigkeiten bedeuteten absolut keine Gefahr. Die belagerte Industrie rief in ihrer Not einen der renommiertesten Unterneh mensberater der Nation, Marcel Valtat, zu Hilfe. In solchen Krisensitua tionen gibt es zwei Strategien, erlutert er, die erste, meist praktizierte ist, zu behaupten, die Anschuldigungen stimmten nicht, das werde alles bertrieben, da seien die Kommunisten dahinter und so weiter. Also ge nau das, was die deutsche asbestverarbeitende Industrie gemacht hat. Die zweite Strategie ist auf der Wahrheit aufgebaut, denn es gibt nichts strke 15' res als die Wahrheit. Valtat lehnt sich zurck, ein Mann, der die Wir kung seiner Worte zu dosieren wei: Wir haben gesagt <ja, Asbest er zeugt Krebs>, wir haben das Tabu beim Namen genannt. Dann machten wir eine Umfrage, um herauszufinden, ob das Problem nur eine agitatori sche Minderheit interessiert oder die Nation wirklich beschftigt. Das Er gebnis zeigte klar, da ein groer Teil der Bevlkerung irritiert, beunru higt war. 1977 mit dem Asbest-Kongre in Lyon, an dem auch Selikoff teiinahm, erreichten die Diskussionen ihren Siedepunkt. Ralph Nder, der amerikanische Konsumentenschtzer, landete ebenfalls in Paris, was nicht gerade zur Beruhigung beitrug. Die Franzosen wollten jedoch nicht primr Beruhigung, sondern der Wahrheit auf den Grund gehen, herausfinden, was Realitt und was bertreibung war. Das offene Eingestndnis der Karzinogenitt des Asbests lie zwar Emotionen hochschlagen, entschrfte jedoch die Situation auf die Lnge. Asbestzement, in dessen Produktion achtzig Prozent des suspekt gewordenen Stoffes gingen, war nicht speziell in der Schulinie; Valtats Strategie ging jedoch dahin, alle asbestverarbeitenden Industrien in einem Boot zu versammeln, das Problem fr alle Anwender gemeinsam zu lsen. Die Industrie grndete ein Comit Permanent de l'Amiante franais, in dem sowohl die wichtigsten medizinischen Kapazitten wie Spitzenvertreter der Gewerkschaften, der betroffenen Industrien und der zustndigen Ministerien saen. Die geschickte Idee dieses Komitees ver teilte die Last der Verantwortung auf verschiedene Reprsentanten, nie mand fhlte sich mehr bergangen, alle waren an der Lsung mitbeteiligt und engagiert. Die Gewerkschaften, welche anfnglich die Kampagne als intellektuell, von den Universitten kommend qualifiziert und nicht be sonders ernst genommen hatten, forderten jetzt von der Industrie wegen der erhhten Gefahr an den Arbeitspltzen mehr Lohn. Die Mehrheit des Komitees untersttzte jedoch die Industrie in der Argumentation, man wolle Geld nicht in Gefahrenzulagen, sondern in die Sanierung der Ar beitspltze stecken. Unter groem finanziellem Aufwand installierte man Absaug-Einrichtungen, richtete Mestationen ein und grndete ein mit unabhngigen Fachleuten besetztes Forschungsinstitut. Alle Befunde, und waren sie noch so ungnstig, wurden publiziert, sagt Ives Alexandre, darauf forderte die Industrie von der Regierung strenge Richtli nien, um den Gebrauch des Asbests zu regeln. Frankreich, einer der gro en Asbest-Konsumenten der Welt, kannte bis gegen Ende der siebziger Jahre keine Regierungsauflagen, da gab es weder MAK-Werte noch ir gendwelche andere Vorschriften! Obwohl die Industrie von 1976 bis unge fhr 1979 von den Medien so behandelt wurde, als wre sie die Brutsttte 158 der Pest, zahlten sich die von Valtat verordnete Schocktheraphie und die in die Wege geleiteten, berprfbaren Manahmen mit der Zeit doch aus. Die Deutschen hielten uns fr verrckt, erinnert er sich sffisant l chelnd, htten sie, zur gleichen Zeit wie wir, unsere Strategie bernom men, dann wre kein erstes und kein zweites Branchenabkommen ntig gewesen! Valtat ist berzeugt, da sich die ffentliche Meinung in allen Lndern gleich verhalte: Fhlt man sich bedroht, so wehrt man sich; das ist menschlich und normal. In einer solchen Situation in einem Land mit einer freien Presse Gefahren abzuwiegeln oder gar zu negieren, ist fr jede Industrie selbstmrderisch. Dies wirke auf die Medien wie ein rotes Tuch und vervielfache die Attacken. Wenn etwas wahr ist, dann wird es nicht verschwinden, wenn ich es bestreite, doziert Valtat, was jedoch nicht zu tolerieren ist, sind malose bertreibungen, welche den wissen schaftlich erarbeiteten Untersuchungen nicht standhalten. Gegen diese haben wir uns immer gewehrt. Im Gesprch wird mehrmals die Situation in sterreich erwhnt, wo man eine hnliche Strategie verfolge. Hatscheks Unternehmen hat mehr als beispielsweise die Betriebe der Schweizer Gruppe mit der ffentlich keit kommuniziert; Journalisten waren in der Fabrik in Vcklabruck im mer willkommen. Man war stolz auf das Werk, hatte nichts zu verstecken und mute nichts beschnigen. Weil die Fabrik auf dem Gebiet der Staubkontrolle immer auf dem letzten Stand der Technik war (diese Fort schritte verkaufte man jeweils mediengerecht), ist die Zahl der erkankten Arbeiter gering. Die Offenheit, verbunden mit der Tatsache, da Eternit eine nationale Erfindung ist, lie in sterreich die Asbest-Diskussion nie gro aufkommen. Asbest ist jetzt bei uns ein Stoff wie jeder andere, sagt Yves Alexandre. Vllig beruhigt ist die Situation nicht; das wird sie wohl nie sein, rumt Valtat ein, denn auch wir tragen am Erbe der Vergangen heit, an den Arbeitern, die vor zwanzig oder dreiig Jahren stark expo niert waren und jetzt erkranken. Die Franzosen publizieren seit der gro en Eruption jhrlich die Zahl der Erkrankten, ebenso wie die Meergeb nisse in den Fabriken. Verantwortliche der Schweizer Eternit qualifizie ren die franzsische Strategie etwas herablassend mit Public-RelationsAktion ab; meiner Ansicht nach ist sie ein beeindruckendes Lehrstck. Asbest ist in Frankreich wieder ein akzeptierter Stoff, der - unter kontrol lierten Bedingungen - verwendet werden kann. Ob sich das Land auf die Lnge dem eindeutigen Trend in allen Industrienationen entziehen kann, wird die Zukunft zeigen. Da die Uhren in Frankreich bezglich Umwelt- fragen anders gehen als in Deutschland, Nordeuropa oder der Schweiz ist freilich immer wieder zu beobachten. Das Land konnte zum Beispiel sein gewaltiges Programm zur nuklearen Stromerzeugung praktisch ohne f fentlichen Widerstand durchfhren. Das hngt sicher mit dem Zentralis mus des Landes zusammen, der auch eine Dominanz der Regierung in den Medien einschliet. Wenn Valtats These vom verheerenden Effekt des Leugnens erwiese ner Nachteile stimmt - und sie hat einiges fr sich - , dann verhlt sich die franzsische Automobilindustrie gegenwrtig selbstmrderisch, denn sie wehrt sich mit aller Kraft gegen die Produktion von Katalysator-Autos. Im Gegensatz zur Asbest-Diskussion kam die Abgas-Kontroverse in Deutschland bedeutend frher als in Frankreich in Gang. Das Waldster ben ist in Frankreich noch kaum ein Thema; die Industrie kann also in bereinstimmung mit der ffentlichkeit ihre nicht entgifteten Autos wei ter bauen. Valtat: Die ffentliche Meinung wird in den verschiedenen Lndern zu unterschiedlichen Zeitpunkten sensibilisiert. Der Wind blst von West nach Ost; darum sterben die deutschen Wlder - teilweise we gen unserr Schadstoffe - frher; die ffentlichkeit wird darum frher aufgerttelt. Themen wie Asbest oder Waldsterben sind jedoch heute in ternational; darum bin ich der Ansicht, da unsere Automobilindustrie i sich falsch verhlt, wenn sie die hochgehenden Diskussionen in Deutsch land rein politisch wertet und allein der Agitation der Grnen in-die Schuhe schiebt. Die Gegenreaktion wird, nach Valtat, nur um so grer werden, je mehr die Industrie beschnigt und abwiegelt: Ein weiteres Einsatzgebiet fr den Star-Berater ist also vorprogrammiert. Der Mensch will sich seine Risiken selbst aussuchen Abertausende sterben jhrlich in Frankreich an Alkoholmibrauch; sei es an Leberzirrhose oder andern alkoholbedingten Krankheiten. Das nimmt die ffentlichkeit mit erstaunlicher Gelassenheit zur Kenntnis, whrend der Weinfilter aus Asbest einen Tornado der Emprung ausl ste. Vergleichbaren, rational schwer begrndbaren Phnomenen begegnet man im tglichen Leben auf Schritt und Tritt. Der Mensch will offenbar seine Risiken selbst aussuchen! Wer sich eine Leberzirrhose ansuft, macht das freiwillig, ist selbst dafr verantwortlich. Wer wegen eines As bestfilters an Magenkrebs erkrankt (ein hypothetischer, durch keine Un- 160 T' tersuchungen erhrteter Fall), der wird durch Drittpersonen gefhrdet. Und das ertragen wir nicht. Aus diesem Grunde konnte das Thema der Berufskrankheiten einen so hohen Stellenwert erlangen: Wer am Arbeits platz erkrankt, der wird durch seine Firma gefhrdet. Er fhlt sich ausge liefert, wenn nicht gar ausgebeutet, kann sich dem Risiko nicht entziehen. Wenn der gleiche Arbeiter anschlieend ohne Helm mit bersetzter Ge schwindigkeit auf dem Motorrad nach Hause prescht, ist das sein Risiko, das fr ihn einen ganz andern Stellenwert hat. Die Jahresberichte der Schweizerischen Unfall-Versicherungs-Anstalt (SUVA), wo der Groteil der Arbeiter des Landes versichert ist, of fenbaren den Tatbestand: Whrend die Zahl der Betriebsunflle und Berufskerkrankungen absinkt, steigt die Anzahl der Freizeit-Unflle an. ln den Betrieben hat sich die Situation offensichtlich betrchtlich verbessert, whrend Ski-, Straen- und Bergunflle immer mehr Verletzte fordern (die Zahl der Todesflle geht auch hier zurck). Seit 1963 hat die Zahl der Berufsunflle in der Schweiz um mehr als ein Drittel abgenommen, wh rend die Unflle in der Freizeit um den gleichen Wert Zunahmen. Es ist also nicht mehr als folgerichtig, da auch die Franzosen trotz ihrer erfolgreichen Strategie zur Bewltigung der Asbest-Krise dem Irra tionalen im Menschen Tribut zollen muten: der Weinfilter konnte, allen Beteuerungen und wissenschaftlichen Gutachten zum Trotz, nicht gehal ten werden. Whrend die Franzosen Asbest im Eternit heute akzeptieren, als htte es die Kontroverse nie gegeben, erzwang der Druck der ffent lichkeit ein von der Regierung ausgesprochenes Verbot des Filters! Den Mythos Wein wollte man in Zukunft nicht mehr mit Asbest in Verbin dung sehen. Die hochgeschtzten alten Tropfen, die besonders ehr frchtig kredenzt werden, sind freilich alle durch den Asbest-Filter geflos sen . . . 161 16. Kein Substitutionsprogramm fr die sbestminen Jeder einzelne Arbeitslose wrde den Boden kssen, wenn er mor gen wieder in die Asbestmine einfahren drfte. Edward McKenna, Vizeprsident der Minen-Gesellschafi im kanadischen Asbestos a) Die Minenstadt Asbestos am Rande des Ruins Wir haben keinen Ersatzstoff, erklrt Bernard Coulombe, der Technische Manger der Jeffrey-Mine, und weist auf das gewaltige Loch unter uns, die grte Asbestmine der westlichen Welt. Gespenstische Ruhe liegt ber dem von Menschen gemachten Grand Canyon, an dessen Rndern wie Zndholzschachteln die Einfamilienhuser des Minenstdt chens mit dem Namen Asbestos stehen. Innert weniger Jahre ist die Pro duktion der Chrysotil-Mine von 650 000 Tonnen auf 250 000 Tonnen ab gesackt; die Folgen fr Asbestos sind verheerend. Fnf Quadratkilometer mit die in die Hgellandschaft des St.-Lorenz-Beckens gegrabene Mine, in die man den Eiffelturm hineinstellen knnte, ohne da dessen Spitze ber den Boden hinausragen wrde! Fr eine Woche stehen die Riesen bagger und die monstrsen Hundert-Tonnen-Lastwagen still, zyklopische Vehikel, die im riesigen dunklen Loch wie Spielzeuge wirken. Sieben Tage dauert die Feierschicht, weil die Asbestlager berquellen und der Absatz stockt, dann nimmt die Mine mit halber Kraft die Produktion wie der auf. Wir mssen immer wieder solche Unterbrche einlegen, er klrt Bernard Coulombe, whrend wir im Schrittempo ber die an eine Alpenpa-Strae erinnernde Piste zum Grund der Mine fahren. An den metallisch glnzenden Abhngen ziehen sich die Asbest-Adern als helle Bnder hin. Weies Gold, heit der Stoff hier, dem Asbestos seinen Reichtum verdankte und der die Stadt jetzt in die tiefste Krise ihrer Ge schichte strzte. Noch vor einem Dutzend Jahren strmten die Mineure hieher wie einst in die Goldgrberstdte Kaliforniens, derfn die Lhne la gen um einiges hher als im Landesdurchschnitt. Kommt dazu, da Asbe stos anders als andere Minensiedlungen nicht fernab der Zivilisation liegt, sondern in dem am dichtesten besiedelten Teil Kanadas, 160 Kilo meter nordstlich von Montreal in einem fruchtbaren Landwirtschaftsge biet. 162 Begonnen hat die Geschichte der Minen-Stadt unspektakulr: 1879 spielten zwei Bauernkinder aus dem Dorf Danville weit weg vom Hof ih rer Eltern auf einem Hgel, der einem Landwirt namens Charles Webb gehrte, und fanden dort einen eigenartigen Stein, aus dem seidig gln zende Fasern quollen: Asbest! Sie brachten den Fund nach Hause, wor auf sich die Eltern mit Hacke und Schaufel auf den Weg zum Hgel machten. Das kostbare Mineral, das man in Thetford Mines, einem rasch aus dem Boden gestampften Nest fnfzig Kilometer nrdlich, bereits seit einigen Jahren mit primitiven Mitteln abbaute, lag hier offen an der Ober flche! Charles Webb verpachtete sein Land darauf zu einem guten Preis an seinen Bekannten Jeffrey und sicherte sich zudem seinen Anteil an den gefrderten Tonnagen. Bis heute trgt die Mine den Namen dieses ersten Glcksritters, der ein Vermgen mit dem Mineral machte. Bereits 1882 stand eine Gruppe bescheidener Huser am Fue des Hgels; im selben Jahr erffnete William Church das Postbureau, auf das er stolz den Namen Asbestos malte. Im Museum der Stadt illustrieren Bilder die damaligen Arbeitsbedingungen: Mineure lsen mit Pickeln das asbesthaltige Gestein; mit Hmmern klopfen Mnner, Frauen und Kin der anschlieend die Brocken auf und transportieren die Fasern in Kr ben zu den Sammelpltzen. Frre Fabien schreibt in seiner Geschichte von Asbestos, da flinke Arbeiter damals bis zu einem Dutzend Scke der Fasern pro Tag aus dem Muttergestein klopfen konnten und damit mehr verdienten als die Mineure (1). 1895 kaufte die britische Firma Asbestos & Asbestic Corporation das Gelnde und baute eine Mhle, in der das faserhaltigen Gestein mechanisch zertrmmert wurde, womit die Produk tion auf 175 Tonnen pro Woche gesteigert werden konnte. Tag und Nacht drhnte die Mhle, um die sprunghaft steigende Nachfrage einigermaen decken zu knnen. Eine sich zunehmend industrialisierende Welt ver langte gebieterisch nach Asbest; im brigen war das Jahr 1900 nahe, in dem im fernen sterreich die Erfindung glcken sollte, welche den Mi nen in aller Welt whrend Jahrzehnten volle Auftragsbcher brachte. Der Ausbau von Mine und Mhle erforderte immer grere Investi tion; Gelder, welche nur finanzkrftige Industrielle aufbringen konnten. Die Unternehmer T. F. Manville und H. W. Johns taten sich darum zusam men und bernahmen die Mine. Sie grndeten die Gesellschaft JohnsManville, welche im Laufe der Zeit auf dem nordamerikanischen Konti nent zur Asbest-Gesellschaft schlechthin avancierte, ein Unternehmen, das mit Asbest gro und reich wurde und das mit Asbest in die Katastro phe schlitterte. Johns-Manville richtete immer mit der groen Kelle an: 1929 kaufte die Firma die ganze Siedlung Asbestos, weil die Mine um eine 163 weitere Zone vergrert werden mute. Pro Haus bltterte das Unterneh men 10 000 bis 15 000 Dollar auf den Tisch, fr damalige Begriffe frstli che Summen, die sich nur durch die Werte, welche unter den Gebuden lagen, rechtfertigten. Nach der Depression der dreiiger Jahre erholte sich die Minenindustrie wieder; kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrie ges standen bereits 1100 Namen auf der Salrliste der Jeffrey-Mine, und die gefrderten Tonnagen stiegen und stiegen. Immer wieder kaufte das Unternehmen ganze Straenzge, dabei verschwanden Hunderte von Ein familienhusern, Geschfte und manchmal sogar eine Kirche von der Bildflche und erstanden etwas weiter entfernt wieder neu. Heute liegt Asbestos in einer von Menschen umgekrempelten Landschaft am Rande eines vegetationslosen knstlichen Tales, flankiert von den grauen Mor nenzgen der Abraumhalden. Um eine Tonne Asbest zu gewinnen, ms sen hundert Tonnen Gestein bewegt werden! 1983 hat sich die von der Prozewelle bedrngte Manville Corpora tion von der Jeffrey-Mine getrennt. Als Kufer trat eine Gruppe von ka nadischen Financiers unter der Fhrung von Peter Kyle auf, welche die Mine unter den drastisch verschlechterten Zukunftsaussichten weiterfh ren will. Im Cheminee-Raum des luxurisen Gstehauses der JeffreyMine erklrt Edward McKenna die aktuelle Situation in Asbestos. Wir blicken auf einen ausgedehnten Golfplatz, wie das Haus ein Relikt aus besseren Zeiten. Hinter der ausgedehnten, sattgrnen Flche, auf der lei tende Mitarbeiter wie einfache Angestellte der Jeffrey-Mine fr einen symbolischen Betrag spielen knnen, ziehen sich graue Abraumberge bis zum Horizont. Der berlebenskampf der Stadt wirkt aus dieser Perspek tive weit weg. McKenna gibt einige Stichworte: Vierzig Prozent Arbeits lose, vor allem darum, weil der Hauptarbeitgeber, die Jeffrey-Mine, weit ber tausend Mann entlassen hat. Damit verbunden ein Bevlkerungs schwund von 10 000 auf 7500 Personen mit weiterhin sinkender Tendenz. Weil die Minengesellschaft berdurchschnittliche Salre zahlte, siedelten sich kaum andere Unternehmen in Asbestos an, da sie mit den Lhnen der Hauptindustrie nicht konkurrieren konnten. Die Folgen der wirt schaftlichen Monokultur zeigen sich heute drastisch; so ist der Immobi lien- und Baumarkt zusammengebrochen, ungezhlte Huser stehen, ohne Aussicht auf einen Kufer, zum Verkauf aus. Die Gewerkschaften, sonst in Lohnfragen beinhart, willigten - trotz zweistelliger Inflationsrate - in einen zwanzig Monate dauernden Salrstopp ein. Die Jeffrey-Mine bei Asbestos > 164 im kanadischen Quebec Asbestos - Rettet unsern Reichtum, unsere Jobs steht auf dem Leibchen von Grard Simonau, 38 Jahre alt und seit 1981 ohne Arbeit. Frher machte ich im Winter in Florida zwei Wochen Strandferien, im Sommer fischte ich Lachs in Montana, sinniert er, ich konnte mir ein neues Auto leisten und mit meiner Verlobten regelmig im Restaurant essen. Grard Simonau hat heute zwar mehr als genug Zeit zum Fischen, doch weiter als bis zum Nachbardorf St. Adolphe reichen seine Ausflge kaum, denn lngst hat er sein Auto verkaufen mssen. Trotz verzweifelten Anstrengungen gelang es ihm nicht, einen Broterwerb zu finden, denn in der Region Asbestos hngt alles wirtschaftliche Wohlergehen an der hel len Mineralfaser. Ich habe einen Sprengkurs besucht, um meine Chan cen als Mineur zu verbessern, lacht er traurig, aber ich mu wohl Ter rorist werden, um diese Fhigkeiten an den Mann bringen zu knnen. Im Gemeindehaus von Asbestos, einem klotzigen Bau aus der BoomZeit, treffe ich mit weiteren Arbeitslosen und andern Betroffenen der Krise zusammen. Richard Andr, der seinerzeit wegen der guten Ver dienstmglichkeiten nach der Minenstadt zog, wettert aufgebracht ber die perfide Pressekampagne gegen Asbest: Niemand hier hat Angst um seine Gesundheit, aber alle haben Angst um ihren Job! Franc Daigle, Prsident des Komitees der Arbeitslosen, seit drei Jahren ohne Job: Wir sind stolz auf Asbestos! Die schlechte Publizitt hat uns kaputt gemacht; hier sind, seitdem wir unter den Folgen der Hetzkampagne lei den, Selbstmorde und Scheidungen ein Problem, nicht die Asbestkrank heiten! Der ehemalige Mineur baut zusammen mit seinen Kollegen ei nen Informationswagen und will damit durch die Vereinigten Staaten fah ren, um den Amerikanern klarzumachen, da Asbest, bei richtiger Hand habung, ungefhrlich sei. Ein rhrend naiv anmutendes Vorhaben, das in den USA wohl hchstens ein mitleidiges Schulterzucken auslsen wird: Im Land, das frher den Lwenanteil des kanadischen Asbestes kaufte, luft der Trend in die entgegengesetzte Richtung. Von 800 000 Tonnen im Jahre 1973 sackte der Verbrauch auf rund 200 000 Tonnen 1984 ab. Und die Kurve wird weiter absacken. Die eigens fr den Journalisten aus der Schweiz im Stadthaus zusammengetrommelte Gesprchsrunde zeigt ein groes Bedrfnis, ber die verzweifelte Lage in der Gemeinde zu reden, die einst zu den reichsten in Quebec gehrte. Louise Coulombe, VizeStadtprsidentin, skizziert die fast unlsbaren Probleme, mit der sich As bestos konfrontiert sieht: Unsere finanziellen Reserven sind aufge braucht, die Einnahmen sinken, und unsere Aufgaben, vor allem im So zialbereich, wachsen rasch. Es ist ein Alptraum! 166 Was mich am meisten verblfft, ist die Tatsache, da die asbestbe dingten Krankheiten hier, am Rande dieser riesigen offenen Mine, kein Thema sind. Im Club der Pensionierten der Jeffrey-Mine, so stelle ich mir vor, mten Asbestosen und Schlimmeres allgegenwrtig sein. Im gemt lichen Clublokal lassen die altgedienten Asbe^tarbeiter lngst vergangene Zeiten aufleben. Sie alle erzhlen mir von faustdickem Staub in Mine und Mhle, von durchlssigen Jutescken (schon seit langem wird Asbest luft dicht in Plastik verpackt) und von verstopften Bronchien. All das gehrte frher zur Arbeit in der Mine wie das Amen nach der Predigt. 860 Mit glieder zhlt der Club und die meisten fhlen sich - wie sie versichern gesund, auch wenn der eine oder andere schwer atmet. ber ihre Mine lassen sie nichts gehen, sie verteidigen ihren ehemaligen Arbeitsplatz, der es jedem einzelnen ermglicht hat, ein Haus zu bauen und ein Leben ohne wirtschaftliche Sorgen zu fhren. Asbestosen? Ja, das gbe es schon, aber verglichen mit den andern Altersbeschwerden wirklich wenige. Me sotheliome? Davon habe man gehrt, aber man kenne keinen, der an die ser Krankheit leide. Auch hier eine Wand der Abwehr. Asbestkrankheiten sind in Asbestos kein Thema. Vor dem Spital des Stdtchens steht demonstrativ ein mannshoher asbesthaltiger Gesteinsbrocken, als wollte man damit signalisieren, da von dem Mineral, dem Asbestos auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist, keine Gefahr ausgehe. Im Spital bergibt man mir, zusammen mit einem Stapel weiterer Unterlagen, eine groangelegte Untersuchung, welche die renommierte McGill-Universitt in Montreal zusammen mit dem Institut fr Berufskrankheiten in London durch^efhrt hat. Untersucht wurde eine Kohorte von 11 379 Arbeitern (darunter 440 Frauen) der Jahrgnge 1891 bis 1920, die fr mindestens einen Monat, meist jedoch whrend Jah ren und Jahrzehnten in den Minenstdten Asbestos und Thetford Mines mit Chrysotil gearbeitet hatten. Fazit: in Asbestos starben unter den As bestarbeitern bis 1975 verglichen mit der Allgemeinbevlkerung 2% mehr; in Thetford Mines, wo der Staubkontrolle frher entschieden weniger Be achtung geschenkt worden war, registrierten die rzte unter den Asbestar beitern 10% mehr Tote als im Bevlkerungsdurchschnitt. Zitat aus der Studie: Unter den Mnnern, die mindestens zwanzig Jahre mit hohen Konzentrationen von Asbestfasern arbeiteten, stellten wir signifikant mehr Todesflle fest. ( . . . ) Je hher die Staubkonzentrationen waren, de sto mehr Tote wegen Lungenkrebs und durch Feinstaub verursachte Krankheiten stellten die rzte fest. Zehn Mnner und eine Frau starben an Pleura-Mesotheliomen (2). In Asbestos verzeichnet man, seit die 167 Flle registriert werden, rund 200 Asbestosen. Die detaillierte Studie zeigt also klar erhhte Risiken auf. Heute sind die Arbeitsbedingungen grund legend verbessert; Faserwolken ber den Minenstdten, die sich wie Schnee auf die Felder legten, sind glcklicherweise lngst Geschichte. Statt wie einst fnfzig oder hundert Fasern zhlen die Messanlagen in der Mhle von Asbestos noch knapp eine Faser pro Kubikzentimeter. Ein paar Steinwrfe vom groen Loch entfernt noch 0,001; weniger als im Zentrum von Montreal. Wer im Bergbau ttig ist, nimmt berufliche Risiken in Kauf; dies be grndet das Herunterspielen der Asbestgefahren zum Teil. Verglichen mit den Asbestgefahren ist das Unfallrisiko in den Minen heute extrem h her. Wie der Asbest-Report der Royal Commission (3) erwhnt, ist das Ri siko fr einen Mineur, an einer asbestbedingten Krankheit zu sterben, 25mal kleiner, als einen tdlichen Arbeitsunfall zu erleiden! Der Augen schein vor Ort beweist, da die dem Asbest am strksten Ausgesetzten ihre Lage weniger dramatisch einschtzen als der umstrittene Warner aus New York; der Name Selikoff ist in Asbestos ein negatives Reizwort. Dennoch: die Arbeiter verdanken ihm und seinen Fachkollegen grundle gend verbesserte Arbeitspltze. Asbestos ist eine Symbolstadt geworden. Freilich anders, als ich sie mir vorstellte. Nicht Anklage gegen die perfide Opferung menschlicher Gesundheit durch kalt berechnende kapitalistische Gesellschaften ist die Botschaft, welche die krisengeschttelte Stadt verkndet, sondern: Stoppt den Rufmord an Asbest! Kauft unser wertvolles Mineral und gebt uns damit Arbeit! Was Edward McKenna bei einem Glas Canadian Club Whiskey am ersten Tag meiner Visite am Cheminee-Feuer des G stehauses uerte, schien mir bertrieben, ja geschmacklos. Nach den vie len Gesprchen, die ich in der Stadt fhrte, pflichte ich ihm bei. Jeder einzelne der Arbeitslosen wrde den Boden kssen, hat der Vizeprsi dent gesagt, wenn er morgen wieder in die Asbestmine einfahren drfte. b) Weltweit schrumpfende Nachfrage Kein Asbest-Frderland hat in der letzten Dekade soviele Marktan teile verloren wie Kanada. 1974 deckte das Land noch fast 40% des globa len ITecTarfs, 1984 waren es nicht einmal mehr 20%; die gefrderten Ton nagen sackten von 1,7 Millionen auf 750 000 ab! Dies geschah natrlich Scke mit Asbest aus kanadischen Minen. > 168 Der Aufdruck warnt vor den Gesundheits- # It. nicht, um die Welt vor den Gefahren des Minerals zu schtzen, sondern ist das Resultat eines harten Verdran|ungiwettbewerbs in einem Markt, dessen Volumen innert weniger Jahre von fnf auf vier Millionen Tonnen geschrumpft ist. Kanada verlor seine Leaderstellung aus mehreren Grnden. Der Streik in Thetford Mines im Jahre 1974 gilt als Auslser der Talfahrt. Da mals legten die Mineure die Arbeit nieder, weil sie aufgrund der publik gewordenen Gesundheitsrisiken mehr Lohn wollten. Praktisch gleichzei tig verschttete ein Erdrutsch in der Jeffrey-Mine in Asbestos, wo nicht gestreikt wurde, einen groen Teil der Asbest-Adern; Kanada fiel darum als Lieferland fr Monate praktisch aus. Weitere, sich kumulierende Er eignisse schmlerten fortan den Absatzmarkt fr kanadischen Asbest: Mit dem Verbot des Spray-Asbests in den USA, dem Hauptkunden der Kana dier, schrumpften die verkauften Tonnagen rapide. Der hohe kanadische Dollar verteuerte die Exporte besonders in Entwicklungslnder. Die Sub stitutions-Anstrengungen in den westlichen Industriestaaten machen sich zudem von Jahr zu Jahr mehr bemerkbar. Seit 1978, wo man mit 5 Millio nen Tonnen den historischen globalen Spitzenverbrauch registrierte, sackte die Nachfrage kontinuierlich ab. Die Russen nutzten die Probleme Kanadas und forcierten den Abbau; die COMECON-Staaten sind die groen Gewinner der dramatischen Ereignisse auf dem Welt-Asbest markt. Sie liefernfieute 2,4 Millionen Tonnen pro Jahr, das sind 60% des Weltbedarfs! Nicht nur auf der Anbieter-, sondern auch auf der Verbraucherseite ereignete sich in den letzten zehn Jahren eine Umwlzung. Whrend der Bedarf in Westeuropa, Japan und in den USA rapide abnahm, stieg er berproportional im Ostblock und in den asiatischen Entwicklungsln dern. Konkret: 1974 verbrauchten die USA und Westeuropa noch rund 50% des global gefrderten Asbestes; 1984 waren es noch ganze 16%! Die Ostblockstaaten steigerten ihren Anteil von knapp 25 %auf 55 %, in Asien erhhte sich der Verbrauch trotz des Abwrtstrends in Japan von 19% auf , 21%; denn die fernstlichen Entwicklungslnder, allen voran Indien, leg-^^ ten beim Asbestkonsum zu. Bei den restlichen Lnder steigerte er sich in den letzten zehn Jahren von 6,6% auf 8% des Weltkonsums (4). I Die Zahlen veranschaulichen, welche Wirkung die Asbest-Debatte in den westlichen Industriestaaten zeitigte. Zwar gehren Rezessionen und Marktsttigung ebenfalls zu den Ursachen des Minderverbrauchs; die 170 Substitution des Asbests in immer mehr Produkten ist jedoch der gewich tigste Grund der Abnahme. Im Ostblock waren die Gesundheits-Gefahvsren des Asbests bis in die jngste Gegenwart kein ffentliches Thema. Er^ staunlicherweise hat die DDR bereits 1969 den Spritzasbest verboten, um "einiges frher als die USA und die .Bundesrepublik. Die Russen, so wird gesagt, wechselten die Belegschaften in ihren Minen im Ural (wo es eine Ortschaft mit dem Namen Asbest gibt), in Kasachstan und Turkestan jeweils nach einigen Jahren aus, um die Krankheitsrisiken zu mindern. Meine kanadischen Gesprchspartner in Asbestos erinnern sich an eine Zusaiiirfierilcnft in den siebziger Jahren, wo russische Wissenschafter sie baten, das Wort Mesotheliom zu buchstabieren; sie hatten noch nie et was von einer solchen Krankheit gehrt. Die Ostblocklnder werden sich wohl der Asbest-Diskussion auf die Lnge nicht enizn^en knnen, denn Vertreter des COMECON sitzen in allen internationalen Gremien, welche sich mit dem Problem befassen. Bedeutsam ist ein Artikel in der Prawda, der im Somme^l<^4 erschien und auf die Verschmutzung^der^IjJmwelt durch Asbest fiinwies. Erstmals habejp die sowjetischen ifenorden damit ffentlich auf das Problem hiiigewiesen. Fast alle Fabriken in der UdSSR berschritten die Sicherheitslimiten, heit es im Artikel, neue Filtersy steme mten installiert werden, um die Grenzwerte einzuhalten (5). Die COMECON-Staaten sind Asbest-Selb^tveiliirger. So bleiben fr die west lichen Produzentenlnder als Abnenmer nur die Industrielnder in der westlichen Hemisphre und die Entwicklungslnder. Kanada, Zimbabwe und Sdafrika setzen ihre Hoffnungen zu einem guten Teil auf die Mrkte in der Dritten Welt, wo der Bedarf an dauerhaftem, kostengnsti gem Baumaterial (inklusive Rhren) Iteti^ansteigt und die Gesundheits problematik bis heute keinen groen Stellenwert besitzt.' c) Asbest wieder auf den guten Weg bringen Im neuen Geschftshaus an der Rue Sherbrooke 1130 Ouest in Mon treal sitze ich einer hochkartigen Delegation des 1984 gegrndeten Cen tre Canadien d'Information sur PAmiante gegenber. Das vom Staat und der Provinz Quebec getragene Asbest-Informationszentrum ist mit viel Prestige ausgestattet und verfgt ber ein Budget von 2,5 Millionen kanadischen Dollar pro Jahr. Der Generaldirektor Georges Dahmen fat die Aufgaben des Instituts zusammen: Wir wollen Asbest wieder auf den guten Weg bringen. Zu lange haben wir das Feld kampflos unsern Gegnern berlassen. Mit dem Institut wollen wir informieren und bera- 171 ten. Da wir in Kanada vermutlich mehr Erfahrungen mit Asbest gesam melt haben als irgend ein anderes Land, sind wir in der Lage, unsere Ab nehmer kompetent zu beraten. Als wichtiges Anliegen nennt Dahmen den sicheren Gebrauch des Materials. Als gebrannte Kinder, die ihren be deutendsten Markt in den USA zusammenbrechen sahen, weil man die Faser sorglos verwendete, wollen die Kanadier jetzt alles Menschenmg liche dazu beitragen, da sich so etwas nicht nochmals wiederholt. An der Universitt Sherbrooke ist ein Team von Wissenschaftern zudem an der Arbeit, eine chemische Behandlung der Asbestfasern zu erproben, welche die Aufspaltung in die gefhrlichen Fibrillen unterbindet und damit die Gesundheitsgefahren des Asbests stark reduziert. Chrysophosphate, wie das modifizierte Mineral heit, soll die gesundheitsgefhrdenden Ei genschaften des Chrysotils drastisch reduzieren und zudem die Zugabe von Blauasbest bei der Produktion groer Rhren erbrigen. a Besonders den Lndern der Dritten Welt steht das Institut mit Rat "H S und Tat zur Seite. Gary Nash, Generaldiektor im Departement fr Ener gie, Mineralien und Ressourcen in Ottawa, fhrt, das Beispiel der Philip pinen an, wo Prsident Marcos aus lie^&redi Fim m el ein Asbestverbot anordnete, das er spter jedoch wieder aufhob: Solchen Fllen mssen wir Vorbeugen, hier heit es informieren und beraten. Die Produktion vot^Ashestzement verbraucht heute noch drei Viertel der gefrderten Mengen. Sollte nach dem Spritzasbest weltweit auch Asbestzement ausfallen, dann mten Asbestos und Thetford Mines zu Ghost Towns wer den; zu Zeugen eines versunkenen Industriezeitalters, zu Touristenattraktionen, deren volkswirtschaftliche Einnahmen nicht mehr^von^pary Nashs Departement, sondern vom Ministerium fr Fremdenverkehr ver bucht wrden. ioot ', / Einzelne Quartiere von Thetford Mines t > 172 in O u eh er Hrtrrn m itte n in d en Ah- 17. Die Magie der groen Zahlen V Ohne bertreibung bewegt sich nichts. Wolfgang Lohrer. Umweltbundesamt. Berlin Fast triumphierend gibt Marcel Valtat, Berater der franzsischen As bestindustrie, folgende Episode zum besten: 1977 erschien Monsieur Selikoff auf dem Asbest-Kongre in Lyon und prognostizierte mit groem Trara fr Frankreich 300 000 Asbest-Tote in den nchsten zehn Jahren. Wir haben aber weder 30 000 noch 3000, ja nicht einmal 300. Und 1987 ist nicht mehr fern. Irving Selikoff hat mit groen Zahlen die Welt-Medienbhne er obert. Typisch Selikoff sind Stze wie: Allein in demUSA.sind von 1940 bis 1980 ungefhr 27,5 Millionen Arbeiter Asbest ausgesetzt gewesen. Oder: Wir sind nun in der Mitte weitverbreiteter Asbest-Krankheiten, die von Expositionen in den letzten 60 Jahren herrhren. W.J. Nicholson (einer seiner engsten Mitarbeiter) hat berechnet, da es bis jetzt mehr als 100 000 Tote durch asbestbedinge Krankheiten gab und da wir mgli cherweise in Zukunft noch 350 000 weitere haben werden, bevor sich der bessere Arbeiterschutz bemerkbar macht (1). Obwohl es aus den Ausfh rungen nicht klar hervorgeht, ist anzunehmen, da Irving Selikoff bei die sen Zahlen die USA meint. Dem New Yorker Wissenschafter kommt das Verdienst zu, der ffentlichkeit die Problematik der Berufskrankheiten und der damit zusammenhngenden Verantwortung der Industrie bewut gemacht zu haben; ein Themenkomplex, der weit ber Asbest hinaus reicht. Wie das Beispiel seiner uerungen in Lyon zeigt, scho er mit seinen Prognosen immer wieder weit bers Ziel hina^^ hielten seine Hochrechnungen der Wirklichkeit nicht stand. Damit bte Irving Seli koff einen Teil seines Prestiges (er wurde immerhin fr den Nobelpreis vorgeschlagen) und seiner Glaubwrdigkeit ein. Ob die imaginren, von Asbestopfern belegten Friedhfe nun eine sieben- oder eine fnfstellige Zahl von Kreuzen zhlen, ist letztlich nicht entscheidend, entscheidend ist, da da ein Gesundheits-Problem exi stierte, das man lsen mute. 174 Ein Beispiel illustriert, wie das Heer der Asbestopfer steigt und sinkt, je nachdem, wer an der Schreibmaschine sitzt. Das Exempel entnehme ich dem Buch The Apocalyptics von Edith Efron, das in den USA Auf sehen erregte (2). Edith Efrons Werk trgt den provokativen Untertitel Krebs und die groe Lge und ist hervorragend dokumentiert. Die Au torin illustriert darin, wie Wissenschafter, Statistiker und Regierungsbe amte zuknftige Krebsepidemien voraussagten, obwohl die Kurve der meisten Krebserkrankungen in den USA nach unten zeigt (ausgenommen der durch das Rauchen bedingte Lungenkrebs, der pro Jahr 100 000 Opfer fordert). Mit Akribie verfolgt die Autorin das An- und Abschwellen der Zahl der Asbest-Toten. Das Nationale Amerikanische Krebsinstitut und das Nationale Insti tut fr Umweltkrankheiten verffentlichten 1978 die Zusammenfassung einer von der Regierung in Auftrag gegebenen Studie, in der behauptet wurde, da 20 bis 38% aller Krebstoten in den USA durch Berufskrank heiten verursacht wrden. An Asbesttoten erwarteten die unbekannt ge bliebenen Autoren weit mehr, als Selikoff je vorausgesagt hatte, nmlich zwei Millionen allein fr die Vereinigten Staaten! Am 11. September 1978 gingen diese Zahlen an die Presse und erregten nicht nur in den USA hchstes Aufsehen. Noch am gleichen Tag kabelte Joseph Califano, Se kretr fr Gesundheit, Bildung und Wohlfahrt die Zahl der 2 Millionen zuknftigen Asbestopfer zur Internationalen Arbeitsorganisation in Genf. Lediglich vier Tage spter erschien eine detailliertere Version des glei chen Papiers in der ffentlichkeit. Auffallendster Unterschied: die 20 bis 38% berufsbedingten Krebse waren pltzlich auf 6-9% geschrumpft! Mit der logischen Konsequenz, da auch die Zahl der mutmalichen Asbest toten auf wenige Hunderttausend zusamrribnschmolz! Der Kardinalfehler der Autoren bestand darin, da sie immer die hchst exponierten Risiko gruppen nahmen (obwohl die meisten Arbeiter jener Berufssparten kaum je so stark exponiert waren) und diese auf die ganze Arbeitnehmerschaft sowie teilweise auf die Gesamtbevlkerung extrapolierten. Heute nimmt man an, da rund ein bis hchstens fnf Prozent der Krebserkrankungen mit beruflicher Ttigkeit Zusammenhngen . . . Edith Efron fhrt die uerungen einer ganzen Reihe von Kapazit ten an, welche alle den Anteil der Asbestkrebse in der Gesamtzahl der Tu more als gering einstufen. Demgegenber postuliert die oben erwhnte Studie in ihrer ersten Fassung: 17% aller Krebstoten in den USA gehen auf das Konto von Asbest-Expositionen. 17! Die spteren Berichtigungen gingen unter. Was in den Kpfen hn gen blieb, waren die zu befrchtenden zwei Millionen Opfer; zumal im Fernsehen und in der Presse dargestellte Schicksale von Asbest-Kranken die ffentlichkeit immer wieder erregten. Spter konnte niemand erkl ren, wie ein solches Dokument ohne Autoren und wissenschaftlichen Anhang berhaupt der ffentlichkeit bergeben werden konnte. Die Au torin: Califano entfachte damit ein Buschfeuer, das immer noch hell in den amerikanischen Gewerkschaften und in den internationalen Gewerk schaftsverbnden brennt. Krebserkrankungen bergen auch heute noch viele Geheimnisse. Sie haben, nach neuen Erkenntnissen, in der Regel mehrere zusammenwirkende Ursachen, die auch immunologische und psychische Faktoren einschlieen. Auch 1985 gestehen Wissenschafter auf viele Fragen im Zusammenhang mit Krebs ein, da sie darauf keine Antwort wissen. Die groen, in keiner Weise abgesicherten Zahlen von Asbestopfem, die unablssig zitiert werden, gehren zu den Krften, welche den Wan del in der Asbestindustrie erzwangen. Wolfgang Lohrer vom Umweltbun desamt in Berlin: Wren immer nur die wissenschaftlich fundierten Da ten ausgewogen publiziert worden, dann knnten wir auf die Asbest-Sub stitution wohl noch lange warten. Ohne bertreibung bewegt sich nichts. Edith Efron dokumentiert, wo die (beabsichtigten oder unbeab sichtigten) Pannen stattfanden, Pannen die fahrlssig anmuten und mit dem Bemhen um ernsthafte Information wenig zu tun haben. Im tglichen Kampf der Medien um Leser, Zuschauer und Zuhrer sind groe Zahlen hchst willkommene Aktivposten. Zeitungen, Fernse hen und Radio haben die Horror-Prognosen denn auch in alle Welt aus posaunt. Sie schlugen wie Bomben ein und erwiesen sich als Munition fr Politiker, als wertvolle Pfnder in den Hnden von Gewerkschaftern, als Geschenk des Himmels fr Systemvernderer. 176 *r- 18. Triebkrfte des Wandels und Trittbrettfahrer a) Die Gewerkschaften Spt sensibilisierte Schweizer Gewerkschaften Ich war einmal Prsident der BBC. Da hatte ich mit Gewerkschaf ten zu tun; ohne Gewerkschaften knnte man einen solchen Betrieb nicht leiten. In unsern kleinern Betrieben in der Schweiz haben wir hingegen kaum Gewerkschaften drin. Es war immer mein Hobby, direkt mit den Leuten zu reden. Wenn ich sah, da irgend etwas nicht in Ordnung war, habe ich schon als ganz junger Typ gesagt: <Bitte, ihr knnt eine Geheim abstimmung machen; wenn die Mehrheit zu den Gewerkschaften will, la bonne heure, aber ich sage euch eins, dann wird unsere Haltung ver steift, wenn die Gewerkschaften von auen Forderungen stellen. Ich will viel lieber mit euch direkt verhandeln.) Mit dieser Taktik habe ich die Ge werkschaften drauen behalten. Max Schmidheiny Als ich nach Niederurnen kam, als die Talfahrt des Umsatzes be gann und ich den Personalbestand abbauen mute, da gab es den Ver such der Gewerkschaft Bau und Holz, in Niederurnen einzudringen. Man hat vor dem Betrieb Flugbltter verteilt; 4? rief ich die Betriebskommis sion, in der die Arbeitnehmer vertreten sind, zusammen und sagte: <Ich bin bereit, mit der ganzen Belegschaft zu reden, ich habe nichts gegen die Gewerkschaften. Wenn ihr euch der GBH anschlieen wollt, so macht das, und ich werde mein Bestes tun, unter guten Bedingungen mit euch weiterzuarbeiten. Ich mchte euch aber eine Alternative vorschlagen: Wir sind klein genug, um miteinander zu reden. Ich kenne nicht nur die Be triebskommission, sondern fast jeden einzelnen Arbeiter. Ich bin bereit, mit euch alles zu besprechen und auf eure Argumente einzugehen.) Dar auf beschlossen sie, das so zu machen, und schrieben der Gewerkschaft Bau und Holz einen formellen Absagebrief. Stephan Schmidheiny Was der patriarchalische Vater fr die Eternit Schweiz quasi ver fgte, schaffte der Sohn im Dialog: die Gewerkschaften auerhalb des 177 kleinen Betriebs zu halten. Das ist eine altbewhrte Familientradition, die auf den Grndervater der Industriellen-Dynastie zurckgeht (Jacob Schmidheiny lebte freilich zu einer Zeit, als es noch keine Gewerkschaf ten im heutigen Sinn gab). Er setzte auf die offene Aussprache zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer; konnte man sich nicht einigen, so gab es, wie sein Biograph schreibt, nur ein fr beide Teile annehmbares Rezept: Die sofortige Lsung des Arbeitsverhltnisses. Die schweizerischen Gewerkschaften hatten also kaum Einflu auf die Eternit und wirkten auch nicht als Triebkrfte des Wandels. Da die Gewerkschaften in Niederurnen und Payerne keine Basis htten, hnge auch mit den lndlichen Standorten der Werke zusammen, urteilt ein Ver treter der GBH; die ntige Masse der Arbeiter fehle. Im brigen seien die Gewerkschaften in den Baustoffindustrien des Landes traditionell schwach vertreten, Zement, Ziegel und Eternit seien eben SchmidheinyDomnen. . . Der Betriebsrat der Eternit spielte jedoch eine aktive Rolle, Gesund heitsfragen standen allerdings bei den Sitzungen kaum je im Vorder grund. Im Betriebsrat ging es um Lohn-, Arbeitszeit- und Ferienfragen so wie, nach dem Konjunktureinbruch von 1975, um das Problem der Entlas sungen. Da die Asbest-Frage sosehr im Hintergrund stand, hat mehrere Ursachen: Fr die Arbeiter war Asbest ein altvertrauter Stoff, das Basis material ihres Qualittsproduktes. Da die Firmenleitung seit Ende der sechziger Jahre die Entstaubung kontinuierlich verbesserte, war man berzeugt, es werde das Menschenmgliche vorgekehrt. Jakob Lattmann, der seit 36 Jahren in den Werkhallen in Niederurnen arbeitet: D ie Firma hat unheimlich viel in den Arbeiter-Schutz investiert. Wir haben darum am Anfang berhaupt nicht verstanden, wieso wir jetzt den Asbest erset zen mssen. Die Arbeiter und ihre Vertreter im Betriebsrat der Eternit befanden sich in guter Gesellschaft: Whrend in den USA die Gewerkschaften lngst gegen Spritzasbest kmpften, in Kanada die Minenarbeiter wegen der Gesundheitsgefahren fr mehr Lohn streikten und Gewerkschafter in Schweden gar ein Verbot der Faser durchsetzten, hatten ihre Schweizer Kollegen das Thema noch nicht entdeckt. Bis zum Beginn der achtziger Jahre hatte sich keine der drei Gewerkschaften, wo Arbeiter aus der as bestverarbeitenden Industrie als Mitglieder eingeschrieben sind, in der Asbestfrage engagiert. Weder der SM UV, der zum Beispiel die Arbeiter im Bereich der Bremsbelge vertritt, noch die GTCP mit Mitgliedern aus dem Sektor Asbesttextilien sahen darin eine vordringliche Aufgabe. Als 178 r sich Vertreter der Gewerkschaft Bau und Holz, mit fast 120 000 Mitglie dern die zweitgrte Gewerkschaft der Schweiz, 1975 in Niederurnen vor die Fabriktore stellten, ging es weder um Asbestosen noch um Mesothe liome, sondern um Arbeitspltze. Erstaunlich drftig ist das Dossier zum Thema Asbest, das mir Jrg Frei von der GBH im Sommer 1984 in die Hand drckt. Gerade in dieser Gewerkschaft sind viele Arbeiter Mitglie der, die auf Baustellen mit asbesthaltigen Produkten zu tun haben, sei es mit Eternit oder (bei der Demontage) mit Spritzasbest. Auer einem Rechtsfall der Woche aus dem Jahr 1981, wo es um Asbestose ging, sind da nur noch zwei, drei einzelne Bltter, darunter ein Hinweis zu ei nem kologiekurs, dessen Leiter khn behauptet, da man in der Bun desrepublik jhrlich mit 10 000 Asbest-Lungenkrebsfllen rechne. Im Winter 1985, zwanzig Jahre nach Selikoffs Paukenschlag, ruft der Schweizerische Gewerkschaftsbund die Presse zusammen, um vor den Gefahren des Asbests zu warnen und Vorschlge zur Verbesserung der Si tuation zu machen! Vorsichtshalber rumen die Veranstalter ein: Der Schweizerische Gewerkschaftsbund will sich nicht zum Richter aufspie len. Dies umso weniger, als er eingesteht, da auch die Gewerkschaften und Arbeitnehmer den Umfang des Problems nur mit Verzug erkannt ha ben. Da der SGB mit seiner Initiative keine schlafenden Hunde geweckt, sondern sich vielmehr in einen lngst fahrenden Zug gesetzt hat, mag da mit Zusammenhngen, da die Gewerkschaften in der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA), wo zwei Drittel der Arbeitnehmer versichert sind, zusammen mit Arbeitgeber-Vertretern im Verwaltungsrat sitzen. Die SUVA hat sich - notgedrungen - mit Krankheitsfllen durch Asbest befat. Seit 1939 entschdigte sie 163 Asbestosen und 100 Flle von asbestbedingten Krebsen. 35 Asbestosen und 15 Krebsflle traten in der Eternit auf, die drei Viertel des in die Schweiz importierten Asbests ver brauchte. Seit 1939 ist die Asbestose in der Schweiz als Berufskrankheit anerkannt. Seither hat sie bei den direkt betroffenen Arbeitern einiges durchgesetzt: der sogenannte MAK-Wert (Maximale Arbeitsplatz-Kon zentration) betrgt jetzt eine lungengngige Faser pro Kubikzentimeter. Dieser Konzentration darf der Arbeiter nicht lnger als neun Stunden pro Tag ausgesetzt sein. Asbestarbeiter (gegenwrtig in der Schweiz 2860 Per sonen) werden regelmig medizinisch untersucht; auch nachdem sie aus dem asbestverarbeitenden Betrieb ausgeschieden sind. Obwohl sie in det SUVA mitreden knnen und fr die Richtlinien der Versicherungs-Orga nisation somit mitverantwortlich sind, werfen die Arbeitnehmer-Vertretei 17< der vom Bund unabhngigen, ffentlich-rechtlichen Institution vor, sie reagiere nur unter Druck und komme mit ihren Direktiven meist zu spt. Harsch kritisiert wurde an der Pressekonferenz des Gewerkschaftsbundes auch, da die SUVA nur gerade die knapp 3000 direkt mit Asbest Arbei tenden einschlgig medizinisch untersuchen lasse, dabei seien Zehntau sende von Arbeitern, die Eternit auf den Baustellen zuschneiden mten, dem Feinstaub exponiert. Tatschlich liegt die Situation auf den Baustel len noch oft im argen. Immer noch wird Asbestzement mit schnell rotie renden Gerten zugeschnitten, schtzen sich Arbeiter nicht gegen den Staub. Das Beispiel der Dachdecker zeigt allerdings, wie relativ diese Be drohung ist. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund fordert in seiner 1985 her ausgegebenen Schrift nichts weniger als ein umfassendes gesetzliches As bestverbot! Der MAK-Wert soll, da ein unterer Schwellenwert fr die Karzinogenitt von Asbest nicht bekannt ist, auf einen Zehntel des heute gltigen Wertes gesenkt werden. Unter anderm werden besondere SUVAAnweisungen fr den Abbruch von Asbestzement-Dchern und Fassaden gefordert sowie vom Bundesamt fr Umweltschutz strenge Vorschriften betreffend Deponien asbesthaltiger Abflle (1). Der Effort des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes kommt auffal lend spt. Wenn die oberste Interessengemeinschaft der Arbeitnehmer in unserm Land die Industrie jetzt scharf rgt, da sie sich fr die Substitu tion des Asbests zu lange Fristen herausnehme, so tnt das wenig ber zeugend. Fr die Schweizer Gewerkschaften gilt jedoch mehr oder weniger das, was fr die meisten Arbeitnehmer-Organisationen rund um den Glo bus bis an die Schwelle unseres Jahrzehnts zutrifft: man kmpfte fr h here Lhne und mehr Freizeit; das kologische Bewutsein hat die Ar beitnehmer noch um einiges spter erfat als die Unternehmensleiter. Ausnahmen besttigen nur die Regel. Zwei militante internationale Gewerkschaftsverbnde Whrend die Schweizerischen Gewerkschaften fr die Eternit und die andern asbestverarbeitenden Industrien zahme Antipoden waren, kmpften auf dem internationalen Parkett Spitzenvertreter zweier Ge werkschafts-Dachverbnde erbittert gegen die Asbestindustrie. Charles Levinson vom linksgerichteten ICEF, der in Genf ansssigen Fderation 180 von Chemie-, Energie- und Fabrikarbeiterverbnden, sowie Herman Reb hahn, der rastlose Generalsekretr des Internationalen Metall-Gewerk schaftsbundes (IMB). Der IMB hatte bereits 1976 die berhmt geworden Konferenz in Oslo organisiert, ein Kristallisationspunkt fr die weitrei chenden Gesetze in Nordeuropa und Epizentrum fr das, was ein paa Jahre spter die deutsche Szene erschtterte. Sachlichkeit ist freilich nich das hervorstechendste Merkmal der Publikationen dieses Gewerkschafts bundes. In der Sondernummer des periodisch erscheinenden Bulletin vom August 1979, welche Asbest gewidmet ist, wird der Stoff mit den Ei regern von Malaria und Lepra verglichen. Bedrohlich extrapoliert ma Selikoffs schon sehr hohe Zahlen und sagt voraus: Viele Millionen Mer sehen werden an asbestbedingtem Krebs sterben. Dies bedeutet so viel Opfer wie ein groer Krieg (2). Das Bulletin, das heute noch als Infoi mationsmaterial verteilt wird, strotzt von fahrlssigen Fehlinformationer die man genauso gut mit dem Etikett Informations-Kriminalitt vers< hen kann wie die beschnigenden Meldungen aus der Industrie, die lang Zeit Usus waren. Zwei Beispiele: 50% der an Asbestose Erkrankten solle gem dem anonymen Autor an Lungenkrebs sterben (jede fundierte St tistik kommt glcklicherweise zu viel niedrigeren Zahlen. Die SUVA ei mittelt einen Anteil von 10%). Ein Bild mit einem aus Eternit erstellte Gebude wird folgendermaen kommentiert: Schulhaus mit Dach un Wnden aus Asbest (die mindestens 85 % Zement, aus denen Eternit zi stzlich besteht, unterschlgt man einfach). Solche Informationsbltter lsten bei den Eternitproduzenten in de Regel stereotype Abwehr aus; b e so n d e r ste ltere Generation der Man* ger und zum groen Teil auch die Arbeiter der Branche qualifizierten di Informationspraxis des IMB als bswillige Verleumdung ab, als das Wer von Brunnenvergiftern und Kommunisten. Sie bersahen, da die gerne deten Zahlen zwar zum Teil gewaltig bertrieben und die Fakten oft pol< misch verzerrt waren, da da jedoch ein Problem existierte, das ma lange Zeit verniedlicht und verdrngt hatte. In spteren Publikationen des Internationalen Gewerkschaftsbunde steigt der ernstzunehmende Informationsgehalt; sie sehen das Minen nicht mehr als isoliertes Problem, sondern befassen sich auch mit ander gefhrlichen Arbeitsstoffen. In einem Aktionsprogramm gegen die G< fahren von Asbest werden Jahre vor der Aktion des Schweizerischen G< werkschaftsbundes hnliche Manahmen betreffend Staubschutz, Abfal Bewirtschaftung etc. gefordert (3). Freilich sind auch hier groteske Pai nen zu verzeichnen. So fordern die Gewerkschafter, da kein Arbeit li einer Konzentration von ber 100 000 Fasern pro Kubikzentimeter (!) aus gesetzt werden drfe. Ein Wert, der wohl schon nach Stunden tdlich wre. Dem IMB steht bezglich Aggressivitt und Polemik der ICEF in nichts nach; ja sein krzlich zurckgetretener Generalsekretr, Charles Levinson, verstand es - Irving Selikoff ausgenommen - wie kein zweiter, sich auf dem internationalen Parkett als Kritiker der Asbestindustrie zu profilieren. Whrend Selikoff sich auf eigene Untersuchungen absttzen konnte, fehlte Levinson freilich dieser Background. Er nutzte Asbest in erster Linie, um das kapitalistische System zu attackieren. Im Genfer Hauptquartier der Fderation von Chemie-, Energie- und Fabrikarbeiter verbnden bergibt mir die leitende Mitarbeiterin Annie Rice eine Liste der angeschlossenen Organisationen; ein imposantes Verzeichnis mit Ver bnden und Gewerkschaften in 72 Lndern, die sieben Millionen Arbei ter reprsentieren. Unter Switzerland sind die Gewerkschaft Textil, Chemie, Papier und die Gewerkschaft Bau und Holz mit je einigen Tau send Mitgliedern aufgelistet (eine Rckfrage bei der GBH ergab, da man dort nichts von dieser Mitgliedschaft wei). Im kiloschweren Protokoll des World Symposium on Asbestos von 1982 in Montreal taucht der Name Levinson immer wieder auf. Der linke Systemvernderer attackiert bei jeder sich bietenden Gelegenheit die asbestverarbeitenden Grokonzerne, zu denen die SchmidheinyGruppe in vorderster Front gehrt. Nicht der Schweizer Eternit-Multi, sondern Johns-Manville dient ihm jedoch als schlimmstes Beispiel fr die Gewissenlosigkeit und Profitsucht dieser mchtigen, auf verhltnismig wenige Grounternehmen konzentrierten Industrie. Die Protokolle des Kongresses in Montreal illustrieren die Denkweise, die Rhetorik dieses Mannes, der fr Max Schmidheiny ein rotes Tuch war und mit dem Ste phan sogar einmal zusammentraf und ein ganz gesittetes Gesprch fhrte, wie er sich erinnert. Ich wei, wie die Industrie funktioniert, verkndete Levinson vor den 650 Teilnehmern aus 48 Lndern der Konferenz in Montreal, ich verstehe ihre Ziele. Es ist eine profitorientierte Institution, und nichts an deres kann das profitorientierte Handeln ersetzen. Nicht die auf der Wis senschaft basierende Objektivitt, welche auf der Forschung grndet, be stimmt die Investitionen; Investitionen werden einzig und allein von den Finanz-Boys an der Spitze der Konzerne entschieden. Wissenschaftliche Kenntnisse und Objektivitt wird den Zielen dieser Konzerne vllig un- 182 tergeordnet, und diese Ziele heien: Profit! ( .. .) Die Finanz-Boys und die Industrie-Boys zermartern ihre Hirne, um den Cash-flow zu vergrern, darum geben sie jetzt pltzlich vor, den Asbestverbrauch zu verringern und wollen ihre Minen zum besten Zeitpunkt verscherbeln. In der Zwi schenzeit verbrauchen sie dennoch Asbest wie eh und je. Wenn das so weiter geht, dann werden sie es mit unserer Opposition zu tun bekom men; wir werden sie von diesem falschen Weg abbringen! Levinson for dert zu einer parittischen Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften und der Industrie auf mit dem Ziel, den weltweiten Asbestverbrauch so rasch wie mglich auf Null zu senken. Geschickt nutzt er alle Register, um seine Botschaft an den Mann zu bringen: Wenn ich solche Aus drcke wie <Kosten-Effektivitt) hre, dann zucke ich zusammen, wenn ich Begriffe wie <sozial akzeptierte Standards) vernehme, dann schaudere ich, wenn ich von Risikovergleichen zwischen den verschiedenen AsbestTypen hre, dann werde ich gallig! Und wenn man mir sagt, da man Ge sundheitsrcksichten und Belange der sozialen Sicherheit auf den Stand ard des jeweiligen Landes abstimmen msse, da also in Industrie- und Entwicklungslndern mit zwei verschiedenen Ellen gemessen wird, dann raste ich aus (4)! Auf dem Montrealer Kongre geriet Levinson nicht nur in den Clinch mit Wissenschaftern und Vertretern der Industrie, son dern erregte auch den Widerspruch der wenigen anwesenden Arbeiter, die ihn fragten, ob er wirklich ihre Interessen vertrete. Levinson darauf: Ich denke ja, sehr sogar. Es waren meist die Initiativen der Gewerk schaften, die zu schrferen Regelungen fhrten; so geschah es zum Bei spiel in Schweden und Holland. Dies wurde erreicht durch direkte Betei ligung der Arbeiter in den Fabriken. In Nordeuropa spielten die Gewerkschaften im Szenario des Wan dels tatschlich einen wichtigen Part. Anderswo, zum Beispiel in der Schweiz und in Deutschland, beteiligten sie sich spt an der Diskussion und machten das Asbestproblem erst zu ihrem Anliegen, als staatliche Stellen bereits Restriktionen ausgesprochen hatten. Dann aber uerten sie oft Maximalforderungen, die zwar eindrucksvoll tnen, jedoch inner halb der kurzen geforderten Limiten kaum erfllbar sind. Offensichtlich ist die Kluft, die sich zwischen den uerungen der Gewerkschaftsbosse la Levinson und den Ansichten der Arbeiter an der Front auftut. Den Maximalforderungen vom grnen Tisch steht, ob man sich nun in Niederurnen, Berlin-Rudow oder Asbestos umhrt, der Prag matismus derer, die mit Asbest zu tun haben, entgegen. Ihnen geht es um ihre Jobs; das Gesundheitsproblem scheint ihnen gelst. Da dieses Pro- 18.' blem der Lsung nher gebracht wurde, ist freilich zum Teil auf die weit bers Ziel hinaus schieenden Horror-Visionen von mediengerechten Protagonisten wie Levinson zurckzufhren. b) Asbest und Politik Zum Beispiel die Sozialistische Arbeiterpartei Der Herr Schmidheiny hat eine Riesenmacht, die wahrscheinlich grer ist als die frherer Feudalherren. Roben Lochhead, Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei und Herausgeber des Bu ches Asbest und Profit An der Josefstrae im Zrcher Kreis Cheib, dem Arbeiterquartier hinter dem Hauptbahnhof, steht ein Gebude mit abbltternder Fassade, wahrscheinlich eine alte Fabrik. Der Viadukt der SBB-Linie nach Winter thur bildet die Kulisse; dahinter blst der Kamin der stdtischen Kehrichtverbrennungs-Anlage die gasfrmigen Reste der Zrcher Wohl standsgesellschaft in die Luft. In dieser Gegend, die mehr an die Bronx als an ein helvetisches Stadtquartier erinnert, wohnen der gnstigen Miet zinse wegen vorwiegend italienische, spanische und jugoslawische Gast arbeiter. Das renovationsbedrftige Haus ist das Hauptquartier der Sozia listischen Arbeiterpartei (SAP) der Schweiz und der Sitz des Veritas-Verlages, der eng mit der Partei zusammenarbeitet. Riesige Baugespanne um stellen das Gebude, dessen Tage offensichtlich gezhlt sind; eine an onyme Aktiengesellschaft, vielleicht ein internationaler Multi, wird hier wohl sein Brogebude hinklotzen, der Sozialistischen Arbeiterpartei den Garaus machen und die Mieten im Quartier in die Hhe treiben. Heute bin ich mit Robert Lochhead verabredet, dem Herausgeber des Buches Eternit: Asbest und Profit - Ein Konzern verseucht die Um welt, das 1983 erschienen ist. Mit dem Konzern ist die Schweizer Etemitgruppe gemeint. Aufgrund des aus der Optik der uersten Linken ver faten Buches habe ich mir den Herausgeber und Mitautor anders vorge stellt. In meiner Phantasie stand da ein Mann mit wilden, verkniffenen Augen vor mir, sicher mit einem Arafat-Tuch um den Hals und auf kei nen Fall in Blue Jeans, dem Allerwelts-Kieidungsstck aus dem kapitali stischsten aller Lnder. Lochhead erwies sich, optisch, als das genaue Ge genteil dessen, was ich mir vorgestellt hatte: ein grogewachsener, freundlicher, etwas linkisch wirkender, bleicher Mann in Jeans. Sein hei- 184 meliger Berner Dialekt ist leicht durch seine franzsische Muttersprache eingefrbt. Lochheads Buch hat auf Stephan Schmidheiny als Tiefschlag gewirkt; denn Lochhead und seine (anonym gebliebenen) Mitautoren ha ben die Schweizer Eternit-Gruppe als profitgierige, weltumspannende, den Asbesttod bringende Krake gezeichnet und Stephan als Heuchler de klariert, der sogar die Stirne habe, von Ethik und Moral zu reden (5). STS ist in unsern Gesprchen nur kurz auf das Opus eingegangen, das den Asbestopfern gewidmet ist. Dennoch war sofort klar, da ihn das Buch aus dem Veritas-Verlag nicht gleichgltig lie. Was ihn alarmierte, war die Guerilla-Taktik, wie er es ausdrckt, mit der die Verfasser gegen ihn vorgingen. Vater Max hat mit der Lektre begonnen, das Buch dann aber zugeklappt. Da ist alles so komplett verzeichnet, das langweilt mich, interessiert mich nicht, meint er wegwerfend anllich unseres Ge sprchs im Schlo Heerbrugg. Ob er mit Stephan Schmidheiny gespro chen habe, um dessen Argumente zu hren, bevor er das Buch verfat habe, frage ich Lochhead. Die Frage berrascht ihn: Nein . . . daran ha ben wir berhaupt nicht gedacht. Das htte wohl auch nicht viel gebracht, wir wissen genug aus den schriftlichen Unterlagen. Und mehr htte er uns sicher nicht gesagt. Die Sozialistische Arbeiterpartei ist 1969, nach der Invasion der Tschechoslowakei durch die Russen und im Gefolge der Unruhen von 1968, gegrndet worden. Damals hie sie Revolutionre Marxistische Liga. Die am linken Ende des linken politischen Flgels stehende Partei splitterte damals von der kommunistischen Partei der Arbeit (PdA) ab, weil sich diese, nach der Meinung der Dissidenten, zuwenig klar von den sowjetischen Invasoren in der Tschechoslowakei distanziert hatte. Der Hauptharst der Mitglieder rekrutierte sich, so Lochhead, zuerst aus Stu denten der 68er Bewegung, inzwischen zhlt die Partei, wie mein Ge sprchspartner sagt, auch viele Lohnabhngige unter- ihren Mitglie dern. Der gesamte Bestand umfat ein paar hundert Genossinnen und Genossen. Man kann Lochhead beistimmen, wenn er sagt, da es nicht auf die Gre, sondern auf die Aktionen und die Durchschlagskraft einer Partei ankomme. Die SAP hat es immer wieder verstanden, sich Gehr zu verschaffen, vor allem darum, weil sie Asbest zu einem ihrer Hauptthe men machte. Bilderbuchartig ist hier eine mchtige Industriellenfamilie mit einem gravierenden Umweltprobelm verknpft, erklrt er, die Eter nit Schweiz ist ein Beispiel der kapitalistischen Realitt. Und das wollten wir aufzeigen. Robert Lochhead ist in Nyon Sekundarlehrer der natur wissenschaftlichen Richtung. Da er sein Salr aus den Steuergeldern ei- 185 ner kapitalistischen Gesellschaft bezieht, nimmt er in Kauf, auch wenn er sich mit aller Kraft dafr einsetzt, da dieses System berwunden wird. Die Schulbehrden wissen von seinem Engagement in der Sozialistischen Arbeiterpartei, was jedoch nie ein Problem gewesen sei, weil man in der Romandie in solchen Belangen offener und toleranter sei als in der Deutschschweiz. Seit 1973 ist er in seiner Partei verantwortlich fr den Umweltschutz. Die SAP hat vor einem Dutzend Jahren als erste politische Gruppierung das Fluor-Problem im Wallis aufgegriffen und engagiert sich erbittert in der Anti-Atomkraft-Bewegung; Asbest avancierte erst spt zu einem ihrer Kardinal-Themen. Lochhead legt ein dickes Dossier mit Briefkopien auf den Tisch: Die SAP hat 1984 an Kantonsregierungen, Baugenossenschaften und Privatunternehmen Briefe geschickt, in denen sie mit Spritzasbest isolierte Gebude auflistet. Alles in allem Hunderte von Bauten, vom Schulhaus bis zum Shopping-Center der Migros. Es ge lang der SAP durch Pressekonferenzen und andere Aktionen, das Spritz asbest-Thema ins Bewutsein der Schweizer ffentlichkeit zu hmmern und die Behrden und Firmen zu Sanierungsmanahmen zu zwingen. In zwischen hat auch das Bundesamt fr Umweltschutz mit Direktiven rea giert; es begann die einschlgige Arbeit nach der Hallen-Affre in der BRD. Als wichtiges Sensibilisierungsmittel bei ihrer Antiasbest-Kam pagne dient der SAP der von der Industrie gefrchtete, in England ge drehte Alice-Film, welcher das brutale Sterben einer jngeren Frau mit Asbestkrebes schildert. Wo dieser Dokumentar-Film gezeigt wird, gert die asbestverarbeitende Industrie unweigerlich ins Kreuzfeuer, hagelt es Anfragen verngstigter Brger, hufen sich parlamentarische Interventio nen. Wer sich mit dem Thema Asbest beschftigt, kommt am Unterneh men Eternit und dessen Besitzern natrlich nicht vorbei. Fr Lochhead und seine Genossen ist die riesige Macht in den Hnden der Familie Schmidheiny ebenso skandals wie die Handhabung des Asbests in der Industrie. Die Eternit habe, so der Herausgeber des Buches Asbest und Profit, dank der berwltigenden Macht der Familie Schmidheiny an dere, unbedenkliche Produkte auf die Seite gedrngt und sich ein Markt monopol gesichert. Den Kunden, den Architekten, Dachdeckern und auch den Bauherren traut Lochhead nur ein beschrnktes Urteilsverm gen zu: Ihre Kenntnis der Materialien ist limitiert. Mit den Zeitschriften, den detaillierten Konstruktionsansweiungen, den Gratiskursen usw. indoktriniert die Eternit die Abnehmer. Das Unternehmen wird gem der kapitalistischen Philosophie geschickt gefhrt; auf der Strecke bleibt je doch das Interesse der Allgemeinheit! 186 Unser Gesprch findet in einem karg eingerichteten Bro statt, des sen einziger Schmuck ein Portrt von Lenin und ein Poster mit Che Guevara sind. Systemvernderung ist, gem den Parteizielen, das eigentliche Anliegen der SAP. Dem Kampf gegen Asbest hat man nicht zuletzt darum oberste Priortitt eingerumt, weil sich gem der Optik der Sozialisti schen Arbeiterpartei in der St. Galler Kapitalistenfamilie und ihrem die Umwelt verseuchenden, internationalen Konzern die Fratze des Kapita lismus lupenrein zeigt. Die Genossen entwerfen eine Karikatur der Industriellen-Familie und verkennen die geistige und unternehmerische Haltung Stephan Schmidheinys. Dennoch sind einige Krner Wahrheit in ihren Ausfhrungen. Die Asbest-Szene der westlichen Welt wird von ei ner Handvoll Grounternehmen bestimmt, unter denen whrend Jahr zehnten die Schweizer Eternit-Gruppe figurierte (mit dem Ersatz der Fa ser scheidet sie aus dem Club aus). Diese Konzentration in einem lange Zeit profitablen Industriezweig bedeutet nicht nur fr die SAP ein rotes Tuch. Private wirtschaftliche Machtballung ist der extrem linken politi schen Splittergruppe, welche die Vergesellschaftung des Volksverm gens anvisiert, ein Greuel. Lochhead: Wir rhmen uns doch in der Schweiz unserer direkten Demokratie. Warum lassen wir es zu, da sich eine derart gewaltige Wirtschaftsmacht in einer einzigen Familie konzen triert? Warum ist unsere direkte Demokratie auf die Politik beschrnkt und lt dem Volk keine Mglichkeit, solche riesige wirtschaftliche Machtballungen zu kontrollieren? Eine durchaus bedenkenswerte Frage! Im Falle des Asbestersatzes im Eternit machte jedoch gerade die Vereinigung der Entscheidungsgewalt in ein er Hand den Wandel mglich. Ein verantwortungsvoller Groindustrieller kann untenehmenspolitische Entscheide naturgem in einem viel greren Bereich durchsetzen, kommt dazu, da Kursnderungen bedeutender Unternehmen auf die Umwelt grere Auswirkung haben, da sie einen zukunftsgerechter Trend verstrken oder ihm zum Durchbruch verhelfen knnen. Weil Ka pitalismus fr die linken Genossen a prori das falsche System ist, das nu wenigen wirklich ntzt, werten die Anhnger der Linkspartei Stephat Schmidheinys Entscheid als nichts Bemerkenswertes: Der Markt hab< den Verzicht erzwungen, und im brigen komme die Kehrtwendung un mindestens eine Generation zu spt. Einen wunden Punkt berhrt Lochhead mit den Rhren: Wenn e doch zugibt, da Asbest ein Gesundheitsproblem darstellt, warum zieht die Substitution nicht konsequent auch bei den Rhren durch? Selb: wenn Asbestfasern im Trinkwasser unbedenklich sein sollten, was w 1 nicht glauben, dann werden Arbeiter bei der Produktion, beim Verlegen und spter beim mglichen Beseitigen der Rhren weiterhin Asbest aus gesetzt sein. Mein Gesprchspartner legt ein Dossier mit technischen Unterlagen auf den Tisch, in welchem auf dem Markt angebotene Rhren ohne Asbest aufgelistet sind: G u -, Stahl-, und Sandsteinrohre, dann Be tonrhren mit und ohne Eisenarmierung. Glaszement und mit Glasfibern armiertes Harz figurieren unter anderem ebenfalls auf der Liste. Glasfa sern sind freilich auch ins Gerede geraten, weil sie in der Lunge Schaden anrichten knnen. Selbst fr die sehr groen Druckrohre, die mit Asbest zement konkurrenzlos gnstig und dauerhaft produziert werden knnen, gibt es qualitativ vergleichbaren Ersatz: sogenannte schleudergesponnene Rohre mit einem Armierungsnetz aus Stahl. Wollten die Asbestzement produzenten jedoch solche Rohre hersteilen, dann mten sie ihre teuren, oft erst wenige Jahre alten Rohrmaschinen ausrangieren. Fr die Genos sen der Sozialistischen Arbeiterpartei ist das Ausnehmen der Rhren nur ein weiterer Beweis fr die Funktionsweise des kapitalistischen Systems. Da im Ostblock, wo die Produktionsmittel verstaatlicht sind, Asbest hemmungslos und ohne die im Westen heute gltigen Sicherheitsnormen verbraucht wird, wissen die Schweizer Genossen wohl. Das gegenwrtig praktizierte System im Ostblock ist ihnen denn auch kein Vorbild und of fenbar fr die Vordenker der Sozialistischen Arbeiterpartei fast so revi sionsbedrftig wie der verhate Kapitalismus. Wie man sich den neuen Sozialismus vorstellt, kann Lochhead mir allerdings auch nicht konkret beschreiben. Eines ist jedoch sicher: In der Vision des Sekundarlehrers aus Nyon htten Industriellenfamilien vom Kaliber der Schmidheiny kei nen Platz, sie wrden umgehend enteignet. Die Systemkritiker der SAP kmpfen mit teilweise einleuchtenden Argumenten gegen das Grokapital; warum aber sind sie nicht bereit, Fortschritte und Innovationen zu wrdigen? Ihre Argumentation ist oft einfach Polemik und spult in den immer gleichen Rillen ab, zudem wrde ein etwas verantwortungsvollerer Umgang mit der Wahrheit die Glaub wrdigkeit dieser extrem linken Partei erhhen. Dazu ein paar Beispiele: Oft werfen sie, wohl wider besseres Wissen, Spritzasbest und Asbestze ment in einen Topf. Warum liest man im Info-Bulletin der Sozialistischen Arbeiterpartei vom 31. Januar 1985 im Zusammenhang mit dem Spritzas best im Zrcher Fernsehstudio von gefhrdeten Eternit-Arbeitern? Mit Spritzasbest hatte die Eternit nie etwas zu schaffen. Warum behauptet die SAP im gleichen Bulletin, fr den Schmidheiny-Konzern beginne der Pro fit bereits bei der rentablen Ausbeutung der Minen in Sdafrika? Beides 188 stimmt nicht: die Asbest-Minen in Sdafrika sind nicht mehr rentabel, und Schmidheiny hat sich bekanntlich seit mehreren Jahren von seinen Minenbeteiligungen getrennt. Wer der Gegenseite permanent Vernebe lung der Tatsachen vorwirft, sollte an sich selbst hhere Mastbe stellen. Asbest ist ein Politikum, denn das Mineral eignet sich hervorragend zur Profilierung politischer Interessen. Mit einer Kampagne gegen das Rauchen beispielsweise knnte die Sozialistische Arbeiterpartei, knnten all jene, die sich fr die Opfer des Asbests einsetzen, viel mehr Leben ret ten; nur brchte ihr das mit Bestimmtheit nicht so viel Publizitt (und ver mutlich interne Auseinandersetzungen mit kettenrauchenden Genossen). Parteien, Gewerkschaften und Verbnde mssen Prioritten setzen; As best, dessen krebserregendes Potential erwiesen ist, hat sich fr Aktionen lngst als ein griffiges Material erwiesen. Das Beispiel der SAP, in der, wie Lochhead bedauert, keine Eternit-Arbeiter Mitglied sind, ist eines von vielen. Wenn die sdafrikanische Black Allied Mining and Construction Workers Union Asbest ins Visier nimmt, so attackiert sie damit das Apartheid-System, nimmt die Faser als Symbol des Verhaltens der Wei en. Der damalige deutsche Innenminister Baum soll sich telegen fr ein Verbot von Asbest stark gemacht haben - so ein hartnckig immer wieder auftauchendes Argument - , um seine ums berleben kmpfende FDP zu profilieren und seinen grnen Whleranteil zu befriedigen. Wer etwas ge gen Asbest unternimmt, tut etwas fr die Volksgesundheit, ohne allzuvielen auf die Fe zu treten. Der riesige Wirbel hat Baum, wenn dies sein Hauptmotiv gewesen sein sollte, jedenfalls recht gegeben. Das Engagement gegen Asbest allein rqJt politischem Opportunismus zu erklren, wre wohl in manchen Fllen eine Unterstellung; auffallend viele Gruppierungen nutzen jedoch den verfemten Stoff als Vehikel; denn mit Aktionen gegen Asbest kann man sich Mitte der achtziger Jahre die Finger nicht mehr verbrennen. Es scheint jedoch, da die Asbestwaffe in den westlichen Industriestaaten stumpfer zu werden droht. Strengere Vorschriften und zunehmende Substitution sind Ursachen dafr; die La wine der Arbeitsstoff- und Umweltprobleme, die uns seit einigen Jahren berrollt, nimmt dem Asbest seinen singulren Charakter, macht die Fa ser zu einem Umweltverschmutzer unter vielen. In der Bundesrepublik zum Beispiel hat der Asbest die Spitzenposition, welche er whrend der Hallen-Affre monatelang hielt, lngst an das Thema Waldsterben ver loren. Emotional geladene Debatten ber Tempolimiten und Katalysato ren haben die Panik um Spritzasbest vom ersten Platz der Umwelt-The men verdrngt. 189 Wie jedes bedeutende Thema hat auch die Asbest-Problematik viele Trittbrettfahrer und Schmarotzer angezogen, die sich einen Happen Pu blicity, ein bichen mehr Profil oder den Gewinn einiger Felder auf dem politischen Schachbrett davon versprachen. Die Zeit sondert auch hier die Spreu vom Weizen: Trittbrettfahrer dieser Art verlassen den Zug, wenn er sich aus dem Fokus der Medien und damit des ffentlichen In teresses entfernt. Diese Siedlung in San Josf r Costaricaner > 190 des Mittelstands ist zur Hauptsache aus ashest- 19. Der Laie und die Wissenschaft a) Zum Beispiel der Asbest-Kongre in Montreal Ich war lnger in direktem oder indirektem Kontakt mit Asbest als alle Anwesenden hier zusammen, ruft der Asbest-Mineur Jean-Luc Savoi, seit dreiig Jahre bei der kanadischen Bell-Asbestmine ttig, unmutig in den Plenarsaal des Montrealer Kongrezentrums, wo Hunderte von Koryphen das Thema Asbest diskutieren, ich bin berzeugt, da einige der Tatsachen, von denen hier stndig geredet wird, auf Daten aus den dreiiger Jahren basieren. Hrt auf, euch stndig auf Vergangenes zu be rufen! Ich selber habe keine wissenschaftlichen Daten anzubieten; aber ich frage die Teilnehmer dieses Panel-Gesprchs: <Sind alle Daten, Kur ven und Jahre kontrolliert worden, bevor man sie hier ffentlich verkn det?) Jeder auenstehende Leser des Protokolls des World Symposium on Asbestos (1) kann den Ausbruch des Mineurs verstehen, ein Protokoll mit 542 Seiten Daten, Fakten, Mutmaungen, Unterstellungen, Meinun gen, Tabellen und Zahlenkolonnen. Auer in der Tatsache, da Asbest Krebs und Asbestose verursachen kann, gibt es kaum einen Konsens. Ich habe das Protokoll durchgearbeitet und war manchmal drauf und dran, den Folianten in eine Ecke zu schmeien; so widersprchlich sind die Aussagen und so schwer verstndlich fr den fachlichen Laien. Wohl bei jedem wissenschaftlich anspruchsvollen und zudem kontroversen Thema entsteht ein Graben zwischen den Fachleuten und dem Rest der Welt. Mir scheint jedoch, da Asbest bezglich der Dimension dieses Grabens ebenfalls ein Modellfall ist. Wie soll sich der Laie (und der verantwortli che Industrielle!) unter diesen Umstnden eine Meinung bilden? Nachfolgend ein Dialog unter Wissenschaftern, zitiert im Protokoll des Montrealer Kongresses, ein besonders typisches Beispiel, das jedoch fr viele Kontroversen hnlicher Art steht: Ich bin Dr. McDonald von der McGill-Universitt. Zuerst ein kurzer Kommentar zu Dr. Andersons interessantem Papier. Ich mchte unterstreichen, da das sehr ernste Me sotheliom-Risiko, das man bei den Arbeitern und in ihren Familien beob achtet, vom Amosit-Asbest kommt. (. . . ) Dies beweist auch, was von Jack Siemiatycki diskutiert wurde, da Mesotheliome in den Minenstdten 192 Quebecs eine groe Raritt sind. Es ist ntig, das zu unterstreichen, weil einige Lnder immer noch nicht anerkennen, da es (je nach Fasertyp) ir gendwelche Unterschiede im Mesotheliom-Risiko gibt. Nun eine Frage an Dr. Enterline. Er erwhnt, da seine Annahmen auf der Kontroll-Studie basieren. Soviel ich wei, haben nur wir eine Kontroll-Studie ge macht. Dr. Enterline sagt, da man die Mesotheliom-Flle in den USA zu einem Drittel auf Auswirkungen am Arbeitsplatz, zu einem Drittel nicht von der beruflichen Ttigkeit herriihrend und zum letzten Drittel auf un bekannte Ursachen zurckfhren msse. Ich wundere mich, woher er das hat. Unsere publizierten Schtzungen liegen bei 50 bis 70% arbeitsplatz bedingt; wir weisen zudem daraufhin, da es keine berzeugenden Hin weise gibt, da Mesotheliome ohne (crekte oder indirekte) Verbindun gen zum Arbeitsplatz Vorkommen. Der angesprochene Dr. Enterline antwortet: Ich habe das aus Ihrer Krebs-Studie. Dazu gibt es eine interessante Geschichte. Ich habe das be rechnet und bekam dann einen Brief von Dr. Alison McDonald, die sagte, meine Berechnungen seien falsch. Wir mssen das nachher zusammen be sprechen. Ich habe Ihr Papier jedenfalls so verstanden, und ich kann Ih nen den Tisch zeigen, wo ich das gelesen habe. Ich gebe zu, es ist offen sichtlich Ihre Studie, und Sie wissen, was Sie geschrieben haben. Das Fazit zieht Konferenzleiter Hickmann: Das beste ist wohl, wenn ihr zwei euere Unterlagen nach der Versammlung vergleicht (2). Ob 33 oder 70 Prozent der Mesotheliome auf berufliche Exposition zurckzufhren sind, ist ein gewaltiger Unterschied, der nicht zuletzt die asbestverarbeitende Industrie brennend interessiert. Ob es Hinweise gibt, da man den schrecklichen Krebs auch oiine Bezug zur Arbeitswelt be kommen kann, ist ebenfalls fundamental wichtig. Hieb- und stichfeste Antworten stehen noch aus. Wenn Wissenschafter derart mit Zahlen und Daten jonglieren und ihre hypothetischen Extrapolationen auch noch publizieren, versteht man etwas besser, da jeweilige Interessenvertreter die ihren Zielen am besten dienenden Publikationen zitieren. Alle diese Publikationen schmcken sich ja mit dem Prdikat wissenschaftlich. b) Den Faserzhlern ber die Schulter geblickt Klaus Lobig sitzt vor dem Bildschirm eines Transmissions-Elektro nenmikroskops mit Rasterzusatz (Wert 550 000 Franken) und zhlt As- 193 bestfasern. Sein Arbeitsplatz steht im Laboratorium des Gesundheitsbun desamtes in Berlin; die Szene knnte sich jedoch genau so bei der Eidge nssischen Materialprfungs-Anstalt (EMPA) in Dbendorf oder im For schungslabor der Eternit in Niederurnen abspielen. Klaus Lobig sucht Fasern in einer Luftprobe, die aus einem Raum stammt, wo Asbest-Isola tionen verwendet wurden. Lobig rckt das Prparat zurecht; auf dem Bildschirm saust ein Faserwirrwarr vorber, das an Schwemmholz erin nert. Was Sie hier auf den ersten Blick sehen, sind vorwiegend Glas- und Metallpartikel, jedoch keine Asbestfasern. Diese sind viel kleiner, klart mich Lobig auf und fahndet auf dem Schirm, der die Realitt 10 OOOmal vergrert, nach einer lungengngigen Asbestfaser, welche mehr als fnf tausendstel Millimeter Lnge, jedoch weniger als drei tausendstel Milli meter Breite aufweist. Kein leichtes Unterfangen! Es dauert zwei Minu ten, bis der Fachmann in dieser von Verunreinigungen aller Art durch setzten Luftprobe eine der gesuchten Fasern aufsprt: eine unscheinbare Nadel, welche ein ungebtes Auge selbst bei dieser Vergrerung nicht finden wrde. Fasermessungen mit dem Transmissions-Mikroskop sind aueror dentlich aufwendig; sie werden vor allem angewendet, um Asbest-Kon zentrationen in der Umwelt oder in Rumen, wo man hohe Faserkonzen trationen vermutet, zu eruieren. Dr. Eckart Meyer ist leitender Beamter auf dem Gesundheitsbundesamt und Verfasser der Studie, welche die Be lastung der Allgemeinbevlkerung durch Asbest als minim einstuft. Er er lutert die Schritte, die ntig sind, bevor man mit dem Zhlen unter dem Elektronenmikroskop berhaupt erst beginnen kann: Zuerst werden die Feststoffe in der Luft mittels eines Membranfilters gesammelt, dann ver brennen Spezialisten die Probe, um organische Anteile zu eliminieren. Anschlieend erfolgt eine nochmalige Filtration mit einem Spezialfilter; die fr das Mikroskop speziell zugerichtete Probe bedeckt in der Regel eine Flche von 400 mm2, ist also etwa so gro wie ein Daumennagel. Fr das Elektronenmikroskop eine riesige Ausdehnung, die man in Hundert tausende von Feldern aufteilt, um sie berhaupt untersuchen zu knnen! Klaus Lobig fahndet fr eine Probe in 4000 Feldern, die zusammen 0,4 mm2oder ein Promille der ganzen Flche umfassen, das Absuchen bedeu tet vier Tage konzentrierter Arbeit! Die Kosten fr eine Messung betragen umgerechnet 1700 Franken. So ingenis die Gerte sind, bis heute mssen die Asbestfasern noch von Menschen gezhlt werden. Obwohl sich die Metechnik seit den Zeiten des Lichtmikroskops fundamental verbessert hat, ist sie auch heute noch nicht perfekt. Eine Teil- oder Vollautomatisie- 194 rung, welche die Zhlarbeit durch Menschen berflssig macht, ist das nchste Etappenziel. Eine Konzentration von einer Faser pro Kubikzentimeter (oder einer Million pro Kubikmeter) erscheint als hoch. Nur ein Bild kann jedoch die wirklichen Proportionen verstndlich machen: Wre eine gesundheitsge fhrdende Asbestfaser bei dieser Konzentration so gro wie eine Steckna del, so wrde die umgebende Luft das Volumen eines Wrfels von hun dert Meter Seitenlnge ausmachen. Dr. Meyer: Es ist so, als ob wir im Berliner Kongrezentrum eine Stecknadel suchen mten. Diese Pro portionen geben den heute gltigen MAK-Wert wieder; geht es jedoch um Luftproben aus der Umwelt, dann sind Asbestfasern um Grenord nungen seltener. Die Kontroverse, ob Asbest (und damit auch Asbestzement) fr die Allgemeinbevlkerung schdlich sei, basiert zu einem guten Teil auf den Faserzhlungen, wie sie Klaus Lobig und seine Kollegen in allen Indu striestaaten vornehmen. Die Erfindung des Raster-Elektronenmikroskops gelang vor rund dreiig Jahren in den USA; seit den sechziger Jahren werden die Gerte zunehmend auch in Europa eingesetzt. Mit einem Schlag entstand damit ein neues Faser-Weltbild, welches zu Zeiten des Lichtmikroskopes unvorstellbar war. Lichtmikroskope schaffen 400- bis OOfache Vergrerungen und erfassen vor allem die grodimensionier ten Asbestfasem, welche nach heutigen, weithin anerkannten Erkenntnis sen unschdlich sind. Als man in den fnfziger Jahren mit Messungen faseriger Partikel be gann, da eruierte man das Gewicht der Faseln pro Kubikzentimeter, wh rend der entscheidende Faktor der Gre gnzlich auer acht gelassen wurde. Die Entwicklung im Bereich der Mikroskopie und der Metech nik hat es mglich gemacht, die Geometrie und die Lnge der Fasern in die Forschungen einzubeziehen. Sie ist auch der Schrittmacher fr die ste tig nach unten revidierten MAK-Werte. 195 20. Internationale Regelungen a) Internationale Arbeitsorganisation (ILO): Kontrolle statt Verbot Der Weltfriede kann auf die Dauer nur auf sozialer Gerechtigkeit mfgebaut werden. Nun bestehen aber Arbeitsbedingungen, die fr eine groe Anzahl on Menschen mit soviel Ungerechtigkeit, Elend und Entbehrungen ver>unden sind, da eine Unzufriedenheit entsteht, die den Weltfrieden und lie Welteintracht gefhrdet. Eine Verbesserung dieser Bedingungen ist Jringend erforderlich, z. B. durch die Regelung der Arbeitszeit, ein schlielich der Festsetzung der Hchstdauer des Arbeitstages und der Ar beitswoche, Regelung des Arbeitsmarktes, Verhtung der Arbeitslosigceit, Gewhrung eines zur Bestreitung des Lebensunterhaltes angemesselen Lohnes, Schutz der Arbeitnehmer gegen allgemeine und Berufskrankleiten sowie gegen Arbeitsunflle, Schutz der Kinder, Jugendlichen und -rauen, Vorsorge fr Alter und Invaliditt, Schutz der Interessen, der im \usland beschftigten Arbeitnehmer, Anerkennung des Grundsatzes gleicher Lohn fr gleiche Arbeit), Anerkennung des Grundsatzes der /ereinigungsfreihei't, Regelung des beruflichen und technischen Unterichtes und hnliche Manahmen. Verfassung der Internationalen Arbeitsorganisation, Prambel (l) Die ILO ist in der Aufbruchsstimmung nach dem Ersten Weltkrieg zusammen mit dem Vlkerbund im Jahre 1919 gegrndet und diesem ur sprnglich als autonomes Gebilde angegliedert worden. Geboren aus der technischen Revolution und den politischen und sozialen Umwlzungen jener Zeit, spiegelte die Internationale Arbeitsorganisation die Wnsche und Hoffnungen der arbeitenden Massen. 150 Lnder sind heute der ILO angeschlossen; die alphabetische Liste der Mitglieder beginnt mit Afgha nistan und endet mit Zypern. Dazwischen werden Staaten wie Birma, Schweden und Saudiarabien aufgelistet sowie natrlich die USA und die UdSSR. Das ILO-Hauptquartier, das Internationale Arbeitsamt, ist in Genf domiziliert; das Weit-Arbeitsministerium. Man geht die Liste der Lnder durch, vergleicht die Anliegen in der Prambel und realisiert, wel- eher Utopie der Gedanke entsprang, alle diese Nationen in einer Organi sation fr die Belange der Arbeit zu vereinigen! Auf allen Stufen ist die ILO dreigeteilt: Delegierte der Regierungen, der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer beraten in der Welt-Organisation, die auf englisch International Labour Organisation (ILO) heit. Diese Dreiteiligkeit war eine geniale Idee, welche der Organisation Glaubwr digkeit, Prestige und Autoritt verschaffte. Von den gewaltigen Problemkreisen, welche die globale Arbeitswelt belasten, greift die ILO jeweils einzelne heraus, lt sie zuerst von Exper ten analysieren und bert sie dann in den parittisch dreigeteilten Aus schssen, welche Vorschlge zuhanden der Vollversammlung, des WeltArbeitsparlamentes, machen. Das Resultat dieser meist mehrere Jahre dauernden Prozeduren (manchmal dauert es ber ein Jahrzehnt) sind Ver trge oder Empfehlungen, welche die Vollversammlung zuhanden der Mitgliedstaaten beschliet. In jedem einzelnen der 150 Mitgliedlnder mssen Regierung oder Parlament die Vertrge ratifizieren. Je mehr Na tionen sich einem Abkommen anschlieen, desto grere Durchschlags kraft erlangt es. Ein langer, mhseliger Proze! Bis heute hat die ILOKonferenz, das Parlament der Weltorganisation, fast 170 derartige Ab kommen verabschiedet. Es begann 1919 mit Richtlinien ber die zeitliche Beschrnkung der Kinderarbeit und reichte bis zu Vereinbarungen ber den Schutz der Arbeiter vor den Gefahren der Maschinen. Mit Asbest hat sich die ILO erstmals 1964 kurz befat. Seither stand die Mineralfaser immer wieder auf der Trak^andenliste. Im bereinkom men Nummer 139 ber Berufskrebs aus dem Jahr 1974 figuriert das Mine ral natrlich auf der bereits umfangreichen Liste der Kanzerogene. In der Empfehlung Nummer 147 aus dem gleichen Jahr wird der Ersatz der krebserregenden Stoffe postuliert: Es sollten Anstrengungen unternom men werden, um krebserzeugende Stoffe (. . . ) durch weniger schdliche Stoffe (. . . ) zu ersetzen (2). Fr die Eternit-Hersteller waren damit aus schlielich die Verbraucher der restlichen zwanzig Prozent des Asbests gemeint; es mu jedoch bezweifelt werden, ob die Asbestzement-Indu striellen dieses Postulat berhaupt zur Kenntnis nahmen. Im Budget 1972/73 figuriert erstmals ein Kredit von 16 800 Dollar fr ein besonderes Asbest-Symposium der ILO, das 1973 abgehalten wurde. Dann blieb es bis 1980 sehr ruhig um Asbest. Die ILO bezeichnete in die sem Jahr das Mesotheliom und den asbestbedingten Lungenkrebs als an- 197 erkannte Berufskrankheiten; ein Beweis dafr, wie langsam die Mhlen der Welt-Arbeitsorganisation mahlen. In den folgenden beiden Jahren be faten sich Sachverstndigen-Gruppen mit dem Thema und erarbeiteten ein Kompendium mit dem Titel Safety in the Use o f Asbestos (Die si chere Verwendung von Asbest), das 1984 erschienen ist. Auf dem langen und mhsamen Weg durch die Institutionen der ILO, wo die Entwick lungslnder ein gewichtiges Wort mitreden knnen, sind die Forderungen nach dem Ersatz des Asbests mehr und mehr in den Hintergrund getreten. Das 116 Seiten starke Buch regelt detailliert alle Anwendungen, beschf tigt sich mit Asbesttextilien ebenso wie mit Bremsen oder dem Abfallpro blem. Asbestzement sind lediglich vier Seiten mit drei Dutzend Paragra phen gewidmet. Nur gerade zw lf Zeilen befassen sich mit der Forderung nach Alternativmaterialien! Eine Zusammenstellung der gesetzlich tolerierten Asbest-Faserkon zentrationen in den einzelnen Lndern ergibt eine verwirrende Vielfalt: In Thailand beispielsweise erlaubt der Staat zehnmal hhere Konzentratio nen als in Norwegen; viele Lnder, darunter berraschenderweise Sd afrika, kennen noch keine vom Staat verordneten Limiten! Wo Grenz werte vorgeschrieben sind, liegt die staatliche berwachung der Betriebe oft im argen. Dies gilt vor allem fr Entwicklungs- und Schwellenlnder; jedoch auch in den Industriestaaten ist die Zahl der staatlichen Kontrol len in der Regel minim. Die gesamte Verantwortung liegt somit meist bei den Unternehmen, oft international ttigen Multis. Wenig berraschend, da die ILO in ihrem Asbest-Bericht zuhanden der Generalversammlung den multinationalen Unternehmen attestiert, da bei ihnen die Chancen fr Staubschutz-Manahmen besser seien als bei rein lokalen Betrieben in Entwicklungslndern (3). Die meisten Mitgliedlnder der ILO haben andere Prioritten als beispielsweise Charles Levinson, der ehemalige Generalsekretr des ICEF, der vorgab, sieben Millionen Arbeitnehmer, vor allem in den Ent wicklungslndern, zu vertreten, und auf der Welt-Asbestbhne immer ei nen totalen Bann der Faser forderte. Die ILO peilt darum nicht das Uto pische an, sondern richtet sich nach dem, was sich praktisch verwirkli chen lt: Staubkontrolle, Warnaufschriften, medizinische Untersuchun gen fr die Arbeiter usw. Die Internationale Arbeitskonferenz vom Juli 1985 setzte Asbest als Haupttraktandum auf die Tagesordnung. Thema der Session: Der sichere Umgang mit Asbest. Whrend mehrerer Tage diskutierten die Abgeordneten das immer noch kontroverse Thema. Das Asbestfrderland Zimbabwe postulierte (ohne Erfolg) ILO-Richtlinien 198 fr alle technisch genutzten Fasern, um damit Asbest aus der Schulinie zu nehmen. Kanada forderte, da die Internationale Arbeitsorganisation Gutachten ber die gesundheitlichen Gefahren der Ersatzstoffe veran lat, weil auch diese Fasern nicht ohne Risiken seien. Die nordeuropi schen Staaten halten die Marschrichtung der ILO fr falsch; sie wiesen an der Konferenz darauf hin, da Ersatz mglich sei und da man heute den Zwang zur Substitution festschreiben msse. Obwohl die Stand punkte zum Teil weit auseinanderklafften, diskutierten die Abgeordneten sachlich; sprbar wurden die groen wirtschaftlichen Interessen, die mit Asbest verknpft sind und die von Land zu Land variieren. Fazit der ILO-Konferenz: Die Welt wird auch in Zukunft mit Asbest leben und zu den 100 Millionen Tonnen, welche die Menschheit bis jetzt aus der Erde geholt und genutzt hat, wohl noch einige weitere Millionen Tonnen hin zufgen. Aufgrund der Diskussionen wird 1986 von der ILO ein berein kommen (und vielleicht auch eine Empfehlung) erlassen. Beobachter er warten, da der Tenor des bereinkommens der sichere Umgang mit Asbest sein wird. Die ILO wird also aller Voraussicht nach auf wirksame Kontrollen, nicht aber auf ein Verbot hinarbeiten; die Substitution von Asbest wird jedoch als wnschenswert bezeichnet. Mglich ist, da die Welt-Organisation in einer nicht bindenden Empfehlung ein Verbot von Krokydolith postulieren wird. Das bereinkommen mu im brigen den gleichen Weg durchlaufen wie die 170 vorangegangenen Erlasse dieser Art: es mu in jedem einzelnen Mitglied-Staat ratifiziert werden; erst wenn die Mehrheit der Staaten zustimmt, bekommt es wirkliches Ge wicht. Georg Kliesch, Diplom-Ingenieur und^Seit 1983 Leiter der Abteilung Arbeitsschutz der ILO, reserviert gleich mehrere Stunden fr unser Ge sprch. Er hat in Bonn bei der Regierung Schmidt einen vergleichbaren Posten bekleidet und kennt sich somit im Asbest-Thema aus. In Bonn setzte er sich vehement fr die Substitution des Asbests ein; inzwischen ist er jedoch zum Pragmatiker geworden. Auf Fragen, bei denen andere blitzschnell Antworten bereit haben, gibt er erst nach lngerem Nachden ken seine Meinung kund. Obwohl er das Spiel mit den groen Zahlen nicht gut findet, zitiert er eine ILO-Schtzung, wonach man auf unserm Globus jhrlich mit 110 Millionen Arbeitsunfllen und Berufserkrankun gen rechnen msse, 180 000 davon endeten tdlich. Ich mchte die Ge fahren des Asbests auf keinen Fall bagatellisieren, betont er, aber As best spielt bei diesen Zahlen absolut keine dominierende Rolle. Ich will berhaupt nichts herunterspielen, aber ich wehre mich auch dagegen, da 199 man eine Sache in den Vordergrund stellt, die im Verhltnis zu andern Ri siken nicht so stark betont werden mte. Andere glauben zu wissen, wieviele Tote Asbest jhrlich weltweit fordert; die ILO-Statistik sagt dar ber nichts aus. Kliesch ist ein Gegner solcher Hochrechnungen, die meist erst noch auf Mutmaungen basierten. Relevanter und wichtiger ist ihm, gefhrdete Gruppen von Arbeitern unter die Lupe zu nehmen und dort gezielt fr Abhilfe zu sorgen. Je lnger ich Georg Kliesch zuhre, desto klarer wird mir, da es im Rahmen der Internationalen Arbeitsorganisation wohl nie ein weltweit bindendes freiwilliges Branchenabkommen aller Asbestzement-Her steller geben wird. Das entsprechene Abkommen zwischen der deutschen Industrie und der Regierung war abgeschlossen worden, als Kliesch in Bonn im Amt sa . . . Aus der Optik der ILO wirkt Stephan Schmidheinys Ziel revolutio nr, bis 1990 Asbest nicht nur in Europa, sondern auch in allen seinen Fa briken in den Entwicklungslndern, zu ersetzen. Der Unternehmer tut da mit - und mit seinen Sicherheits-Vorschriften - sehr viel mehr, als die Welt-Arbeitsorganisation je durchsetzen kann. b) Keine einheitliche Situation in der EG In den Mitgliedlndern der Europischen Gemeinschaft variieren die Vorschriften betreffend Asbest noch stark. In Dnemark zum Beispiel sind sie uerst restriktiv; Asbest ist fr verschiedene Anwendungen zum Beispiel Asbestzement - verboten worden. Dagegen hat sich nach den Turbulenzen in den siebziger Jahren die Situation in Frankreich beru higt: Asbest kann, unter scharfen Kontrollen, praktisch unlimitiert ver wendet werden. hnlich prsentiert sich die Lage in Belgien, whrend die Hauptverbraucher in der Bundesrepublik freiwillig vom umstrittenen Mi neral Abschied nehmen. Immerhin hat die EG schon seit einiger Zeit Schritte in Richtung Vereinheitlichung unternommen. Neueste Vorschrif ten regeln die Deklarations-Pflicht. Der gut sichtbare Hinweis Achtung, enthlt Asbest darf heute auf keinem asbesthaltigen Produkt im Bereich der EG mehr fehlen; wo der als besonders gefhrlich eingestufte Krokydolith noch verwendet wird, mu das speziell vermerkt werden. Die EG hat auch eine ganze Reihe vors Erlassen betreffend Asbest am Arbeitsplatz herausgegeben, die bis 1987 in den Mitgliedstatten in die Warnhinweise im sterreichischen > 200 Eternitwerk in Vcklabruck Tat umgesetzt werden mssen. Fr einen Arbeitstag von acht Stunden gilt ab diesem Datum ein Wert von hchstens einer lungengngigen Faser (bei Krokydolith 0,5) pro Kubikzentimeter. Vorgeschrieben werden auch regelmige medizinische Untersuchungen; die einzelnen Lnder sind zu dem verpflichtet, zentrale Register fr alle asbestbedingten Krankheiten zu fhren (4). Die Richtlinien der EG zielen somit nicht auf ein Asbest verbot, sondern auf scharfe Sicherheitsstandards im Umgang mit der Fa ser. Das Branchenabkommen in der BRD liegt an der Spitze eines Trends und ist dennoch ein Fremdkrper in der Europischen Gemeinschaft. Sonderregelungen dieser Art sind in der EG nicht opportun. Da auf dem Gebiet der Fderation ein freier Austausch von Waren gewhrleistet ist, knnen Produzenten von Asbestzement-Produkten ihre Waren jederzeit in die Bundesrepublik exportieren, auch wenn die Herstellung gem dem Branchenabkommen in der BRD nicht mehr mglich ist. Dieses Pro blem beschftigt Unternehmensleitung und Betriebsrat der deutschen Eternit natrlich. Es kann damit gerechnet werden, da sich eine Kohorte von Brsseler Beamten demnchst damit herumzuschlagen hat. 202 21. Gefhrdet Eternit die Gesundheit der Bevlkerung? Pltzlich ging die Kontroverse gegen das Produkt los. 1978/79 mu ten wir das erste Mal zur Kenntnis nehmen, da Eternit ein gefhrliches Produkt sei. Eine Katastrophe! Bis dahin war fr uns unumstlich, da Eternit als Produkt vollstndig ohne Risiken fr die Allgemeinbevlke rung ist, weil die Asbest-Fasern im Zement eingemauert sind, weil sie sich an der Oberflche chemisch vernderten . . . und wie die Theorien der In dustrie alle lauteten. Stephan Schmidheiny im Frhjahr 1984 Sie fragen, ob ein 50 Jahre altes Eternit-Dach in den Bergen, wenn es durch Wind und Wetter ausgewaschen wird, die Menschen im Dorf ge fhrdet. Ich wrde denken, da eine solche Gefahr minimal ist. Die Ant wort lautet so: Wenn die Produkte nicht kaputt gemacht werden, wenn man nicht an ihnen arbeitet, dann ist keine Gefahr da. Generell, wenn As best gut eingebunden ist, wie es oft bei Asbestzement-Produkten der Fall ist, dann ist er kein Problem. Das Problem ist nicht das Abwittern, son dern der Arbeiter, der dieses Dach macht, der es repariert oder abbricht. Irving Selikoff im Sommer 1984 a) Abwittern 's Eternit hlt ewig, davon kndet ja auch der geniale Name des Mate rials. Wer alte Eternitplatten genauer betrachtet, kann jedoch darauf durchaus Faserbschel, manchmal von Moos und Flechten durchwirkt, entdecken. Jahrzehntelang kmmerte das niemanden, zumal die Herstel ler begannen, die Platten zu beschichten, was sich allerdings, des sauren Regens wegen, oft nur als Verzgerung des Abwitterungsprozesses erwies. Asbestfeinstaub kann Krebs erzeugen, das steht unumstlich fest. Schnell war darum die griffige Formel gefunden ein Konzern verseucht die Umwelt. Die Eternit reagierte mit Abwehr. Da Arbeiter krebskrank wurden, hatte man inzwischen zugegeben, da der Jahrhundert-Seiler eine Gefahr fr die Allgemeinheit darstellen sollte, empfanden Manage ment wie Arbeiter als bswillige Unterstellung. Parallelen zum DDT, ei nem andern Qualtitts-Produkt, schienen sich aufzudrngen. Der 203 Schweizer Paul Mller entdeckte 1939 die chemische Verbindung, welche den Ruf eines perfekten Insektizids geno, mit dessen Hilfe es unter an derem gelang, die bertrgerin der Malaria, die Anopheles-Mcke zu de zimieren. Mller erhielt fr DDT den Nobelpreis. Heute ist die Substanz wegen ihrer gravierenden Nebenwirkungen in groen Teilen der Welt ge bannt. Wo htte man dem beunruhigenden Verdacht der Gefhrlichkeit des Eternits besser auf den Grund gehen knnen als in sterreich, dem Ge burtsland des Asbestzements, dem Land mit der lngsten Erfahrung mit Eternit? Wenn es Zusammenhnge zwischen dem Verbrauch von Asbest zement und der Rate der Krebserkrankungen in der Bevlkerung gab, dann muten sie hier hervortreten. Mehrere Faktoren begnstigten ein schlgige Untersuchungen: In sterreich sind viele Ortschaften praktisch vollstndig mit Eternit eingedeckt; die Mobilitt der Bevlkerung ist ge ringer als anderswo, was bedeutet, da die Bewohner dieser Siedlungen dem Asbestzement whrend Jahrzehnten ausgesetzt sind. In der einschl gigen Literatur werden die Untersuchungen sterreichischer Wissenschaf ter darum immer wieder zitiert. Ingenieur W. Felbermayer, der Geschfts fhrer des nationalen Instituts fr Umweltschutz- und Emmissionsfragen, ma die Faserkonzentrationen an verschiedenen Punkten, dabei zhlte er nur die gesundheitlich relevanten Fibern (1). In der Asbestmine von Belgrano in Ialien verzeichnete er 2400 Fasern pro Kubikmeter Luft, an einer belebten Strae im Zentrum der Stadt Leoben 4600 und beim Eternitwerk in Vcklabruck 500. In St. Georgen, einer Gemeinde, deren Huser ber wiegend mit Asbestzement gedeckt sind, registrierten die Megerte 100 Fasern pro Kubikmeter, etwa gleich viel wie an Mepunkten ohne Eter nitdcher und in der sogenannt unbelasteten Natur. Der Wert von 100 Fa sern pro Kubikmeter liegt an der Nachweisgrenze; selbst mit der Zhlung durch das Raster-Elektronen-Mikroskop sind Asbestfasern in so niedri gen Konzentration fast nur noch durch Zufall aufzuspren. Die Faser konzentration an der Kreuzung in Leoben stammt wohl zum kleinsten Teil von den Eternitdchern, sondern von den Autobremsen. Ein Blick auf die Mesotheliom-Karte sterreichs (auch das gibt es heutzutage!) zeigt, da die Gegend von Vcklabruck ausgerechnet zu den Regionen mit der geringsten Zahl von Mesotheliomen gehrt; ebenso St. Georgen, wo sich kaum Ziegeldcher finden. Prof. Manfred Neuber ger, Dozent am Institut fr Umwelthygiene der Universitt Wien, stellt in seiner Studie Neue Wege zur Risikobewertung von Luftschadstoffen fest, da die Verteilung der im Untersuchungszeitraum von 1969-74 in sterreich aufgetretenen 74 Mesotheliom-Flle weder eine Korrelation mit der seinerzeitigen Asbestgewinnung in Rechnitz, noch mit der EternitProduktion ergebe (2). In Hatscheks Fabrik sind bis heute zwei Flle regi striert worden. Asbestzement ist im ganzen Land ungefhr gleichmig verbraucht worden; die rzte stellten jedoch regionale Schwerpunkte der Krebser krankungen fest, die sie sich mit der Einwirkung von Asbest nicht erkl ren konnten. Eine der Folgerungen aus der Studie: Fr die Gefhrdung der Bevlkerung durch Asbestzement ergeben sich keinerlei Anhalts punkte. Neuberger stellt die Hypothese auf, da Asbest (in diesem Lande) nicht der einzige Risikofaktor fr das Mesotheliom sein kann. Die sterreichischen Wissenschafter stehen mit ihren Befunden nicht allein. Bekanntlich hat das deutsche Gesundheitsbundesamt das AsbestRisiko fr die Allgemeinbevlkerung mit dem Rauchen von zwei Zigaret ten pro Jahr verglichen. In diesem Risiko sind natrlich nicht nur Fasern aus Asbestzement, sondern auch aus Bremsen, Isolationen usw. enthalten. In Niederurnen habe ich meine Gesprchspartner jeweils auch auf ihre Einschtzung der Abwitterungsgefahr angesprochen, erntete dabei aber nur Kopfschtteln. Hansfred Steinmann, ehemaliger Gemeindepr sident, braust auf: Dummes Zeugt Hier ist die Luft, das haben Messun gen gezeigt, weniger mit Asbestfasern belastet als in Davos. Beim Abwit tern handelt es sich zudem um groe Fasern und kaum um Feinstaub. Sicher keine Expertenmeinung, aber ein klares Wort aus dem Volk, das sich ungefhr mit dem deckt, was ich sonst im Dorf zu hren bekam. b) Abbruch und Beseitigung v Viele Quadratkilometer Eternit sind in der Schweiz verlegt worden; in der Bundesrepublik schtzt man die Flche auf 1500 Quadratkilometer; in andern Industrielndern sind die Grenordnungen hnlich riesig. Auch nach 1990, wenn das NT-Programm voll durchgezogen ist, bleibt ein Groteil dieser Quantitten bestehen und wird nach und nach durch Ab bruch verschwinden. Was Selikoff in erster Linie als ein Problem fr die betroffenen Arbeiter bezeichnet und linksgerichtete Kritiker der EternitIndustrie zur fundamentalen Bedrohung der Volksgesundheit emporstili sierten, war in letzter Zeit Gegenstand mehrerer Untersuchungen in der Schweiz und im Ausland. Der Verein Deutscher Ingenieure hat sich in seinem detaillierten Forschungsbericht ber Faserige Stube aus dem Jahr 1982 mit dem Problem des Abbruchs von Asbestzement befat und 205 dabei am Arbeiter Konzentrationen von bis zu 0,75 Fasern pro Kubik zentimeter gemessen, was unter dem MAK-Wert von 1 liegt. Bereits im Abstand von fnfzig Metern sank der Fasergehalt auf 530 pro Kubikme ter, ein Wert, der dem Gehalt sogenannt unbelasteter Luft nahe kommt. Die Verfasser folgern: Der Abbruch ist deshalb sicherlich ein Arbeits schutz-Problem, aber fr die Umwelt ist die Auswirkung geringer als er wartet (3). Die uerst grndlich forschenden Fachleute fanden im bri gen bei abwitternden Gebuden, da nur 5% aiier an die Umwelt abgege benen Fasern die lungengngigen Dimensionen aufweisen. In Westeu ropa treten jetzt strenge Vorschriften betreffend Beseitigung und Deponie von asbesthaltigen Abfllen in Kraft, die zum Teil in der Industrie schon seit Jahren praktiziert werden. Auch das Bundesamt fr Umweltschutz in Bern ist aktiv geworden und hat im Frhjahr 1985 strenge Vorschriften er lassen. Eine von der Schweizer Eternit in Zusammenarbeit mit der SUVA gemachte Untersuchung beim Abbruch zweier Gebude kam zu hnlich tiefen Faserwerten wie der deutsche Forschungsbericht (4). Viel Lrm um nichts, mchte man angesichts solcher Befunde sagen. So einfach lt sich das Problem nicht erledigen! Wegen des explosiv ge stiegenen Asbestverbrauchs der letzten Jahrzehnte stieg der Faserpegel in der Luft; der durchschnittliche amerikanische Stadtbewohner mu heute mit einer Menge von 5000 lungengngigen Fasern pro Kubikmeter leben, whrend man im Farmland mit lediglich 25 Fasern rechnet. Die ver gleichsweise hohen Konzentrationen stammen in den USA bestimmt nicht vom Asbestzement, den gibt es dort im Hochbau kaum, sondern von den Autos und vom Spritzasbest. Auch in Europa sind die Konzentratio nen whrend der Nachkriegszeit angestiegen. Mit mebaren Folgen fr den Menschen. Der grte Anteil der Bevlkerung drfte bis vor zwan zig Jahren keine oder nur sehr wenige Asbestfasern in der Lunge depo niert haben, heit es im VDI-Bericht, nach der groen Verbreitung von Asbestprodukten in den letzten Jahrzehnten, ist ein Fasergehalt in der Lunge die Regel (5) Kein schner Gedanke, in seiner Lunge Asbestfa sern zu wissen, wo doch ein unterer Schwellenwert fr das Auslsen der Krebse nicht bekannt ist! Auch der VDI-Report will nicht darauf verzichten, eine Schtzung der durch die Umweltverschmutzung durch Asbest verursachten Krebsto ten zu publizieren. Verglichen mit den Mutmaungen anderer, fllt die Zahl jedoch niedrig aus: Absolut gesehen, ist bei der Population der Bundesrepublik ber eine Grenordnung von 100 Fllen pro Jahr zu dis- 706 Asbestzement-Abflle t> kurieren. Unter diesen Opfern wren vor allem solche, die bereits bei niedrigen Asbestkonzentrationen mit einer Tumorbildung reagieren. Auf die Schweiz umgerechnet mte man, bei allen Vorbehalten, gem der VDI-Schtzung folglich mit jhrlich etwa 10 Opfern von Asbestkrebs in der Bevlkerung rechnen. Es mag sein, da die Asbestfasern in der Luft nur einen geringen Einflu auf meine Gesundheit naben, sagt eine junge Frau mit ihrem Tchterchen an der Hand, aber das ist ein Schadstoff, den wir nicht auch noch einatmen wollen! Damit trifft sie den Nagel auf den Kopf: wo immer Reduktionen der vielfltigen Belastung unserer Atemluft mg lich sind, mssen sie verwirklicht werden. Im hnlichen Sinn uern sich viele Fachleute, deren Interesse sich ber die direkt exponierten Arbeiter hinaus immer mehr der Allgemeinbevlkerung zuwendet. Am Weltkon gre in Montreal sagte Manfred Neuberger, der Verfasser einer der vor her zitierten sterreichischen Studien: Wir fanden bis jetzt keine Anzei chen von erhhten Krebsrisiken durch Asbest in der Atmosphre. Aber wir drfen nicht warten, bis solche Zusammenhnge in epidemiologi schen Studien auftreten. Die Faser-Verschmutzung unserer Biosphre mu so stark wie mglich reduziert werden, um eine Akkumulation zu verhindern (6). c) Das Damoklesschwert der Produktehaftung Die Manville Corporation ist durch Abertausende von Prozessen an den Rand des Bankrotts getrieben worden, weil die amerikanische Recht sprechung die Haftung des Herstellers fr sein Produkt kennt. In Europa sind solche Ausmarchungen selten. Geschichte gemacht hat der Conter gan-Proze, in dem es der zustndigen deutschen Strafkammer jedoch nicht gelang, die Kausalittskette zwischen dem von Schwangeren einge nommenen Medikament und der Mibildung der Kinder beweiskrftig zu schlieen. Contergan schdigte 2500 Kinder im Mutterleib. Nach der Ein stellung des Verfahrens Ende 1970 erklrte sich die angeklagte ChemieFirma bereit, die Opfer zu entschdigen; zu einem Schuldbekenntnis war sie jedoch nicht bereit. Im Schnitt richtete das Unternehmen 150 000 Mark pro Fall aus; total 375 Millionen! In Europa werden Forderungen gegen Hersteller von Produkten, wie sie in den USA alltglich sind, wohl in naher Zukunft noch nicht an der Tagesordung sein; die Tendenz der europischen Rechtsprechung luft jedoch eindeutig in Richtung des Ver- 208 ursacherprinzips, welches auch die Produktehaftung einschliet. Ein EGRichtlinien-Entwurf aus dem Jahr 1979, der seither im Verbraucherrat des EG-Ministerrates immer wieder diskutiert, jedoch bis heute noch nicht rechtskrftig geworden ist, postuliert: Nach der Generalklausel des Art. 1 der EG-Richtlinien haftet der Hersteller einer beweglichen Sache fr den durch diese verursachten Schaden, und zwar ohne Rcksicht darauf, ob - er den Fehler kannte oder kennen mute; - die Sache in ein Bauwerk eingebaut ist oder - die Sache im Zeitpunkt ihres Vertriebes nach dem Stand von Wis senschaft und Technik als fehlerfrei angesehen werden konnte (7). Die Ratifizierung dieser Richtlinien ist, so meinen kompetente Beob achter, nur noch eine Frage der Zeit. Ein brisanter Text, der nicht nur den Asbestzement-Produzenten schwer auf dem Magen liegt! Der Alptraum der Eternit-Hesteller: einem an Mesotheliom erkrank ten Verbraucher gelingt es, sein Leiden auf die Verwendung von Asbest zement-Produkten zurckzufhren. Die Folge wre vermutlich eine Pro zewelle unabsehbaren Ausmaes, ausgelst durch andere, die sich durch Eternit gesundheitlich geschdigt fhlen. Das Produkt ist zwar im Zeit punkt des Vertriebs nach dem damaligen Stand von Wissenschaft und Technik als fehlerfrei angesehen worden, das wrde dem Produzenten al lerdings, gem den kommenden EG-Richtlinien, keine Entlastung brin gen. Stellt sich ein Produkt (Beispiel Contergan) nachtglich als schdlich heraus, so mu er fr die Schden geradestehen. Die Vorstellung einer unkalkulierbaren Prozeflut trieb Stephan Schmidheiny beim Losbrechen der Umwelt-Diskussion den Schwei auf die Stirne. Nach zhen Verhandlungen mit Lloyds in London gelang es der Schweizer Eternit-Gruppe Mitte 1985 eine provisorische Deckungszu sage fr die internationale Produktehaftung zu bekommen. Der Vertrag war bei Redaktionsschlu dieses Reports zwar noch nicht unterschrieben, sollte jedoch in naher Zukunft unter Dach und Fach gebracht werden. Lloyds schtzt offensichtlich die Asbestzement-Risiken als kalkulierbar ein, verrechnet allerdings eine Prmie, die etwa doppelt so hoch wie im Durchschnitt liegt. Trotz allem: fr die Eternit-Industrie bedeutet dieser Vertrag einen Erfolg und verstndlicherweise eine groe Erleichterung, denn alles, was mit Asbest zu tun hat, ist heute im Bereich Produktehaf tung kaum mehr zu versichern. Grund: Die Versicherungs-Pools erlitten durch das amerikanische Spritzasbest-Debakel hohe Verluste, die sich 209 noch multiplizieren knnen; sie wollen sich an der Faser mit dem raben schwarzen Image die Finger mglichst nicht mehr verbrennen. Wenn sie berhaupt noch Produktehaftung im Asbestbereich bernehmen, dann nur zu drastisch erhhten Prmien. In einer Zeit, wo die beiden grten Schweizer Chemiemultis fr ihre globale Produktehaftung ihren Versiche rungen jhrliche Rechnungen zwischen 300 und 400 Millionen Franken (!) bezahlen, gewinnt der neue Trend rasch an Bedeutung. Die Folgen sind fr die Industrie einschneidend und auch fr den Verbraucher nicht nur von Vorteil, werden doch die Versicherungsprmien und damit die Verbraucherpreise unweigerlich steigen. 210 22. Stephan Schmidheiny: Global denken, lokal handeln a) Die Schweiz als Ursprung und Modell Fderalismus in Staat und Wirtschaft hat Stephan Schmidheiny ein Referat betitelt, das er im Frhjahr 1984 vor Wirtschaftsvertretem in Wien hielt. Der Vortrag erhellt seine Managmenent-Philosophie, die in dieser Form nur auf Schweizer Boden wachsen konnte. Mit Fderalismus bezeichnen wir nicht eine absolute Ordnung, son dern vielmehr eine relative, eine Tendenz, sagt Schmidheiny im ersten Teil seiner Ausfhrungen; der Fderalismus lt sich als Ordnungsprin zip definieren, das genauso auf wirtschaftliche Organisationen anwend bar ist wie auf staatliche, gewerkschaftliche, kirchliche und viele andere. Der Fderalismus ist hauptschlich ein dynamischer Begriff, dessen we sentlicher Inhalt eine dauernde Weiterentwicklung der durch ihn geprg ten Ordnung ist; die zentrale Idee ist verbunden mit dem Ideal der indivi duellen Freiheit. Durch Aufteilung, Beschrnkung und gegenseitige Kon trolle von Machtbefugnissen und ihrer Ausbung wird letztlich dem Ein zelnen als Mitglied einer Teilgruppe des Gesamtkollektivs die Mglich keit zur Entfaltung seiner Persnlichkeit un<i der Schutz vor bertriebener oder mibruchlicher Machtausbung geboten. (. . . ) Die <Confoederatio Helveticas wie der lateinische Ausdruck fr unseren aus 26 Kantonen zu sammengesetzten Staat heit, ist in unserm heutigen Empfinden etwas or ganisch Gewachsenes. Unser Staat ist mehr das Resultat evolutionrer jahrhundertelanger Entwicklung als die Frucht eines historischen Augen blicks, obwohl es deren viele auch in der Schweizer Geschichte gegeben hat. Diese organische, evolutionre Entwicklung mute vor allem eines vollbringen, was in mancher Hinsicht eine groartige Leistung darstellt: Es mute ein Zusammenschlu von ausgeprgt Unterschiedlichem so er folgen, da er dauerhaft in sich gefestigt wurde und da das Ganze mehr bedeutete als die Summe seiner Teile. Diese geschichtliche Leistung war und ist nach meiner berzeugung nur mit dem Ordnungsprinzip eines ausgeprgten Fderalismus zu erbringen, der als obersten Grundsatz das Primat des Teiles gegenber dem Ganzen festsetzt. 211 Konkret bedeutet dieser Grundsatz zum Beispiel, da Entschei dungskompetenzen der kleinsten sinnvoll zustndigen Einheit delegiert werden. Daraus entwickelte sich in unserm Land der Begriff der Gemeindeautonornie gegenber den Kantonen. Weiter gilt, da eine Vereinheitli chung von Unterschieden im Staat nicht erforderlich, ja oft nicht er wnscht ist, sondern nur dort erfolgt, wo sie im Interesse des Ganzen un abdingbar erscheint. Es ist offensichtlich, da mit diesem Grundsatz auch die dem System innewohnenden Nachteile akzeptiert 'werden mssen. STS beschrnkt sich bei seiner kurzen Darstellung des schweizeri schen Fderalismus auf das, was ihm im Zusammenhang m ifdem Thema seines Referats bedeutungsvoll erscheint: Zunchst scheint mir wesent lich, da das dezentrale Ordnungsprinzip zu einer eher schwerflligen, langwierigen Entscheidungsfindung auf der Ebene des Gesamtstaates fhrt, da gleichzeitig aber ein hohes Ma an Effizienz und Praxisnhe auf dezentraler Ebene erreicht wird. Die dezentrale Kompetenz gibt die Mglichkeit der direkten Einflunahme bei Abstimmungen und bildet dadurch - nicht zuletzt in der damit regelmig verbundenen ffentlichen Auseinandersetzung - ein wirksames Gegengewicht gegen jede Art zen traler Machtakkumulation. Insgesamt betrachtet fhrt diese Staatsorgani sation wohl zu einem eher konservativen, bewahrenden Staatsverhalten. Ein breitgefchertes Gleichgewicht der Krfte hilft, Machtakkumulation und Machtmibrauch zu verhindern. Stephan Schmidheiny geht in seiner Analyse, die hier gerafft wieder gegeben ist, nicht-auf die teilweise sehr niedrige Stimmbeteiligung bei unsern Plebisziten ein, die auf Staatsverdrossenheit oder zumindest Gleich gltigkeit gegenber den Belangen von Gemeinde, Kanton und Gesamt staat schlieen lassen. Er erwhnt auch die fast unlsbar scheinenden Konflikte nicht, denen die Confoederatio Helvetica trotz der weit ent wickelten Mitbestimmungsmglichkeiten des Volkes ausgesetzt ist. Zum Beispiel, wenn es um den Bau weiterer Atomkraftwerke geht oder um die Suche nach Lagerpltzen fr radioaktive Abflle. Die direkte Demokratie hat sich zudem als wenig tauglich zur Eindmmung und Kontrolle wirt schaftlicher Machtballungen erwiesen. Nach den einleitenden Ausfhrungen, die Schmidheinys Verwurze lung in der auf Fderalismus gegrndeten eidgenssischen Staatsphiloso phie belegen, geht er der Frage nach, wie weit fderalistisches Gedanken gut in der Struktur, in Organisation und Fhrung von privatwirtschaftli chen Unternehmen sinnvoll sei. 212 b) Fderalistische Elemente in der Struktur und der Fhrung kom plexer Unternehmensgruppen Es ist eine verbreitete Erfahrung und Erkenntnis, da die Steuerung von groen Unternehmensgruppen, die in vielen Lndern, in verschiede nen Mrkten mit unterschiedlichen Produkten, Technologien und Roh stoffen ttig sind, fr die zentralen und dezentralen Funktionen Probleme bietet, die in ihrer Komplexitt nicht durchwegs berschaubar sind und fr deren Lsung keine optimalen, allgemeingltigen Regeln formuliert werden knnen, beginnt er seine Ausfhurngen ber die Struktur und die Fhrung komplexer Unternehmensgruppen. Zur Bewltigung dieser Aufgaben haben in den vergangenen Jahrzehnten Management-Schulen ber weite Bereiche Analogien zu militrischen Organisationsformen konzipiert in streng hierarchisch gegliederten Informations-, Entscheidungs- und Befehlsebenen, die in der letzten Verdichtung zu einer absolu ten Machtbefugnis zusammenfgt werden. Solche Konzepte knnen sich offenkundig in groen, homogenen Mrkten, wie etwa dem amerikanischen, erfolgreich bewhren. Ebenso offenkundig und in alltglicher Praxiserfahrung immer wieder besttigt, stoen aber zentral-hierarchisch gesteuerte Konglomerate an schwer berwindbare Grenzen, wenn es darum geht, in einzelnen Teilbereichen gegen kleine, unabhngig operierende Konkurrenten rasch und flexibel zu reagieren. ( . . . ) Die Aufteilung in Divisionen sowie die Delegation von Verantwortung und Kompetenzen an dezentrale ergebnisverantwortliche Einheiten sind dann notwendige Schritte in Richtung einer fderalisti schen Struktur, die der Eigenart des Teiles ein gewisses Ma an Schutz und Freiheit vor der Einheit des Ganzen bittet. Entsprechend steigen Ef fizienz, Motivation und Innovationskraft der dezentralen Einheiten, auch wenn ihnen nach wie vor im bergeordneten Gesamtinteresse Ziele vorge geben und Grenzen gesetzt sind. Schmidheiny bertrgt hier schweizerische politische Axiome auf wirtschaftliche Strukturen. Er bringt zustzlich einen weiteren interessan ten Gedanken ins Spiel: Nach meiner berzeugung kann aber der glei che Gedankengang noch konsequent weitergefhrt werden in Richtung eines organisch wachsenden Fderalismus mit dem Ergebnis verbesserter Gesamteffizienz. Erste Voraussetzung dafr ist die Gliederung des Ge samtunternehmens ber mehrere Stufen in weitgehend autonome Einhei ten. Dabei darf nicht nach einem Funktionsteilungs-Prinzip verfahren werden. Vorbild ist vielmehr das Prinzip der Z e llte ilu n g , aus der iebensf- 213 hige Teileinheiten hervorgehen. Die Teileinheiten mssen verantwortlich sein fr die Zielorientierung in ihrem unmittelbaren Wirkungsfeld, fr ihre Leistungen und Resultate sowie den Beitrag zum greren Ganzen. Damit entsteht ein polyzentrisches Gebilde, dessen Gesamtsteuerung sich im wesentlichen beschrnkt auf ein gewissermaen katalytisches Ingang halten eines im Kern sich selbst organisierenden Entwicklungsprozesses. In diesem fortdauernden Proze knnen die Teile und das Ganze in einer aktiven Interdependenz, in der auch Meinungsdifferenzen und Interessen-Gegenstze zu verarbeiten sind, jeweils einen aktiven Beitrag zur Ent scheidungsfindung und Steuerung in bezug auf den Teil und das Ganze erbringen. Nun setzt allerdings auch die organische Betrachtungsweise eine bergeordnete Gesamtleitung des Ganzen voraus, die von einer einheitli chen Instanz zu gewhrleisten ist. Es geht dabei um die Bestimmung von weitgefaten Zielrumen und um die notwendige Erhaltung und Weiter entwicklung der Strukturen und ihres Zusammenwirkens sowie um die Auswahl und Frderung der Personen, welche die dezentralen Einheiten unter berzeugter Ausrichtung auf das bergeordnete Gesamtinteresse zu fhren haben. STS legt trotz seines Bekenntnisses zu fderalistischen Strukturen (Zentralisierung nur wo ntig, im Zweifel nicht) Wert auf die unit de doctrine, unter welcher die Konsensbildung in komplex strukturierten Unternehmen abluft: Der Grundkonsens ist deshalb so wesentlich, ja unabdingbar, weil er wichtige Teilfunktionen zu erfllen hat, die in zen tralgesteuerten Konzernen durch die hierarchische Befehlsgewalt wahrge nommen werden. Man hrt bei diesen Ausfhrungen Vater Max Schmidheiny reden, der von den Leuten, die zu uns passen spricht, Fhrungskrfte und un tere Chargen, die man sorgfltig ausliest, denen man Vertrauen schenkt und mit denen man spter nicht bei jeder Gelegenheit ber den Grund konsens im LTnternehmen debattieren mu. Der Vater hat, was sein Sohn brilliant formuliert, nie in Referaten, Zeitungsartikeln oder Positionspa pieren festgelegt. Fast intuitiv schien diesem berzeugten Schweizer das fderalistische Konzept als das fr seine rasch wachsende WirtschaftsGruppe am besten geeignete. Bei allen Gegenstzen in der Asbest-Frage wurzeln hier Vater und Sohn in der gleichen Philosophie. Schwarzer Mitarbeiter in der Eternit- > 214 fabrik bei Johannesburg in Sdafrika c) Zurckhaltende Nutzung der Eigentumsrechte Stephan Schmidheiny schneidet ein heikles Thema an, wenn er sagt: Die zentrale Befehlsgewalt, die letztlich aus Verfgungsrechten des Ei gentums abgeleitet wird, darf im fderalistischen Verband keine domi nante Ordnungsfunktion darstellen, da die organische Konsensbildung sonst nicht frei und kreativ genug erfolgen knnte. Das Befehlsprinzip bildet im eigentlichen Sinne die Ultima ratio; dieses letzte Mittel wird nur nach Erschpfung der Konsensmechanismen eingesetzt. Hauptschlich in Fllen akuter Bedrohung sowie uerer und innerer Krisen. Aus diesem fundamentalen Grundsatz lt sich folgern, da eine groe Kunst der Ge samtleitung des fderalistischen Wirtschaftsgebildes darin besteht, von der Verfgungsgewalt des Eigentums im Normalfall nur sehr zurckhal tend Gebrauch zu machen, ohne aber die Mglichkeit des Einsatzes der Befehlsgewalt als Ultima ratio im Bedrohungsfall preiszugeben. Diese an spruchsvolle Position zu finden und konsequent zu halten, erfordert per snliche und fachliche Autoritt. Die Eternit-Gruppe, das Herzstck des Erbes, basierte auf dem stig matisierten Asbest. Der Wandel entwickelte sich zur Zerreiprobe fr seine Management-Philosophie, aber auch zur Bewhrungsprobe. Nach dem Antritt seines Erbes zeigten sich die Schwchen des Systems: Der Nachfolger konnte den starken Gegenkrften, verkrpert durch loyale Manager der alten Generation, zuerst wenig entgegenstellen. Er mute sich im dezentralisierten Gebilde Prestige, persnliche und fachliche Au toritt (welche in unserm System die weitgehend fehlende hierarchische Statusautoritt zu ersetzen hat) erst erwerben. Seinen NT-Kurs, fr den er sich frh entschied, konnte er erst mit Verzgerung - und nachdem die Entwicklung in Deutschland den Proze beschleunigte - international durchsetzen. berzeugungskraft, Motivation der Verantwortlichen und der Belegschaften und - wo das nichts half - Auswechseln eines Teils der Kaderleute setzten das durch, was in einem Konzern ein Machtwort von der Spitze bewirkt. Das dezentralisiert entwickelte NT-Programm, das vom Konsens der Gruppe getragen und zentral koordiniert wird, entspricht vollstndig sei ner Management-Philosophie. Aus dem Wissen um die Richtigkeit des Konzepts und aus einer Art Sendungsbewutsein, das bekanntlich schon seine Vorfahren auszeichnete, gewinnt er das Vertrauen in die Durch schlagskraft der Neuen Technologie. 216 Wenn ich gute Ideen zu verwirklichen suche, dann schpfe ich An regungen kaum aus dem Schulwissen und auch nicht aus ManagementLehrbchern, sagte Schmidheiny anllich eines unserer Gesprche. In spirationen holt er sich aus der Geschichte, dabei interessieren ihn nicht einzelne Episoden, sondern ganze Zeitrume. Beim Studium vergangener Epochen stt er auf allgemeingltige Analogien. Beeindruckt studierte STS zum Beispiel das Eroberungskonzept des Makedonierknigs Alexan der des Groen (356-323 v. Chr.), welcher in den bis nach Indien reichen den, eroberten Gebieten einheimische Satrapen einsetzte, seine Herr schaft also in die lokalen Gegebenheiten einpate. Alexanders Ziel war nicht die Unterjochung der Vlkerstmme in seinem imponierenden Groreich, sondern ethnische Vermischung. Alexanders visionres Staats gebilde berdauerte den Grnder nicht; das Imperium fiel nach seinem frhen Tode auseinander: Die Generale des Eroberers, die Diadochen, nutzten ihre Position und die Gunst der Stunde und grndeten die soge nannten Diadochenreiche. Der Schmidheiny-Clan hatte, um im Bild zu bleiben, eine glckli chere Hand mit seinen Satrapen (STS wrde diesen Ausdruck fr seine Kaderleute freilich entschieden zurckweisen, weil der Begriff heute nach Befehlsempfnger tnt, und das sollen seine Vertrauensleute nur in Ausnahmefllen sein); seit vier Generationen wchst das Wirtschafts reich, dessen Ursprung auf dem lehmigen ckern vor Heerbrugg liegt. d) Dynastie mit festgelegten Erbschafts-Gesetzen A uf das Phnomen der immer wieder geglckten Nachfolge geht Ste phan Schmidheiny im Schluteil seiner Ausfhrungen ein. Den interes sierten Vertretern der sterreichischen Wirtschaftsprominenz erlutert er die Erb-Riten seines Clans: Wesentliche Teile dieser weitverzweigten, internationalen Geschfte befinden sich auch heute noch im privaten Ei gentum von Vertretern der Familie aus verschiedenen Stmmen, von de nen auch in meiner Generation noch mehrere in aktiver Geschftsfh rung ttig sind. Diese Konstanz und Erhaltungskraft, die in unserer Zeit, wo die Aussteiger Triumphe feiern, fast etwas anachronistisch anmuten mag, ist sicher auf eine Reihe von Phnomen zurckzufhren. Das wich tigste unter ihnen, in meiner Beurteilung, ist die Anwendung konsequen ten fderalistischen Denkens in der Entwicklung und Vererbung der un ternehmerischen Interessen. 217 Dazu gehrt zunchst, da in jeder Generation das Erbe unter die Nachkommen so aufgeteilt wird, da das unternehmerische Werk in sei nen einzelnen Teilen erhalten bleibt und da Eigentum und Unterneh merverantwortung nach Mglichkeit in ein und derselben Hand liegen. Es wird also vermieden, da die unternehmerischen Interessen gesamt haft in einer Familienholding zusammengefat bleiben, an der aktive und passive Teilhaber gleichermaen beteiligt wren. Im Klartext: die Haupterbmasse wird bei den Schmidheinys seit Generationen an jene ver teilt, die aktiv im Management der Unternehmungen arbeiten. Fr alle andern fllt vergleichsweise wenig ab (am Hungertuch nagen sie trotzdem nicht). Der Herausgeber des Buches Asbest und Profit hat die Industriel lenfamilien mit mittelalterlichen Feudalherren verglichen; im Gesprch mit einein Everite-Manager in Sdafrika ist die Bezeichnung Schweizer Edelstand gefallen. Wie immer man das Phnomen dieser Dynastie umschreiben will, auffallend ist jedenfalls die fast zwanghafte Tendenz der Familienmitglieder zum Low Profile, zu einem Lebensstil, der man chen auslndischen Groindustriellen schlicht unbegreiflich ist. Die Mit glieder dieser Familie, die nicht nur wegen des wirtschaftlichen Gewich tes zu den bedeutendsten des Landes zhlt, erscheinen kaum je in der f fentlichkeit. Stephan hat einmal einem Reporter anvertraut, da ihn das Getue der Zrcher Schickeria frchterlich langweile; der Name Schmidheiny taucht nie in Klatschspalten auf und erscheint relativ selten auf den Wirtschaftsseiten. Ausnahmen sind rar; krzlich machte der Besitzer der Eternit-Gruppe Schlagzeilen, weil er der maroden Schweizer Uhrenindu strie eine Finanzspritze in Millionenhhe gewhrte. Normalerweise ist von den Unternehmen der Familienmitglieder die Rede, die Besitzer wer den selten erwhnt. Damit er und seine Begleitung vllig inkognito bleiben knnen, kommt es durchaus vor, da STS einen Tisch im Restaurant unter dem Namen Schmid reservieren lt. Einer seiner Mitarbeiter erzhlt, wie er mit dem Bo vor einigen Jahren auf Geschftsreise nach Sdamerika flog. Gem seiner hierarchischen Stellung htte sich Stephan Schmidheiny natrlich in den First-Class-Sesseln der Swissair rkeln knnen, er flog aber mit seinem Untergebenen Economy (die Business-Class, die man heute wohl whlen wrde, gab es damals noch nicht). Das Herunter stufen der oberen Chargen beim gemeinsamen Geschftsflug gehrt zur Firmenpolitik; selbstverstndlich hlt sich auch Schmidheiny daran. 218 Konsequent schottet die junge Generation ihre Familien vor der Presse ab. Wie die Gemahlinnen der Tycoons aussehen, ist der ffentlich keit kaum bekannt, ob sie Kinder haben und wieviele, ist nicht publik. Die Todesanzeige fr Ernst Schmidheiny, der krzlich im hohen Alter starb, erschien erst nach der Bestattung im engsten Familienkreis. Dabei war auch er eine herausragende Persnlichkeit des Schweizer Wirtschafts lebens. Vieles im Lebens- und Arbeitsstil der Familie Schmidheiny geht auf den bodenstndigen St. Galler Rheintaler Volksschlag zurck, wo Sein mehr zhlt als Schein. Der Industriellen-Clan verkrpert freilich auch ein Stck Schweizer Lebens-Philosophie. In Zrich fahren Bankiers mit den ffentlichen Verkehrsmittel zur Arbeit, in Bern ist es keine Sensa tion, wenn der Bundesprsident im Tram zwischen Arbeitern und Haus frauen ins Palais Fdral fhrt. Eine wirtschaftlich und politisch so ein flureiche Familie wie die Schmidheinys kann es sich in unserm Land gar nicht erlauben, mit ihren Millionen zu protzen. Eine Staffel funkelnder Luxus-Limousinen mit goldbetreten Chauffeuren wre in Heerbrugg oder vor den andern Familiensitzen ebenso daneben wie berbordende Schickeria-Parties unter dem Blitzgewitter der Regenbogenpresse. Der Schweizer duldet bei seinem Edelstand keine ausschweifenden Eskapar den; an dieses ungeschriebene Gesetz halten sich alle, die wirklich dazu gehren. Die Familie ist wirtschaftlich in dem engagiert, was ManagementLehrbcher mit dem Etikett Hard working culture bezeichnen. Anders als zum Beispiel im Show-Business, wo mit einem einzigen Hit riesige Summen verdient werden knnen, ist die Baustoffindustrie ein Wirt schaftsbereich, wo es der langfristigen, ausdauernden Zusammenarbeit vieler bedarf, um den Geschftserfolg zu sithern. Das prgt die Besitzer und ist auch magebend fr die Auswahl der Spitzenleute. STS ist mit seiner Fhigkeit zu philosophischen Reflexionen, seiner hohen Sensibilitt und der Begabung, seine Mitarbeiter fr scheinbar Un mgliches zu motivieren, nicht unbedingt der Prototyp dieser eher boden stndigen, erdhaften Wirtschaftskultur. Was seinen Einsatz betrifft, ge hrt er jedoch zweifellos der hart arbeitenden Kultur an. Das low profile gilt auch fr die wohlttigen Aktivitten der Fami lie, die seit der Grnderzeit Tradition haben. Stephan Schmidheiny sieht den Sinn seiner Unternehmerlebens nicht ausschlielich darin, schne Bi lanzen zu erwirtschaften. Diese Erfolgsrechnungen sollen ein Ziel fr et was Weitergehendes sein. So hat er in Panama einen mit 3 Millionen Franken dotierten Fonds gegrndet, mit dessen Hilfe man Kleinbetrieben 219 gnstige Kredite vermitteln wird. Der protestantische Wohltter hat als Garant fr die saubere Abwicklung keinen geringeren als den Erzbischof von Panama, Monsignore Marcos G. McGrath, gewonnen. Panama hat er ausgewhlt, weil er in diesem Land keine wirtschaftlichen Interessen hat und weil dort das konomische Geflle zwischen der prosperierenden Kanalzone und dem bettelarmen Hinterland enorm ist. Damit will er sei nem Leben einen weiteren Sinn geben: Was ich hier mache, ist Beruf und Hobby zugleich, meint der Mann, der sowenig von ProminentenRegatten vor Monte Carlo hlt wie von Golfturnieren unter Millionren. Viel lieber radelt er in seiner Freizeit unerkannt am Zrichsee oder wan dert mit seiner Familie in den nahen Hgelzgen der Voralpen. Obwohl STS mit ungezhlten Menschen geschftlich zu tun hat und viele in seinem Bannkreis durch seine Persnlichkeit fasziniert und moti viert, ist er im Grunde ein einsamer Mann, der seinen ganzen privaten Halt in der Familie Findet. Ein Mitarbeiter sagte einmal nebenbei: Sein Problem ist es, da er als reichster Schweizer auch der beste und geliebteste Schweizer sein mchte. Die ffentlichkeit hat notgedrungen nur eine verschwommene Vor stellung von ihm. Entsprechend weit auseinander klaffen die Vorstellun gen, die von Superkapitalist bis Philantrop reichen. STS und die Schweiz knnten davon profitieren, wenn er fters aus seinem Inkognito hervortreten wrde; der innovative Industrielle kann unserer Gesellschaft wichtige Impulse geben. Wer wirtschaftlich ein solches Potential verkrpert und dennoch so unbekannt bleibt, leistet der Mythenbildung Vorschub: und die Familie Schmidheiny ist ein Mythos. STS sieht sich weniger als Besitzer, denn als Sachwalter seines Eigen tums. Persnlich immer reicher zu werden, kann ja nicht der Sinn mei nes Einsatzes sein, erklrt er. Ihm geht es darum ein guter Unterneh mer zu sein, was mit an erster Stelle impliziert, da er seine Produkte markt- und zukunftsgerecht gestaltet. Mit einem Angebot von gestern setzt der Manager Arbeitspltze und die berlebens-Chancen der Unter nehmen aufs Spiel. Die Schweizer Uhrenindustrie ist dafr ein Paradebei spiel. Asbestzement, auf dem das Herzstck seines Erbes gegrndet war, ist fr STS nicht mehr zukunftsgerecht. Die Krebsflle in seiner Heimatfa brik haben ihn aufgerttelt und den Entscheid fr ihn unumgnglich ge macht. Der Begriff Asbest erzeugt zudem in der ffentlichkeit diffuse 220 Abwehrreaktionen, ein psychologisches Phnomen, das nicht allein auf reale Gefahr fr die Allgemeinbevlkerung gegrndet ist. Die Neue Technologie, dezentral, fderalistisch, auf der Roh stoffbasis der jeweiligen Lnder entwickelt, auf die Anforderungen und Bedrfnisse der einzelnen Mrkte zugeschnitten, ist zukunftsgerecht. Die Produkte mssen freilich auch den Langzeittest im praktischen Gebrauch bestehen. Dies ist das Risiko jeglicher Innovation. 221 23. Scharf beobachteter Stephan Schmidheiny: Das Echo auf die Neue Technologie Seiikoff hat ein Feuer angezndet, das sehr schwer zu kontrollieren ist; er baute ein Hiroshima-Szenario auf, an das er heute selbst nicht mehr glaubt. Stephan Schmidheiny lie sich von diesem Hiroshima-Sze nario beeindrucken, geriet in Panik und fhrt jetzt seine internationale Eternit-Gruppe in eine ungewisse Zukunft. Wer garantiert ihm denn, da seine Ersatzstoffe nur annhernd so gut sind wie Asbest? Wer garantiert ihm, da nicht nach einigen Jahren Gesundheitsrisiken, verursacht durch die Ersatzstoffe, manifest werden? Asbest ist vermutlich der am besten er forschte, industriell genutzte Stoff berhaupt. Bei einer Faser pro Kubik zentimeter besteht keine Gefahr mehr fr die Arbeiter; warum ersetzt er jetzt Asbest, wo doch seine Arbeitspltze in Europa und in den Entwick lungslndern saniert sind? Georges Dahmen, Generaldirektor des kanadischen Asbest-Informationszentrums in Montreal * Wenn man Schmidheinys enormen Einflu in Europa und in einer langen Reihe von Entwicklungslndern in Betracht zieht, dann mu man seinen Entscheid als richtungsweisend fr den ganzen (Asbestzement-)Industriezweig bezeichnen. Der Schweizer Entscheid wird sich als der fr die nchsten zehn Jahre verhngnisvollste Schlag gegen die Asbest-Liefe ranten heraussteilen. Dieser junge Mann ist sehr mchtig; das ist absolut phantastisch! Wenn es ihm wirklich gelingt, Ersatzfasern zu Finden, welche Asbest qua litativ vergleichbar im Zement ersetzen knnen, dann sind wir in greren Schwierigkeiten, als wir glauben. Gary Nash, Generaldirektor im Departementf r Energie, Mineralien und Ressourcen der kanadischen Regierung * Mein Name ist John Davis, Edinburgh. Ich mchte ( . . . ) nur das sa gen: Ich denke, es wre Wahnsinn (madness), Asbest mit Ersatzstoffen zu ersetzen, welche nicht die striktesten biologischen Tests durchlaufen ha- 222 ben. Es ist durchaus mglich, da in Zukunft ein weiteres Minenfeld war tet. Dr. John Davis, Direktor des Instiuts f r Berufskrankheiten in Edinburgh am AsbestWeltkongre in Montreal (1) -* Turner and Newall hat nicht einen Ersatz fr Asbestzement entwikkelt, sondern eine Alternative ( . . . ) Es ist nicht Turner and Newalls Poli tik, mit der Produktion von Asbestzement aufzuhren. Allein der Markt mu entscheiden, was er fr Produkte will. D. S. Wilkinson, Marketing Manager des grten Britischen Asbest- und FaserzementHerstellers, Turner and Newall (2) * Mr. Schmidheiny hat also Millionen von Dollar fr Recherchen im Bereiche Alternativ-Materialien investiert. Was aber, wenn er die falschen Materialien whlt? Er hat die Pflicht, alle nur irgendwie erreichbaren In formationen beizubringen, um den richtigen Entscheid zu treffen. Um As best technisch zu ersetzen, mssen die Fasern klein sein, das gibt dem Material die groe Strke. Wenn sie Asbest zum Beispiel durch Glasfa sern ersetzen wollten, dann mten sie sehr dnne nehmen. Wenn die neuen Fasern von Herrn Schmidheiny gro sind im Vergleich mit Asbest fasern, dann kann ich nur sagen: Gut, das ist sinnvoll! Sehen Sie, es gibt sehr erfahrene Wissenschafter, und ich kann nur hoffen, da er sie kon sultiert hat. Was Mr. Schmidheiny jedenfalls macht: er investiert nicht nur ein paar Millionen Dollar, sondern legt den Ruf seiner Gesellschaft auf die Waagschale, setzt ihn mglicherweise aufs Spiel. Irving Selikoff * Wie wir das bis jetzt beurteilen knnen, sind die neuen Produkte gleich gut oder besser als die alten. Allerdings auch etwas teurer. Sie ha ben ein geringeres Gewicht, sind besser vorkonfektioniert und lassen sich leichter zuschneiden; die Auswahl an Farben ist jetzt grer. Der Substi tutionsproze geht ja relativ lange; wir sind berzeugt, da sie es schaf fen. Die Eternit kann es sich ja gar nicht leisten, ein schlechtes Produkt auf den Markt zu werfen. Willy Achermann, Zentralprsident des Schweizerischen Dachdeckerverbandes 223 Wir sind etwas bedchtiger als der Stephan - er ist ein guter Freund von uns wir haben nicht den gleichen Elan wie er. Ich habe den Herrn Bachmayer gebeten: Bitte Vorsicht, wir wollen uns keinerlei Pleiten lei sten! Die Langzeitbewhrung ist etwas, das uns wahnsinnig beschftigt. Fr eine Fassade ist es peinlich genug, wenn ein Fuball gengt, um sie zu zerbrseln. Dies alles kann man ja im Labor nicht ausreichend simulie ren. Wir wollen das Alte bewahren und trotzdem weiierforschen. Und wenn heute eine Faser kommt, die mindestens so gut ist wie Asbest und womglich noch billiger und besser, dann nehmen wir sie sofort. Was wir nicht wollen, da sie teurer und schlechter ist. Fritz Hatschek, Enkel des Erfinders des Asbestzements und Mitbesitzer der sterreichi schen Eternit r Der Herr Schmidheiny hat mehr als genug Ausweichmglichkeiten. Er kann es sich leisten, das NT-Experiment einzugehen. Wird es ein Fiasko, dann bleiben ihm noch gengend andere Geschftsbereiche, Bei uns ist Asbestzement das absolut Dominierende, wir knnen das nicht leichtfertig aufs Spiel setzen Fritz Bachmayer, Direktor der sterreichischen Eternit * Nehmen Sie die Asbestzement-Industrie. Sie hat ebenfalls sehr rasch entschieden. Die Politik erwartet von uns die Substitution der As bestfaser im Asbestzement. Deshalb diskutieren wir jetzt nicht mehr lange ber diese Vorgabe, sondern handeln danach, denn der Markt hat sich ge ndert. Es wre fr sie (die Asbestzement-Hersteller) ja auch nicht klug gewesen, in der Diskussion sozusagen das Produkt von morgen madig zu machen, wenn es sowieso kommt. Wenn ein Unternehmer sagt, das gefor derte Produkt sei nicht gut oder ginge schnell kaputt, so schadet er nur sich selbst. Schlielich mu er es in der Zukunft ja verkaufen. Heinrich Freiherr von Lersner, Prsident der Umweltbundesamtes in Berlin in einem Ge sprch mit der Zeit (3) * Es ist richtig und eine ganz normale Entwicklung, da man jetzt fr viele Produkte Ersatzfasern sucht. Das tut mir an und fr sich gar nicht weiter weh. Ich behaupte auch heute noch, da Asbest gar kein so groes Problem ist, sondern da es aufgebauscht wird. Der Stephan liegt sicher 224 richtig in der Taktik. Asbestzement ist weltweit in relativ wenigen Hnden und deshalb geht man erst recht auf uns los. Von den Autos redet man ja noch kaum, obwohl sie fast alle Asbest in den Bremsen haben. Das ist eben nicht populr. M ax Schmidheiny * D ie Brcken hinter den Technikern zu zerstren, ist der sicherste Weg, um sie zu zwingen, ein Problem zu lsen. Stephan hat das getan, als er sich ffentlich, mit einem bindenden Fahrplan, vom Asbest lossagte. Wenn er diese Politk einschlgt, sind wir eines Tages gezwungen, seiner Politik zu folgen. Wir haben jetzt eine Forschungsabteilung mit 65 Fach leuten; wir sind also auch tchtig am Ball mit der Ersatzstoff-Forschung. Aber wir sagen uns nicht mit ffentlichen Erklrungen vom Asbest los, sondern richten uns nach den Bedrfnissen der Mrkte. Mit Stephan haben wir ein sehr faires Abkommen, wir interferieren nie, wo wir die Minderheits-Beteiligung haben. Dort bestimmt er die Poli tik. Wo wir die Mehrheit haben, mischt er sich nicht hinein. Wie der Trend laufen wird? Das ist eine Glaskugel-Frage. Vielleicht werden wir durch die ffentliche Meinung gezwungen, der Bewegung zu folgen; selbst wenn wir der Ansicht sind, da es nicht ntig wre. So viele Leute wissen jetzt vom Entscheid der Schweizer Gruppe; ich denke, wir werden folgen mssen. Etienne van der Rest, Verv/altungsrats-Prsident der belgischen Eternit s. 225 24. Fazit Von der Asbest-Erfahrung zu lernen, heit vom strengsten Lehrmei ster lernen - von der menschlichen Tragdie. Es ist eine Tatsache, da die menschliche Gesellschaft nur zu oft diese Lektion bentigte, um zu ler nen. Beispiele fr diesen Lernproze sind die Katastrophe der Titanic und ihre Auswirkungen auf die Vorschriften auf dem Gebiet der RadioKommunikation auf See. Oder die Typhus-Epidemien, welche wichtige Konsequenzen in bezug auf den Konsum von Trinkwasser brachten. Ebenso wirkten sich die Schlagwetter-Katastrophen in den Minen auf die Sicherheit in der Bergbautechnik aus. Fast unwillkrlich denkt man in diesem Zusammenhang auch an Asbest, eine Erfahrung, die uns viele Lektionen ermglichte. Report o f The Royal Commission on Maliers o f Health and Safety Arisingfrom the Use o f Asbestos in Ontario, Band III, S. 817. Belle Epoque Ludwig Hatschek erfand den Asbestzement im Jahrzehnt der Belle Epoque und des Jugendstils, in der Endzeit der k. u. k. Monarchie, die mit dem Ersten Weltkrieg unterging. Als der sterreicher begann, sein Eternit-Patent in Europa zu verkaufen, war Marconi gerade die erste drahtlose Verbindung zwischen Grobritannien und Frankreich gelun gen, schaffte Orville Wright im amerikanischen Kitty Hawk den ersten Flug mit einem motorengetriebenen Flugzeug ber die Distanz von der Lnge eines halben Fuballfeldes. Eternit ist ein Pionier unter den mo dernen Baustoffen und heute das lteste Material aus einer Innovations zeit, die um die Jahrhundertwende einsetzte. Damals begann man damit, Verbund-Werkstoffe zu kreieren, welche die Bautechnik und die Archi tektur revolutionierten. Asbestzement eroberte wegen seiner hervorragen den Eigenschaften rasch einen wachsenden Anteil des Baustoff-Marktes auf allen Kontinenten; bereits 1910 gingen mindestens drei von vier Ton nen des gefrderten Asbests in die Eternit-Produktion. Im Laufe der Jahr zehnte, beschleunigt durch die Bau-Schbe nach den Weltkriegen, stieg der Verbrauch der Mineralfaser auf schwindelerregende Hhen. Die Ge- 226 sundheitsrisiken waren Insidern bereits kurz nach der Jahrhundertwende bekannt, fielen aber damals im Vergleich zum Nutzen berhaupt nicht ins Gewicht. Die lange Latenzzeit der Asbesterkrankungen verstellte zudem whrend Jahrzehnten den Blick der ffentlichkeit auf das krankma chende Potential der Fasern. Erst als Irving Selikoff die Folgen des un kontrollierten Umgangs mit Spritzasbest in den USA publik machte, kam der Proze in Gang, in dessen Sog schlielich auch Asbestzement geriet. Das Spritzasbest-Desaster sensibilisierte die ffentlichkeit fr das Pro blem der Berufskrankheiten, denen man frher - nicht nur in der Asbest industrie - kaum Beachtung schenkte. Die Katastrophe der amerikani schen Isolier-Arbeiter lste eine Entwicklung aus, die weit ber den Ar beiterschutz im Zusammenhang mit Asbest hinausgeht. Raumschiff Erde Selikoffs Fanfarenste schallten in eine Zeit des scheinbar grenzen losen Wachstums. Der Gegensatz zwischen industrieller Ttigkeit und kologie zeichnete sich jedoch immer schrfer ab. Die Einsicht, da wir in einem begrenzten kosystem mit limitierten Rohstoffen leben, wuchs mit der lkrise und dem historischen Werk D ie Grenzen des Wachs tums des Club o f Rome. Die faszinierenden Astronauten-Aufnahmen vom Raumschiff Erde mit der dnnen, fragil wirkenden Lufthlle rck ten die Begrenzung unseres Lebensraumes aussagekrftig ins Bewutsein. Erst dieser Bewutseinswandel schaffte die Bedingungen, unter denen die Asbest-Kontroverse in so heftiger Form aufflammen konnte: In einem be grenzten Lebensraum ist kein Platz fr schdliche Stoffe. Asbest war als Karzinogen berfhrt; darum richtete sich der Fokus der ffentlichkeit, quasi stellvertretend fr alle andern gesundheitsgefhrdenden Substan zen, auf die Mineralfaser. Die asbestverarbeitende Industrie machte sich in den sechziger und siebziger Jahren aus andern Grnden Sorgen um ihre Zukunft: sie be frchtete die Erschpfung ihrer Rohstoffquellen. Die Unfhigkeit, Eternit in Frage zu stellen Wenige Industriellenfamilien hatten und haben in der Branche das Sagen, eroberten Land um Land mit dem Allerweltsbaustoff, fr den of fensichtlich ein enormer Bedarf bestand, und verdienten mit der wachsen- 227 den Produktion viel Geld. Eternit verlie in Vcklabruck mit praktisch der gleichen Zement-Asbestmischung die Pressen wie in Managua oder Kinshasa; an die Nutzung lokaler Armierungsstoffe dachte man nicht. Die Produzenten wollten an der Grundformel des groen Wurfes nicht rtteln. Der fr ein Industrieprodukt fast singulr lange, ber Generatio nen reichende Erfolg machte die Verantwortlichen immer unzugnglicher fr Kritik, lie echte Innovationen als unntig, ja als undenkbar erschei nen. Etwas angeblich Vollkommenes konnte nicht weiter perfektioniert und schon gar nicht in Frage gestellt werden. Wie fr das Lehrbuch geschaffen, laufen hier Phasen ab, die fr jede industrielle Ttigkeit Modellcharakter haben: Eine Erfindung gelingt, die Nachfrage steigt, die Industrie nutzt den groen Wurf so intensiv und ausgiebig wie mglich. Risiken, ungnstige Nebenwirkungen zeigen sich. Die Produzenten wollen die Nachteile nicht wahrhaben, wehren sich ge gen die kreditschdigenden uerungen und werden schlielich doch zum Handeln gezwungen. Der Druck der ffentlichen Meinung Die Krfte des Wandels gingen von den Erkenntnissen der rzte aus. Gewerkschaften und (vorwiegend linksgerichtete) politische Parteien ver strkten den Druck, zumal die asbestverarbeitende Industrie mit ihren weltumspannenden Konzernen und Familienholdings sich als Zielscheibe geradezu anbot. Wie kaum ein Stoff ist Asbest immer wieder mit GroKapitalismus in Zusammenhang gebracht worden. Einen wichtigen Part im Szenario des Wandels spielten und spielen die Medien, in der westli chen Welt ein enormer Machtfaktor. Presse, Radio und Fernsehen haben den Umschwung in der ffentlichen Meinung durch die Beschwrung von asbestbedingten Apokalypsen herbeigefhrt, die dann glcklicher weise nicht eintrafen. Die Horror-Szenarien konnten jedoch nur entste hen, weil Gesundheitsprobleme mit der Mineralfaser existierten. Da die Industriellen mit Abwehr reagierten, Risiken herunterspielten und den Dialog mit den Kritikern verweigerten, hat ihnen nicht geholfen, sondern die Wucht der Gegenreaktion verstrkt. Die Verweigerung des Dialogs mit den Medien, das Erklren der eigenen Geschfte zur Privatsache er wies sich als schwerer Fehler und ist ein Lehrstck fr andere Industrien in hnlicher Lage. Krebstote in Verbindung mit einer vom Erfolg ver whnten, arrogant verschlossenen Industrie reizten auch Interessengrup pen zum Angriff, denen es nicht wirklich um die Asbestopfer ging. 228 Als erstes Opfer der Phalanx der Medien, der Gewerkschaften und einer rasch sensibilisierten ffentlichen Meinung blieb der Spritzasbest auf der Strecke. Im Bereich Asbestzement haben die Nordeuroper frh rigoros gehandelt. In Frankreich wagte man bei immer heftiger werden der Kontroverse die Flucht nach vorn, stellte sich mit dem Rcken zur Wand und bekannte ffentlich, da Asbest Krebs verursachen kann. Der Aufruhr legte sich nach einiger Zeit. Nicht zuletzt darum, weil man Indu strie, Regierung und betroffene Gewerkschaften in einem Komitee verei nigte, das Lsungsmglichkeiten gemeinsam erarbeitete: Die franzsische Asbestindustrie war aus ihrer Splendid Isolation herausgetreten, schaffte es, das Mineral wieder zum akzeptierten Stoff zu machen. Nach Trauerarbeit Aufbruch zu neuen Ufern Stephan Schmidheiny bernahm die Verantwortung in einer Zeit des Umbruchs und wurde durch seinen Entscheid selbst zum Motor des Wan dels. Er brach, wie es Etienne van der Rest formuliert, die Brcken hinter seinen Technikern ab und trieb sie damit zum hundertprozentigen Einsatz in der NT-Technologie an. Die Abkehr vom Asbest wirkte in der Schweizer Gruppe als grter Schock seit der Grndung. Der Innovationsschub hat eine verkalkte In dustrie durchgeschttelt und fr die Zukunft gewappnet. STS verordnete der Unternehmensgruppe eine Art Hutung, fast eine Wiedergeburt, die nicht ohne Qualen abluft. Industrien, die einen solchen Identittsverlust erleiden, die derart aus ihrem Selbstverstndnis herausgerissen werden, brauchen Zeit zur Verarbeitung der Ereignisse. Nach dem Ende einer Epoche kann man nicht einfach zur Tagesordnung bergehen. Aggression und Wut gegen die Presse, die Kommunisten, den Selikoff mssen sich Luft ma chen. Warum gerade wir? fragten sich die Beteiligten auf allen Ebenen immer wieder; denn die Angriffe erscheinen nicht nur den Managern, sondern auch dem Arbeiter an der Front malos. Niedergeschlagenheit folgte auf die Erkenntnis, da man die Gegenkrfte nicht besiegen, die psychologische Growetterlage nicht ndern kann. Management und Arbeiterschaft mssen eine Art Trauerarbeit lei sten; nur so ist die Belegschaft wirklich offen, wirklich bereit, das Neue zu akzeptieren, den Schritt ins Ungewisse zu wagen. Zu diesem wichtigen Verarbeitungsproze gehrt die Einsicht, da man Fehler gemacht hat, aus denen man in Zukunft lernen will. Nach dem schmerzlichen Proze 229 erwachen die Lebensgeister wieder; der Tenor heit jetzt: Denen wollen wir's zeigen! Bei der Eternit Deutschland und, abgeschwcht, in der Schweiz, ist dieses Aufarbeiten des Schocks in ungezhlten Diskussionen auf allen Ebenen vom Stammtisch bis zum Manager-Seminar geleistet worden. Wo dieser Verarbeitungsproze ausbleibt und man quasi mit der linken Hand Innovation betreibt, ist das Aufbrechen zu neuen Ufern nicht wirklich mglich, gibt es keine echte Innovation im Sinne der Standards-Foreward-Philosophie. Dann wird die sogenannte Neuentwicklung zur Alibi bung, zu einem unzulnglichen Ersatz fr etwas Altbewhrtes, das man in Tat und Wahrheit gar nicht ersetzen will. Das Faszinierende am neuen Konzept der Schweizer Eternit-Gruppe ist die dezentrale Entwicklung auf der Basis lokaler Rohstoffe. Dieser im wahren Sinne des Wortes zukunftgerichtete Trend bringt viele Vorteile: Energie- und Deviseneinsparungen, Autonomie und eine kologische Modernisierung, indem die Produktion in jeder Beziehung besser in die lokalen Verhltnisse eingepat ist. Das Wagnis der Innovation Stephan Schmidheiny beschleunigte in seinem riesigen Einflube reich den Wandel, ja machte die Innovation zu seinem Programm. Per snliche Betroffenheit durch die Krebsflle in seinem Heimatwerk und die berzeugung, da das stigmatisierte Material keine Zukunftschancen mehr habe, bewirkten den Entscheid fr den radikalen Kurswechsel. Sein von Grovater und Vater bernommenes Konzept der dezentralen Fh rung bewhrte sich auch in den Bereichen Forschung und Entwicklung. Anstelle des Einheitsbaustoffes, der unabhngig von den nationalen Res sourcen in allen Lndern mit der gleichen Rezeptur hergestellt wird, ent standen und entstehen neue Produkte auf der Grundlage der lokalen Rohstoffe. Das Innovationsprogramm in Schmidheinys Gruppe setzt Zeichen fr die gesamte Eternit-Industrie, bt Zugzwang auch auf die andern aus. Der einflureiche Schweizer gilt darum in der Asbest-Szene als Quer schlger, ja als Verrter an einem ber Generationen erprobten, als her vorragend eingestuften Rohstoff. Verbindliche Zeitplne bei der Substitu tion von Asbest im Eternit gibt es nur in Schmidheinys Einflubereich. Auch sterreicher, Englnder, Belgier und Franzosen entwickeln fr ein zelne Produktelinien Alternativen, tun das aber diskret: Wo der Markt as- 230 bestfreie Materialien fordert, werden sie angeboten. Asbestzement wird jedoch in all diesen Lndern weiter produziert, solange der Baustoff Ab nehmer findet. Bestimmt ber 1990 hinaus, aller Voraussicht nach auch noch weit ins dritte Jahrtausend hinein; denn die staatlichen Gesetze er lauben den Gebrauch von Asbest, wenn die Vorsichtsmanahmen einge halten werden. Gendert hat sich freilich auch bei diesen Eternit-Grup pen einiges: die Arbeitspltze sind rigoros entstaubt worden. Grenzen einer Utopie In Lndern, in denen Asbest die billigste Resource ist oder dort, wo die Mineralfaser in der ffentlichen Diskussion kaum eine Rolle spielt, zeigen sich die Grenzen des Innovationsprogramms. Substitution in Brasilien mit seinen Asbestvorkommen bis zum Ende des Jahrzehnts ist wahrscheinlich eine Utopie. Die lokalen Mitbesitzer der Werke (STS hlt unter fnfzig Prozent des Aktienkapitals) mssen den Entscheid mittragen; sie sehen zum Teil nicht ein, warum man sich in einer wirtschaftlichen Krisensituation weitere Risiken aufbrden soll. Will Schmidheiny dort absolut konsequent bleiben, so mu er, falls der Markt die neuen Produkte nicht bezahlen will, Fabriken schlieen, seine Beteiligungen verkaufen oder in Bereiche diversifizieren, die seinem Credo von der asbestfreien Zukunft der Gruppe nicht zuwiderlaufen. Die freigewordenen Marktanteile wrden seine unter berkapazitt leiden den Konkurrenten sofort erobern; und diese produzieren ausschlielich Asbestzement. Die kleinen, einheimischen Eternit-Hersteller begngen sich mit ungleich laxeren Sicherheitsnormen als die groen, multinationa len Produzenten. Wre in diesem Szenario ein Rckzugs-Entscheid sinn voll? Keine der international ttigen Eternit-Gruppen kann es sich heute leisten, zwei Standards fr die Industrielnder und die Dritte Welt zu pflegen. Schmidheinys Safe Conduct, sein detailliertes Safety Manual bertreffen die Sicherheits-Vorschriften der andern groen Hersteller noch und lassen alles weit hinter sich, was die ILO im Bereich des Ar beitsplatz-Schutzes fr asbestverarbeitende Industrien postuliert. O hne d iese rigorosen Vorschriften w re ein W irtschaften d er Schw eizer E ternitG ru ppe in d e r D ritten W elt h eu te w e d e r leg itim noch m oralisch vertretbar. 231 Marktwirtschaft Innovationen haben sich im System der Marktwirtschaft im freien Konkurrenzkampf zu behaupten. Wo die Neuentwicklung teurer ist, wird sie sich auf dem Markt nur schwer durchsetzen, auch wenn sie Qualitts vorteile bringt. Dies ist ein wirtschaftliches Axiom, das sich beim Kataly sator-Auto genauso beweist wie bei Hhnereiern aus Bodenhaltung. Selbst in Industrielndern ist nur eine Minderheit bereit, fr ein kolo gisch angepateres Angebot mehr zu zahlen. In Lndern der Dritten Welt zhlen praktisch nur die Frage des Preises und die Dauerhaftigkeit der Materialien. Erst im Vergleich zum herkmmlichen Produkt konkurrenzfhige Preise (oder ein gesetzliches Verbot des alten Materials) ermglichen den Durchbruch der Neuentwicklung. In der Schweiz und in Deutschland be hauptet sich das asbestfreie Eternit gut, baut seine Markt-Anteile aus. In Italien, wo die Bauwirtschaft in einer tiefen Krise steckt, Asbest im eige nen Land abgebaut wird und die Asbestzement-Hersteller sich an der Preisfront bis aufs Messer bekmpfen, hat NT gegenwrtig kaum Chan cen. Die finanzkrftige Schweizer Gruppe hat einen lngeren Atem, kann mehr Geld in die Forschung stecken und die Durststrecken, welche jeder Wandel mit sich bringt, besser berbrcken als Unternehmen ohne groe Reserven. Gerade die finanziell gut dastehenden Unternehmen tragen eine groe Verantwortung. Sie haben die Pflicht zur Innovation und die Chance, bei der kologischen Modernisierung der Wirtschaft Schrittma cherdienste zu leisten. Die Asbestzement-Produzenten im besonderen ver dienten Jahrzehntelang viel Geld mit einem Material, das teilweise ans Ende seiner technischen Lebensdauer gekommen ist. Sie haben die Pflicht, etwas von den Gewinnen in zukunftsgerechte Entwicklungen zu investieren. 1990 Schmidheinys Innovationsprogramm trgt utopische Zge. Es bein haltet eine Zielvorstellung, die hundertprozentig im gesamten Einflube reich des Industriellen bis zum Ablauf des Jahrzehnts kaum realisierbar scheint. N u r d ie ra d ik a le Z ie lv o rste llu n g , d a s m it d e m D a tu m 1990 verse h e n e Programm, k o n n te je d o c h d ie in n o v a tiv e n K r f te v o ll m o b ilisieren . 232 Stephan Schmidheiny wirkt nachdenklich, wenn er auf die neuesten Verffentlichungen wie den Forschungsbericht von Richard Doll und Ju lian Peto zu sprechen kommt. Die beiden auch von Gewerkschaftern an erkannten britischen Wissenschafter haben im Frhjahr 1985 einen Re port verffentlicht, an dem sie mehrere Jahre arbeiteten. Das auf sechzig Seiten konzentrierte Werk ist ein umfassend dokumentiertes Fazit der bis herigen Erkenntnisse ber die Gesundheitsgefhrdung des Asbests. Kon trolliert verwendet, birgt Asbest, gem Doll und Peto, keine herausra genden Risiken fr die Arbeiter. Fr die Allgemeinbevlkerung, verur sacht durch Abwitterung und durch Asbestfasern in Innenrumen, sei die zustzliche Belastung kaum kalkulierbar niedrig; unbedeutend (negligible), wie es im Bericht heitl Fr ganz Grobritannien sehen es die Wis senschafter in der Grenordnung eines einzigen zustzlichen Todesfal les jhrlich, schrnken jedoch ein, da diese Schtzung nur fr die weit aus gebruchlichste Asbestart Chrysotil gelte, sagen jedoch, Krokydolith (und mglicherweise Amosit) habe wahrscheinlich eine sprbar negati vere gesundheitliche Auswirkung. Prof. Meinrad Schr vom Institut fr Sozial- und Prventivmedizin an der Universitt Zrich erklrt mir am lO.Juni 1985 kurz vor Abschlu dieses Reports am Telefon: Asbest hat eine Massenhysterie ausgelst, die durch das tatschliche Gefahrenpoten tial nicht erklrt werden kann. In der Schweiz zhlen wir seit Beginn der einschlgigen Statistiken in den dreiiger Jahren ein paar Dutzend asbest bedingte Krebsflle. Dagegen sterben Jahr fr Jahr in unserm Land 2400 Personen an Lungenkrebs, der fast ausschlielich auf das Konto des Rau chens geht. Gegen die Zigarettenfirmen, welche ihre krebserregenden Produkte mit schnen Natur- und Sportfeldern anpreisen drfen, geht niemand vor; das ist emprend und unlogisch! Hat Schmidheiny sich, wie es ein Exponent der kanadischen As bestszene ausdrckte, von Selikoffs Hiroshima-Szenario beeindrucken lassen? Htte es nicht gengt, den rigorosen Safe Conduct einzufhren und die Mineralfaser dort, wo ffentlichkeit und Markt keine Substitu tion fordern, weiterhin zu verwenden? Ist der Industriekapitn bers Ziel hinausgeschossen und mu er eventuell zurckbuchstabieren? Fr Deutschland, die Schweiz und die andern Industriestaaten, in denen Schmidheinys Gruppe engagiert ist, mu und wird der Innova tionsfahrplan bis 1990 gelten, denn ffentlichkeit, Medien und Gewerk schaften werten den Proze positiv, fordern ihn. Fr Lnder wie Brasilien oder Nicaragua (hier liefert Ruland billigen Asbest) ist das Programm eine Zielvorstellung. Wenn der Unternehmer hier den Zeitplan erstrecken mu, kann er das freilich nur im Dialog mit der ffentlichkeit tun. Er 233 mu glaubwrdig argumentieren, da er seine berzeugung nicht einfach kaltem Profitdenken opfert. Ein offener Dialog mit der ffentlichkeit ist so oder so unausweich lich. Das Gesprch entkrampft die Situation, es entspringt der Einsicht, da Kommunikation mit der Umwelt zum kologischen Konzept gehrt. In diesem Dialog sind nicht nur strahlende Erfolge, sondern auch Schwie rigkeiten und Hindernisse auf den Tisch zu legen und zu diskutieren. Ein Zurck in die selbstherrliche Spiendid Isolation gibt es nicht mehr. Wo guter Wille und das ehrliche Bemhen sprbar sind, wo der Unternehmer nach bestem Wissen und Gewissen handelt, sind Schockwellen, wie sie die Gruppe zu berstehen hatte, nicht mehr zu erwarten. Wie die gesamte brige Industrie sind auch die Eternit-Hersteller zu stetiger Innovation, zum stndigen berprfen der Aus- und Nebenwirkungen ihrer Aktivit ten gezwungen. Die Forschung verndert unser Weltbild, vertieft unsere Erkenntnisse, stellt Altbewhrtes in Frage. Industrien, die berleben wol len, mssen ihre Produkte dem Stand der Erkenntnisse anpassen. Das gilt vorrangig fr die Aspekte der Umweltvertrglichkeit. Die Verantwortung der Privatwirtschaft ist enorm, denn Innovatio nen gehen in den seltensten Fllen vom Staat aus. Staatliche Direktiven kommen in aller Regel sehr spt und erst dann, wenn bereits Schden ein getreten sind. Stephan Schmidheiny hat die Innovation gewagt und mit seinem NT-Programm unter schwierigen Rahmenbedingungen Pilotarbeit gelei stet. Eine Krise sei ein produktiver Zustand, sagt Max Frisch, man msse ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen. Die Krise in Schmidheinys Imperium erwies sich als produktiver Zustand; sie hat die Indu strie-Gruppe verjngt, NT hervorgebracht, zu Diversifizierungen auer halb des Bereiches Faserzement gefhrt und langfristig Arbeitspltze gesi chert. Weitere Aktivposten sind der neue, in allen Werken verbindliche, rigorose Sicherheitsstandard und der in Gang gekommene Dialog mit der ffentlichkeit. Post Scriptum Mit Asbest wird die Menschheit auch weiterhin leben mssen, selbst wenn ab morgen der Verbrauch auf null sinken wrde. Erstens ist es ein natrliches Mineral, das an vielen Stellen in der Erdkruste lagert, und zweitens kleben Millionen von Tonnen als Spritzasbest in Gebuden, sind 234 als Eternit auf Dchern und Fassaden montiert oder hufen sich auf Au tofriedhfen in Form von Bremsbelgen. Die Kontroverse um Asbest hat die Notwendigkeit aufgezeigt, mit diesem Potential richtig umzugehen. Nicht nur in der Fabrikation, son dern auch bei der Entsorgung, beim Abbruch und in der Abfallbewirt schaftung muten hohe Sicherheits-Standards entwickelt werden. Da moderne Industriestaaten auch heute noch nicht ohne Asbest a u s k o m m e n , beweist das Beispiel Schweden. In diesem skandinavischen Land ist die Verwendung des Minerals verboten worden; gem Handels statistik werden jhrlich dennoch rund 1500 Tonnen mit Sonderbewilli gungen importiert. -* Asbest ist ein Vorlufer, ein Exempel und ein Modellfall. Am Bei spiel dieser Faser lernte der Mensch, vorsichtiger mit Arbeitsstoffen um zugehen. Dank Asbest sind die gesundheitlichen Risiken vieler anderer Arbeitspltze kleiner geworden. Der Pionier-Status hat dem Mineral je doch im Vergleich zu andern gefhrlichen Stoffen eine berproportionale Publizitt, eine unverhltnismige Prominenz verliehen. Asbest steht fr Krebs, fr mchtige Industriellen-Clans, fr die Ausbeutung der Werkt tigen durch das kapitalistische System (von den Zustnden im Osten redet in diesem Zusammenhang kaum jemand). Asbest ist ein Symbol, ein My thos. Verschiedene Strategien sind mglich, um mit diesem Phnomen umzugehen. Stephan Schmidheiny wagte den Abschied von der Symbol faser, die radikale Innovation. Seinen Schritt abschlieend zu beurteilen, wird erst in der Zukunft mglich sein. ^ 23! U fi afri W fili: Pi- ' pp_i rfv /S i&J'i?iv '> l|J lfc S".ESa'.-a'MH *g ? -* -v b li jiiiP m 00 sm S ilp ip is a f m' TmmI>s&ssh t _r tsS fiS p*S iK. SSSfeplaS' 1 --- -i. ^ ^<"" ^-*p ;.\V rr ""i^-' - -.,- vX - Anmerkungen Lapitel 2: ) Biozid-Report, S. 549 ) Asbestos and Disease, S. 37 ) Biological Effects of Asbestos, S. 9 ) Asbestos and Disease, S. 20 lapitel 4: ) Daten und Fakten aus: Jakob Eimer, Beitrge zur Geschichte der Gemeinde Niederurnen ) Daten, Fakten und Zitate aus: Eternit 1903-1978 Lapitel 5: ) Daten, Fakten und Zitate zu diesem Kapitel aus: Schweizer Pioniere der Wirt schaft und Technik: Drei Schmidheiny lapitel 6: ) Zitate aus: Eternit 1903-1978 Capitel 7: ' ) Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik: Drei Schmidheiny, S. 98 ) ibid. S. 101 Lapitel 9: ) Arbeitsmedizin, Nr. 1, S. 9 ff. ) Gekrzt zitiert aus: Mount Sinai Review, New York Frhling 1983 ) Doll/Peto: Asbestos, S. 4 ff. ) bau, 8/1983 ) World Symposium on Asbestos, Montreal, S. 296 ) Daten, Fakten und Zitate dieses Abschnittes zur Hauptsache aus: Globe Magazine, 16.1.1983 Boston Lapitel 10: ) AC-Revue (Internationale Asbestzement-Revue), Zrich ab 1955 ) Daten und Fakten zum Teil aus: Eternit 1905-1980 ) Geschftsbericht Eteroutremer, Bruxelles 1982 lapitel 12: ) Forschungsbericht T 79-122 ) Bericht 7/80 ) Zitiert in: Spiegel, 22.12.1980 ) ibid. 40 5) Geschfts- und Rechnungsergebnisse der gewerblichen Berufsgenossenschaf ten 1983, S. 43 ff. 6) Handelsblatt, 10.7.84 Kapitel 14: 1) NZZ, 7.12.1983 (Forschung und Technik) 2) Arbeitsmedizin 11/82 3) Asbestos and Disease, S. 12 ff. 4) Berichte 7 /80, S. 10 5) World Symposium or. .Asbestos, Montreal, S. 396 f. Kapitel 16: 1) Informationen zu diesem Abschnitt hauptschlich aus: S. 35 ff. 2) British Journal of Industrial Medicine, 1980/37, S. 11 ff. 3) Report o f the Royal Commission, II, S. 429 4) Industrial Minerals, November 1984 ------ 5) Zitiert in: Frankfurter Allgemeine, 28.8.1984-- - F. Fabien, Asbestos, Kapitel 17: 1) EPA-Joumal, Mai 1984 , 2) Daten und Fakten aus: E. Efron, The Apocalyptics, S. 434-448 K a p i t e l 18: 1) Asbest und Gesundheit am Arbeitsplatz, S. 27 ff. 2) IMB-Bulletin, Nr. 5, August 1979 3) IMB, Asbest-Aktionsprogramm 4) World Symposium on Asbestos, Montreal, S. 235 f. 5) R. Lochhead, Eternit: Asbest und Profit, S. 70ff. Kapitel 19: 1) World Symposium on Asbestos, Montreal, Sk 238 f. 2) ibid. S. 373/374 Kapitel 20: 1) Die IAO und die Welt, S. 10 2) ILO, Safety in the Use o f Asbestos, S. 17 3) ibid. S. 51 4) Amtsblatt der Europischen Gemeinschaft, Nr. L 263/25, 24.9.1983 Kapitel 21: 1) W. Felbermayer, Die Belastung der Umwelt mit Abwitterungsmaterial von Asbestzementplatten, Leoben 2) M. Neuberger, Neue Wege zur Risikobewertung von Luftschadstoffen, S. 65 fT. 3) VDI-Bericht 475, S. 119 4) Untersuchungsbericht SUVA/Eternit, 15. Mrz 1985 5) VDI-Bericht 475, S. 14 6) World Symposium on Asbestos, S. 366 24 /) Die deutsche Produzentenhaftung auf dem Weg zur europischen Produkte haftung, PH 1-4/84, S. 77 ff. <apitel 23: I) World Symposium on Asbestos, S. 281 f. >) Roofing Contractor, Juni 1984, S. 70 1) Die Zeit, 9.11.1984 >42 Literaturverzeichnis Arbeitsmedizin, Zeitschrift fr Praxis, Klinik, Forschung und Begutach tung, Stuttgart 11/82 Asbestzement-Revue (AC-Revue), Zrich ab 1955 Asbest und Gesundheit am Arbeitsplatz, Schriftenreihe des Schweizeri schen Gewerkschaftsbundes, Bern 1985 Berichte 7/80, Umweltbundesamt, Berlin 1980 Bieberstein W., Die Produktehaftpflicht in der neueren Rechtsprechung der USA, Frankfurt am Main 1975 Bogovski P., Biological Effects o f Asbestos, Lyon 1973 Boston Globe Magazine, 16. 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Financire (Jahresbericht), Paris 1983 Eternit 1905-1980, Bruxelles 1980 Eternit 1903-1978, Zrich 1978 Fabien Frre, L'Amiante, Sherbrooke, 1970 Fabien F., Asbestos, Asbestos 1976 Felbermayer W., Die Belastung der Umwelt mit Abwitterungsmaterial von Asbestzementplatten, Leoben 1980 Geschfts- und Rechnungsergebnisse der gewerblichen Berufsgenossen schaften im Jahre 1983, Bonn 1984 ILO, Evaluation o f Carcinogenic Risk, Lyon 1977 ILO, Safety in the Use o f Asbestos, 1984 Industrial Minerals, 11/1984 243 ml l L rnwelih> giene der Universitt Wien, Asbest un d Umwe h, wums Iv-' pntzasbesi - Abschtzen der Risiken und Bchandlungsvertah- s i - R Commission Permanente Amiante, Paris 1984 ^ m m ier ManlVcd, Neue Wege zur Risikobewertung von Luiischadsioi- ' : ; ; ; ^ L r n n : Asbest und Profit, Zrich 1983 ` r ..... .,c ,h, C ond Symposium on Asbestos, M onika. S w Mmnng Association, Lextque des termes courants uum- . ....... yndMsine de l'amiante, Quebec 1974 . : Roya. Commission on Marlers of Health and Sa ety ns.ng ' cm- i Cr m Asbestos in Ontario, I, il, Hl, iororuo L , ^ rc;:;;:;7ch-arudung der Umwelt durch Bearbeitung von Asoesue- uilum Staub-Reinhaltung der Lun, 8/1781 _ " Todes flle mt Umfeld einer Schweizer Asoestmaus , .,m m mCniivrpedizm 28, Zrich l9oo ' ^ a n ^ r i n durch Asbest, Arbeitsmedizin, Nu U hebruat . , c a t Medizinische Wochenschrift, Staublungenforschung in aC: und G csundheil am ArbehS" ....... t u n 1985 - . ' csoesios and Disease, New York 19/8 tr aopical Effects of Asbestos, New Vom i960 _ w e m Lessons from Asbestos, EPA-Journal, Ma, l9<w .. .. r; Pneumosomosis, London 1970 .....-rA'-nC-,, 1983, muzern 1984 _ , , . E PC,,heiisschad.EunEti! durch Staub im ri:uigrv,r . `Q u .,, ,, ,, ,, e u r e , Faaengc Stube (VDl-Bcrich. 475), Itutuc). , ,,,,urutstortache Studtcn, Schweuee, l'tonterc der Win-i Technik: Drei Schmidhemy, Zuncn 1979 ; C C t , 5 `" w 7 m 5Schuc,a, Btoetd-Kepun Schwei,. Zrich ndu,,zen net Ppoduktchaftung tu Europa uud Acer,tu. ruC, d C